Der Gilden-Dienst Nr. 05-2020

Spuren – Die Opfer des NSU

von Aysun Bademsoy

(Salzgeber, Kinostart 13. Februar 2020)

Acht türkische Männer unterschiedlichen Alters und eine junge deutsche Polizistin haben die NSU-Verbrecher zwischen 2001 und 2011 getötet. Nach einem fünf Jahre andauernden Prozess wurde die Mitmörderin endlich zu lebenslanger Haft verurteilt.

Viele Angehörige der Toten sind jedoch höchst unzufrieden. Sie verurteilen, dass nicht mehr Informationen an den Tag kamen.

Warum wurden gerade diese Personen getötet? Warum haben der Verfassungsschutz und die übrigen zuständigen Behörden jahrelang die falsche Richtung eingeschlagen? Warum werden noch immer viele Dokumente unter Verschluss gehalten? Warum wurden die Opfer grundlos verdächtigt, mit der Mafia, mit Drogen, mit Schwarzgeld, mit Schmuggelware gehandelt zu haben? Warum wurde von einer der Witwen gar angenommen, sie habe ihren Mann umgebracht? Warum Altona, warum Kassel, warum Dortmund, warum Nürnberg?

Die türkischstämmige Regisseurin Aysun Bademsoy widmete ihren Film drei der Ermordeten: Suleyman Taskoprü, Mehmet Kubasik und Enver Simsek.

Der ältere Bruder von Suleyman, die Witwen von Mehmet und Enver, aber auch deren Töchter berichten: wie die Toten fehlen; wie die Trauer und der Schmerz bleiben; wie sie von ihren Lieben träumen; wie die Angehörigen an den Tatorten oder an den Gräbern beten; wie sie zum Gedächtnis der Toten Bäume pflanzten, von denen manche bald 20 Jahre alt sind; wie sie als fromme Muslime Allah vertrauen.

Gut und wichtig, dass es diesen Film gibt. Damit die Toten nie vergessen werden. Damit vor dem Rechtsextremismus und dem Nazismus gewarnt sei. Damit so etwas nie und nimmer mehr geschehen kann. Damit die Angehörigen der Ermordeten wissen, dass die überwältigende Mehrheit der Menschen in unserem Lande an ihrer Seite steht.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Looking at the Stars

von Alexandre Peralta

(W-Film, Kinostart 13. Februar 2020 )

Sao Paulo, Brasilien. Hier existiert etwas ganz Besonderes. Was? Eine Ballettschule für Blinde und Sehbehinderte. Fernanda Bianchini leitet sie. Sie meint: „Eine Ballerina muss immer zu den Sternen aufschauen, auch wenn sie diese nicht sehen kann.“

Eine wahrhaft humane Idee. Wie schwer haben es die Ballettschülerinnen und -schüler – selbst Kleinkinder sind bereits dabei – aber auch die Lehrer: trainieren, sich immer wieder anstrengen, fachliche Fehler nicht wahrnehmen können, im Notfall wegen der Behinderung nicht so hübsch aussehen wie gesunde Mittänzer, in der Schule Vorurteilen gegenüberstehen oder gemobbt zu werden (wie z.B. Thalia), es am Computer mit der Braille-Blindenschrift schwerer haben als andere, auf der Straße geführt werden müssen, keine Selbständigkeit und Unabhängigkeit genießen, usw.

Wenigstens fehlt in der eigenen Familie die Liebe nicht.

Geyza und Thalia stehen im Vordergrund. Beide sind schöne junge Frauen, beide sind im Zuge von frühen Krankheiten blind geworden. Geyza ist die ältere und als Balletttänzerin schon ziemlich weit. Alexandre wird ihr Freund, später ihr Ehemann. Sie bekommt den kleinen Lucas, macht sich Sorgen, ihn nicht gescheit pflegen zu können. Doch sie gibt nicht auf, und, wie man sieht, tanzt sie später wieder wunderbar, wird sogar Tanzlehrerin.

Thalia, inzwischen auf der High School, wird ebenfalls ihren Weg als Balletttänzerin machen – auch wenn sie wahrscheinlich davon nicht wird leben können.

Einer der Choreographen setzt sich ganz besonders ein. Aus alledem werden denn dann auch eindrucksvolle Präsentationen. Diese Brasilianer sind noch religiös, lassen Gott nicht außen vor. Wahrscheinlich hilft es ihnen.

Das Ganze ist emotional, zutiefst menschlich, noch einmalig, vorbildhaft – und als Dokumentarfilm interessant gestaltet.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

La Gomera

von Corneliu Porumboiu

(Alamode, Kinostart 13. Februar 2020)

Cristi ist Polizist in Bukarest. Einst hatte er mit der schönen Gilda ein Liebeserlebnis, das er nicht vergessen konnte. Auch deshalb trifft er sich mit Gilda wieder auf der Insel La Gomera. Diese lässt eine weitere Intimität zu – jedoch nur deshalb, weil sie Cristi dazu braucht, ihren Geliebten, den Matratzenfabrikanten und Geldwäscher Zsolt, aus dem Gefängnis zu holen. Es ist eine falsche Fährte, um überwachende Polizeibeamten in die Irre zu führen.

