Der Gilden-Dienst Nr. 04-2020

Intrige

von Roman Polanski

(Weltkino, Kinostart 6. Februar 2020)

Frankreich, ausgehendes 19., beginnendes 20. Jahrhundert. Der Antisemitismus treibt leider immer noch reiche Blüten.

Charakteristisch dafür ist die Skandalaffäre Dreyfus, für das Land kein Ruhmesblatt.

Der jüdische Artillerieoffizier Alfred Dreyfus wird beschuldigt, militärische Geheimnisse an Deutschland verraten zu haben. Das Gerichtsurteil: Degradierung und Verbannung auf die Teufelsinsel. Jahrelang.

Das Problem: Mit der Wahrheit hat das alles nichts zu tun. Rund ein Dutzend Generalstabsoffiziere bis hin zum zuständigen Minister, ebenfalls ein Militär, decken den wahren Spion, verstricken sich in Lügen, fälschen Dokumente, veranstalten Scheinverhöre, beschuldigen wahllos, halten bei ihren kriminellen Machenschaften zusammen, treten bei Gericht protzig auf, erreichen eine Verurteilung.

Die Richter verhandeln und urteilen alles andere als objektiv, und das gilt auch für die Geschworenen.

Ist der Antisemitismus derart stark?

Doch es gibt gottlob auch den Offizier Marie-Georges Picquart, der das üble Spiel nicht mitmacht. Er ahnt die Machenschaften, kämpft, riskiert seine Offiziersstellung, wird von seinen Vorgesetzten abgewiesen, muss sich gar duellieren, wird vom Gericht zum Schweigen aufgefordert, wird verurteilt.

Immerhin gelingt ihm eine Verbindung zur Presse, die den Skandal – nein, die vielen Skandale – aufdeckt. Es folgt der berühmt gewordene Zeitungsartikel „Ich klage an“ („J’accuse“) des Schriftstellers Emile Zola.

Dreyfus wird nach Frankreich zurückgeholt. Wieder ein Gerichtsprozess. Eine Teilbegnadigung! Wegen seiner Familie will Dreyfus sie akzeptieren. Erst viel später wird er rehabilitiert und in den ihm gebührenden Offiziersrang eingesetzt.

Bei Roman Polanski braucht man wegen der filmischen Qualität keine Angst zu haben. Und das bestätigt sich auch hier wieder. Er zeichnet die für Dreyfus tragische Geschichte minutiös, vollständig und mit einer Präzision und einer Milieusicherheit (echtes 19. Jahrhundert), die Erstaunen und sogar Bewunderung hervorrufen. Ein halbes Dutzend Acteure der Comédie Francaise hatte er zur Verfügung, was natürlich über die Darstellungskunst auch einiges aussagt. Besonders eindrucksvoll: Oscar-Preisträger Jean Dujardin als Marie-Georges Picquart.

Jede der hier agierenden Personen hat es tatsächlich gegeben.

Ein tragisches, aber historisches und politisches Kabinettstück – vielleicht sogar mit Bezügen zu heute.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Varda par Agnès

von Agnès Varda

(Film Kino Text, Kinostart 9. Januar 2020)

Im März 2019 ist Agnes Varda gestorben. Sie wurde 90 Jahre alt. Es ist phänomenal: An die 70 Jahre lang beschäftigte sie sich mit Bildern – Fotografie und Film. „Inspiration, Kreativität und Teilen“ hieß ihre Devise.

„Varda von Agnes“ heißt die Produktion. Der Titel stimmt, denn sie selbst zeigt in dem Film, was sie sich in einem unermüdlichen Künstlerleben alles ausgedacht und was sie geschaffen hat.

In ein Theater oder Kino lud sie Zuschauer ein und vor diesen erzählte sie. Unzählige Dokumentar- und Spielfilme hat sie gedreht; manche waren ein Erfolg („Cleo von 5 bis 7“), andere gingen unter. Würde man sie alle beschreiben, es käme ein Buch zustande. Doch nicht nur Filme werden gezeigt, auch Fotografien und Installationen. Die Ideen sprudelten ihr ganzes Berufsleben lang nur so aus ihr heraus.

Es gibt wenige berühmte Schauspieler – französische, italienische oder amerikanische – der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, mit denen sie nicht zu tun hatte.

Alles was sie sah, wollte sie auf einen – oft nur kurzen – Dokumentarfilm bannen. Ob es um das Sammeln von Essensresten ging („Patatutopia“) oder um 14 Witwen, die von ihrem Leben, ihrer Liebe und ihrem Leid erzählen, ob es in den 50er Jahren war oder im neuen Jahrtausend, ob es – während der Besetzung Frankreichs durch die Nazis – um die Gefangennahme der jüdischen Bevölkerung ging oder oder (etwa in dem Film „Jacquot de Nantes“) um die Liebe zu ihrem Ehemann Jacques Demy, der leider viel zu früh verstarb.

Sie erzählt flott, wäre sicherlich auch eine gute Schriftstellerin – übrigens durchaus mit feministischen Einschlägen – geworden. In einer kurzen Szene werden ihre Ehrungen und Preise gezeigt. Es gibt keinen wichtigen Filmpreis, den sie nicht erhalten hätte.

Als in den 60er/70er-Jahren in Frankreich die Nouvelle Vague entstand (beispielsweise mit Jean-Luc Godard oder Francois Truffaut) spielte sie dabei bereits eine wichtige Rolle („Großmutter der Neuen Welle“).

