Venedig 2016

73. Filmfestspiele von Venedig - 2016

Ein Festivalbericht von Kalle Somnitz und Anne Wotschke

Klar, Venedig ist immer eine Reise wert, doch der Lido, auf dem das das alljährliche Filmfestival stattfindet, hat zuletzt deutlich abgebaut. Vor Jahren hatte der damalige Festivalleiter Marco Müller noch eine enorme Baugrube ausheben lassen und stolz die Pläne für einen neuen Festival-Palazzo vorgestellt. Doch schon im nächsten Jahr war das Geld alle und die Baugrube - fein eingezäunt - gehörte fortan zum Erscheinungsbild der Festspiele. Doch es kam noch schlimmer, das altehrwürdige Hotel de Bains wurde geschlossen und sollte in Ferienwohnungen umgebaut werden. Als dann noch das Excelsior, das zweite Hotel am Platze wegen Renovierung schließen wollte, waren die Spiele echt in Gefahr, weil die Stars nicht mehr untergebracht werden konnten. Immerhin schaffte es das Festival in den vergangenen Jahren, sich mit dem einen oder anderen Film ins Gespräch zu bringen und sogar bei den Oscars mitzumischen. Dennoch, die Bedeutung des Festivals schmolz dahin, und die Karawane zog bereits nach dem ersten Wochenende weiter nach Toronto. Für Einkäufer ist Venedig ohnehin nicht so interessant, da es keine richtige Filmmesse gibt, Kinobetreiber sind noch rarer, nur die Presse war in der Vergangenheit ein treuer Garant für die Festspiele, aber zusammen gestrichene Budgets führten auch hier zu Einschränkungen. So mussten wir uns im Vorfeld des Festival von befreundeten Kollegen sagen lassen, dass wir wohl die letzten sind, die noch nach Venedig fahren.

In diesem Jahr war jedoch alles anders. Die hässliche Baugrube war weg, dafür gab es einen grünen Rasen, auf dem uns ein neues Kino, der Sala Giardino empfing. Das Excelsior renoviert jetzt traktweise, bleibt aber geöffnet und es gibt sogar Gerüchte, die Umwandlung des de Bains bleibe mangels Investoren aus und eine große Hotelkette habe ihr Interesse an einer Wiedereröffnung des altehrwürdigen Hauses signalisiert.

Doch es kam noch besser. Neben den Rahmenbedingungen lieferte auch das Filmprogramm einige Überraschungen, über die wir in den nächsten Monaten sicher noch oft reden werden. Das fing schon gleich mit dem Eröffnungsfilm LA LA LAND (Studiocanal) an, der nicht nur für viel Glamour auf dem roten Teppich sorgte, sondern auch gute Stimmung verbreitete, die das ganze Festival über anhalten sollte. Damien Chazelle, der uns zuletzt mit WHIPLASH überraschte, lässt hier das Kinotraumpaar Emma Stone (die die Coppa Volpi als Beste Schuspielerin erhielt) und Ryan Gosling durch ein Musical tanzen, das von privaten und beruflichen Träumen sowie einer Liebe, die sich nicht erfüllt, erzählt. Er zitiert sich quer durch die Filmgeschichte und lässt den Charme der Goldenen Ära Hollywoods wieder auferstehen. In Deutschland startet der Film zu Weihnachten und sollte für volle Kinos sorgen. Unsere Langkritik zu diesem Film finden Sie unter den Filmkritiken.

