Cannes 2019

72. Internationales Filmfestival in Cannes


Ein Festivalbericht von Kalle Somnitz, Silvia Bahl und Anne Wotschke

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Die Filmfestspiele in Cannes eröffneten in diesem Jahr mit Jim Jarmuschs neuem Film THE DEAD DON’T DIE (UPI), einer Genre-Parodie, wie es schon sein letzter ONLY LOVERS LEFT ALIVE war. Doch diesmal sind es keine Vampire, sondern Zombies, die er erwachen lässt und damit nicht nur George Romeros THE LIVING DEAD seine Reminiszenz erweist, sondern dem gesamten Genre, wie auch dem Film an sich und seinen großartigen Schauspielern. Dass Jim Jarmusch im kommerziellen Umfeld von ROCKETMAN und ONCE UPON A TIME... IN HOLLYWOOD die Ehre hatte, das Festival zu eröffnen, mag wohl an seinem illustren Cast gelegen haben, ist aber auch ein klares Statement für die Filmkunst.
Denn so trashig das Thema auch sein mag, der Film ist es nicht. Beinahe liebevoll stellt uns Jarmusch den Ort des Geschehens, das kleine Städtchen Centerville und seine Bewohner vor: zum Beispiel einen Farmer, gespielt von Steve Buscemi, der ein Käppi mit der Aufschrift *Make America white again” trägt. In einem kleinen Polizeiwagen, auf dem groß die Ziffern 001 zu lesen ist (natürlich ist es das einzige Einsatzfahrzeug in diesem Dorf), lässt er Sheriff Cliff Robertson (Bill Murray), Deputy Ronald Peterson (Adam Driver) und ihre Kollegin Mindy (Chloe Sevigny) von Einsatz zu Einsatz fahren. Denn es stimmt was nicht in dem ansonsten so verschlafenen Nest. Zuerst spielen die Uhren verrückt, dann verhalten sich die Tiere merkwürdig, und als dann noch zu ungewöhnlicher Zeit die Dunkelheit einbricht, verlassen die Toten ihre Gräber. Bald wird klar, dass man sie nur töten kann, indem man sie ihres Kopfes beraubt. Die Bestatterin Zelda Winston (Tilda Swinton) beweist darin besonders viel Geschick: Sie zieht herum mit einem scharfen Schwert, wie einst Uma Thurman in KILL BILL und hinterlässt quasi im Vorbeigehen zahllose kopflose Kreaturen. Platter geht es da schon bei den Polizisten zu, die mit Pistole und Gewehr Köpfe platzen lassen wie Tontauben. Doch ein wahres Vergnügen ist das nicht, stehen die Ordnungshüter doch Wesen gegenüber, die sie zu Lebzeiten gekannt, ja zum Teil sogar selbst beerdigt haben. Aus diesem Déjà-vu macht sich Jarmusch einen Spaß, in dem er die Untoten mit lauter bekannten Darstellern besetzt, die auch dem Zuschauer ein ungewöhnliches Wiedersehen mit Stars wie Iggy Pop, Danny Glover, Caleb Landry Jones, Rosie Perez und vielen anderen beschert.
So zitiert sich Jarmusch quer durch die Filmgeschichte, und dabei gelingen ihm immer wieder Bilder voller Witz und Poesie, etwa wenn die Untoten mit leuchtendem Handy auf der Suche nach WiFi im dunklen Wald umherirren. Und wenn am Ende das Happy End ausbleibt und sich die Süddeutsche Zeitung fragte, was das Ganze denn sollte, kann man auf dezent gestreute politische Andeutungen  hinweisen, die andeuten mögen, dass uns die Sünden der Vergangenheit immer einholen werden, spätestens am Jüngsten Tag, wenn auch vorerst nur im Kino.

Es gab einen weiteren Film im Wettbewerb, wo drei Polizisten mit außergewöhnlichen Zuständen konfrontiert sind. In Ladj Lys Erstlingwerk LES MISÉRABLES (Alamode) sind es drei Cops von der Anti-Kriminalitäts-Brigade, die versuchen, ihren Bezirk irgendwo in der Banlieue vor Paris sauber zu halten oder zumindest das Schlimmste zu verhindern. Dort hat sich längst eine Parallelwelt gebildet, die sich selbst um Recht und Ordnung kümmert. Probleme gibt es immer dann, wenn unterschiedliche Ethnien aneinandergeraten oder die Polizei eingreifen will. Widerstand gegen die Staatsgewalt ist hier kein Verbrechen, sondern bürgerliche Pflicht. Das erfahren die Polizisten, als sie in einem Streit zwischen Roma und Muslimen vermitteln wollen, der entstand, weil dem Zirkus ein Löwenbaby gestohlen wurde. Die Ermittlungen der Polizisten führen sie tief in die muslimische Gemeinschaft, wo sie auf gewaltbereite Jugendliche treffen, die generell mit Autoritäten ein Problem haben. Aber auch die Polizisten schießen in ihrem alltäglichen Kampf um Respekt und Anerkennung beinahe zwangsläufig über das Ziel hinaus. Als am Ende ein Junge verletzt wird, gibt es ein Video, was das Geschehen dokumentiert hat. Fortan gilt das erste Interesse der Polizisten nicht mehr dem Löwenbaby, sondern diesem Video. Eine Verfolgungsjagd beginnt, die uns immer tiefer in den Dschungel dieser Community und ihrer undurchsichtigen Macht-Hierarchie führt.
Ly, der für sein Erstlingswerk den Jury-Preis erhielt, gelingt es Spannungsbogen und Tempo beinahe beliebig anzuziehen, so dass selbst der Zuschauer droht, außer Atem zu kommen. Dabei kann er offenlegen, dass es hier kaum noch Recht und Unrecht gibt. Alle Beteiligten sind Opfer eines Systems, das seine zivilisatorischen Wurzeln längst verloren hat. Wenn am Ende der Diebstahl des Löwenbabys aufgeklärt und das Video sichergestellt sind, ist die öffentliche Ordnung aber immer noch nicht wiederhergestellt. Die Jugendlichen rebellieren nicht nur gegen die Polizeigewalt, sondern auch gegen die Machtstrukturen im eigenen Viertel und das mit einer Brutalität, die tatsächlich an Victor Hugos Straßenkämpfe in ‘Les Misérables’ erinnert. So endet der Film dann auch mit einem Zitat von Hugo: “Es gibt keine schlechten Menschen oder Pflanzen, es gibt nur schlechte Gärtner.”

Festivalleiter Thierry Fremaux hat in der Auswahl der Filme für den Wettbewerb wie immer auf bekannte Namen gesetzt, ihnen aber erstaunlich viele Erstlingswerke und Filme junger Regisseure und endlich auch mal Regisseurinnen gegenübergestellt. Und tatsächlich konnten die Newcomer punkten, mit einem jungen frischen Kino, das auch einmal etwas wagt, während die alten Bekannten auf zugegeben hohem Niveau stagnierten. 