Denn alles wird von Magda, Cristis Chefin, kontrolliert. Sie weiß, dass ihr Polizist ein doppeltes Spiel treibt, um Geld zu verdienen.

Der Mafiaboss Paco fordert die 30 Millionen Euro zurück, die Zsolt ihm offenbar gestohlen hat. Dazu will er sich des Antihelden Cristis bedienen.

Damit die Operation möglichst geheim durchgeführt werden kann, will man sich einer besonderen, auf La Gomera gebräuchlichen Pfeifsprache – El Silbo – (Weltkulturerbe) bedienen, die ein gewisser Kiko Cristi beibringen muss.

Selbst die Polizeichefin Magda soll in die korrupten und finsteren Machenschaften mit einbezogen werden. Wird sie dies zulassen?

Ein Gangsterspiel, das es in sich hat und in dem gegen Schluss auch viel geschossen und erschossen wird. Wer wen tötet ist dabei nicht leicht herauszufinden.

Dennoch: Das Ganze ist inszenatorisch und schauspielerisch – Vlad Ivanov als Cristi, Catrinel Marlon als Gilda, Rodica Lazar als Magda sowie Sabin Tambrea als Zsolt – gut gestaltet (Cannes-Wettbewerbsfilm). Die einzelnen Abschnitte sind, auch im Tempo, präzise abgeschlossen jedoch wie gesagt ziemlich verschachtelt miteinander verflochten. Dazu herrliche Opernmusik. Als Vollendung eine pompöse Lichterschau in dem Hotel Gardens By The Bay, die mit dem Vorangegangenen allerdings wenig zu tun hat.

Regisseur Corneliu Porumboiu ist Rumäne. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass er mit La Gomera bis zu einem gewissen Grad auch politisch-gesellschaftliche Zustände in seinem Land beleuchten oder gar kritisieren wollte.

The Royal Train

von Johannes Holzhausen

(Real Fiction, Kinostart 13. Februar 2020)

Bis zur Ankunft der Russen in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war das nach dem Ersten Weltkrieg neu gebildete Rumänien – heute EU-Mitglied – eine Monarchie. Danach musste der König mit seiner Familie ins Exil und zwar in die Schweiz.

Als die kommunistische Diktatur vorwiegend unter Ceaucescu vorüber war – er wurde unmittelbar nach der Befreiung vom Kommunismus mit seiner Frau verurteilt und standrechtlich erschossen – wäre es nicht unmöglich gewesen, dass der König zurückkehrt. Aber einige Postkommunisten setzten ihm die Kalaschnikow auf die Brust; aus der Fortführung der Monarchie wurde nichts.

Doch es ist ganz und gar nicht so, dass es in Rumänien keine Monarchisten mehr gäbe. Die Königstochter Margaretha ist nämlich die „Hüterin der Krone“, und sie besucht mit ihrem Gatten und manchmal auch mit ihrer Schwester regelmäßig das Land.

Der Königliche Zug von damals existiert noch, und wenn Margaretha beispielsweise am 1. Dezember, dem Nationalfeiertag, durch das Land fährt, dann werden die Haltebahnhöfe geschmückt, dann versammeln sich die festlich gekleideten Städter und Dörfler, dann wird gefeiert.

Natürlich machen nicht alle mit. Die Monarchie gehört letzten Endes der Vergangenheit an. Manche sind sogar eher gegen die Sache mit dem „Royal Train“. Für die anderen ist es die Erinnerung an einen ganz bestimmten Zusammenhalt unter dem Herrscher, ist es das Andenken an eine „bessere Zeit“, in der die Menschen noch anders miteinander umgingen als heute, ist es die endgültige Befreiung von der kommunistischen Diktatur, während der so viele politische Gegner gefangen, gefoltert oder getötet wurden.

Margaretha spricht vor dem Parlament, ernennt Firmen zu „Hoflieferanten“, besucht Schulen, empfängt den britischen Thronfolger, weiht Denkmäler ein. Und wenn neue Metall- Königsbüsten gegossen werden, sind in dem dazu verwendeten Schrott durchaus auch Lenin-Büsten zu finden.

„The Royal Train“ ist ein für Interessierte durchaus anschaulicher Dokumentarfilm. Man erfährt eine ganze Menge über Geschichtliches und über Gegenwärtiges – vor allem aber auch darüber, dass gemessen an einigen katastrophalen Bedingungen, die uns zu drohen scheinen und die wir selbst verursacht haben, das alte Leben so schlecht gar nicht gewesen sein kann.

 

zum Download
Datum: 03.02.2020