Solch ein Opener ist sicherlich schwer zu toppen, doch Tom Ford nahm die Herausforderung an. Schon die Premiere seines Erstlings A SINGLE MAN fand hier statt und bescherte Colin Firth die Coppa Volpi für die Beste schauspielerische Leistung. Mit NOCTURNAL ANIMALS (UPI) kehrte er nun zurück und erzählte gleich zwei Geschichten in einem Film. Die Kunsthändlerin Susan hat sich vor Jahren von Edward, einem jungen, noch nicht so erfolgreichen Schriftsteller getrennt, um ein priviligiertes, aber unerfülltes Leben an der Seite ihres neuen Mannes führen zu können. Edward hat diese Trennung nicht so gut verwunden und in einem Roman verarbeitet, den er ihr nun zugeschickt hat. Der Film wechselt zwischen Susans Alltag und der Romanhandlung hin und her. In letzterer geht es um eine Rachegeschichte, in der der Autor auf einer Landstrasse von einer Gang angehalten wird, die seine Frau und Tochter entführen, vergewaltigen und töten. Tage später findet er sie mit Hilfe eines rachsüchtigen Polizisten wieder, splitternackt auf einem roten Sofa im Tode eng umschlungen. Dieses Bild, das einem nicht mehr aus dem Kopf gehen will, vereinigt höchste Ästhetik mit der Grausamkeit dieses Verbrechens und konterkariert die Eröffnungssequenz des Films, in der nackte Zweizentner-Frauen für die Eröffnung einer New Yorker Kunstausstellung tanzen. Diese Bilder, großartige Metaphern über die Dekadenz unseres Lebens, und die einfühlsame Geschichte um die Frage, ob man im Leben alles richtig gemacht, werden von der Romanhandlung, die eher einem amerikanischen Alptraum gleicht, konterkariert. Auch wenn am Ende inhaltlich nur eine einfache Rachegeschichte mit Hang zur Selbstjustiz übrig bleibt, hat man dennoch zwei Stunden Kino auf höchstem Niveau erlebt, was mit dem Großen Preis der Jury belohnt wurde.

Einen ähnlichen Clou landete Pablo Lorraín, der in Cannes noch mit einem Biopic zu Pablo Neruda aufwartete, das demnächst in unsere Kinos kommt, und sich nun in JACKIE mit Jacqueline Kennedy beschäftigt. Nach einem Drehbuch, für das Noah Oppenheim einen Silbernen Löwen bekam, erzählt er von den Tagen nach John F. Kennedys Tod bis zu dessen Beerdigung, und für die Rolle der ehemaligen First Lady hat er sich Natalie Portman ausgesucht, die der Stilikone mit Maske, Originalfrisur und intensivem Spiel nahe kommen will. Das ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig und wirkt auch gewollt, entwickelt sich aber in zweifacher Hinsicht. Zum einen erwärmt sich der Zuschauer allmählich mit Portmans Performance. Zum anderen entwickelt sich Jackie selbst von der behüteten First Lady, die ein TV-Team durchs Weiße Haus führt und dabei weiblich verführerisch wie Marilyn Monroe unwichtige Dinge ins Mikrofon haucht, hin zur streitbaren Mutter, die nach dem Tod ihres Mannes wie eine Löwin nicht nur für die Kinder, sondern auch für das Andenken ihres Mannes kämpft und eine feierliche Beerdigung verlangt, die ihr die Sicherheitsbehörden verweigern wollen.
Natalie Portman gelingt die Darstellung beider Frauentypen und so lässt sie uns nicht nur einen Blick hinter die Fassade einer Ikone werfen, sondern stellt auch die Frage nach der Rolle der Frau im Amerika der 60er Jahre. Dabei ist der Blick nicht nur beschränkt auf das Weiße Haus, bis heute ein Männerhaushalt, von dem sich nicht wenige wünschen, dass es von Hillary Clinton Ende des Jahres einmal richtig durchgeputzt wird. Auch in der Politik, der Press und der Gesellschaft wird die First Lady immer gerne reduziert auf ihre Funktion als Schmuckstück für den regierenden Gatten , die allenfalls die Vorhangstoffe aussuchen darf.
Am Ende kann man die Hilflosigkeit von Jackie gut nachvollziehen, die in einer Umgebung lebt, in der ihr niemand zuhört, was in einer Szene auf die Spitze getrieben wird, als Jackie Unverständnis über die Obduktion ihres Mannes äußert, weil ja wohl offensichtlich sei, woran er gestorben sei. Tatsächlich wurden aus diesen Untersuchungsergebnissen ein bis heute schwelender Streit, ob es sich bei dem Attentat um eine Einzeltat oder ein Komplott handelte. Das hätte man auch Jackie fragen können, immerhin saß sie während des Attentates neben ihrem Mann und hielt dessen Kopf. Hat man aber nicht, geantwortet hat sie trotzdem, doch zugehört hat ihr niemand.

Natalie Portman war noch in einem zweiten Film zu sehen. Außer Konkurrenz spielte sie zusammen mit Lily-Rose Depp in Rebecca Zlotowskis PLANETARIUM, der im Paris der späten 1930er Jahren spielt und von zwei Amerikanerinnen erzählt, die sich als Spiritualistinnen durchschlagen und die Aufmerksamkeit des Filmproduzenten André Korben erregen. Abgesehen davon, dass die Rolle des letzteren an den früheren Chef von Pathé angelegt sein könnte, ist der Film trotz seines Themas recht inspirationslos und konnte nicht überzeugen.