So zum Beispiel bei Ken Loach, der mit SORRY WE MISSED YOU wieder eine seiner typischen Arbeitergeschichten vorlegte. Mit denen hat er sich einst einen Namen gemacht. Damals gesellte sich zu seiner Beschreibung unhaltbarer Arbeitsbedingungen der Humor der Arbeiter, die sich aus jeder noch so prekären Situation mit Witz, Willenskraft, Solidarität und notfalls am eigenen Schopf herausziehen konnten. Dieser Humor ist ihm bereits vor einigen Filmen abhanden gekommen und jetzt - so scheint es - auch noch die Solidarität. Dies mag verständlich sein, spielt doch der Film zu Zeiten des Neoliberalismus in der Paketbranche. Hier muss sich Ricky erst einmal verschulden und einen Sprinter leasen, um an einen der begehrten Franchiseverträge zu kommen, die ihm zwar viele Pflichten auferlegen, aber nur wenig Verdienstmöglichkeiten eröffnen. Ein Gewerkschafter kommt im ganzen Film nicht vor, und aus den Kollegen sind längst Konkurrenten geworden. Alle kämpfen sie ums Überleben und nutzen gerne mal die Schwäche des anderen aus, Solidarität kann sich hier niemand leisten.
Ken Loach schildert diese neue Arbeitswelt wie immer ausgesprochen akkurat und glaubwürdig, ja beinahe dokumentarisch, und niemand wird ihm vorwerfen, dass er nicht bei der Wahrheit bleibt, aber übers Ziel schießt er dennoch hinaus: Denn Ricky opfert für seinen Job alles und setzt nicht nur seine Gesundheit, sondern auch Freizeit, Familie und Freundschaften aufs Spiel und bleibt dennoch immer auf der Verlierer-Spur. Wie der Film, kriegt er einfach nicht die Kurve, nur seine Frau bringt es am Ende auf den Punkt, wenn sie in einer Wutrede zusammenfasst, was dieses System den Menschen antut. ‘The Guardian’  feierte den Film als berührendes Meisterwerk, andere sahen ihn nüchterner, als Wiederholung alter Themen, die nur immer prekärer werden. Irgendwie ist Ken Loach in der Schilderung der britischen Arbeitswelt am Boden angekommen und da kann es einfach nicht noch tiefer abwärts gehen.

Noch weniger überzeugend war YOUNG AHMED von den Brüdern Dardenne, die damit zum achten Male im Wettbewerb antraten und einen weiteren Rekordversuch auf ihre dritte Goldenen Palme starteten. Ähnlich wie Ken Loach variieren sie immer wieder das gleiche Thema und gelten in Europa als Seismograph für soziale Zustände und Erschütterungen. In der Regel exemplifizieren sie diese anhand von Jugendlichen, die vom System vergessen wurden oder einfach nicht hineinpassen wollen. So auch Ahmed, ein 13-jähriger belgischer Junge, der sich mit Hilfe seines Imams radikalisiert hat und den Koran so auslegt, dass er meint, seine Lehrerin umbringen zu müssen. Das Attentat geht schief, und Ahmed muss in einer betreuten Gruppe Sozialarbeit leisten. In diesem neuen Umfeld kommt er mit weiteren Versuchungen des Lebens in Berührung, die ihn immer wieder mit seinem Glauben in Konflikt bringen.
Zwar machen die Dardennes hier ein spannendes und aktuelles Thema auf, doch ihnen gelingt es nicht, den wesentlich Fragen, die sie aufwerfen, näher zu kommen. So ist Ahmeds Radikalisierung nicht nachvollziehbar, zumal der Einfluss des im Film eher blassen Imams es mit einer ihn fördernden Lehrerin und seiner liebevollen Mutter aufnehmen muss. Wenn dieser Kampf verloren geht, weil das Leben nun mal nicht immer rational verläuft, hätte vielleicht noch interessiert, wie unsere Sozialsysteme auf solche Fälle reagieren. Doch die Dardennes umschiffen das Thema und enden mit einer höchst wundersamen Bekehrung. Dass ihnen das auch noch den Regie-Preis einbrachte ist ziemlich unverständlich, da war auf der Berlinale zum gleichen Thema der Film ORAY in den Perspektiven zu sehen, der tatsächlich interessante und noch nicht gesehene Einblicke hinter die Mauern einer Moschee bietet. Er läuft derzeit in unseren Kinos.

Der am meisten erwartete Film an der Croisette versuchte eine (wie immer kontrafaktische) Geschichte Hollywoods zur Hippie-Zeit zu schreiben und dabei die Manson Morde ins Zentrum zu stellen: Quentin Tarantinos Rückkehr nach Cannes, die fast auf den Tag genau 25 Jahre nach der Premiere von “Pulp Fiction” gefeiert wurde, konnte jedoch die hohen Erwartungen nicht ganz einlösen. Das kann auch damit zusammenhängen, dass Tarantino bis zum Schluss im Schnittraum saß und es lange nicht klar war, ob der Film in einer finalen Fassung vorliegen wird. Fast drei Stunden dauerte ONCE UPON A TIME... IN HOLLYWOOD (Sony) schließlich, aber nur wenige bekamen die Möglichkeit ihn zu sehen, da Tarantino auf Verknappung setzte und nur ein einziges Wiederholungs-Screening angesetzt wurde, was zu Tumulten bei der Premiere führte, als über 100 Zuschauer trotz Karten nicht mehr in den Saal kamen.
Leonardo DiCaprio und Brad Pitt spielen die Hauptrollen als Rick Dalton und Cliff Booth - ein abgehalfterter TV-Star und sein Stunt Double. Die großen Studios befinden sich im Niedergang, das Autorenkino des New Hollywood beginnt langsam sich zu formieren, die meisten Zuschauer greift allerdings das Fernsehen mit Western und Krimiserien ab. Da Dalton wegen Trunkenheit am Steuer seinen Führerschein abgenommen bekommen hat, muss sein Buddy Booth ihn durch LA kutschieren und hin und wieder auch Mädchen für alles spielen. Da der lässige Lebemann aber wenig braucht, um sich frei und glücklich zu fühlen, bleibt er im Gegensatz zu seinem verzweifelten Freund grundentspannt.
Es ist vor allem das großartige Zusammenspiel von Pitt und DiCaprio, das den gesamten Film trägt und für einige Komik sorgt. Den beiden dabei zuzusehen, wie sie mit dem Auto durch die legendären Orte LAs fahren und dabei ein wie immer grandioser Soundtrack läuft, macht Spaß und steckt voller filmhistorischer Anspielungen und Querverweise. Man begegnet Bruce Lee, bewegt sich durch den “Musso & Frank Grill”, der dieses Jahr sein hundertstes Jubiläum feiert, und bekommt Einblick in den Filmdreh eines Spaghetti-Westerns. Im Gegensatz zu PULP FICTION, wo jede Szene mit großer Kunstfertigkeit einen neuen Faden in die Gesamtheit des Plots einwebte, zerfasert ONCE UPON A TIME... IN HOLLYWOOD allerdings etwas. Zu oft bekommt man das Gefühl, dass Pointen nicht zünden und Dialoge nicht so kultig rüberkommen, wie sie es gerne wären. Tarantino scheint selbst noch nicht ganz zufrieden zu sein und kündigte an, eine neue Fassung zu schneiden, bevor der Film dann auch in unseren Kinos startet. Für die “Palm Dog” hat es allerdings gereicht: Brad Pitts charismatischer Pittbull Brandy wurde als bester Filmhund ausgezeichnet.

Gemischt wurde auch der neue Film von Xavier Dolan aufgenommen, dessen letzte Arbeit “The Death and Life of John F. Donovan” so scheiterte, dass er gar keinen deutschen Verleih fand. Mit MATTHIAS ET MAXIME stellte er diesmal unter Beweis, dass er noch immer ein Händchen für die Inszenierung von interessanten Charakteren hat, von denen er gleich selbst einen spielt. Zwei Jugendfreunde befinden sich im Film in einer Umbruchsituation: Der junge Maxime (Dolan) will endlich seine kaputte Familie hinter sich lassen und zum Work and Travel nach Australien aufbrechen. Dabei geht seinem besten Freund Matthias immer mehr auf, wie viel ihm die Beziehung bedeutet. Bei einem Kurzfilmdreh sollen die beiden spontan einspringen und sich in einer Szene küssen. Was eher als jugendlicher Spaß beginnt, löst jedoch eine Welle unerwarteter Gefühle aus. Dolan gelingt es hervorragend zu zeigen, dass Liebe und Erotik nicht immer in Kategorien wie “homo” und “hetero” aufgehen. Es geht daher weniger um ein finales Coming Out, als um die Erforschung einer bedeutsamen Beziehung, die sich nicht in einer Freundschaft erschöpft. Ebenso wie Tarantino bräuchte Dolan allerdings eine neue Schnittfassung, da auch hier sehr viel unnötige Dialoge die Kraft des Films etwas schmälern. 

