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FFA-Förderleitlinien
(24.7.2017)
Zur Debatte um die Förderleitlinien der FFA hat das FILMECHO umfangreiche Stellungnahmen veröffentlicht - u.a. die von Christian Bräuer, Vorsitzender der AG Kino-Gilde. Seine Stellungnahme hier...
Die Entwicklung und Verabschiedung der Förderziele der FFA haben zu einer Debatte über die Ausrichtung der Filmförderung in Deutschland insgesamt geführt. Darüber sind wir sehr glücklich, denn genau diese Auseinandersetzung ist seit Langem überfällig. Allerdings sehen wir in der jüngsten Diskussion eine Schieflage: Denn der Fokus der jüngsten Diskussion um die Förderziele geht am eigentlichen Problem vorbei. Nicht die Finanzierung kleiner, kulturell ambitionierter Projekte an sich ist die Frage, mit über 400 Mio. Euro sind die Fördertöpfe voll wie nie zuvor. Vielmehr geht es darum, warum trotz deutlich gestiegener Filmförderung so wenig Projekte wie Maren Ades ‚Toni Erdmann’ entstehen.

Selbstverständlich werden mit diesen Leitlinien auch weiterhin Filme wie "Toni Erdmann" gefördert - es geht ja gerade darum, dass statt vieler Kleinstproduktionen mehr solche großen Filme dieser Qualität produziert werden können!

Unsere Mitglieder stehen mit Leidenschaft, Kompetenz und unternehmerischen Mut für den kulturell anspruchsvollen Film. Zugleich beobachten wir aber eine Marktentwicklung, in der immer mehr Filme sich wechselseitig ersticken. Darunter sind Filme, die nicht ins Kino gehören (und ganz unpolemisch: auch auf anderen Plattformen in der Regel kein Publikum finden), darunter sind aber auch Filme, für die wir brennen, die eine breitere Aufmerksamkeit verdient haben. De facto aber erreichen alle Filme ab Rang 31 seit Jahren in etwa dieselbe Besucherreichweite, nur das immer mehr Filme auf dem Markt drängen.

Die Kulturstaatsministerin hat dankenswerterweise den Etat für die kulturelle Filmförderung massiv erhöht. Wie sie wollen auch wir, dass dies zu einem Mehr an kreativer Unabhängigkeit und kulturell anspruchsvollen, innovativen und auch experimentellen Filmen führt. Doch sehen wir zugleich, dass ein noch mehr an Filmen gerade diese Werke, für die wir brennen, nicht befördert, sondern in seiner Sichtbarkeit gefährdet.   

Denn wir beobachten einen Markt, der immer kleinteiliger wird, ein Manko an Low-Budget-Filmen und deren Finanzierungsmöglichkeiten mit (?) sehen wir aber nicht. Zugleich berichten uns Produzenten, dass es immer schwieriger wird, Filme wie Toni Erdmann und Hanna Arendt, also Filme im mittleren Budgetbereich, immer schwerer zu finanzieren seien. Jene Produktionen also, die die Kritik feiert und die den Markt beflügeln, die kleinere, aber ebenso wertvolle Filme mitziehen. Diese Qualitätsfilme aber braucht das (deutsche) Kino.

In diesem Sinne verstehen wir die Förderziele der FFA als Beitrag zur Stärkung des deutschen Kinofilms. Der kulturelle Film zählt für uns dabei unverändert zum Förderkanon der FFA, die Förderziele sollen nach unserem Verständnis gerade dazu dienen, die Finanzierung von Werken wie den genannten zu erleichtern, die gleichsam bei Festivals, Kritik und Publikum funktionieren. Und sie sollen als Anreiz für Produzenten und Kreative dienen, sich an derartig ambitionierte Projekte wieder stärker heranzutrauen, damit kulturell anspruchsvolle Filme entstehen, die sich der ganzen erzählerischen, ästhetischen wie technischen Kraft des Mediums bedienen.