Überraschend war, das die iranischstämmige Ana Lily Amirpour, die mit ihrem Erstling A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT einen Geheimtipp landete, nun für THE BAD BATCH mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Zwar gibt dieser Preis der Jury die Möglichkeit, auch einmal einen reinen Genre-Film auszuzeichnen, doch mit diesem Film haben sie sich schon für harten Tobak entschieden. Gleich zu Anfang schockt Amirpour ihr Publikum, als sich ihre Protagonistin Samantha, die zu der Bad Batch zählt, die der amerikanische Staat in ferner Zukunft aussortiert und des Landes verweist, in der Wüste wiederfindet, von Kannibalen entführt wird, und damit sie nicht wegläuft, sogleich eines Unterschenkels und des rechtenArmes beraubt wird. Trotzdem gelingt Samantha die Flucht, doch das Glückseligkeit versprechende Camp Comfort ist fest in Sektenhand und ganz und gar nicht ihre Sache. Dass sie trotzdem nicht aufgibt und wieder in die Wüste zieht, um ihr Glück zu finden, ist wohl der Stoff aus dem Kinoträume sind. Auf jeden Fall kann man Amirpours Geschichte gut folgen, und die illustre Besetzung mit Suki Waterhouse, Keanu Reeves, Jim Carrey und Giovanni Ribisi macht diese Distopie wohl nicht nur für ein Splatterpublikum interessant.

Wenn man schon einen Genre-Film auszeichnet, dann hätten wir dies dem Science Fiction Film ARRIVAL (Sony) von Dennis Villeneuve gegönnt. Als eines Tages zwölf mysteriöse Raumschiffe zeitgleich in unterschiedlichen Regionen der Welt landen, steht die Menschheit Kopf. Alle betroffenen Staaten bilden Elite-Teams, die mit den Außerirdischen Kontakt aufnehmen sollen, doch dies gestaltet sich schwierig und zeitraubend. Die Amerikaner haben die Linguistin Louise Banks (Amy Adams) und den Mathematiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) engagiert, um den Außerirdischen näher zu kommen, als diese aber nicht auf Anhieb weiterkommen, denkt das Militär über andere Lösungen nach. Doch Louise lässt sich nicht aufhalten, ihr erster Kontakt hat in ihr etwas ausgelöst, was sie mit der fremden Intelligenz verbindet und so handelt sie bald ohne Auftrag, aber aus purer Überzeugung.
Denis Villeneuve weiß stets mit seinen Filmen zu überraschen - vom intensiven Familiendrama DIE FRAU, DIE SINGT (Oscar-Nominierung als "Bester fremdsprachiger Film" 2011), über das packende Rache-Drama PRISONERS bis hin zum knallharten Drogenthriller SICARIO. Mit ARRIVAL schuf er nun einen atemberaubenden Sci-Fi-Thriller mit einer intelligenten, außergewöhnlichen Geschichte, die ein Fest für jeden Linguisten ist. In phantastischen Bildern vermag er vom Mikrokosmos und Makrokosmos der Sprache zu erzählen, entlarvt die Kommunikation als großes Problem der Menschheit und kommt dank der Nichtlinearität der Zeit zu einem überraschenden Ende. Das alles ist ungeheuer spannend inszeniert, von hoher visueller Kraft und Innovativität. Endlich einmal wieder ein Science Fiction Film, der auf ganzer Ebene überzeugen kann.

All dies will Terence Malick in seinem Film VOYAGE OF TIME (Wild Bunch) so gar nicht gelingen. Über 40 Jahre lang arbeitete der Ausnahme-Regisseur an diesem Film, der anmutet wie die Verlängerung seines TREE OF LIFE-Intros auf Spielfilmlänge. Produziert wurde das bildgewaltige Werk von Sophokles Tasioulis (DEEP BLUE, UNSERE ERDE) und Kate Blanchett spricht im Original esotherische Texte zu den einzelnen Szenen, die der Chronologie der Erde vom Anbeginn der Zeit bis zu ihrem Ende folgen und mit faszinierenden Bildern durchaus zu beeindrucken weiß, aber nur wenig zu erzählen hat.