Zu einem großen Favoriten gehörte der neue Film von Pedro Almodóvar, mit dem er wieder zur Hochform zurückkehrt, auch wenn LEID UND HERRLICHKEIT (StudioCanal) selbst eigentlich ein wehmütiger Rückblick auf sein eigenes Leben als Künstler ist. Doch Almodóvar inszeniert dies nicht bruchlos als Autobiografie, sondern über eine ganze Reihe von Stellvertreterfiguren, die die Erinnerungen und Gefühle des Regisseurs durchleben und zum Ausdruck bringen. In erster Linie geschieht das durch Antonio Banderas, der den alternden Filmemacher Salvador Mallo spielt - und für seine grandiose Performance zu Recht mit dem Preis Für Den Besten Darsteller ausgezeichnet wurde. In dessen Leben, das mittlerweile hauptsächlich von körperlichen Gebrechen geprägt ist, zerfließen durch die Schmerzmittel Vergangenheit und Gegenwart zu einem Bewusstseinsstrom. Eine Retrospektive seines Frühwerks gibt ihm die Gelegenheit alte Lieben und Weggefährten aufzusuchen und sich noch einmal auf die Spur dessen zu begeben, was ihn künstlerisch und persönlich geprägt hat. Das ist nicht nur hochemotional und auf formaler Ebene originell inszeniert, wie immer bestechen auch die verschiedenen Settings der Szenen mit ihren leuchtenden Farben und der für Almodóvar so typischen Gestaltung.

Nicht eine, sondern beinahe zweieinhalb (140 Min.) Geschichtsstunden liefert Marco Bellocchio mit seinem Film DER VERRÄTER (Pandora), einer italienisch-französisch-deutschen Koproduktion. Er geht zurück in die 1980er Jahre, wo der Richter Giovanni Falzone die halbe Mafia vor Gericht stellte und der Cosa Nostra das Handwerk legte. Grundlage für seine Anklage war das umfassende Geständnis von Tommaso Buscetta, dem ersten hochrangigen italienischen Mafiaboss, der den Schweigeeid der sizilianischen Mafia brach. Vorausgegangen war ein blutiger Bandenkrieg, der beinahe 1000 Tote forderte und bei dem Buscetta nicht nur seine Söhne verloren hatte, sondern auch selbst als nächster auf der Todesliste stand. Er flieht nach Brasilien, wird verhaftet, gefoltert und nach Italien ausgeliefert, wo er unter Zeugenschutz aussagt.
Bellocchio erzählt diese Geschichte, die seiner Zeit auch in Deutschland Furore machte, mit Akribi und Akkuratesse. Er nimmt sich die Zeit, die er braucht, um die vielen Handelnden einzuführen und ihre Verknüpfung miteinander zu beleuchten. So entsteht ein Netz von kriminellen Machtstrukturen, die auch nicht vor der Politik und der Justiz halt machen. Wenn am Ende hunderte von Mafiosi einsitzen, ist der Film noch lange nicht zu Ende, denn Falzone will auch die Politiker zur Verantwortung ziehen und macht Ministerpräsident Andreotti den Prozess. Doch an dem beissen sich die beiden die Zähne aus, Falzone stirbt bei einem Anschlag mit einer Autobombe, während Buscetta im Zeugenschutz alt werden darf, doch ruhig schlafen konnte er nie mehr.

Dem Anti-Helden in DER VERRÄTER steht der unbekannte Held in EIN VERBORGENES LEBEN (Pandora) diametral gegenüber. Der mit Spannung erwartete neue Film von Terrence Malick stellt den österreichischen Bauer Franz Jägerstätter in den Mittelpunkt, der sich standhaft weigerte, für die deutsche Wehrmacht zu kämpfen und dafür von den Nazis ermordet wurde. Getragen von seinem Glauben und der Liebe zu seiner Frau Fani und den Kindern blieb er, selbst im Angesicht der Hinrichtung, bis zuletzt überzeugt von der Freiheit des Willens. Insgesamt macht Malick aus einer kargen Geschichte ein großes Epos, das er mit Tragik und Emotionalität zu füllen versucht. Dabei bleibt er seinem typischen Stil treu, liefert meditative ruhige, teilweise archaische Bilder, in denen der Zuschauer sich verlieren kann. Auch hat man gelegentlich den Eindruck, dass er seinen deutschen Hauptdarsteller August Diehl zu einem Nachfolger von Daniel Day Lewis aufbauen will. Mit zurück gegelten Haaren und den Kopf auf den Ellenbogen gestützt, spielt er einen beinahe stoischen Mann, der mehr durch Nachdenklichkeit als Action auffällt. Gelegentlich wirkt der Film etwas amerikanisch, was von der internationalen Sprachfassung begünstigt wird. Denn die ist nicht immer ganz sauber und wechselt von mehreren Off-Sprechern zu englischsprachigen Dialogen, aber deutschsprachigen Gefühlsausbrüchen. Ein Problem, das sich bei der Synchronisation ausmerzen lässt. 

Vier Frauen hat Thierry Fremaux dieses Jahr in den Wettbewerb berufen und damit wenigstens die Richtung zur Gender-Parität eingeschlagen. Drei davon wurden sogar ausgezeichnet, womit Fremaux die These von Venedig-Chef Barbera widerlegen konnte, dass Filme von Frauen in der Regel keine ausreichende Qualität haben, um im Wettbewerb bestehen zu können.

Als erste durfte Jessica Hausner den Gegenbeweis antreten, die nach ihren drei Cannes-Auftritten mit LOVELY RITA, HOTEL und AMOUR FOU nun zum ersten Mal im Wettbewerb startete. LITTLE JOE ist eine österreichisch-englisch-deutsche Koproduktion und behandelt ein für Hausner ungewöhnliches Thema. Ähnlich wie Claire Denise mit HIGH LIFE unternimmt sie einen Ausflug ins Science Fiction-Genre, allerdings hebt sie nicht ab in den Weltraum, sondern bleibt mit beiden Füßen auf dem Boden, der in einem wissenschaftlichen Institut für grüne Gentechnik gelegen ist. Die Laborräume sind so klinisch kalt, dass sie es mit jedem Raumschiff aufnehmen könnten. Hier arbeitet Alice, sie ist leidenschaftliche Wissenschaftlerin und alleinerziehend. Ihr wesentlicher Konflikt machen schon die Namen ihrer Lieblingskinder klar: Ihr Sohn Joe und Little Joe, eine neue Pflanze, die sie gerade entwickelt hat. Sie ist nicht nur besonders schön, sondern auch der einzige purpurrote Farbklecks in den Labors, außerdem riecht sie gut. Doch Alice muss bald feststellen, dass der Pflanzenduft eine bewusstseinsverändernde Wirkung hat. Aber als sie die Versuche stoppen will, wird sie von ihren Kollegen gehindert, denn die Pflanze hat längst die Kontrolle über sie. So sichert sie mit ihrem Duft ihr Überleben, indem sie die Menschen betört und völlig für sich einnimmt. Auch Alices Sohn hat bereits ein Exemplar in seinem Kinderzimmer stehen.
Haussner gelingt es, mit einem einfachen Setting, das eigentlich nur aus zwei Schauplätzen besteht, das Labor und ihre Wohnung, ein großes Feld der Interpretationsmöglichkeiten zu schaffen, die angefangen von parasitären Lebewesen über künstliche Intelligenz bis hin zur Rolle der Frau zwischen Kind und Karriere führt. Letztere wird eindringlich verkörpert von der englischen Schauspielerin Emily Beecham, die dafür als Beste Darstellerin ausgezeichnet wurde.

