Der Gilden-Dienst Nr. 03-2020

Ein verborgenes Leben

von Terence Malick

(Pandora, Kinostart 30. Januar 2020)

40er Jahre. Hitler führt gegen halb Europa Krieg. Im österreichischen Alpendorf Radegund lebt der Bauer Franz Jägerstetter mit seiner Frau und seinen drei kleinen Mädchen. Sie sind eine Musterfamilie: Sie lieben sich, sie sind arbeitsam, sie sind fromm, sie sind (noch) keineswegs unbeliebt.

Franz ist im Soldatenalter, also muss er einrücken. Eine erste Periode, in der seine Frau Fanny den Hof allein bewältigen muss. Gottlob ist ihre Schwester mit dabei.

Der Krieg geht weiter. Franz war zwar inzwischen heimgekehrt, doch muss er jetzt wieder zur Wehrmacht. Es ist inzwischen 1943. Die deutschen „Erfolge“ sind dahin, es scheint, vor allem nach Stalingrad, abwärts zu gehen.

„Was geschah mit unserem Land?“ – „Erkennt denn keiner das Böse?“

Franz müsste jetzt einen Eid auf den unseligen Hitler schwören. Doch zu viele Verbrechen sind von deutscher Seite aus geschehen, er kann einen solchen Eid mit seinem Gewissen nicht vereinbaren. Also wird er gefangen genommen – riskiert ein Todesurteil.

Die Wochen und Monate vergehen. Fanny schuftet ununterbrochen, um die Landwirtschaft zu erhalten. Zurzeit bleiben nur die liebevollen, schönen Briefe.

In ihrem Dorf schwankte schon bald die Stimmung. Die meisten Einwohner fingen an, sich wegen Franzens Haltung gegen die Jägerstetters zu wenden; sie fürchteten die Rache der Nazis. Selbst der Pfarrer (Tobias Moretti), der ebenfalls keine Nachteile riskieren wollte, riet Franz zur Einsicht, zum Nachgeben, zur Erfüllung seiner „Pflicht“. Langsam wurde es für die Familie gefährlich. „Verräter!“

Fanny ist allein, arbeitet, arbeitet, arbeitet. Franz hat eine schwere Zeit im Berliner Gefängnis Tegel. Er wird schlecht behandelt, auch gefoltert.

Tage-, wochenlang denkt er nach, prüft sich. Doch er kann seine Auffassung nicht ändern. In Begleitung ihres Vaters (Ulrich Matthes) besucht Fanny ihn im Gefängnis. Keine Änderung.

Jetzt wird ihm der Prozess gemacht. Wieder keine Änderung. Er wird zum Tode verurteilt. In Begleitung des Dorfpfarrers besucht Fanny ihn erneut. Sie sieht ihn zum letzten Mal. Alle haben auf ihn eingeredet, er solle wenigstens zum Wohle seiner Familie, seiner Kinder die Eidesformel unterschreiben. Sie: „Tu das Richtige.“ Er: „Es ist mir nicht möglich, euch von diesem Kummer zu erlösen.“ – „Wir sehen uns wieder.“

Eine wahre Geschichte.

Terence Malick berichtet dies alles mit einiger geistigen Tiefe, mit dem Aufzeigen von Franzens langem inneren Kampf, mit glaubhaften religiösen Bezügen – „Der Antichrist ist schlau“ –  „Gott hat uns verlassen“ – „Lieber Ungerechtigkeit erfahren als Ungerechtigkeit tun“ -, mit vielen schönen bäuerlichen Szenen, mit herrlichen Landschaftsaufnahmen, mit eigenen philosophischen Gedanken, mit Poesie auch –  und manches Mal mit einigen Längen.

Rein filmisch und inszenatorisch allerbeste Qualität.

Erstaunliche Darstellerleistungen, vor allem von August Diehl als Franz und Valerie Pachner als seine Frau.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Sorry We Missed You

von Ken Loach

(NFP, Kinostart 30. Januar 2020)

Ken Loach ist schon seit vielen Jahren ein Klassiker, also konnte man auch auf seinen neuesten Film gespannt sein. Um es vorweg zu sagen: Er hat wohl etwas zu viel Drama hineingepackt. Trotzdem: Der Film macht Eindruck und zeigt auf eine erschütternde Weise, wie es im gesellschaftlichen Leben zugeht, wie die heutige Zeit ist.

Ricky und Abby sind die Eltern, Sebastian und Liza die Kinder. Die Vergangenheit der Familie – das wird angedeutet – war schon problematisch genug, daher die Schulden. Dass es nicht viel besser weitergeht, zeigt „Sorry we missed You“.

Abby ist Krankenpflegerin. Sie müsste einen genauen Zeitplan verfolgen, doch das ist bei weitem nicht immer möglich, denn die Alten, die sie pflegt, leben keineswegs nach Plan. Sie musste außerdem ihr Auto verkaufen.

Warum? Weil Ricky als Paketzusteller einen eigenen Transporter benötigt. Er selbst hat noch viel härtere Bedingungen. Es kommt bei ihm auf jede Minute an, auch wenn die alltäglichen Umstände wie beispielsweise der Straßenverkehr nie und nimmer vorauszuberechnen sind. Bei Versäumnissen sind die Strafen hoch, die allgemeinen Kosten sowieso. Sein Chef handelt korrekt, aber hart. Nicht die geringste Abweichung ist möglich. Die aber sind, wie sich herausstellen wird, unvermeidbar.