Damit wären wir bereits bei den deutschen Ko-Produktionen, von denen einige im Wettbewerb zu finden waren. Den höchsten deutschen Anteil hatte wohl DIE SCHÖNEN TAGE VON ARANJUEZ (NFP) von Wim Wenders, der mal wieder in 3D gedreht hat und es sich damit selbst nicht leicht macht. Dem Film liegt ein Text von Peter Handke zu Grunde, der bereits von Luc Bondy fürs Theater adaptiert wurde. Wenders bleibt werkgetreu ganz nah am Text und hat nur zwei Einstellungen, den Schriftsteller am Schreibtisch mit Schreibmaschine und dessen Protagonisten, Mann und Frau, am Gartentisch. Es soll wohl der Garten Eden sein, wo sich das letzte Zwiegespräch zwischen Mann und Frau abspielt. Es geht um Erfahrungen in der Liebe, um die Kindheit, um Erinnerungen, um das Wesen des Sommers und darum, was Männer und Frauen unterscheidet, um weibliche Sicht und männliche Wahrnehmung.
Obwohl das Theaterstück nur ein Bild hat, ist die 3D-Kamera stets in Bewegung, versucht uns die Schönheit des Gartens plastisch vorzuführen und setzt die beiden Protagonisten immer wieder neu ins Verhältnis zueinander und zu dem Garten. Irgendwie scheint Wenders hier seine Freundschaft zu Peter Handke wieder aufleben zu lassen. Gedreht wurde in französischer Sprache – was in Venedig zu dem Eklat führte, das aufgrund des 3D-Formats der Film zunächst nur mit italienischen Untertiteln zu sehen war – die weibliche Hauptrolle spielt Handkes Ehefrau Sophie Semin und Drehort ist Handkes Garten in Frankreich, wo er selber einen Cameo-Auftritt als Gärtner hat. So spricht der Film ein ausgewähltes Theaterpublikum an, das in den Filmkunstkinos zuhause ist, die aber oftmals nicht in der Lage sind, 3D zu spielen. Ihnen sei die 2D-Fassung empfohlen, die das Publikum auch zufrieden stellen sollte. Übrigens flechtet Wenders mit einer alten Wurlitzer Jukebox einen ausgesprochen ansprechenden Soundtrack in den Film ein, dessen Höhepunkt ein Auftritt von NickCave am Klavier ist.

In einem Special Screening wurde übrigens auch Nick Caves Film ONE MORE TIME WITH FEELING gezeigt, den Andrew Dominik (DIE ERMORDUNG DES JESSE JAMES…) auf dessen Wunsch in 3D und in
Schwarzweiß drehte. Als Promotionmaßnahme für sein neues Album, in dem Nick Cave den tragischen Tod seines Sohns Athur bewältigt, und für das er nicht vor die Presse gehen wollte, gibt es nun diesen Film, der leider nur als ‚alternativer content‘ einmalig in Deutschland zu sehen war und das noch im falschen Format. Nick Cave hat sich für den Film drei Bedingungen ausgebeten: Szenen, die ihm nicht gefallen, dürfen herausgeschnitten werden und das Werk soll in 3D und Schwarzweiß gedreht werden. „Von ersterer Bedingung hat er keinen Gebrauch gemacht“, erzählte Dominik in Venedig, weshalb er ihm versprochen hat, dass der Film überall auf der Welt in 3D zu sehen sein sollte. Ein Versprechen, das er zumindest in Deutschland nicht halten konnte, da die 3D Fassung keine Untertitel hatte und deshalb die meisten Kinos die untertitelte 2D-Fassung zeigten. Tatsächlich ist die 3D-Fassung aber nicht uninteressant, denn abgesehen davon, dass die beiden Nichtfarben bestens zu Cave passen, konzentriert sich der Film durch die Wegnahme der Farbe auf die Gegensätze Schwarz und Weiß. Gleichzeitig werden durch die 3D-Bilder neue Räume eröffnet, die uns einladen, tiefer in die dunkle Gedankenwelt des Künstlers einzutauchen, in der neben Trauer und Schmerz auch existenzialistische Probleme des Alltags verhandelt werden. Es wäre schön wenn man den Film irgendwann einmal in der 3D-Fassung mit deutschen Untertiteln zeigen könnte.

