Berlinale 2018

Die 68. Filmfestspiele Berlin

Ein Festivalbericht von Kalle Somnitz, Silvia Bahl und Anne Wotschke

Wie schon im Vorfeld war auch während der Berlinale das Ende der Ära Kosslick ein Thema und natürlich fragte die ausländische Presse bei den deutschen Kreativen nach, so zum Beispiel bei Christian Petzold auf seiner Pressekonferenz zu TRANSIT. „Es ging nie darum mit Dieter Kosslick abzurechnen“ erklärte Petzold auf Nachfrage, „wir wollten nur keine Findungskommission hinter verschlossenen Türen, sondern ein transparentes Verfahren, an dem alle Filmschaffenden mitwirken können.“ Außerdem forderte er eine breite Diskussion um eine künftige Ausrichtung der Berlinale. „Cannes ist Cannes, da will jeder seinen neuen Film unter dem Nachthimmel der Croisette starten.“ Und Venedig hat es vorgemacht, Alberto Barbera hat in den letzten fünf Jahren dem Festival einen neuen Ruf gegeben, es zu einer Pre-Show der kommenden Oscarverleihung umgebaut, auf die sich die Fotografen vor dem Hintergrund der Serenissima schon mal einschießen können. „Der Potsdamer Platz dagegen, ist der Potsdamer Platz“, so Petzold weiter, „er hat all dies nicht, ist kalt, leblos, quasi ein Labor und vielleicht sollte man darüber nachdenken, hier mutigere Filme mit Ecken und Kanten zu zeigen.“
Das schien sein Kollege Tom Tykwer, der in diesem Jahr der Internationalen Jury vorstand, gehört zu haben. Sie zeichnete TOUCH ME NOT, einen wahren Laborfilm, mit dem Goldenen Bären aus. Dass dieser die Leute in die Kinos locken wird, ist zu bezweifeln, in Berlin vertrieb er die Zuschauer erst einmal reihenweise aus den Sälen.

TOUCH ME NOT ist ein Experimentalfilm, eine (fiktionale) Dokumentation über eine 50-jährige Frau, die sich aufmacht zu ergründen, warum sie sich von niemandem berühren lassen will, was sowohl wortwörtlich als auch emotional gemeint ist. Die Regisseurin verfolgt sie bei ihren Begegnungen mit verschiedenen Charakteren, wobei die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation stets fließend sind. Sie verzichtet auch auf erzählerische Strukturen, und wählt Protagonisten, die sonst nicht im Fokus stehen, schon gar nicht in einem Film über Sexualität. Da ist zum Beispiel der behinderte Christian, der ohne Arme und Beine auskommen muss. Ein weiterer hat keine Haare am Körper, auch ein Transsexueller und ein Sadomasochist gehören zum Personal. Alle werden von der 35-jährigen rumänischen Regisseurin Adina Pintilie über ihr Sexleben befragt, und sie erzählen davon ganz offen, und zwar dort, wo sie es ausleben. Die Regisseurin fängt dies in hyperrealistischen Bildern ein, die tatsächlich oft an die Schmerzgrenze gehen und den geschönten Hochglanzbildern à la FIFTY SHADES OF GREY diametral gegenüber stehen. Das ist zuweilen langweilig, zuweilen abstoßend, manchmal durchaus auch berührend – wenn wir uns auf die Figuren einlassen. Als Berlinale-Gewinner taugt er aber unserer Meinung nur wenig, eher als Provokation einer Festival-Jury, die die gängige Erwartungshaltung von Weltpresse und Öffentlichkeit kräftig gegen den Strich bürsten wollte.

Wenn man dann am Ende noch von der Jury erfahren durfte, dass die Zukunft des Kinos nicht mehr unbedingt mit einem nennenswert großen zahlenden Publikum rechnet, wurde klar, dass es viele verschiedene Meinungen zum Thema Zukunft der Berlinale gibt, die, je mehr man darüber diskutiert, nicht unbedingt einvernehmlicher werden. So sollte es einen nicht wundern, wenn die Findungskommission demnächst wieder die Rollläden herunter lässt und uns im Sommer einen neuen Leiter präsentiert.

Völlig zu Recht ging dagegen der Große Preis der Jury an TWARZ (Gesicht) von Malgorzata Zumowska, die zum 5. Male einen Film auf der Berlinale vorstellte und zuletzt für BODY den Silbernen Bär gewann. Energiegeladen und bissig folgt sie einem jungen Heavy-Metal-Fan in die Tristesse des polnischen Landlebens. Alternative Lebensentwürfe kommen in dem Dorf, das gerade dabei ist, die größte Jesus Statue der Welt zu errichten, nicht besonders gut an. Der langhaarige Jacek arbeitet dort auf dem Bau mit, um für ein neues Leben ins London zu sparen und lässt sich die gute Laune nicht verderben, bis er eines Tages einen schweren Unfall hat. Völlig entstellt, wird er zum Präzedenzfall der Plastischen Chirurgie Polens und bekommt ein neues Gesicht, das zwar von den Medien gefeiert wird, in seiner Gemeinde jedoch auf Ablehnung stößt. Man erkennt das Vertraute nicht mehr, außerdem steht die Körperbehinderung des jungen Mannes ihm nun auch ins Gesicht geschrieben.
Zumowska zeigt hier die tiefe Fremdenfeindlichkeit ihres Landes auf, das Kirche, Nation und Familie als reaktionäres Dreigestirn über alles stellt und jeglicher Form des Andersartigen mit tödlicher Feindseligkeit begegnet. Mit sehr viel schwarzem Humor und einem messerscharfen Blick entlarvt sie die gesellschaftlichen Tendenzen in prägnanten Szenen und findet immer wieder starke Bilder, die uns mit dem eigensinnigen und liebenswerten Jacek mitfühlen lassen. Auch eine originelle Fokussetzung der Kamera gibt dem Film eine delirierende Qualität. Durch den Tunnel der Unschärfe, der sich oft um den Bildrand legt, werden wir in die Isolation des Protagonisten hineingezogen und hinterfragen noch stärker das Surreale seiner Umgebung.