Celine Sciamma, die 2011 mit TOMBOY den Teddy Award auf der Berlinale gewann, war nun mit ihrer fünften Regiearbeit in den Wettbewerb eingeladen. Ihr Film PORTRAIT OF A LADY ON FIRE (Alamode) ist ein Period Pic, das auf allen Ebenen in Sachen Stil, Drehbuch und mit zwei phantastischen Hauptdarstellerinnen überzeugt. Er spielt auf einer abgelegenen Insel in der zweiten Hälfte des 18 Jahrhunderts, wo die Malerin Marianne (Noémie Merlant) ein Hochzeits-Porträt von der Braut in spe Héloïse (Adèle Haenel) anfertigen soll. Crux an dem Auftrag ist, dass Héloïse sich weigert Modell zu sitzen, weil sie die bevorstehende Hochzeit ablehnt. Mariannes Auftrag ist es nun, sie zu hintergehen, sich als Ausgehdame auszugeben und mit  Héloïse lange Spaziergänge zu unternehmen, um sie danach aus der Erinnerung zu malen. Während das Porträt allmählich Konturen annimmt, lernen sich die beiden Frauen kennen und finden Gefallen aneinander. Als am Ende das Werk fertig ist, will Marianne es Héloïse als erster zeigen und ihr ihren Betrug gestehen. Auf letzteren reagiert Héloïse gelassen, aber das Porträt gefällt ihr gar nicht und so ringt sie ihrer Mutter ab, dass Marianne ein neues anfertigt, für das sie auch posieren will. Die Mutter willigt ein und gibt ihnen eine 6 Tage-Frist. So beginnt eine Phase, wo sich sich die beiden Frauen näher kommen als erlaubt und ihre leidenschaftliche Liebe wird durch die zeitliche Frist gesteigert, was sich auch im Porträt widerspiegelt, auf dem nun der Fluch liegt, dass wenn es fertiggestellt ist, die Liaison zu Ende ist.
Sciamma zitiert die Sage von Orpheus und Eurydike aus der griechischen Mythologie, um den Konflikt der Liebenden zu illustrieren. So wie sich Orpheus nicht nach seiner Geliebten umschauen darf, so kann Marianne das Portrait nicht fertigstellen, ohne ihre Liebe zu beenden. So lässt Sciamma in ihrem Film die klassischen Künste aufeinandertreffen und gleicht sie ab mit dem wirklichen Leben. Egal ob Literatur, Malerei oder Musik, sie alle erzählen mit denen ihnen eigenen Mitteln Geschichten aus dem Leben und können es dennoch nie ersetzen. Sie bleiben immer nur ein Abbild.

Der Film einer Frau im Wettbewerb war ein psychoanalytisch informierter Film, der in ähnlicher Weise wie François Ozon dieses Wissen für die Inszenierung eines unterhaltsamen Dramas nutzte und Sandra Hüller in einer großartigen Nebenrolle zeigte, die an ihre Performance aus „Toni Erdmann“ anschloss. In SIBYL (Alamode) von Justine Triet verliert sich eine Therapeutin, die eigentlich gerne Romanautorin wäre, in den amourösen Verstrickungen ihrer Patientin, die von Adèle Exarchopoulos gespielt wird. Diese befindet sich in einem Liebesdreieck mit dem windigen Gaspard Ulliel, beide sind Schauspieler in einem Film, der ausgerechnet auf Stromboli gedreht werden soll, von einer deutschen Regisseurin, die zugleich mit Ulliel liiert ist. Triets Film bewegt sich an der Grenze zur Übertreibung, fängt die drohenden Klischees der Geschichte jedoch immer wieder ein, indem sie den Zuschauern die psychologischen Motive ihrer Figuren vorführt und diese ernst nimmt. Das größte Highlight des Films bleibt allerdings die betrogene Sandra Hüller, die ihren beiden Hauptdarstellern zum Trotz weiterdrehen will und sich in ihre Nüchternheit flüchtet.

Der senegalesische Film ATLANTIQUE (Netflix) hatte bereits vor der Preisverleihung Geschichte geschrieben, da mit Mati Diop die erste schwarze Regisseurin im Wettbewerb vertreten war. Ihr Langfilm-Debüt wurde mit dem GROßEN PREIS DER JURY ausgezeichnet, der zweithöchsten Auszeichnung in Cannes. Sanft und eindringlich erzählt sie darin eine Fluchtgeschichte über das Mittelmeer, diesmal nicht aus der Perspektive der Flüchtlinge, sondern aus der Sicht der Zurückgebliebenen. Sie verwebt eine Romanze mit einer Geistergeschichte und nimmt dabei gleichzeitig die politischen Verhältnisse in ihrer Heimat Senegal in den Blick. Im Mittelpunkt steht das Mädchen Ada, deren Eltern sie mit dem gutsituierten Omar verheiraten wollen. Sie dagegen ist verliebt in Souleiman, der als Arbeiter zur Errichtung eines Hochhausriesen angeheuert wurde und wie alle seiner Arbeitskollegen seit Wochen nicht bezahlt wurde. Aus Verzweiflung macht er sich zusammen mit einigen Leidensgenossen in einem Kanu auf nach Spanien, um dort ein besseres Leben zu finden. Bald macht die Runde, das Boot sei gekentert und alle Insassen ums Leben gekommen. Doch plötzlich ereignen sich merkwürdige Dinge: das Haus des Ausbeuter-Chefs der Baufirma, bei der Soleiman arbeitete, geht in Flammen auf, und es wird gemunkelt, die Verunglückten seien als Geister zurückgekehrt. Tatsächlich aber erscheinen diese nicht einfach als Geist, sondern ergreifen Besitz von den Körpern ihrer zurückgelassenen Frauen, um durch sie zu sprechen. Ganz im Geiste Apichatpong Weerasethakuls gestaltet Diop die Grenze zwischen Leben und Tod fließend. Der nicht nachgewiesene Tod der Geflüchteten auf hoher See wird so auf berührende Weise artikuliert und gleichzeitig Raum für Trauer geschaffen.

Große Erwartungen lagen auf Ira Sachs’ Wettbewerbsbeitrag FRANKIE, nicht zuletzt wegen der hochkarätige Besetzung mit Isabelle Huppert, Brendan Gleeson, Marisa Tomei und Jérémie Renier. Doch blieb er hinter den Erwartungen zurück. Isabelle Huppert spielt die dem Tode geweihte bekannte Schauspielerin Frankie, die alle ihre Lieben noch einmal zu einem Familienurlaub im malerischen portugiesischen Bergdorf Sintra zusammentrommelt. Drei Generationen treffen in diesem Ensemblestück aufeinander, die sich angesichts der kurzen Zeit, die ihnen bleibt, um von Frankie Abschied zu nehmen, ihren Gefühlen stellen müssen. Da ist ihr zweiter Ehemann Jimmy, ihr Sohn Paul, ihre Adoptivtochter Sylvia, ihr Ex-Mann Michel und ihre beste Freundin, die Stylistin Irene, die mit ihrem Freund Gary anreist und damit Frankies Plan vereitelt, sie mit ihrem Sohn zu verkuppeln. In langen Spaziergängen mit wechselnden Konstellationen tauschen diese sich auch über ihre eigenen Sorgen und Probleme aus. So fürchtet sich Jimmy vor einem Leben ohne seine Frau, Paul fühlt sich trotz Traumjob in der New Yorker Finanzbranche stets unglücklich, Sylvia will sich scheiden lassen, bekommt dadurch aber finanzielle Schwierigkeiten, Irene fühlt sich von ihrem Freund verfrüht zur Heirat gedrängt und Michel hat nach der Trennung von Frankie seine schwule Ader entdeckt. Leider gerät die Inszenierung insgesamt zu langatmig, der Plot zu konturlos, so dass nur wenige Szenen länger im Gedächtnis bleiben.