Eine X-Filme Produktion ist FRANTZ (X-Verleih), der neue Film von François Ozon, der quasi von der ersten deutsch-französischen Freundschaft nach dem ersten Weltkrieg erzählt. Zur eigenen großen Überraschung und überschwenglichen Freude wurde Paula Beer mit dem Marcello Mastroianni-Preis als Beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet, eine Ehre, die zuvor nur zwei Deutschen in der Geschichte des Festivals zuteil wurde: Lilli Palmer (1953 für DAS HIMMELBETT) und Katja Riemann (2003 für ROSENSTRASSE). Tatsächlich übt ihr stilles, intensives Spiel, eingefangen in beeindruckenden Schwarzweiß-Bildern, einen großen Reiz aus. Wir bleiben haften an ihrem Gesicht, in dem sich die Verzweiflung und Trauer über den Tod ihres im ersten Weltkrieg in Frankreich gefallenen Verlobten Frantz ebenso spiegeln wie die widersprüchlichen Gefühle, die sie gegenüber dem fremden Franzosen empfindet, der plötzlich in dem deutschen Heimatort des Verstorbenen auftaucht und behauptet, ihn gekannt zu haben und mit ihm befreundet gewesen zu sein. Während sich Frantz‘ Vater zunächst weigert, mit ihm überhaupt zu sprechen, betrachtet er doch alle Franzosen als Mörder seines Sohnes, zeigen sich die Frauen zugänglicher. Für Frantz‘ Mutter wird der sie so an ihren verlorenen Sohn erinnernde Fremde, der scheinbar so vieles mit ihm teilt, zunehmend zum Ersatz und neuem Familienmitglied, und auch Anna fühlt sich immer mehr von ihm angezogen.
Ozon erzählt eine Geschichte von der Angst vor dem Fremden, aber auch von Vergebung und Annäherung, in puristischen Bildern, die den Fokus auf das Zwischenmenschliche legen und die Hoffnung nähren, dass auch zwischen den ärgsten Feinden eine Versöhnung möglich ist.

Auch der 79-jährige russische Regieveteran Andrej Kontschalowski kam mit einem Film über die Aufarbeitung des Krieges an den Lido. PARADIES (Alpenrepublik), angesiedelt im Zweiten Weltkrieg zwischen 1941 und 1944, erzählt er die Geschichte dreier Menschen, deren Wege sich in Frankreich kreuzen. Da ist zum einen die russische Aristokratin Olga, die sich der französischen Resistance angeschlossen hat, der Franzose Jules, der als Kolloborateur für die Nazis arbeitet, und der Deutsche Helmut, ein SS-Mann aus guten Hause, den Himmler persönlich damit beauftragt hat, für einen reibungslosen Ablauf im Konzentrationslager zu sorgen. Beim Versuch, zwei jüdische Kinder zu verstecken, ist Olga in die Fänge der Nazis geraten. Sie wird von Jules verhört, und im Verlauf des Gespräches deutet dieser an, gegen ein sexuelles Entgegenkommen gewillt zu sein, Olga vor dem Konzentratioslager zu bewahren. Olga willigt ein, doch bevor es dazu kommen kann, wird Jules von Mitgliedern der Resistance getötet, und die junge Russin depotiert. Im Konzentrationslager trifft sie auf Helmut, der in ihr seine alte Flamme aus einer lange zurückliegenden Italienreise wiedererkennt und sich durch die Begegnung widerstrebenden Gefühlen ausgesetzt sieht. Erzählt wird auf zwei Ebenen: die eine zeigt die Handlungen der Protagonisten, in der anderen Ebene erzählen diese in einer Befragung, bei der anfangs nicht ganz klar ist, in welchem Rahmen sie stattfindet, was sie zu ihren Handlungen gebracht hat und was sie dabei gefühlt haben. Angesichts des Filmtitels liegt es nahe, dass sich die Protagonisten vor dem himmlischen Gericht befinden und sich vor einer Art göttlichen Filmkamera rechtfertigen müssen. Ein sehr düsterer und spröder Film, künstlerisch ambitioniert, aber wenig kinogerecht in Schwarz-weiß und 4:3-Format gedreht. Hat man sich aber erst einmal auf ihn eingelassen, vermag Kontschalowski mit seinem halbdokumentarisch anmutenden Stil durchaus zu fesseln. Die Jury vergab hierfür den Silbernen Löwen für die Beste Regie (ex aequo mit dem mexikanischen Regisseur Amat Escalante für den Film THE UNTAMED).