Eine Strategie, die sich auch in zwei ähnlichen Filmen in den Sektionen FORUM und PANORAMA wiederfinden ließ: TOWER. A BRIGHT DAY von Jagoda Szelc und WHEN THE TREES FALL von Marysia Nikitiuk. Ersterer spielt auch in Polen und formuliert die Gesellschaftskritik im Stil eines Lars von Trier Films, beschwört ein apokalyptisches Szenario, das sich letztlich auch um den Einbruch des Fremden in das Eigene dreht, der lange verleugnet wurde, und bildet somit eine Allegorie auf Polens Umgang mit der Flüchtlingskrise.
Die Ukrainerin Nikitiuk schafft ebenfalls surreale Bilderwelten, die sie der unerträglichen Trostlosigkeit des ländlichen Osteuropas entgegensetzt. Ihre Protagonistinnen kämpfen gegen stumpfe Verrohung, Progrome gegen Siniti und Roma, die Aussicht auf Zwangsheirat und wirtschaftliche wie persönliche Perspektivlosigkeit. Es macht zumindest Hoffnung, dass all diese jungen Frauen mit so viel Originalität und Genauigkeit eine Ausdrucksform für die Missstände in der Gesellschaft gefunden haben. Vielleicht kann man hier schon von dem Beginn einer Neuen Welle sprechen.  

Ein weiterer Silberner Bär ging an Elena Okopnaya für das Beste Kostüm und Production Design in DOVLATOV von Alexey German Jr., der außerdem mit dem Leserpreis der Berliner Morgenpost ausgezeichnet wurde. Nachdem er für UNDER ELECTRIC CLOUDS im letzten Berlinale Wettbewerb bereits einen Preis für die Beste Kameraarbeit erhalten konnte, honorierte die Jury hier erneut die erstaunliche szenografische Arbeit des Teams um den jungen russischen Regisseur. Schnell hätte das Porträt um den Schriftsteller Sergei Dovlatov zu einem gewöhnlichen Biopic werden können, doch German vermeidet alle gängigen Erzählklischees. Keinerlei Künstlichkeit in der Rekonstruktion der späten Soviet-Ära, keine aufgesetzte Dramatisierung der Lebensgeschichte des lange ignorierten Künstlers. Stattdessen zieht die freischwebende Kamera den Zuschauer in unglaublich virtuose Plansequenzen, die den Alltag der Maler, Schriftsteller und Intellektuellen in Leningrad zeigen und seine oft absurde Qualität herausstellen. Denn Kunst um der Kunst willen ist im System nicht gefragt. Wer ein Gedicht schreibt, muss zeigen, dass seine Intention im Fortschritt der sozialistischen Gesellschaft liegt. Doch was als emanzipatorisches Ideal einer Revolution anfing, ist längst das stumpfe Maß neuer Unterwerfungsstrukturen geworden. Das Perfide an der Alltäglichkeit der Diktatur ist ihr Angriff auf die Subjektivität der eigenständig Denkenden, Autoren werden zur Umschrift ihrer Texte angehalten oder so lange ignoriert, bis sie verhungert sind. Jeder weiß um die Lächerlichkeit der Paraden und Aufmärsche, aber man geht trotzdem mit. In der Bevölkerung hat sich ein neuer Geist von Anpassungsleistungen entwickelt, den Dovlatov einfach nicht teilen kann. Er will sich nicht umerziehen lassen und kann seinen Sarkasmus nicht unterdrücken. Gerade diese Kunst der Ironie ist jedoch gefährlich, weil sie einen inneren Freiraum schafft, der die bierernsten Parteigenossen mehr bedroht als manches andere. German greift in seinem Film den Schreibgestus Dovlatovs selbst auf: Kein Heldenepos, keine Dreiaktstruktur - sondern einfach ein stiller Beobachter dessen sein, was Leben in der Sowjetunion heißt.

Damit zeichnete die Berlinale also drei Frauen im Wettbewerb mit einem Bären aus - drei Frauen aus dem ehemaligen Ostblock, die ein radikales Kino vertreten, das Grenzen sprengt und die Freiheit des Denkens fordert, was in Tagen des anti-europäischen Populismus und der Rückkehr der starken Männer ein nicht zu unterschätzendes Gut und eine Art künstlerischer Widerstand gegen das neue Erstarken verkrusteter Strukturen darstellt, die vielleicht zeigen, dass die Vergangenheit der sowjetischen Diktatur noch lange nicht ausreichend aufgearbeitet ist.

Preisgekrönt mit dem Alfred Bauer-Preis, dem Silbernen Bären für Ana Brun als beste Darstellerin und dem Teddy Award wurde der erste Wettbewerbsbeitrag in der Geschichte der Berlinale aus Paraguay LAS HEREDERAS (Die Erbinnen). Außer Regisseur Marcelo Martinessi sind fast alle Beteiligten am Film Frauen. Auf der Pressekonferenz strahlte das Team so viel Power und Fröhlichkeit aus, dass es schnell alle Herzen für sich gewinnen konnte. Im Gegensatz zu diesem lebhaften Auftritt steht der behutsame Inszenierungsstil des Films, der konsequent aus der Perspektive der Frauen - in ruhigen Bildern einen langsamen Emanzipationsprozess beschreibt.
Im Mittelpunkt stehen die stille Chela und die quirlige Chiquita, ein lesbisches Paar im Seniorenalter aus der Oberschicht der paraguayischen Hauptstadt Asunción. Grundlage ihres Wohlstandes ist ihr Erbe, vor allem Chelas noch aus der Kolonialzeit stammendes Haus, in dem sie seit ihrer Kindheit zurückgezogen lebt und das sie nun mit ihrer quirligen Freundin teilt. Doch der soziale Abstieg droht, denn die beiden leben aus dem Bestand einer vergangenen Epoche, der sich allmählich dem Ende zuneigt. Einen Beruf haben sie nie gelernt. Als das Tafelsilber und fast alle Möbel verkauft sind und Schulden Chiquita eine mehrwöchige Untersuchungshaft einbringen, spitzt sich die Situation zu. Die verträumte Chela muss plötzlich ohne ihre selbstbewusste und in der Beziehung dominantere Freundin auskommen. Das wenige, das ihr geblieben ist, ist ihr alter Mercedes. Doch in der Krise liegt auch eine Chance. Die nutzt Chela, als ihre zunächst als Nachbarschaftshilfe gedachten Chauffeurdienste immer populärer werden und ihr eine neue Einnahmequelle und Selbständigkeit verschaffen. Auch macht ihr der Kontakt mit anderen Menschen zunehmend Freude und sie wird sich ihres zuvor so isolierten Lebens bewusst. Aber auch Chiquita erhält im Knast einen völlig neuen Einblick in die Realität des gesellschaftlichen Lebens jenseits der Oberschicht.
In dieser sehr privaten Geschichte spiegelt sich das Bild einer in Arm und Reich gespaltenen lateinamerikanische Gesellschaft wider, einer Männerwelt, in der auch nach dem Ende der Diktatur unter Alfredo Striessners (1954 - 1989) Korruption und Unterdrückung zum Alltag gehören und Frauen nur als Schmuckobjekt ihrer Ehemänner gesehen werden. Doch unter der Oberfläche brodeln nicht nur die sozialen Spannungen, sondern auch jede Menge Frauenpower, die heraus in die Öffentlichkeit drängt und Veränderungen bewirken will. Ein leiser und sehr schöner Film, der aber Zeit braucht, um einen mitzunehmen und sich erst gegen Ende Stück für Stück erschließt. Mit dem Rückenwind der drei Berlinale-Preise sollte er aber für eine Kinoauswertung - vor allem in Hinblick auf ein weibliches Arthouse-Publikum und die LGBT-Community - interessant sein.