Mit seinem erneuten Auftritt in Cannes begibt sich Regisseur Arnaud Desplechin nach ISMAELS GHOST diesmal ins Genrefach. OH MERCY basiert auf einer TV-Doku-Serie über eine Polizeieinheit im wirtschaftlich heruntergekommenen nordfranzösischen Roubaix aus dem Jahr 2008. Roschdy Zem spielt den weisen Chef einer Polizeieinheit, die den Mord an einer alten Frau aufklären soll. Er kennt die Stadt wie seine Westentasche, weil er dort aufgewachsen ist und fühlt sich mit ihr verbunden. Daher ist er immer auch an den Menschen interessiert, die die Taten begehen. Desplechin beobachtet die Polizisten bei ihren Ermittlungen, wobei auch weitere Fälle einbezogen werden wie etwa eine Brandstiftung oder eine Vergewaltigung in einer U-Bahn. Im Fall des Mordes konzentriert sich der Verdacht bald auf zwei Freundinnen (Sara Forestier and Léa Seydoux). Der letzte Teil des Films schildert minutiös die stundenlangen Verhöre, im Rahmen derer sie auch die Tat nachstellen müssen und die beiden Schauspielerinnen ihr ganzes Können unter Beweis stellen können. OH MERCY ist eher eine Hommage an Desplechins Heimatstadt als ein spannender Krimi, melancholisch mit guten Darstellern inszeniert, insgesamt aber etwas zerfasernd und langatmig.

Bis kurz vor Schluss verliefen die diesjährigen Filmfestspiele ohne große Aufreger und Kontroversen, dann sorgte jedoch Abdellatif Kechiches Wettbewerbsbeitrag MEKTOUB, MY LOVE: INTERMEZZO für Empörung, vor allem bei der amerikanischen Presse. Fast vier Stunden lang sind in dem Film spärlich bekleidete Menschen zu sehen, sie tanzen hingebungsvoll in einer Diskothek und schwitzen, kurz vor Schluss gibt es eine 15 Minuten lange, explizite Cunnilingus-Szene mit einer der Hauptdarstellerinnen und einen abschließenden Sonnenaufgang, der kaum mehr als einen Moment andauert.
Kechiche wurde daraufhin Voyeurismus und ein toxischer „male gaze“ vorgeworfen, auf der Pressekonferenz forderte ein Journalist den Regisseur auf, sich zu einer laufenden Anklage wegen sexueller Belästigung zu äußern, was dieser strikt ablehnte. Die Diskussionen, die der Film auf dem Festival auslöste, wurden so scheinbar spannender als der Film selbst. Übersieht man seine provokative Kraft, mag man den Film als missglückt bezeichnen. Doch ihn rigoros abzuqualifizieren, wie es vielfach geschehen ist, sagt mehr über die Kritiker als über Kechiche und sein künstlerisches Schaffen. 2013 hatte er für den queeren BLAU IST EINE WARME FARBE immerhin die Goldene Palme erhalten. Man muss auch den jetzigen Film, den zweiten der „Mektoub“-Trilogie, die auf einem französischen Coming-of-Age-Roman basiert, im Kontext dessen lesen, in den Kechiche ihn versetzt hat, nämlich in die Lebenswelt der Jugendlichen, deren Elterngeneration aus dem Maghreb stammt. Wenn die Filme mit einem Koran-Zitat beginnen und dann ein leuchtend-nostalgischer Blick auf die frühen 90er Jahre folgt, in denen die Kriege im Mittleren Osten für die Europäer noch weit entfernt erscheinen, dann wird zumindest der Rahmen deutlich, in dem Kechiche sein Plädoyer für Erotik verortet. Er stellt zweifellos eine Kritik an einer spezifischen Abwertung der Lust, vor allem der weiblichen, durch aktuelle Strömungen des Islamismus dar. Kechiche selbst hatte für den Film ein Bild von Picasso im Kopf, die „Demoiselles d’Avignon“, und sprach davon, dass ihn die Idee interessiert hätte, Körper auf kubistische Weise in einem Film in Szene zu setzen. Man kann wohl sagen, dass ihm diese ästhetische Abstraktion nicht gelungen ist, obwohl er den narrativen Anteil auf ein Minimum reduziert hat, und dafür bewegte und erregte Körper extensiv abbildet. Eine immersive Erfahrung im Stil von Gaspar Noes CLIMAX gelingt ihm damit allerdings schon.

Ein völliges Kontrastprogramm bot der darauf folgende Wettbewerbsbeitrag von Elia Suleiman, der mit IT MUST BE HEAVEN (Neue Visionen) schließlich auch eine lobende Erwähnung der Jury bei der Preisverleihung erhielt. Wie ein palästinensischer Buster Keaton wirkte der zurückgenommene und wunderbar surreale Film, in dem Suleiman selbst die schweigsame Hauptrolle übernahm. Auch hier gab es keine übergreifende Narration, statt dessen eine Aneinanderreihung einzelner Szenen im Stil von Roy Andersson. Mit seinem Film DIVINE INTERVENTION hatte er 2002 im Wettbewerb bereits einen Film vorgelegt, der versuchte, Palästina als Mikrokosmos der gesamten Welt zu begreifen. In seinem neuen Film ist es genau umgekehrt: Ob in Paris oder New York, überall findet man die Spuren der Gewalt, die in Suleimans Heimat kein Ende nimmt. Diese zeigt sich jedoch nicht in den großen Gesten, sondern gerade im Trivialen und Alltäglichen. Statt Dialogen gibt es hier absurde Choreografien zu sehen, die auf der Premiere des Films immer wieder Szenenapplaus erhielten und an Stummfilmklassiker erinnerten.

Zum großen Überraschungssieger wurde schließlich der koreanische Film PARASITE (Koch Media) von Bong Joon Ho, der bereits mit SNOWPIERCER vorgeführt hat, dass dystopische Gesellschaftskritik und unterhaltsames Genrekino nicht im Widerspruch zueinander stehen. Sein neuer Film schloss auch auf Platz 1 des Kritikerspiegels ab, gewann den neu geschaffenen Arthaus Cinema Award und die GOLDENE PALME besiegelte das einstimmige Urteil.
Mit sehr viel Humor und liebenswerten Figuren erzählt er die Geschichte einer arbeitslosen Familie, die sich illegal im Keller eines Wohnhauses eingerichtet hat. Doch anders als bei Ken Loach regiert hier nicht die Tristesse, sondern der Einfallsreichtum, denn Not macht bekanntlich erfinderisch. Als der Sohn durch einen ehemaligen Schulkameraden die Möglichkeit bekommt, in einem Haushalt der Oberschicht ein paar Nachhilfestunden zu übernehmen, nutzt er seine Chance, die andere Familie mit falscher Identität zu infiltrieren, und nach und nach seine Angehörigen mit ins Boot zu holen. Die Schwester wird als Kunsttherapeutin für den verzogenen Sohn des Hauses eingestellt, die Entlassung des Chauffeurs fingiert, damit der arbeitslose Vater dessen Posten einnehmen kann. Die heimliche Übernahme unter falscher Fahne scheint zu gelingen, doch die gewitzte Familie hat ihre Rechnung ohne die alte Haushälterin gemacht, die den Eindringlingen nicht kampflos das Feld überlassen will.
Was als originelle und unterhaltsame Komödie beginnt, entwickelt sich schon bald zu einem handfesten Existenzkampf, der blutige Konsequenzen nach sich zieht. “Wow, ist das metaphorisch”, wird im Film immer wieder ironisch eingeworfen. Und das gilt natürlich auch für die ganze Erzählung, die als Parabel auf die immer absurder werdende Schere zwischen Arm und Reich (nicht nur in Korea) zu lesen ist. Dass die Problematisierung des Klassenkampfes auch ohne moralische Didaktik auskommen kann, zeigt Bong Joon Ho damit auf so erfrischende Weise, dass sich die Veteranen des europäischen Sozialkinos davon eine Scheibe abschneiden können.