Zum Beispiel wegen Sebastian, Seb genannt. Er ist an die 17, voll in der Pubertät, besprüht mit seinen Freunden lieber die Wände als in die Schule zu gehen. Ein Drama mit dem Vater kann im Grunde gar nicht ausbleiben.

Ganz anders die Liza. Sie ist ein braves, äußerst sympathisches Mädchen.

Ricky wird überfallen, bestohlen und von den Verbrechern übel zugerichtet. Die Familie will ihn beschützen, doch er sieht nur, dass er weiterarbeiten muss. Verwundet wie er ist, steigt er in seinen Transporter und rast davon.

Wir das gut gehen?

Wie gesagt, die Lebensbedingungen vor allem der unteren Einkommensschichten sind in zahllosen Ländern härter geworden. Und was tut Ken Loach? Er stellt das Dasein der Familie, die er schildert, auf eine absolut authentische und wahre Weise dar. Die Vorfälle stimmen, das Milieu stimmt, die Gefühle der Familienmitglieder zueinander stimmen, die Dramatik, ja Tragik, stimmt, das Spiel der Darsteller stimmt.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Mystify

von Richard Lowenstein

(Happy Entertainment, Kinostart 30. Januar 2020)

Hier wurde das Leben eines Menschen filmisch nachgezeichnet, der bis zum Höchsten aufstieg und bis zum Tiefsten sank.

Die Kindheit des australischen Sängers Michael Hutchence war durch das relativ oberflächliche Leben seiner Eltern und deren Trennung nicht ungefährdet, doch er hatte andererseits auch geistig fruchtbare Jugendzeiten, bildete sich stärker als seine unmittelbare Umgebung.

Sein Charisma wurde sichtbar und erlebbar.

Bald wurde die Pop- und Rockmusik erstrangig. Immer erfolgreicher wurden seine Songs (z.B. „Mystify“) und natürlich auch deren Verkäufe, immer größer die Menschenmengen, die der Band INXS zuhörten, deren Frontmann er war.

Mit Michele Bennett, Kylie Minogue oder Paula Yates hatte er schöne, intensive und vielseitige Liebesjahre – mit Letzterer allerdings auch nicht wenige Sorgen, denn sie hatte ja vor ihm mit Bob Geldof drei Kinder; da war ein Sorgerechtsstreit nicht zu umgehen. Immerhin gebar Paula ihm die kleine „Tiger Lily“.

Das Schlimmste indessen: Hutchence wurde von einem Taxifahrer geschlagen, fiel mit dem Hinterkopf auf einen Straßenrandstein, trug einen Schädelbruch davon, der sich in der Folge als geradezu tragisch herausstellte. Denn der Geruchsinn ging verloren, und außerdem starben Gehirnteile ab, die üblicherweise die Empfindungen und Emotionen unter Kontrolle haben. Sein Charakter änderte sich, emotionale Wirrungen oder Depressionen, Stimmungsschwankungen und Verhaltensstörungen waren die Folge.

Irgendwann setzte er mit nur 37 Jahren seinem Leben ein Ende.

Filmisch erlebenswert ist die charismatische Persönlichkeit des Michael Hutchence, ist für Liebhaber die ausgiebige Musik, ist überhaupt die erzählerische Vielseitigkeit dieses Films, sind die zahlreichen Archivbeiträge, sind die Zeitzeugen, sind die Liebeserlebnisse, sind ebenso – tragischerweise – die dunklen, ja tödlichen Stunden.

Eine Art modernen kulturellen Dokuments.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Die Kunst der Nächstenliebe

von Gilles Legrand

(Neue Visionen, Kinostart 30. Januar 2020)

Zweifellos behandelt der Film, wenn auch eher komödienhaft, eines der drängendsten Probleme unserer Zeit.

Die Französin Isabelle ist mit dem Bosnier Ajdin verheiratet; sie nahm ihn seinerzeit zum Mann, damit er nicht ausgewiesen werden konnte. Die beiden haben Sohn und Tochter.

Isabelles totale Aufmerksamkeit gehört der „sozialen Frage“. Sie organisiert Kleider- und Lebensmittelspenden; gibt Französisch-Sprachunterricht (auch für Analphabeten); erreicht, dass ihre Schüler öffentlich geförderte Fahrstunden zum Erwerb des Führerscheins erhalten; weigert sich, mit ihrer Familie zu einer Hochzeitsfeier nach Bosnien zu reisen; geht mit ihren Schützlingen in klassisches Theater; begeht das Weihnachtsfest anscheinend eher mit einer zusammengewürfelten Gruppe von Migranten als mit den Ihren.

Aber: Dabei vernachlässigt sie sträflich die eigene Familie, legt sich mit einer anderen Sprachlehrerin, einer Deutschen, an, nimmt es mit Angaben, die sie Behörden machen muss, nicht so genau, muss wegen ihres übertriebenen Engagements auf der einen und vielen Vernachlässigungen auf der anderen Seite schließlich mit zu einer Eheberatung.

Am Ende wird doch alles wieder gut.

Das Migrantenproblem ist wie gesagt von dringender Aktualität. Isabelle vergisst jedoch bei ihrem Totaleinsatz sich selbst, ihren Ehemann, ihre Kinder, ein vernünftiges Maß, ihr übriges Umfeld, das ebenfalls der Beachtung bedarf.

Das ergibt aus diesem Film sicherlich eine gewisse Lehre!

Inszeniert ist das alles eher komödiantisch, dabei vielseitig, lebendig und auch laut. Übertreibungen fehlen allerdings keineswegs.

Und befeuert wird das Ganze durch das äußerst umtriebige Spiel der Hauptdarstellerin Agnès Jaoui.

 

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Datum: 20.01.2020