Für ein großes Publikum gedacht ist dagegen der Eröffnungsfilm der Berlinale, Wes Andersons Stop-Motion-Hundefabel ISLE OF DOGS, der den Silbernen Bären für die Beste Regie einheimsen konnte. Wer anfangs noch angesichts der erstmaligen Eröffnung der Berlinale mit einem Zeichentrickfilm darüber geunkt hatte, dass diesmal wohl Ebbe auf dem Roten Teppich herrschen dürfte, sah sich eines Besseren belehrt. Wes Anderson hatte seine Synchron-Sprecher mitgebracht, und so bevölkerten Brian Cranston, Bill Murray, Jeff Goldblum, Greta Gerwig und Tilda Swinton abends den Festival-Palast. Für Koyu Rankin, den heimlichen Hauptdarsteller, war das wohl ein Tag, den er nicht so schnell vergessen wird, zumal ihm die Hollywood-Stars auf der Pressekonferenz ein Ständchen zu seinem 11. Geburtstag sangen. Dort zeigte sich Anderson zufrieden mit seinem Film, denn in Sachen Technik konnten er und sein Team auf den Erfahrungen, die sie bei DER FANTASTISCHE MR. FOX gemacht haben, aufbauen und sich auf die erzählerische Ebene konzentrieren.
Diesmal nun entwirft er eine Dystopie, die in naher Zukunft auf dem japanischen Archipel spielt und sich vor dem Erzählstil Kurosawas wie auch japanischer Comic-Literatur verneigt. In der Stadt Megasaki ist die Hundeseuche ausgebrochen, und weil sie die Menschen bedroht, setzt der Bürgermeister per Notverordnung eine Quarantäne durch und verbannt die Tiere auf die schwimmende Müllinsel Trash Island. Dort fristen sie ein erbärmliches Leben zwischen den Müllbergen der Wohlstandsgesellschaft, bis sich der 12-jährige Jungpilot Atari mit seinem futuristischen ‚Fliewatüüt' aufmacht, um seinen Hund zu suchen. Bald erwächst in ihm der Wunsch, nicht nur ihn, sondern auch seine Artgenossen zu retten.
Ein Land im Griff einer (Hunde)-Krise und erfasst von einer Massenhysterie - das kommt einem irgendwie bekannt vor. Und tatsächlich lassen sich zahlreiche historische wie aktuelle Parallelen ziehen, vom Dritten Reich bis hin zu heutigen korrupten Diktaturen, vom Lobbyismus bis zur Flüchtlingskrise. Anderson warnt vor einer Gesellschaft, die die Umwelt zerstört, Technologie über alles setzt, dabei aber Wissenschaft und Forschung negiert - und das Menschliche vergisst. Liebe und Empathie zeigen im Film außer Atari nur die Hunde. Kein Wunder, dass wir sie besser verstehen als ihre Besitzer (die Hunde sprechen im Film Englisch, ihre Besitzer Japanisch).

Der Drehbuchpreis ging an MUSEO von Alonso Ruizpalacios, was mit großem Unverständnis registriert wurde. Obwohl sich die Inhaltsbeschreibung so spannend liest, dass man sich auf den mexikanischen Film mit Gael García Bernal in der Hauptrolle geradezu freute, so dilettantisch war ihre Umsetzung. Es fängt schon damit an, dass der nun fast vierzigjährige Bernal immer noch einen zuhause wohnenden Studenten spielen muss, der, nur um seiner Familie eins auszuwischen, am Heiligen Abend mit einem Freund ins Nationalmuseum für Anthropologie in Mexiko-Stadt einsteigt, um die Heiligtümer der Inka zu entwenden. Alles läuft glatt, doch als die Nachrichtensendungen den Raub als Angriff auf die gesamte Nation werten, wird ihnen die Dimension ihrer Tat bewusst. Mit einem mulmigen Gefühl machen sich die beiden Freunde auf, ihre Beute zu versetzen, und es beginnt ein Roadmovie zwischen den eindrucksvollen Maya-Ruinen von Palenque und dem mondänen Badeort Acapulco.
Eigentlich hätte der Film vieles sein können: Annäherung an die mexikanische Kultur und ihre Wurzeln, Verlorenheit der Jugend in einer korrupten Gesellschaft, er hätte die Gegensätze zwischen Arm und Reich, aber auch zwischen dem hässlichen System und der wunderschönen Landschaft ausmalen können, doch letztendlich verschenkt der Film all diese großartigen Chancen zu Gunsten einer langatmigen Erzählung, die einen einfach nicht packen will.

Doch in diesem Wettbewerb gab es weitere Ausreißer nach unten. So zum Beispiel DAMSEL von den Zellner-Brüdern, der bereits in Sundance Weltpremiere feierte. In dieser Western-Parodie, die nicht so recht zünden will, spielt Robert Pattinson das Greenhorn Samuel Alabaster, der sich mit Gitarre, Zwergpony und Priester aufmacht, um in der tiefen amerikanischen Wildnis Penelope (Mia Wasikowska), die Liebe seines Lebens, zu heiraten. Dass die hingegen gar nicht daran denkt, Mrs. Alabaster zu werden und glücklich mit einem Hinterwäldler in einer einsamen Hütte lebt, blendet Samuel einfach aus und wähnt sie von einem brutalen Kidnapper in der Hütte festgehalten. Die Begegnung der beiden Männer ist so kurz, dass das Missverständnis gar nicht aufgeklärt werden kann. Samuel hat den Konkurrenten längst erschossen, um sich dann ob Penelopes Hasstiraden selbst das Leben zu nehmen. Nun zieht Penelope mit Zwergpony und Priester weiter durch die Wildnis, kommenden Abenteuern und weiteren Männern entgegen. Die sind hier immer Weicheier, Greenhorns oder Dummköpfe und nur die Frau ist in der Wildnis überlebensfähig und deshalb immer bestrebt die Männer zu Gunsten ihrer persönlichen Freiheit loszuwerden. Vielleicht ein Western passend zur #metoo-Kampagne, denn die Geschlechterrollen haben hier alle umgekehrte Vorzeichen, schade nur dass die Story so haarsträubend, die Gags so lahm und die schauspielerischen Leistungen so dürftig sind.