Der große Überraschungssieger des Festivals hingegen war Lav Diaz Vier-Stunden-Film DIE FRAU, DIE GING. Zum ersten Mal siegte damit ein Film von den Philippinen, zum wiederholten Male hingegen ein klassischer Autorenfilm. Diaz verlegt darin Tolstois Erzählung “Gott sieht die Wahrheit, aber er wartet” in sein Heimatland. Kurz vor der Jahrhundertwende wird eine Frau wegen eines angeblichen Mordes verurteilt, den sie nicht begangen hat. Nach 30 Jahren im Arbeitslager gesteht die tatsächlich Schuldige und sie wird freigelassen. Sie schwört Rache, doch die Welt hat sich verändert – ihr Mann ist tot, ihr Sohn verschollen und je näher sie ihrem Ziel kommt, desto fragwürdiger wird ihr Vorhaben. In überlangen Einstellungen, die bis zu fünf Minuten reichen, nimmt Diaz die desolaten Verhältnisse in seiner Heimat in den Blick, will nach eigenem Bekunden exemplarisch das Leben der armen Leute und ihrer Schicksale für die Nachwelt konservieren und ihnen Würde verleihen. Und so begegnen wir Straßenverkäufern, einem misshandelten Transvestiten und weiteren Ausgestoßenen der Gesellschaft, denen Horacia Trost spendet und statt ihren Rachegedanken zu folgen, zu einer Art Mutter Theresa wird. Im ganz normalen Kinoalltag wird es das Mammutwerk schwer haben, dennoch ein bemerkenswerter Beitrag zur Erhalt der Vielfalt der internationalen Independent-Kultur.

In Venedig darf kein Film zweimal ausgezeichnet werden, weshalb die Preise naturgemäß weit gestreut sind. In diesem Jahr ist es der Jury gelungen, eine gute Mischung zu finden, die die Spitzenpreise an die filmkünstlerisch herausragenden Werke vergab und die populäreren Film mit den restlichen Preise bedachte. So findet dann hoffentlich der Gewinnerfilm auch in Deutschland einen Verleih, während die anderen Filme durch ihre Auszeichnung an der Kinokasse profitieren.

Während die Amerikaner mit starken Filmen für den Glamour auf dem roten Teppich sorgten, kamen die Spitzen der Filmkunst eher aus dem Osten. Das europäische Kino schnitt dagegen mal wieder ausgesprochen bescheiden ab. Trotzdem seien im folgenden einige europäische Filme beschrieben, auf die wir uns gefreut haben.

Nach der Paradise-Trilogie war die Spannung auf den neuen Film von Ulrich Seidl groß - zumal allein der Titel SAFARI zahlreiche Assoziationen zu alten Seidl-Filmen weckt. Das anormale Verhalten von Österreichern auf Großwildjagd hätte ein Riesenspaß werden können, doch Seidl frist sich irgendwie im Dokumentarischen fest. Sein Film begleitet österreichische Jagdtouristen auf Safari in Afrika, zeigt ihr Warten auf die Möglichkeit zum Goldenen Schuss. Anschließend fotografiert man sich und die Trophäen und beglückwünscht sich mit einem Waidmannsheil. Das alles ist wie immer bei Seidl ausreichend dekadent beschrieben, doch der große Wurf will ihm nicht gelingen, zu wenig rührt er in den Abgründen seiner Protagonisten, verliert sich vielmehr in der ausführlichen Beschreibung des Sterbens und der weiteren Verarbeitung der Tiere. Allein einer erlegten Giraffe das Fell abzuziehen nimmt ca. 15 Minuten in Anspruch. Dagegen rückt seine Gesellschaftskritik geradezu in den Hintergrund. Schließlich scheint das Tun seiner Protagonisten nicht einmal ungesetzlich zu sein, und die Tatsache, dass man das Tier, das man erlegen will, vorher im Internet kaufen kann, stört auch keinen mehr. Nur in den Interviews mit den Beteiligten schimmern manchmal unglaubliche Naivität und dann wieder merkwürdige Weltsichten auf, die dem Film aber nicht die ihm fehlende Klarheit in der Kritik geben