Außer Konkurrenz lief im Wettbewerb Nicolas Bedos‘ einnehmende Komödie LA BELLE EPOQUE (Constantin) mit Daniel Auteuil und Fanny Ardant. Auteuil spielt darin den mürrischen Comiczeichner Victor, dem nichts mehr Freude macht. Seine Frau Marianne ist es eines Tages satt und setzt den Nörgler vor die Tür. Er findet Unterschlupf bei seinem besten Freund François, nicht ahnend, dass der der heimliche Liebhaber seiner Frau ist. Sein Sohn versucht ihn, aus seinem Stimmungstief zu locken und vermittelt ihm den Kontakt zu seinem ehemaligen Schulkameraden Antoine, der ein erfolgreiches und innovatives Unternehmen leitet, das auf Wunsch seiner Kunden vergangene Epochen rekonstruiert. Victor ist begeistert von der Idee, einen wichtigen Tag in seinem Leben noch einmal erleben zu können, auch wenn der Preis für das Event happig ist. Zum ersten Mal seit Langem erwachen wieder seine Lebensgeister. Er möchte den Tag im Jahre 1974, an dem er seine Frau in der kleinen Bar “La Belle Epoque” kennengelernt hat, noch einmal erleben. Und tatsächlich, als er zum vereinbarten Termin erscheint, ist alles so hergerichtet wie damals: die Kellner, die liebevolle Ausstattung, die Musik - und auch seine Frau erscheint in Person einer Schauspielerin und die alte Magie scheint wieder da zu sein: Sie sprechen miteinander, sie streiten, sie entführt ihn zu einer wilden Fete - und er gewinnt wieder Lust am Leben. Kein Wunder, dass er diese Welt gar nicht mehr verlassen will. Regisseur Nicolas Beso inszeniert mit viel Esprit und gewandten Dialogen sein Spiel mit Sein und Schein und schafft eine Komödie mit Niveau, die wir schon lange im Kino vermisst haben.

Einer der heiß erwartetsten Filme auf dem diesjährigen Festival war zweifellos ROCKETMAN, das Biopic über den britischen Superstar Elton John, der als Mitproduzent gemeinsam mit Ehemann David Furnish und der Film-Crew auf den Roten Teppich trat. Im Gegensatz zum eher weich gezeichneten BOHEMIAN RHAPSODY erhalten hier auch die dunklen Seiten des im Fokus stehenden Musikers Raum - und doch bleibt der Film unterhaltsam und mitreißend. Auf der After-Show-Party nach der Premiere am Strand sangen Elton John und sein filmisches Alter Ego Taron Egerton zur Freude der Gäste sogar einen Song gemeinsam. Für seine Rolle hatte sich dieser intensiv vorbereitet und Gelegenheit zu vielen Gesprächen mit Elton John. Er erhielt sogar Einblick in seine handgeschriebenen Tagebücher.
Wie schon für die Vollendung des unter schwierigen Umständen zustande gekommenen BOHEMIAN RHAPSODY zeichnet Dexter Fletcher für die Regie verantwortlich. Diesmal hatte er das Zepter aber von Anfang an in der Hand und konnte alle seine Visionen umsetzen. Auch Elton John ließ ihm freie Hand. Im Zentrum des Films stehen die Durchbruchjahre der Künstlerpersönlichkeit, in denen aus dem begabten, in schwierigen Verhältnissen aufgewachsenen Reginald Kenneth Dwight der Pop-Star Elton John werden sollte. Doch der Erfolg hat auch Schattenseiten, die sich in Alkohol- und Drogenexzessen niederschlagen, und auch Elton Johns vor der Öffentlichkeit geheim gehaltene Homosexualität wird zum Problem. Im Gegensatz zu BOHEMIAN RHAPSODY drängt Fletcher das Thema aber nicht in den Hintergrund und spart auch explizite Sexszenen nicht aus. Und so wird ROCKETMAN in die Geschichte eingehen als erster Film eines US-Majors, in der gleichgeschlechtlicher Sex auf der Leinwand gezeigt wird. Was ROCKETMAN auszeichnet, ist die virtuose Verknüpfung von rund 20 Elton John-Songs mit Spielszenen, was auch ohne Einhaltung der exakten Chronologie überaus stimmig wirkt. Auch Elton Johns exzentrischer Mode-Stil, allen voran seine extravaganten Brillen, kommen nicht zu kurz und sind ein Fest für die Sinne. So schafft es Fletcher, Tiefsinn und Unterhaltung in Einklang zu bringen.

In der Un Certain Regard war Zabou Breitmans THE SWALLOWS OF KABUL zu sehen, ein Zeichentrickfilm in der Tradition von PERSEPOLIS und TEHERAN TABU: Er erzählt von Zunaira und Mohsen; die im Kabul von 1998 unter Taliban-Herrschaft eine gleichberechtigte und glückliche Ehe führen. Beide leiden sie unter dem System, weshalb Zunaira kaum noch das Haus verlässt , weil sie es hasst, die Burka zu tragen. Als Mohsen eines Tages seinen alten Professor in der weitgehend zerstörten Uni wiedertrifft, bietet dieser ihm einen Job in einer freien Geheim-Universität an. Die Freude ist groß, und Zunaira begleitet ihren Mann zu einem gemeinsamen Treffen. Doch sie wählt die falschen Schuhe unter der Burka, was einer Kontrolle auffällt. Die Situation eskaliert, Mohsen muss in die Moschee zum Beten, während Zunaira in der prallen Sonne auf ihn warten muss. Wieder Zuhause kommt es zum Streit, bei dem Mohsen mit dem Hinterkopf auf einen Steinsims fällt. Nun wird Zunaira des Mordes angeklagt und eingesperrt, was sie mit dem Protagonisten einer Nebengeschichte zusammenbringt. Es ist ihr Wächter im Gefängnis, der eine todkranke Frau zuhause hat und mit den politischen Verhältnissen auch nicht einverstanden ist. Er recherchiert Zunairas Fall und ermittelt, dass es ein Unfall war, doch davon wollen die Taliban nichts wissen, und so tüfteln die beiden einen originellen Fluchtplan aus. Breitman gelingt eine stimmige Parabel auf die Taliban-Herrschaft und zeigt den ungebrochenen Willen der Bevölkerung, die Hoffnung nicht aufzugeben.