Das alles kann man auch von EVA behaupten, den Benoit Jacquot nach einer Romanvorlage von Krimiautor James Hadley Chase 50 Jahre nach Joseph Losey erneut verfilmte. Darin klaut ein dreister Pfleger einem sterbenden greisen Schriftsteller - statt ihm Hilfe zu leisten - sein letztes unveröffentlichtes Theater-Manuskript und gibt es als das Seine aus. Das Stück wird ein rauschender Erfolg und Bertrand läuft fortan mit stolz geschwellter Brust herum und lässt sich als Wunderkind feiern. Doch bald lastet Erfolgsdruck auf ihm, denn jeder erwartet nun mit Spannung sein nächstes Werk. Der nicht sehr einfallsreiche junge Mann leidet begreiflicherweise an einer Schreibblockade. Als er eines Tages die geheimnisvolle Edelprostituierte Eva trifft, fühlt er sich inspiriert und zu ihr hingezogen. Fortan trifft er sich heimlich mit ihr und lässt gemeinsam Erlebtes in sein Folgewerk einfließen. Doch Eva birgt ein Geheimnis, das Bertrand ahnt, aber dem er einfach nicht näher kommt.
Auch Isabelle Huppert kann dieses als Konversationsstück über die moralischen Abgründe in der Welt der Reichen und Schönen angekündigte Machwerk nicht retten. Nach dem furiosen ELLE bleibt die französische Ikone seltsam blass. Der Versuch, die 64-jährige als attraktive Prostituierte zu inszenieren, benötigt mehr Schminke als ihrem sonst so natürlich wirkendem Gesicht gut tut und die Inszenierung wirkt ebenso konstruiert wie unnatürlich. Ihr Gegenspieler scheint nur einen Gesichtsausdruck zu kennen, den des arroganten Schnösels, und der Zuschauer ist den Widerling schnell satt. Da wäre insgesamt mehr drin gewesen. Schade!

In José Padilhas 7 TAGE IN ENTEBBE (eOne-Film) spielt Rosamund Pike an der Seite von Daniel Brühl eine Terroristin. Die beiden sind die deutschen Rädelsführer einer Gruppe palästinensischer und deutscher Terroristen, die am 27. Juni 1976 eine Air France Maschine auf ihrem Flug von Tel Aviv nach Paris kapern und eine Landung in Entebbe, Uganda, erzwingt. Die israelischen Geiseln an Bord sollen gegen palästinensische Gefangene ausgetauscht werden. Mit einem Ultimatum von nur einer Woche muss die Regierung in Israel nun eine schwerwiegende Entscheidung treffen…
Der Brasilianer Padilhas, der 2007 mit TROPA DE ELITE den Goldenen Bären gewann, sieht sich hier als unabhängiger Beobachter dieses Konflikts, den das Kino schon mehrfach bespiegelt hat. Er verlegt den Schwerpunkt weg von der militärischen Operation, hin zu den Innenansichten im Flugzeug bzw. stillgelegten Flughafen-Terminal, wo die deutschen Terroristen gezwungen sind die jüdischen Geiseln zu separieren und damit von marxistischen Freiheitskämpfern in den Augen der Weltpresse zu Nazis degradieren, die wieder mal Juden in ihrer Gewalt halten. Noch spannender geht es zu in Jerusalem, wo Verteidigungsminister Shimon Peres den Hardliner gibt, dem der pragmatische Premierminister Yitzhak Rabin am Ende klein beigeben muss, obwohl er weiß, dass die Zeit für Taten zu Ende gehen und man nicht drum herum kommen wird, eines Tages mit den Palästinensern reden und auch verhandeln zu müssen. So wird aus einem Stück potentiellen Actionkinos ein hochpolitischer Diskurs von historischer Bedeutung, der jedoch nur wenige cineastische Höhepunkte zu setzen weiß.

Einem dunklen Kapitel britischer Kolonialzeit widmet sich Lance Dalys Drama BLACK 47, das im Irland Mitte des 19. Jahrhunderts spielt. Desertiert aus Afghanistan, wo er für das Britische Königreich kämpfte, kehrt Martin Feeney 1847 zurück in seine Heimat Irland. Dort herrscht bittere Armut, eine Hungersnot und die Kartoffelfäule hat die letzte Hoffnung der dahin vegetierenden Bevölkerung zunichte gemacht, dass sich noch etwas zum Guten wendet. Mehr als eine Million Menschen sind bereits gestorben. Wer eben noch kann, will weg nach Amerika. Wem die Kraft oder das Geld dafür fehlt, muss ausharren unter der despotisch agierenden britischen Kolonialmacht, die selbst die Ärmsten der Armen ausbeutet und ihnen buchstäblich bei Minusgraden das Strohdach über dem Kopf weg brennt. Als Martin seine letzten Verwandten sterben sieht und seine Flucht mit seiner Schwägerin und deren Kind in die USA scheitern, läuft er Amok und beginnt einen blutigen Rachefeldzug. Um ihn zu stoppen, setzen die Briten einen Suchtrupp in Bewegung und heuern dabei Hannah an, einen Mann, der mit Martin Seite an Seite in Afghanistan gekämpft hat.
Daly inszeniert drastisch und in düsteren Farben, und behält dabei konsequent die Perspektive der Iren bei. Das ist einerseits historisch durchaus nachvollziehbar, schließlich will Daly der armen irischen Bevölkerung dieser Zeit ein Gesicht verleihen und eine späte Genugtuung gewähren. Doch setzt er dabei weitgehend - bis auf wenige, dafür sehr markante Ausnahmen - auf allzu grelle Schwarz-Weiß-Zeichnung und die Inszenierung gerät allzu gewalttätig und düster. Immerhin bietet BLACK 47 eine sehr packende Geschichtsstunde. Zwar mag die menschenverachtende Haltung der Kolonialherren in Großbritannien heute Vergangenheit sein, weltweit jedoch bleiben die gezeichneten Strukturen nach wie vor - wenn auch unter anderen Vorzeichen - hochaktuell.