Ein launiges Wiedersehen mit Emir Kusturica brachte sein neuer Film ON THE MILKY ROAD. Er selbst spielt darin einen Mann, der sein vom Krieg umlagertes Dorf mit Milch versorgt. Bei diesem lebensgefährlichen Unterfangen, das ihn immer wieder zwischen die Kriegsfronten bringt, vertraut er nicht nur auf Gott, sondern auch auf seine Freunde aus der Tierwelt, eine Schlange, die er mit Milch füttert und einen Falken, den er einst aufgezogen hat. Doch die Dinge geraten ins Durcheinander, als er sich in eine mysteriöse Italienerin verliebt, obwohl er doch der hübschen Milch-Bäuerin nach dem Krieg die Ehe versprochen hat. Kusturicas Umgang mit dem Krieg ist wild, ungeschliffen und sehr naturalistisch. Mit viel Witz und Tempo bringt er seine Farce voran, die an die Menschen und die Natur glaubt und den Krieg nur als Naturkatastrophe wahrnimmt. Dabei setzt er ganz auf seine hübschen Protagonistinnen Monica Belluci und Sloboda Mićalović, mit denen zu spielen ihm offensichtlich eine große Freude war.

Nach seinem Erfolg 2015 in Cannes mit DER WERT DES MENSCHEN (für den Vincent Lindon den Preis als bester Darsteller erhielt), brachte uns Regisseur Stéphane Brizé in diesem Jahr einen Kostümfilm mit nach Venedig, für den er ebenso viel Applaus bekam. UNE VIE (A Woman’s Life), die Verfilmung eines Romans von Guy de Maupassant aus dem Jahre 1883, wartet – wie so viele Filme in diesem Jahr in Venedig – mit einer starken Frauenfigur auf, der das Leben übel mitspielt. Die junge Baroness Jeanne kehrt 1819 aus dem Konvent zurück zu ihren Eltern. Kurz darauf lernt sie einen jungen Adligen kennen und lieben, den sie kurz darauf heiratet. Bald muss sie feststellen, dass dieser sie mit ihrer besten Freundin betrügt. Statt ihn zur Rede zu stellen, vertraut sie sich dem Priester ihrer Gemeinde an, der sie auffordert, die Untreue öffentlich zu machen. Als sie sich dem widersetzt, übernimmt der Geistliche kurzerhand diese Aufgabe und das Unheil nimmt seinen Lauf. Der untreue und der gehörnte Ehemann duellieren sich, am Ende verlieren beide ihr Leben. Jeanne wendet nun all ihre Liebe ihrem Sohn zu, doch der gerät nach dem Vater. Er verlässt das Elternhaus, macht immer wieder hohe Schulden, die seine Mutter immer wieder begleicht, weil sie die Augen verschließt vor dem Charakter ihres Sprößlings und seinen offentlichtlichen Lügen – bis sie selbst fast mittellos dasteht. Hauptdarstellerin Judith Chemla trägt den Film mit ihrem nuanierten Minenspiel und ihrer Körpersprache, die oft mehr ausdrückt, als Worte es vermocht hätten. Glaubhaft und ohne dabei allzusehr auf das Talent der Maskenbildnerin angewiesen zu sein, stellt sie die sich über ein Vierteljahrhundert erstreckende Wandlung einer unschuldigen jungen Frau zu einer vom Leben tief enttäuschten Witwe dar, der auch die letzten Illusionen genommen werden und die dennoch versucht, ihre Würde zu bewahren.

Mit dem Neo-Western BRIMSTONE (Koch Media) - einer Gemeinschaftsproduktion der Niederlande, Deutschlands, Belgiens, Frankreichs, Großbritanniens und Schwedens - wartete Martin Koolhoven in Venedig auf, eine epische Erzählung in vier Kapiteln: Revelation (Offenbarung), Exodus, Genesis (Genese) und Retribution (Vergeltung), wobei erst später zu Tage tritt, dass hier nicht chronologisch erzählt wird. Immer im Mittelpunkt: Dakota Fenning, im ersten Kapitel als stumme Hebamme Liz eingeführt, die in einer kleinen Stadt im „Wilden Westen“ des 19. Jahrhunderts mit liebevollem Ehemann und zwei Kindern lebt. Ihr friedliches Leben hat jedoch ein Ende, als ein neuer Reverent (Guy Pierce) in die Gemeinde kommt, der sie und ihre kleine Tochter von Beginn an bedroht. Nachdem ihr Mann dann auch noch brutal ermordet wird und sie nun völlig schutzlos ist, entschließt sich Liz zu fliehen. In den folgenden beiden Kapiteln erfahren wir – rückwärts erzählt – die Vorgeschichte der Protagonistin, einer starken Frau, die allen ihr widerfahrenden schrecklichen Dingen trotzt und unendlichen Willen aufbringt, um sich und ihren Nachwuchs zu schützen. Am Ende nimmt sie Rache - und diese gerät ebenso blutig wie der gesamte Film. Leider werden der Reverent, ein religiöser Fanatiker und Vertreter eines verlogenen Calvinismus, auf der einen Seite und Liz als aufopferungsvoll handelnde Heldin, die sich der Gewalt der Männerwelt widersetzt, allzu Schwarzweiß gezeichnet. Kohlhoven nimmt zwar deutliche Anleihen an Tarantino, lässt aber dessen subversiven Humor vermissen, so dass BRIMSTONE zuweilen eher an eine Schlachtplatte erinnert, die starke Nerven erfordert, als eine kraftvolle Hommage an eine frühe weibliche Emanzipation.