Eine ähnlich einfach gestrickte Parabel, die umso mehr ans Herz geht ist auch ADAM von Maryam Touzani, die von Abla erzählt, die eine kleine Bäckerei in Casablanca betreibt. Seit dem Tod ihres Mannes, muss sie das Geschäft alleine führen, um ihre achtjährige Tochter Warda aufziehen zu können. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter ist zwar liebevoll, aber von einer gewissen Strenge geprägt, denn Abla fordert Disziplin und Gehorsam, um das gemeinsame Überleben schaffen zu können. Als eines Tages Samia, eine schwangere junge Frau, bei ihr anklopft und um Obdach bittet, lehnt Abla ab, doch als sie sie abends auf der Straße ihr Lager errichten sieht, revidiert sie ihre Entscheidung und bietet ihr für eine Nacht Unterschlupf. Schnell erkennt Samia die Situation, solidarisiert sich mit der Tochter und macht sich im Haushalt nützlich. Und als sie dann noch ein Gebäck nach dem Rezept ihrer Großmutter herstellt, das zum Seller im Straßenverkauf avanciert, erkennt auch Abla, dass ein wenig Hilfe von Vorteil sein kann. So kehrt in den nunmehr Drei-Frauen-Haushalt nicht nur Solidarität und gegenseitige Fürsorge, sondern auch die Lebensfreude wieder ein.


Die 35-jährige Sophia, Hauptfigur in Monia Chokris A BROTHER’S LOVE, hat gerade ihre Doktorarbeit in Politischer Philosophie beendet, doch ihr Einstieg in den Beruf misslingt. „Sie sind einerseits für alle Jobs überqualifiziert, andererseits haben Sie keinerlei praktische Erfahrung“, fasst es die Jobvermittlerin uncharmant zusammen. So steht Sophia nun statt vor einer glänzenden Karriere vor einem Schuldenberg und ist gezwungen, bei ihrem älteren Bruder einzuziehen, mit dem sie ein sehr enges Verhältnis hat. Der nimmt sie gerne auf, doch das symbiotische Verhältnis zwischen den Geschwistern wird auf eine Probe gestellt, als Karim seine Schwester als moralische Stütze zu einer Abtreibung begleitet und sich Hals über Kopf in deren Ärztin Eliose verliebt. Voller Eifersucht beobachtet Sophia die sich immer weiter festigende Beziehung und gerät in eine Lebenskrise. Das Debüt der Schauspielerin Monia Chokri über eine junge Frau, die versucht, erwachsen zu werden und auch ohne Job, Beziehung und Familie, eine Position im Leben zu finden, ist stellenweise etwas zu burlesk geraten. Dabei kupfert sie ein wenig von Xavier Dolan ab, mit dem sie - unter anderem in HEARTBEATS - schon mehrfach zusammengearbeitet hat, ohne jedoch dessen tiefsinnige Leichtigkeit zu erreichen.

Mit LIBERTÉ, einem Historienfilm basierend auf einer von ihm entwickelten Geschichte, wartete Albert Serra auf. Zuvor hatte er diese bereits als Theaterstück in der Berliner Volksbühne umgesetzt. Wieder mit dabei: der inzwischen 75-jährige Helmut Berger, der schon auf der Bühne die Rolle des Duc de Walchen übernahm. Liberté spielt 1774 kurz vor der Französischen Revolution. Eine Gruppe französischer Libertins, die vom Hofe König Ludwig XVI. verbannt wurden, treffen sich im deutschen Exil auf einer Waldlichtung irgendwo zwischen Potsdam und Berlin. Dort leben sie eine Nacht lang ohne Tabus ihre geheimen sexuellen Phantasien aus.
Serra setzt den zügellosen Lebensstil des Adels als Gegenentwurf zu den eingeengten Verhältnissen am französischen Hofe explizit in Szene und nimmt dabei Anleihen an den Experimentalfilm der sechziger Jahre. Im Gegensatz zu seinem letzten Cannes-Film DER TOD VON LUDWIG XIV. mit Jean-Pierre Léaud in der Rolle des dahinsiechenden Sonnenkönigs ist der menschliche Körper hier kein Gefängnis und dem Untergang geweiht, sondern wird zum Experimentierfeld der Lust. Leider ist die eigenwillige Mischung zwischen Kostümfilm und Hardcore-Pornografie mit historischem Bezug - trotz zahlreicher literarisch-philosophischer Bezüge unter anderem zu Marquis de Sade - in Inhalt und Umsetzung zu schwach, um nachhaltiges Interesse zu wecken.

Annie Silversteins Langfilmdebüt BULL ist die Coming of Age Geschichte von Kris, einem jungen Mädchen, das aus der Tristesse ihres Daseins in einem Kaff irgendwo in Texas ausbrechen möchte. Weil ihre Mutter im Gefängnis sitzt, lebt sie zusammen mit ihrer kleinen Schwester bei der Großmutter, die den Teenager nicht aus den Augen lässt. Angesichts der Enttäuschung über ihre Tochter, erwartet sie von ihrer Enkelin auch nur Negatives, was sie durch Verbote und Restriktionen verhindern will. Doch Kris lässt sich nicht einsperren und stellt immer wieder etwas an. Zuletzt bei ihrem Nachbarn, bei dem sie eine wilde Fete feiert, als er mal ein paar Tage verreist ist. Er verzichtet auf eine Anzeige bei der Polizei, wenn sie die Wohnung wieder herrichtet und ihm auch darüber hinaus zur Hand geht. So lernen sich die beiden kennen, und als er Kris schließlich mit zu seiner Obsession, dem Rodeo nimmt, erkennt sie eine Möglichkeit, ihrem trostlosen Dasein zu entfliehen. Dass dies nicht nur Willenskraft, sondern auch Disziplin und Arbeit bedeutet, muss sie zwar erst noch lernen, doch sie scheint auf dem rechten Weg.
Silverstein gelingt es, das Setting besonders gefühlvoll in Szene zu setzen. Ihre Charakterisierung des Teenagers ist nicht nur feinfühlig, sondern auch absolut plausibel. Sie schwankt zwischen Rebellion gegen ihre Oma und großer Zuneigung und Verantwortung für ihre kleine Schwester, ihr Hund ist ihr ergebener Freund, wenn es darum geht, mal wieder Dampf abzulassen. Leider konzentriert sich dann die zweite Hälfte zu sehr aufs Rodeo und baut einen Mythos auf, der hierzulande wohl schwer verständlich ist.

Ganz am Rande des Festivals konnte man dann noch alte Bekannte wieder treffen, die es längst nicht mehr nötig haben, um Preise zu konkurrieren, sondern nur noch ihr eigenes Ding machen. So zum Beispiel Gaspar Noé, dessen Film Lux Æterna (Alamode), schon mit seiner ungewöhnlichen Länge von 50 Minuten auffällt und als Midnight Screenings zu sehen war. Béatrice Dalle spielt hier eine Regisseurin, die eine Hexenverbrennung in Szene setzen will. Die Hexe soll Charlotte Gainsbourg spielen und so treffen sich die beiden Frauen, die Filmgeschichte schrieben, erst einmal zu einem lockeren Gespräch, in dem allerhand Branchen-Gossip ausgetauscht wird, bevor sie die anstehende Filmszene besprechen. Dann geht es ans Set, für das eine Diskothek umgebaut wurde, hinter den Kreuzen mit Scheiterhaufen sorgt eine Videowand für den entsprechenden Hintergrund. Doch eine technische Panne, sorgt für Aufruhr, denn während sich Charlotte Gainsbourg vor lodernden Flammen erotisch auf dem Scheiterhaufen räkelt, gibt es eine technische Störung. Aus den Boxen ertönen sich zunehmend steigernde Techno-Klänge, die von wirrem Bildrauschen und Dropouts auf der Leinwand begleitet werden. Während Dalle versucht, den Take abzubrechen, halten Kameramann und Tontechniker drauf und tatsächlich wandelt sich Gainsbourgs anfänglich erotischer Todestanz in einen schmerzverzerrten Todeskampf, an dem nicht nur die Darsteller und das Team, sondern auch das Kinopublikum auf merkwürdige Weise teilhaben. Zwar hat der Film keine Kinolänge, ist aber dennoch eine beeindrucken Fingerübung, die mehr von der Arbeit am Set vermittelt als so mancher Langfilm.