Andere Ereignisse wiederum sind uns noch so nah, dass jede Form der Verfilmung erst einmal Unbehagen auslöst, vor allem, wenn es sich dabei um etwas so Schreckliches handelt wie das Attentat von Oslo durch den Rechtsextremisten Anders Breivik. Doch auch wenn große Teile der deutschen Presse wie schon beim herausragenden SON OF SAUL den irrsinnigen Vorwurf der Obszönität auffuhren, setzte sich dieser Tenor beim Publikum nicht durch. UTøYA 22. JULI (Weltkino) ist in keiner Weise unangemessen und beutet die Geschichten der Opfer zu keinem Zeitpunkt aus. Nur weil ein Film aus einer subjektiven Perspektive voller Naheinstellungen versucht, den Zuschauer in einen traumatischen Zusammenhang zu involvieren, ist er noch lange keine “Geisterbahn” oder ein “Teenie-Horrorfilm”. Solche Fehleinschätzungen zeigen nur, dass wir viel zu sehr an eine pädagogische Distanz gewöhnt sind, die aber Funktionsweisen von Gewalt gerade nicht angemessen vermitteln kann. Der norwegische Regisseur Erik Poppe lässt uns in Echtzeit Zeuge der 72 Minuten werden, in denen die Jugendlichen in Utøya auf das Eintreffen der Polizei warten müssen, niemand kann zunächst den Ernst der Lage wirklich erkennen, auch weil die Kälte und Berechnung mit der Breivik seinen Vernichtungszug ausführt, eine eigene Qualität des Unfassbaren hat. “Du wirst es nie verstehen”, spricht ein Mädchen zu Beginn direkt in die Kamera, erst kurz darauf gibt der Film zu erkennen, dass sie über Headset mit ihrer Mutter telefoniert. Ein wichtiger Moment, den Poppe in doppelbödiger Weise als Rahmen für seine Inszenierung setzt, gerade weil er deutlich machen will, dass es für die Opfer nichts Schlimmeres gibt, als mit diesem Trauma völlig allein zu sein. Man verurteilt Gewalt, aber man versteht nicht, was Menschen durchmachen, die sie erleben mussten. Auch wenn ein völliges Verständnis einer solchen Tat niemals möglich ist, bleibt es dennoch die Aufgabe der Kunst, uns eine Form der Erfahrung dessen zu geben, was passiert ist. Poppe bleibt mit seiner Kamera bei dem Mädchen, während im Hintergrund, aus dem Off, in unerträglicher Weise die Schüsse fallen. Jedes Mal tut es fast körperlich weh, dies zu hören, niemals sieht man den Täter, er bleibt eine schwarze Silhouette. Keine leichte Seherfahrung also, aber eine zumutbare. Letztlich agiert das Kino hier auch als soziale Kraft, indem es zeigen will: Wir wünschten uns, dass jemand bei euch gewesen wäre, in diesen schrecklichen Stunden. Das ist der Gestus der Kamera, die mit den Kindern geht und ein starkes Signal gegen rechte Gewalt setzt.

Ein erfreuliches Highlight des Wettbewerbs war dann auch Gus van Sants bereits in Sundance gezeigter DON’T WORRY, HE WON’T GET FAR ON FOOT (NFP), der sich lose den Lebenserfahrungen des Karikaturisten John Callahans nähert. Durch einen geschickten Einsatz von Rückblenden umschifft er jedoch gekonnt die Untiefen des amerikanischen Biopics und macht aus dem Film einen Essay über Suchtkrankheit und die Phasen ihrer Überwindung. Die Essenz seiner Zeichnungen erschließt sich erst über die komplexen psychischen Prozesse, die dazu führten, dass Callahan nach einem schweren Autounfall und Jahren im Rollstuhl überhaupt einen Stift in die Hand nahm. Joaquin Phoenix trägt den Film mit seiner Ausstrahlung (ursprünglich war Robin Williams für die Rolle vorgesehen) und changiert zwischen stumpfer Selbstzerstörung und tiefer Sehnsucht nach Leben. Von seiner Mutter als uneheliches Kind weggegeben, wurde Callahan schon als Jugendlicher zum Trinker und gerade als man denkt, dass er kaum noch tiefer sinken kann, ereilt ihn die lebenslange und selbstverschuldete Querschnittslähmung. Als er in Kontakt mit einer Gruppe der Anonymen Alkoholiker kommt, beginnt er sich durch das 12 Schritte Programm das erste Mal wirklich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen und entdeckt erst sehr spät sein Talent für politisch inkorrekte Karikaturen, die ihm landesweit berühmt machen.
Zunächst hat man den Eindruck, van Sants Film fehle eine besondere künstlerische Note, etwas konventionell erzählt er aus dem Leben eines betrunkenen Drifters. Nach und nach gewinnt er aber an emotionaler Tiefe und fesselt, gerade weil er etwas zeigt, das uns sehr vertraut ist, auch wenn die Biografie seines Protagonisten schließlich eine besondere Wendung nimmt. Abhängigkeit hat viele Gesichter und der Film vermittelt auf sehr kluge Weise, wie schwierig es für die Betroffenen ist, die Opferrolle zu verlassen und das Selbstmitleid über ihr schweres Schicksal als Vorwand für weitere Rausch-Eskapaden zu nutzen. Mit einem erstaunlich guten Jonah Hill als schwuler Mentor der AA-Gruppe gewinnt Callahan die Verantwortung für sein eigenes Leben zurück und schafft es, seinem Schmerz einen Ausdruck zu verleihen, anstatt ihn wegzutrinken.
Ein wirklich schöner Publikumsfilm, der sich seinen Figuren auf gefühlvolle Weise nähert.

