Der Gilden-Dienst Nr. 02-2020

Die Wütenden – Les Misérables

von Ladj Ly

(Wild Bunch, Kinostart 23. Januar 2020)

Dass es in den Außenvierteln von Paris Probleme gibt ist bekannt. Seit vielen Jahren ist das so. Der französische Staat scheint damit nicht zurecht zu kommen. Woran liegt es? Am ständigen neuen Zuzug? An der Wut von Teilen der Bevölkerung wegen einer gewissen Vernachlässigung? An der Bürokratie?

Dieser Film beleuchtet – zwar in erfundener Weise – gewisse Zustände.

Chris und Gwada sind Polizisten, Flics, wie man in Frankreich sagt. Stéphane kommt aus der Provinz neu dazu. Letzterer hat von seinem Beruf noch eine korrekte Auffassung, während die beiden anderen sich wegen der herrschenden Bedingungen längst eine gewalttätigere Art zugelegt haben.

Eine Schwierigkeit stellen die – meist farbigen – Kinder dar, die noch nicht straffällig sind, die jedoch nicht nur spielen sondern auch herumstreunen und sich bei weitem nicht immer korrekt verhalten. Soeben haben sie aus einem von Zigeunern geleiteten Zirkus ein Löwenbaby gestohlen – das Viertel ist in hellem Aufruhr.

Alle geraten sie jetzt deshalb aneinander: ein selbsternannter farbiger Bürgermeister; ein frommer Muslim, der offenbar auch aufgrund seiner Religion Löwen eine besondere Bedeutung beimisst; die drei Polizisten natürlich; ein Clan-Chef mit seinen ständig verfügbaren Helfershelfern; der Zirkusdirektor mit seiner Truppe; die Jungen, die den Diebstahl begangen haben; ein Bub, der mit einer Drohne alles filmte und dadurch die Polizisten in ernsthafte Schwierigkeiten bringt.

Dramatisiert, milieumäßig und filmisch gestaltet sowie schauspielerisch dargestellt ist das sehr, sehr gut.

Und die Macher versuchten auch, sich moralisch ernsthaft mit der oft heiklen Situation auseinanderzusetzen. Dazu gibt es durchaus gültige Aussagen – auch wenn eine definitive Erkenntnis, positiv oder negativ, nicht so ohne weiteres möglich ist.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Das Vorspiel

von Ina Weisse

(Port au Prince, Kinostart 23. Januar 2020)

In erster Linie eine ausgezeichnete Rolle für Nina Hoss.

An einer Musikschule ist Anna Bronsky Lehrerin für Geige. Mit nicht weniger als vier „Männern“ hat sie es zu tun: ihrem französischen Ehemann Philippe, einem Instrumentenbauer, ihrem etwa 11jährigen Sohn Jonas, der lieber Eishockey spielt als auf der Geige zu üben, ihrem  Geliebten Christian, und ihrem bevorzugten Schüler Alexander, der mit seinem Geigenspiel schon ganz schön weit fortgeschritten ist.

In den sehr unterschiedlichen Beziehungen zu diesen vier kann man Annas derzeitigen seelischen Zustand ablesen – und das ist im Grunde der geistige Inhalt dieses Films.

Der Ehemann ist korrekt zu ihr, hat aber aufgrund ihres unsteten Verhaltens bis zu einem gewissen Grad resigniert; auch ihr Sohn entfernt sich eher von ihr; ihr Geliebter ist diskret und treu; ihr Geigenschüler Alexander wird von ihr mit schwierigster Musik u.a.von Johann Sebastian Bach unablässig gedrillt.

Anna selbst ist eine gute Violinistin, spielt bei einem Konzert in einem Quintett mit. Ihre Passion für gute Musik ist unbestritten, doch es gibt eben auch die Kehrseite. Sie hat Versagensängste, ist innerlich zerrissen, sie leidet an Minderwertigkeitsgefühlen, ist äußerst verletzlich, sie stellt an sich hohe Ansprüche, bleibt jedoch zu instabil.

Das Problem: Sie überträgt diesen ungeheuren Druck in unzumutbarer Weise auf ihren Schüler Alexander – und deshalb geschieht diesem gegen Schluss des Films auch ein Unglück.

Kann Anna ihr entgleistes Leben wieder auffangen?

Der prekäre emotionale Zustand dieser Frau – in einem im Grunde sachlichen und friedlichen Milieu – ist während des gesamten Films dramatisch, nicht immer leicht einsehbar aber hinnehmbar. Der Dreh war jedoch nur mit der darstellerischen Potenz einer Nina Hoss realisierbar. Ohne sie hätte „Das Vorspiel“ vielleicht gar nicht entstehen können.