In Abel Ferraras sehr persönlichen, neuen Film TOMMASO (Neue Visionen) darf  Willem Dafoe, Ferraras Nachbar in Rom und bester Freund, sein Alter Ego, einen alkohol- und drogenabhängigen Regisseur spielen, der für seinen Entzug nach Rom kommt. Hier will er sich mit seiner jungen Frau und seiner kleinen Tochter ein neues Glück aufbauen. Doch er ist immer noch nicht der Sprache mächtig, jedenfalls nicht so gut, dass er die aufkommenden Reibereien und Streitereien verbal auflösen könnte. Wer hier eine erzählerische Struktur sucht, liegt wie meist bei Ferrara falsch, vielmehr ist der Film ein emotionaler Scherbenhaufen, mit sehr schönen Momenten und allerlei wenig nachvollziehbaren Wutausbrüchen, die die Zerrissenheit des Regisseurs zwischen den Fehlern der Vergangenheit und seinen Wünschen und Träumen für die Zukunft zeigt. Am unterhaltsamsten ist der Film noch, wenn er in der Rehab alte Hollywood-Geschichten erzählt. Wenn er am Ende den heimlichen Lover der Mutter seiner Tochter erschießt und sich vor dem Bahnhof Termini kreuzigen lässt, kommt auch noch seine Religiosität ins Spiel, die aber merkwürdig unaufgelöst bleibt.

Für FAMILY ROMANCE, LLC., den Werner Herzog mit japanischen Schauspielern in Japan auf japanisch verwirklichte, ohne der Sprache mächtig zu sein, hatte er eine wirklich tolle Filmidee. Er beschreibt eine Firma, die zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten Familien einen Schauspieler zur Verfügung stellt, der die Vaterrolle übernimmt. So bucht zum Beispiel eine Mutter einen solchen Schauspieler, der ihrer Tochter den fehlenden Vater wenigsten für ein paar Tage vorspielt. Es gibt aber auch schnödere Beispiele, wenn etwa der wirkliche Vater Alkoholiker ist, man aber einen braucht, den man vorzeigen kann, wenn er bei der Hochzeit seine Tochter zum Altar führt. Beinahe beiläufig bekommen diese kleinen Geschichten eine ungeheure Tiefe und dringen tief in die japanische Kultur und Sitten ein. Doch scheint Herzog mehr am Geschäftsmodell interessiert als am Schicksal seiner Protagonisten und so macht er immer wieder neue Fälle auf, anstatt die alten in ihrer emotionalen Tiefe auszuloten. So vergibt er die Möglichkeit, die eher verschlossene japanische Gesellschaft einmal aufzubrechen und verbleibt lieber an der Oberfläche. Dennoch gelingt ihm ein Blick auf ein Land, zerrissen zwischen alten Traditionen und moderner Leistungsgesellschaft, über das man gerne mehr erfahren hätte.

In 2007 stellte Leila Conners ihren von Leonardo DiCaprio produzierten Dokumentarfilm THE 11TH HOUR in einer Reihe vor, in der in Cannes besonders engagierte Dokumentarfilme zu sehen sind. Hier hat Al Gore AN INCONVENIENT TRUTH vorgestellt, der später einen Oscar gewann und  Vanessa Redgrave ihren Flüchtlings-Aufschrei SEA SORROW. In diesem Jahr war Leila Conners zurück mit ICE ON FIRE, den wieder DiCaprio produziert hat und er spricht auch den Off-Kommentar. Der Film gibt ein Update in Sachen ‘climate change’ und beginnt recht wissenschaftlich mit CO2-Messungen und einer Zusammenfassung der historischen Entwicklung der Klima-Daten, gefolgt von einigen Bildern, die wir zum Teil aus den Nachrichten kennen, zum Teil aber auch nicht, wie die enorme Brücke, die einst über einen riesige Gletscher führte, den es längst nicht mehr gibt. So vereint Conners Fakten und ihre wissenschaftliche Interpretation mit Bildern, die man einfach nicht vergisst, um in der zweiten Hälfte mehrere Möglichkeiten zur Erzeugung regenerativer Energie und sogar clevere Verfahren, mit denne man das CO2  wieder aus der Atmosphäre kriegen kann, vorzustellen. War es in ihrem letzten Film bereits 5 vor 12, scheint es in den letzten Jahren nicht viel später geworden zu sein, jedenfalls ist ICE ON FIRE deutlich optimistischer. Wenn er auch unmissverständlich klar macht, dass die Menschen weiter die Luft verschmutzen und so den Klimawechsel heraufbeschwören, so zeigt er auch etliche Möglichkeiten und Verfahren, die einsatzbereit sind und das Schlimmste verhindern könnten. Damit bestätigt sie die Friday for Future-Bewegung , dass es noch nicht zu spät ist etwas zu tun, man muss nur endlich damit anfangen.

Zum Abschluss des Festivals wurde noch ein Film von zwei prominenten Regisseuren gezeigt: Eric Toledano und Olivier Nakache haben mit ZIEMLICH BESTE FREUNDE den wahrscheinlich größten Arthouse-Hit aller Zeiten gedreht und widmen sich nun erneut einem Sujet, das Menschen mit Behinderung und sozial Benachteiligte zusammenbringt. In HORS NORMES („THE SPECIALS“) spielen Vincent Cassel und Reda Kateb zwei befreundete Sozialarbeiter, die eine staatlich nicht anerkannte Hilfsorganisation für Autisten leiten, welche aus dem französischen Pflegesystem herausgefallen sind. Betroffen sind davon viele, denn nur wenige Betreuer sind in der Lage mit der besonders empfindlichen Wahrnehmung autistischer Menschen umzugehen und etwa auf Gewaltausbrüche angemessen zu reagieren, die entstehen, wenn diese Menschen falsch behandelt werden. Das Konzept der Organisation besteht darin, Jugendliche aus den Banlieus für die Pflege der autistischen Menschen auszubilden und somit beiden Seiten auch außerhalb der gesellschaftlichen Normen einen Ort zu geben.
Toledano und Nakache kennen die tatsächlichen Leiter des Verbands „Les silence de justes“, der sich für Autisten engagiert, schon sehr lange, da ein Familienangehöriger des Regisseurs selbst von Autismus betroffen ist. Insofern gerät ihr Film deutlich ernsthafter als der rein fiktionale „Ziemlich beste Freunde“, versucht jedoch auch hier durch Komik an eine übergreifende Akzeptanz und Menschlichkeit zu appellieren. Dank seiner sympathischen Darstellerriege, in die auch viele Autisten aufgenommen werden konnten, ist den beiden Regisseuren ein ziemlich unterhaltsamer Film gelungen, dem man einigen Klamauk aufgrund der Relevanz des Themas gerne verzeiht. Es ist berührend und faszinierend, wie Menschen, die in ganz verschiedener Weise "jenseits der Normen" sind, eine sensible Wahrnehmung und Kommunikation miteinander entwickeln.

Insgesamt konnte Cannes mal wieder mit vielen großen Namen und allerlei Glamour aufwarten und wenn auch einige Filme hinter den Erwartungen zurück blieben, so gab es auch Überraschungen, Neuentdeckungen und  jede Menge Gesprächs- und Diskussionsstoff. Was kann man von einem Festival mehr verlangen?






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