Außer Konkurrenz war Steven Soderberghs UNSANE – AUSGELIEFERT (FOX) zu sehen. Nichts Neues, aber ein intelligent gemachter, stets spannender Horrorfilm um eine junge Frau (Claire Foy), die in einer psychiatrischen Klinik nach Hilfe sucht und nach dem Gespräch mit einer Ärztin, als Gefahr für sich und andere eingestuft, gegen ihren Willen stationär aufgenommen wird. Da die Versicherung einen 7-tägigen Aufenthalt bezahlt, wird sie ruhig gestellt, ihrer Rechte beraubt und den Übergriffen von Klinikpersonal und Patienten ausgesetzt. Ihre Versuche Kontakt mit der Außenwelt herzustellen, werden systematisch von einem System abgewehrt, dessen Impertinenz dem Zuschauer mehr und mehr das Blut in den Adern gefrieren lässt.
Mit intelligentem Drehbuch, super Spannungsbogen und thrillerhaftem Plot hat Soderbergh diesen Film ausschließlich mit dem iPhone gedreht, ohne dabei auf Effekte, Restlichtaufnahmen oder Kamerafahrten zu verzichten. Lediglich das Breitwandformat erinnert gelegentlich daran, dass die Präsenz einer Kinokamera den Film vielleicht noch eindrucksvoller hätte machen können.

Eine ungewöhnlich starke Präsenz zeigte der deutsche Film dieses Jahr im Wettbewerb - und es bleibt umso unverständlicher, wie derart wagemutigen, aber auch komplex konstruierten Arbeiten keinerlei Würdigung durch einen Preis zuteil wurde.

Dabei gab es doch wahrlich auch genug “Ecken und Kanten” zu sehen, allen voran bei Philip Gröning, der sich mit MEIN BRUDER HEIßT ROBERT UND IST EIN IDIOT wirklich etwas getraut hat. Zudem hat sein Film auch noch Bilder, die für die große Leinwand geschaffen sind und den endlosen Sommertag, an dem er spielt, auf ganz berauschende Weise in die Kinosäle transportiert. Das Zwillingspaar Robert und Elena liegt im Kornfeld, irgendwo in Süddeutschland, das einzige Zeichen der Zivilisation ist eine verschlafene Tankstelle, an der sich die beiden ab und zu Bier und Zigaretten holen. Elena muss für ihre Philosophie-Abiturprüfung lernen und Robert ist zwar sitzengeblieben, gibt sich aber dennoch als überlegener Heidegger-Experte. Lange diskutieren sie über das Wesen der Zeit, doch am Grund ihrer Gespräche und neckischen Spiele liegt etwas anderes, ein Begehren, eine Frage, die noch nicht erscheinen kann, weil sie bedrohlich ist. Bald werden nicht nur die Geschwister gemeinsam in den Sog dieses Unartikulierten gerissen. Die sommerliche Überbelichtung zeigt bereits den Differenzverlust an: Elena und Robert sind in eine symbiotischen Beziehung verstrickt, die keine anderen Menschen in ihr zulässt, keine Trennung zwischen ihren Körpern. Wenn beide zusammen sind, hört die Zeit auf. Wie bei den Kindern und Tieren, denen Heidegger in “Sein und Zeit” die Fähigkeit zur Welt abspricht, die er nur den denkenden, sich setzenden Subjekten zugesteht. Die Befreiung aus einem solchen Weltverlust kann für die Geschwister nur in einem Akt der Gewalt gelingen. Sie ziehen einen Dritten in ihren Reigen, der für seine katalysatorische Funktion mit dem Leben bezahlen muss.
Fast drei Stunden lang geht Philip Gröning mit seiner faszinierenden Geschichte aufs Ganze und lässt die Zuschauer angemessen schockiert im Kino zurück. Endlich wieder eine lohnende Kontroverse im deutschen Film, über die man lange diskutieren wird.

Mit ELDORADO (Majestic) war eine Flüchtlingdoku des schweizer Urgesteins Markus Imhoof außer Konkurrenz im Wettbewerb zu sehen. Er gewann bereits 1981 einen Silbernen Bären für sein Flüchtlingsdrama “Das Boot ist voll”, das die Schweizer Flüchtlingspolitik während des 2. Weltkriegs anprangerte. Nun wählt er für seine Dokumentation einen sehr persönlichen Zugang, erinnert sich wie er als Bub mit seinen Eltern zum Bahnhof ging, um ein ausgehungertes italienisches Flüchtlingsmädchen auszuwählen, um es auf dem heimischen Hof wieder aufzupäppeln. Giovanna wird zwei Jahre bei den Imhoofs bleiben und den Blick des kleinen Markus verändern. Sie bringt ihm Italienisch bei und macht ihn neugierig auf ein Land, das er in seinem späteren Leben oft bereisen wird. Wie z.B. jetzt als 77 Jahre alter Mann, der auf einem Schiff der Hilfsaktion “Mare Nostrum” eincheckt. 100.000 Flüchtlingen hat diese Aktion das Leben gerettet, doch die Hilfe hat sich verändert, hin zu immer mehr Deals mit libyschen Milizen, die die Flüchtlinge gar nicht mehr aufs Wasser lassen, sondern sie gleich ins Gefängnis werfen, wo sie niemals die Möglichkeit haben werden, einen Asylantrag zu stellen.
Bei der Pressekonferenz ging der Film quasi weiter, als Imhoof von Problemen bei den Dreharbeiten mit den Schweizer Behörden berichtete. Die würden zwar vom Volk bezahlt, wollten aber nicht, dass das Volk erfährt, was sie tun. Ein Beamter kommentierte dies sogar mit den Worten “Wenn Linke und Rechte etwa gleich laut auf unsere Arbeit schimpfen, dann hätten sie wohl einen guten Job gemacht”. Eine zynische Einstellung, die Imhoof verachtet. Mit den Augen des Kindes von damals, spürt er den Fragen nach, die ihn seit jeher umtreiben, um ein globales Phänomen für uns erfahrbar zu machen. Seine Fragen nach Menschlichkeit und gesellschaftlicher Verantwortung in der heutigen Welt führen ihn zurück zu den Erlebnissen seiner Kindheit und seiner ersten Liebe. Ein genauso sympathischer wie naiver Ansatz, ein Kinopublikum für die Flüchtlingsthematik zu gewinnen.