Sie war eine Ikone, intelligent, vielseitig, sensibel, publikumsnah. Sie hat Filmgeschichte geschrieben. Schöne Schlussbilder ihres Films deuten an, dass sie nun nicht mehr da ist.

Filminteressierten sehr zu empfehlen.

Darkroom

von Rosa von Praunheim

(missing FILMs, Kinostart 30. Januar 2020)

Zeit: Beginn des neuen Jahrtausends. Lars stammt aus Saarbrücken. Er ist Krankenpfleger, später Lehrkraft. Von seinen Kolleginnen und Kollegen wird ihm das beste Zeugnis ausgestellt: „bodenständig“, „unkompliziert“, „mustergültig“.

Lars ist homosexuell. Möglicherweise wurde er als Kind von seiner Großmutter sexuell missbraucht; jedenfalls wird dies kurz angedeutet. Vielleicht liegen hier die Ursachen für sein späteres kriminelles Verhalten.

Schon seit Jahren ist er mit Roland befreundet. Beide lassen sich in Berlin nieder. Nach außen scheint alles geordnet. Für Lars’ Sexleben – von Rosa von Praunheim völlig unverbrämt, hüllenlos und offenbar Darkroom-authentisch geschildert – gilt dies keineswegs. Aus welchen psychiatrischen oder narzistischen Gründen auch immer tötet er mit KO-Tropfen drei seiner Sexpartner; bei zweien versucht er es. Und nicht nur das: Habgierig bestiehlt er sie danach.

Mit einer entwendeten EC-Karte geht er völlig laienhaft um, wird deshalb geschnappt. Wir finden ihn in Untersuchungshaft in Moabit, wo er wegen Selbstmordversuchen angeschnallt auf seinem Bett liegt.

Manchmal wird er von Halluzinationen geplagt.

Als Lügner, Betrüger und Mörder wird er für voll schuldfähig befunden und erhält bei besonderer Schwere der Schuld eine lebenslange Haftstrafe. Später erhängt er sich in seiner Zelle.

Die Geschichte ist nach einem wahren Fall (2012) auf der Grundlage der damaligen Protokolle nacherzählt.

In seiner wie meist unspektakulären aber realistischen Art zeigt – gut gespielt von Bozidar Kocevski als Lars und Heiner Bomhard als Roland – Rosa von Praunheim hartes alltägliches gleichgeschlechtliches Milieu – aber eben auch das seelisch kranke, doppelte, verbrecherische Leben des Lars Schmieg alias Dirk P.

Dagegen hilft anscheinend nur noch der begleitende Bibelspruch: „Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben“ (Psalm 34,19).

Ein tragisches authentisches homosexuelles Lebensbild.

Countdown

von Justin Dec

(Universum, Kinostart 30. Januar 2020)

Früher ging es beim Horrorfilm um kriminelle Monster, um abgelegene Gehöfte, um unsichtbare Geister, die Getöse machten und Schrecken verbreiteten

Das gilt zwar auch jetzt noch, aber die Ablösung läuft. Bei „Countdown“ geht es moderner zu, denn die Macher bedienen sich des Smartphones und der Social Media, Erscheinungen, die massenhafter und aktueller nicht sein könnten.

Hier: Eine Gruppe junger Freunde sitzt zusammen. Plötzlich einer von ihnen: „Wollt ihr eine App installieren, die verrät, wann jeder von uns sterben muss?“ Entsetzen – aber auch Neugier. Einige machen sofort den Versuch. Es stellt sich heraus, dass die Lebensdauer manchmal noch bis zu 80 Jahre und mehr betragen kann – oder aber sie ist in ein paar Tagen oder gar Stunden zu Ende.

Tatsächlich bewahrheitet sich Letzteres bei mindestens zwei der jungen Leute: Autounfall und Treppensturz.

Die Krankenschwester Quinn Harris kann der Versuchung nicht widerstehen. Sie richtet die App ein. Dann: immer wieder Zeitangaben, die bedrohlich erscheinen, die nicht genau erkennbar sind, die wechseln – die Quinn unbedingt wieder entfernen will. Resultat: unmöglich.

Immer verzweifelter wird die junge Frau, zu der sich inzwischen der ebenfalls betroffene Kumpel Matt gesellt hat. Sie sucht einen Hacker auf, der die Unglücks-App unbedingt ausschalten müsste. Sie besticht ihn sogar. Auch hier kein wirklicher Erfolg.

Jetzt wird es total horrorhaft. Viele Szenen dieser Art. Beispielsweise erscheint die tote Mama als Geist, als schreckliche Fratze.

Von den üblichen Produktionen des Genres unterscheidet sich „Countdown“ jetzt kaum mehr. Aber die Grundidee erscheint doch originell, wirkt hervorragend. Außerdem passt der alles übertönende Sound zum Thema. Und schauspielerisch wurde etwa mit Elizabeth Lail als Quinn Harris oder Jordan Calloway als Matt Monroe ebenfalls eine gute Wahl getroffen.

Immerhin übersteht Quinn letzten Endes das ganze fürchterliche Ungemach. Die Lebensdauer-App wird sie wohl nie mehr anrühren.

Horror-Fans kommen auf jeden Fall auf ihre Kosten.

 

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Datum: 27.01.2020