Eine wunderbare Farce ist Peter Brosens und Jessica Woolworth mit KING OF THE BELGIANS gelungen, in einem fiktiven Europa spielend, wo der belgische König auf Staatsbesuch in der Türkei ist, um deren Aufnahme in die EU zu feiern. Da erreicht ihn wie aus heiterem Himmel die Nachricht, Wallonien habe die Unabhängigkeit erklärt. Der König will sofort zurück nach Belgien, um den Zerfall seines Königreiches zu verhindern, doch ein heftiger Solarsturm hat den Flugverkehr in ganz Europa lahm gelegt. Da ihn die türkischen Behörden aus Sicherheitsgründen nicht ausreisen lassen, lässt er sich auf das windige Angebot eines britischen Filmemachers ein, der eigentlich sein Image durch einen Film aufpolieren sollte und ihm nun ein halbseidenes Angebot macht, ihn mit einem Kleinbus über die Balkanrute sicher zurück nach Belgien zu bringen. Doch aus dem vermeintlich sicheren Trip wird eine Odyssee durch ein Europa, wie es der König noch nicht gesehen hat. Die königliche Reise, die mit allerlei Pannen zu kämpfen hat und dabei immer die Türken im Nacken weiß, ist eine ausgesprochen vergnügliche Farce auf ein gemeinsames Europa, das eigentlich nicht viel gemeinsam hat.

Thematisch sicherlich schwierig in Deutschland, aber aufgrund seiner schauspielerischen Leistungen umso sehenswerter, war Nick Hamms THE JOURNEY, der außer Konkurrenz gezeigt wurde. Nach vierzig Jahren Nordirland-Konflikt treffen sich die beiden Führer der gegnerischen Parteien auf Vermittlung der britischen Regierung in Schottland, um einen Friedensvertrag auszuhandeln. Gespielt werden die beiden Führer von Colm Meaney und Timothy Spall. Was diese beiden alten Haudegen, die seit Jahrzehnten nicht mehr miteinander gesprochen haben, verbindet, ist nicht nur ihr Alter, sondern auch der Wille, den langen, blutigen Konflikt zu einem positiven Ende zu bringen, um nicht als Kriegshetzer in die Geschichte einzugehen. Erkannt hat das William Hurt, der einen Mitarbeiter der englischen Regierung spielt und die Gunst der Stunde nutzt, um die beiden auf eine präparierte Autofahrt zu schicken, auf der sie angeblich allein, tatsächlich aber unter Aufsicht der britischen Regierung, miteinander reden können. Doch das Gespräch kommt nicht in Gang , und so muss der junge Chauffeur der beiden ein wenig nachhelfen, in dem er seine Fahrgäste bei der Eitelkeit packt und vorgibt, sie nicht zu kennen. Das wiederum fordert deren Stolz heraus. Sie setzen sich in Szene, um sich voneinander abzugrenzen. Dabei erkennen die Blutfeinde viele Gemeinsamkeiten, die ihren jahrzehntelangen Kampf am Ende fragwürdig erscheinen lassen. So finden die beiden eine historische Lösung, beenden ihren Streit und gehen zusammen als Prime- und Vice-Minister unter dem Namen “Chuckle-Brothers” in die Geschichtsbücher ein. Was sich zunächst nicht sonderlich spannend anhört - zwei Männer diskutieren und streiten auf der Rückbank einer Limousine – entpuppt sich als ein äußerst unterhaltsames historisches Dokument.


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