Mit Spannung erwartet wurde ein weiterer deutscher Beitrag im Wettbewerb mit mehrfacher Frauenpower: Emily Atefs ganz spezieller Blick auf Romy Schneider mit Marie Bäumer in der Hauptrolle. In 3 TAGE IN QUIBERON (Prokino) konzentriert sich die Regisseurin klug auf einen sehr kurzen Lebensabschnitt, der nach ihrem frühen Tod zum Mythos gewordenen Schauspielerin. Dieser steht aber exemplarisch für das Dilemma dieser überaus vielschichtigen Frau, die sich nicht in ein Korsett drängen lassen wollte und Zeit ihres Lebens versuchte, dem in Deutschland noch bis heute präsenten Sissi-Image zu entkommen. Gleichzeitig zeigt Atef, wie schwer es damals war, trotz eines erfolgreichen Berufslebens als Frau nicht als Beute, sondern als eigenständige Person wahrgenommen zu werden.
1981 – ein Jahr vor ihrem Tod - verbringt der Weltstar drei Tage mit ihrer besten Freundin Hilde (beeindruckend präsent: Birgit Minichmayr) in dem kleinen bretonischen Kurort Quiberon. Auf Vermittlung des von ihr geschätzten Fotografen Robert Lebeck (Charly Hübner), dessen Schwarz-Weiß-Bilder Atef zum Film inspirierten, stimmt sie einem Interview mit dem Stern-Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) zu. Entzückt reist dieser an und verfolgt dabei natürlich seine ganz eigenen Interessen. Ein Katz- und Mausspiel beginnt, bei dem Jürgs alle Register zieht, um seine Story zu bekommen.
Das als letztes großes Interview Romy Schneiders in die Geschichte eingegangene und im Stern 1981 veröffentlichte Gespräch wird zum Schlagabtausch zweier Persönlichkeiten, bei der Aufrichtigkeit und emotionale Offenheit gegen männliche Hybris steht. Wer hier als Siegerin oder Sieger hervorgeht, mag jeder selbst entscheiden. Geschichte wird heute noch vielfach von Männern geschrieben. Erfrischend anders ist hier der Ansatz der Regisseurin, von innen und von der weiblichen Perspektive aus auf ihre Figuren zu blicken und uns damit Romy näher zu bringen als Hunderte belanglose Zeitungs- und Magazinbeiträge - trotz oder gerade wegen der zeitlichen Reduktion. Ein überaus beeindruckender, neuer und frischer, ja vielleicht sogar der einzige Weg, sich einem Mythos wie Romy Schneider adäquat zu nähern.

Eine ungeheure Sympathiewelle bei Presse und Publikum ließ Thomas Stubers (TEENAGE ANGST, HERBERT) IN DEN GÄNGEN (Zorro) zum Gewinner der Herzen werden. Er erzählt von Christian, der irgendwo in der ostdeutschen Provinz in einem Großmarkt anheuert. Er wird Bruno, dem Kollegen aus der Getränkeabteilung zugeteilt, der in zunächst skeptisch mustert. “Der Junge redet nicht viel, aber er ist ein guter Junge!” ist sein Urteil, und das zählt. Nun gehört er zum Team, darf eintauchen in die unbekannte Welt des Warennachschubs, bestehend aus langen Gängen mit unendlichen Regalen, der ewigen Warenlager-Ordnung, den Kaffeepausen und der surrealen Mechanik der Gabelstapler. Bruno zeigt ihm alle Tricks und Kniffe, er wird ein väterlicher Freund. Und dann ist da noch Marion von den Süßwaren, die ihre kleinen Scherze mit Christian treibt. Als er sich in sie verliebt, fiebert der ganze Großmarkt mit. Doch Marion ist verheiratet – nicht sehr glücklich, wie es heißt. Plötzlich ist sie krankgeschrieben und Christian fällt in ein tiefes Loch. So tief, dass sein altes, elendes Leben ihn wieder einzuholen droht.
Thomas Stubers Blick schaut tief in Christians Seele. In streng kadrierten Bildern entfaltet er eine Choreografie von Menschen und Dingen zwischen Realität, Sehnsucht und Traum. Alltägliches verwandelt sich in einen magischen Realismus, der über die zarte Liebesgeschichte hinaus vorsichtig auf das Prinzip Hoffnung verweist. Franz Rogowski und Sandra Hüller geben das sich neckende Liebespaar unter der Aufsicht Brunos, gespielt von einem großartigen Peter Kurth, der die Melancholie dieser tristen Arbeitswelt wie ein Zauberer in anmutige Schönheit verwandeln kann.
Immerhin den Gildepreis der AG Kino Gilde konnte Thomas Stuber dafür mit nach Hause nehmen.

Doch unser eigentlicher Bärenfavorit war Christian Petzolds TRANSIT (Piffl), eine Literaturverfilmung, die den gleichnamigen, von Anna Seeghers im Exil geschriebenen Roman einfach in ein zukünftiges Marseille verlegt. Die Deutschen haben wieder einmal Paris besetzt und lassen Frankreich insbesondere von Intellektuellen und Künstlern säubern. In letzter Minute kann Georg (Franz Rogowski) mit einem Manuskript des Schriftstellers Weigel, der sich aus Angst vor seinen Verfolgern umgebracht hat, nach Marseille fliehen. Dort nimmt er die Identität Weigels an und kommt so an ein Visum nach Mexiko, denn es darf hier nur derjenige bleiben, der beweisen kann, dass er gehen wird. Doch seine Fluchtpläne werden von der Liebe durchkreuzt.
Petzold gelingt es mit dem historischen Stoff, den er in die Zukunft verlegt, die Gegenwart mit der Vergangenheit zu konfrontieren und manchmal weiß man wirklich nicht, welche Zeit einem gespenstischer vorkommt. Auf der Pressekonferenz erzählte er von den Vätern unseres Grundgesetzes, die genau diese historischen Vorgänge im Kopf hatten, als sie die Paragraphen zum Asylrecht in unsere Verfassung schrieben, die wir heute versuchen, Satz für Satz wieder heraus zu radieren.

Aber auch jenseits des Wettbewerbes waren erstaunlich gute deutsche Filme zu sehen. So zeigte die Sektion Panorama Wolfgang Fischers STYX (Zorro), in dem Susanne Wolff eine beachtliche One-Woman-Performance hinlegte. Sie spielt Rike, eine etwa 40jährige Notärztin, die in Gibraltar ihren hart verdienten Urlaub antritt und mit ihrem Segelboot alleine in See sticht, um der afrikanischen Küste entlang zu einer atlantischen Insel zu segeln. Mit suggestiver Kamera gelingen Fischer Bilder, die nicht nur vom harten Job auf See zeugen, sondern das Alleinsein mit den Elementen erfahrbar macht. Und natürlich zieht ein Sturm auf, dem sie nur mit guten Tipps aus dem Funkgerät begegnen kann. Am anderen morgen wacht sie jedenfalls bei ruhiger See viv-a-vis zu einem Flüchtlingsboot auf, das zu sinken droht. Via Funk ruft sie um Hilfe, die bald eintreffen soll, nur intervenieren darf sie auf gar keinen Fall, am besten einfach weiterfahren. Doch genau das hat die Ärztin nicht vor, die natürlich die Rettungskette im Kopf hat, die ärztliche Erstversorgung vorschreibt, bis Hilfe kommt. Doch diese lässt solange auf sich warten, das Rike eine Entscheidung treffen muss...
Mit detailverliebten und bildgewaltigen Einstellungen gelingt es Fischer den Kampf Mensch vs. Natur unmittelbar erfahrbar zu machen. Diese physische Kraft überträgt er auf den Flüchtlingskonflikt. Der unmittelbare Wunsch, helfen zu wollen trifft hier auf vorformulierte Verlautbarungen von Firmen, Hilfsorganisationen und einer Politik, die individuelle Hilfe verbieten will und auf ein Konzept verweist, das nicht funktioniert. Damit lässt es nicht nur die Flüchtlinge allein, sondern auch diejenigen, die sich engagieren wollen.