Jojo Rabbit

von Taika Waititi

(Disney, Kinostart 23. Januar 2020)

Deutschland, 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Nationalsozialisten sind noch an der Macht. Der 10jährige Johannes Betzler, Jojo genannt, freut sich, beim sogenannten Jungvolk, Vorstufe der HJ (Hitlerjugend), mitmachen zu dürfen. Die Buben marschieren, werden auf den Kampf oder den Krieg vorbereitet, werfen Granaten, machen Geländespiele, werden mit Nazi-Propaganda befeuert, verbrennen Bücher, hören ununterbrochen Hetze gegen alles Jüdische – „Juden sind Monster“. Die Mädchen sollen früh genug schwanger werden; „dem Führer ein Kind schenken“ hieß das damals.

Jojo, der sich in der Truppe weigert, einem Hasen den Hals zu brechen, riskiert mehr oder weniger ausgestoßen zu werden. Doch er hat „geistige“ Hilfe. Er bildet sich nämlich ein, Hitler persönlich erscheine ihm immer wieder und gebe ihm Ratschläge, sei sein Freund.

Die Mutter, die nach außen hin eher als Nationalsozialistin auftritt, hilft in Wirklichkeit den Juden. Sie hält eine junge Jüdin, die Elsa, versteckt. Jojo findet sie, freundet sich mit ihr an, möchte sie lieben, will ein Buch über sie schreiben.

Die wahre Identität der Mutter wird von den großkotzigen kriminellen Nazis erkannt. Sie wird getötet. Jojo beginnt zu begreifen.

Die Alliierten sind endlich da. Die Nazis werden in den Boden gestampft.

Die literarische Vorlage stammt von der Autorin Christine Leunen. Der Neuseeländer Taika Waititi, der gleichzeitig den Hitler spielt, machte daraus einen szenischen Rundumschlag. Eine satirische und auch filmische Idee (plus Milieuschilderung) folgt auf die andere. Manche sind originell, skurril, zugespitzt, schlagkräftig und treffend, andere sind absurd und nicht besser als die billigsten Comics! Vielleicht wird dies auch an einem sprachlichen Beispiel deutlich. In einem Kommentar sagte Waititi, er wolle mit dem Film „alle Rassisten anpissen“. Gleichzeitig zitiert er aus dem „Stundenbuch“ von Rainer Maria Rilke.

Bewundernswert, wie der junge Roman Griffin Davis, seinen Jojo spielt.

In Toronto gab es für „Jojo Rabbit“ den Publikumspreis.

Klavierstunden

von Ken Wardrop

(déjà vue, Kinostart 16. Januar 2020)

Von  Beethoven stammt der im Film festgehaltene Satz, eine falsche Note zu spielen sei unbedeutend, unverzeihlich sei es aber, ohne Leidenschaft zu spielen.

In Irland, so wird gesagt, bereiten sich jedes Jahr nicht weniger als 30 000 Lernende auf ein Klavierspiel-Examen vor. Eine erfreuliche Auskunft, und durch diesen Dokumentarfilm bekommt man eine Ahnung, wie dies abläuft.

In der Musikschule oder zu Hause, überall wird geübt. Bei Kindern, die gerade einmal 4 oder 5 Jahre alt sind, geht das schon los. Die Väter und die Mütter helfen mit, vor allem die Lehrerinnen und Lehrer. Ein ganzes Dutzend davon wird hier vorgestellt. Sogar eine Nonne ist dabei.

In sieben oder acht Graden wird das Können gemessen. Beim ersten Grad ist der Genuss noch nicht sehr groß, doch mit jedem höheren Grad wird es besser. Vor allem ein kleines Mädchen – es dürfte 6 oder 7 Jahre alt sein – spielt bereits konzertreif. Ein Wunder an Begabung.

Einfach ist es nicht: den richtigen Anschlag finden, gerade am Klavier zu sitzen, immer den Rhythmus beachten, stundenlang üben, warten können sowie Disziplin und Geduld haben, dem Examen entgegenfiebern.

Bis zur Perfektion ist es weit.

Man darf den Übenden die Freude nicht nehmen, sagen die Lehrer. Oder: Die Musik kann das Leben verändern. Einer Frau in diesem Film scheint sie gar aus der Krankheit heraus geholfen zu haben.

Musik von Bach ist zu hören aber auch von Bartok, von Mozart und Haydn aber auch von Prokofiev, von Schubert aber auch von Grieg. Beethoven, Schumann und Chopin fehlen nicht.

Es ist ein technisch und inszenatorisch äußerst einfacher, gar eigenartiger Film. Doch er berichtet von etwas Gutem: von der Freude aller an der Musik, von der Kraft, die sie verleiht, vom lebendigen Geschenk, die sie für jeden persönlich sein kann.

Der Regisseur dazu: „Ich denke,wenn man meine Filme anschaut, dann sind sie über sehr gewöhnliche Dinge, und gerade dadurch versuche ich, das Außergewöhnliche im Leben herauszufinden.“

Für Interessierte.

 

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Datum: 13.01.2020