Von daher haben wir die Förderziele unterstützt, auch wenn wir uns eine stärker inhaltliche Herangehensweise gewünscht hätten und eine Orientierung an einem relativen Erfolgsbegriff (dessen Verankerung wir seit Langem fordern) nicht durchsetzbar war, da sich hierfür wichtige Partner dem Diskussionsprozess und der Mitgestaltung entzogen haben.

Wir sehen diese nicht als Affront gegen, sondern als Beitrag zur Stärkung des kulturellen Films, für dessen Wahrnehmung und Erfolg wir arbeiten. Schon lange plädieren wir daher für eine Fördermittelkonzentration   und eine Ausrichtung am Prinzip 'Klasse statt Masse' erforderlich. Nicht um Vielfalt zu unterbinden, sondern um Vielfalt sichtbar zu machen und zu halten (denn eine Vielfalt, die keiner wahrnimmt, ist eine Chimäre). Denn das die deutschen und europäischen Filme auch gezeigt werden, ist lebenswichtig für die Wirtschaftlichkeit und Zukunftsfähigkeit der europäischen Filmbranche.

Zu kurz gerät in der aktuellen Debatte leider der inhaltliche Anspruch der Förderziele, der Portfoliogedanke ebenso wie das Ziel, in jedem Segment die aussichtsreichsten Projekte zu fördern. Zugleich sollen diese bald evaluiert werden, sodass, falls etwas schieflaufen sollte, die richtigen Projekte aussortiert würden, nachjustiert werden kann.

Untergraben wird auch, dass wir von durchschnittlich weniger als 4 Filmen jährlich reden, auf die sich die absoluten Budgetgrenzen auswirken. Unterstellt man Preissteigerung und geht man von einem Antizipieren der Förderziele aus, sind noch weniger betroffen. Untergangsszenarien sind schon allein von daher ebenso unangebracht wie die Meinung, allein die Förderziele und die neuen Förderkommissionen würden alles zum Guten drehen.

Denn richtig ist: allein mit absoluten Zahlen werden die Filmproduktion in Deutschland nicht wesentlich ändern. Aus unserer Perspektive sind die Förderziele ein erster Schritt, dessen Wirkung verpufft, wenn keine weiteren qualitativen Maßnahmen und innovativen Schritte folgen. Dazu zählt insbesondere ein Paradigmenwechsel in der deutschen Filmförderung, die sich zu isoliert auf die Filmfinanzierung konzentriert.

Erforderlich ist es, wie dies die Kulturstaatsministerin auch betont, den Stoffentwicklungsprozess zu stärken und nachhaltiger von der Entstehung bis zum Start im Kino zu denken. Wir müssen die kreativen wie mutigen Produzenten stärken, die Kino machen können und wollen und die den Blick vom Buch bis zum Publikum richten.  

Von daher setzen wir uns für einen zweiten Schritt ein, der ein mutigeres Filmschaffen und die Förderung der kreativen Talente ebenso einbezieht wie Chancen auslotet, um Sichtbarkeit, Marktanteil und Erfolg des deutschen Films zu erhöhen. Der Start im Kino ist unverändert die größte Chance für europäische und ganz besonders kulturell anspruchsvolle Filme. Eine intensivere Förderung der Kinoinfrastruktur sowie eine strukturellere Stärkung anspruchsvoller Filmprogramme würde Deutschland als Film- und Produktionsland nachhaltig stärken.

Deutschland braucht als  Produktionsland  ähnlich wie Frankreich eine systematischere und intensivere Förderung der Kinoinfrastruktur einschließlich der Herausbringung für diese Filme.

Wenn die Förderziele nun dazu beitragen, die Debatte darüber fortzusetzen, wie Deutschland sowohl in qualitativer wie quantitativer Hinsicht an zur Spitze zählt, wäre sehr viel erreicht.

Christian Bräuer, Vorsitzender AG Kino-Gilde


Quelle: filmecho | filmwoche 29-2017