Seit langer Zeit war auch mal wieder etwas von Hans Weingartner (DAS WEIßE RAUSCHEN) zu sehen. Mit 303 (Alamode) eröffnete er die Sektion ‚Generation 14plus‘ und konnte eine ausgesprochen euphorische Stimmung in das bis auf den letzten Platz besetzte Haus der Kulturen der Welt zaubern. In einem Roadmovie von Berlin nach Portugal erzählt er von den beiden Studenten Jule und Jan, die es aus unterschiedlichen Beweggründen in einem alten Wohnmobil Richtung Süden zieht. Als Fahrgemeinschaft zufällig zusammengekommen, philosophieren die beiden in leidenschaftlichen Diskussionen über sich, die Welt und die Liebe. Weingartner gelingt es in naturalistischer Manier und vor tollen Landschaftsbildern, die beiden jungen Menschen mit starken und gehaltvollen Dialogen einander näher zu bringen und dem Publikum geradezu ans Herz wachsen zu lassen. Das erinnert auf der einen Seite an den so romantischen „Before Sunrise“ von Richard Linklater und vom Road-Movie-Aspekt an die Reisedoku „Weit“, die im letzten Jahr in unseren Kinos so ein großer Überraschungserfolg war.

In einer Special Gala war DER BUCHLADEN DER FLORENCE GREEN (Capelight) zu sehen, der die Liebe zur Literatur in einer aufwendig verfilmten Adaption der gleichnamigen Novelle der britischen Autorin Penelope Fitzgerald aus dem Jahr 1978 zelebriert. Im Zentrum der Geschichte steht die junge Witwe Florence Green (Emily Mortimer), die nach dem Tod ihres Gatten in das kleine englische Küstenstädtchen Hardborough zurückkehrt um mit ihrem Erbe einen Buchladen zu eröffnen, der die verschlafenen Bewohnern durch spannende literarische Werke aus ihrem Dornröschenschlaf erwecken soll. Florence bringt die modernen Romane ihrer Zeit, wie Nabokovs „Lolita“ oder Bradburys „Fahrenheit 451“ in das Dorf und löst mit ihnen auch Diskussionen in der Bevölkerung aus. Irgendwie ist es als hätte sie eine Tür aufgestoßen, die Hardborough wieder mit der großen Welt verbindet. Doch soviel Avantgarde ist gar nicht im Sinne des Geldadels, der nach wie vor das bürgerliche Leben auf dem Land kontrolliert und sich für Florences Aktivitäten gar nicht begeistern lässt, weshalb man ihr alle erdenkliche Steine in den Weg legt. Genau davor hatte sie ihr bester Kunde, der belesene aber zurückgezogen lebende Mr. Brundish (Bill Nighy) gewarnt. Er bewundert Florence aufrichtig für ihren Mut, vermag ihr aber auch mit einem letzten Kraftakt nicht weiter zu helfen.
Eigentlich eine ausgesprochen traurige Geschichte, die Isabel Coixet betont altmodisch erzählt, um sie dann doch mit lange Einstellungen, einem ausgesprochen langsamen Tempo und vielleicht auch dem ein oder anderen Klischees zuviel, gekonnt in eine hoffnungsfrohe Geschichte aus der Sicht einer kommenden Generation zu verwandeln.

Kaum eine Kinderbuchautorin ist so beliebt wie Astrid Lindgren, die unzähligen Verfilmungen ihrer Geschichten begeistern noch immer Jung und Alt. Das Biopic BECOMING ASTRID (DCM), ebenfalls im Berlinale Special gezeigt, beleuchtet jedoch einen Teil ihres Lebens, der überrascht und zeichnet damit umso mehr das Bild einer emanzipierten, eigensinnigen und sehr starken Frau, die ihren eigenen Weg gemacht hat. Zu Beginn ihrer Schriftstellerinnenkarriere waren ihre Bücher durchaus umstritten und wurden aufgrund ihres anti-autoritären Gestus häufig abgelehnt. Diese Haltung und ihr tiefes Verständnis für das Wesen des Kindseins zeigt der Film ganz wunderbar, in der Hauptrolle spielt die charismatische Alba August, Tochter von Regisseur Bille August, die auf der Berlinale ebenfalls mit dem “European Shooting Star” ausgezeichnet wurde. Lindgren überwindet die Fesseln ihrer Herkunft aus dem streng religiösen, ländlichen Schweden und wird mit knapp 18 Praktikantin bei einer lokalen Zeitung. Die aufgeweckte und talentierte junge Frau trifft im Chefredakteur Reinhold Blomberg einen Seelenverwandten - und Liebhaber. Da der 30 Jahre ältere Familienvater noch nicht geschieden ist, kommt es nach einer Schwangerschaft Astrids zum Eklat - und sie muss nach unkonventionellen Lösungen suchen, um ihr Kind zu behalten, ohne ihre Freiheit zu verlieren.
Fischer Christensen gelingt ein feministischer Film, dessen realistischer Touch die Erwartungen eines reinen Feel-Good-Films zum Glück enttäuscht. Der Kampf der jungen Frau um Anerkennung und Selbstbestimmung sorgt oft für Beklemmung, ist aber gerade dadurch äußerst inspirierend. Denn wie ihre starken Figuren gibt auch die junge Astrid niemals auf.

Am Ende muss man einen recht durchwachsenen Wettbewerb konstatieren, mit cineastischen Kunstwerken ohne Aussicht auf Publikum, populären Filme von zum Teil bescheidenere Qualität bis hin zu einem deutschen Block, der sich insgesamt stark und publikumswirksam zeigte und auf dessen Kinostarts man sich freuen darf.





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