Der Gilden-Dienst Nr. 06-2020

Euforia
von Valeria Golino
(missingFILMs, Kinostart 20. Februar 2020)

Matteo und Ettore sind Brüder – die allerdings unterschiedlicher nicht sein könnten. Matteo ist so etwas wie ein kleiner Lebemann, gibt sich als Homosexueller in Sexdingen nicht gerade wählerisch und vornehm, feiert gerne, betet seine Mama an und macht internationale Geschäfte, wobei es unter anderem um die Restaurierung alter, vor allem auch religiöser Gemälde geht. (Die Religion scheint in Italien doch noch eine größere Rolle zu spielen als anderswo.)

Ettore ist Lehrer an einer einfachen Schule. Mit dem Charakter und der Lebensart seines Bruders hat er so gut wie nichts gemein. Mit seiner Frau Michaela hat er einen kleinen Buben, den Andrea, er lebt jedoch von ihr getrennt, hat mit Elena längst eine neue Freundin.

Ettore großes Problem: Sein Gehirn ist krank. Tumor. Offenbar haben sich auch bereits Metastasen gebildet. Die einzige Überlebenschance: Er muss operiert werden. Er fürchtet sich davor, ist depressiv geworden. Er isoliert sich total, hat Albträume, nimmt wahrscheinlich Drogen, „will (verständlicherweise) nicht sterben“.

Das Verhältnis zwischen den beiden Brüdern war nie ideal. Doch langsam wird Matteo bewusst, dass Ettore vielleicht nicht mehr lange zu leben hat. Deshalb holt er ihn zu sich, will mit ihm wegen einer möglichen – erhofften – Heilung sogar in den französischen Marienwallfahrtsort Lourdes fahren, lässt – vergeblich – Elena anreisen, mit der Ettore schon seit längerer Zeit keinen Kontakt mehr gehabt zu haben scheint.

Nicht zuletzt wegen Ettores Sturheit kommt es zwischen den Brüdern dann doch zu einer heftigen Auseinandersetzung, bei der sogar das Wort fällt: „wann stirbst Du eigentlich?“ Daraufhin setzt Ettore sich ab.

Doch dann findet der Bruder ihn – und die endgültige Versöhnung, der künftige – vielleicht doch noch länger mögliche – Zusammenhalt, das Familiengefühl könnten stärker nicht sein.

Der vor allem von den beiden Hauptdarstellern Riccardo Scamarcio als Matteo sowie Valerio Mastandrea als Ettore gut gespielte Film trifft, auch wenn manche sagen, er falle künstlerisch nicht besonders aus dem Rahmen, immerhin eine wichtige Aussage: Nicht gegeneinander sondern nur miteinander erscheinen das Leben und die Zukunft sinnvoll.

Bombshell – Das Ende des Schweigens
von Jay Roach
(Wild Bunch, Kinostart 13. Februar 2020)

2016, der sehr konservative amerikanische Kabelsender „Fox News“. Dass er auf der Seite des amerikanischen Präsidenten Donald Trump steht, weiß man, Trump spielt in diesem Film auch eine gewisse – eher hintergründige – Rolle, weil nämlich eine der führenden Moderatorinnen ihm sexuelle Auswüchse vorwirft. Natürlich reagiert Trump – wie immer – und antwortet der Frau nicht gerade mit lieben Worten.

Doch das ist hier eher ein Nebeneffekt. Die Filmemacher dürften sich wegen möglicher Folgen auch nicht so ohne weiteres getraut haben, den Präsidenten schwer anzugreifen – wie es die halbe Welt tut.

Megyn Kelly, ehemals Anwältin, ist diese Moderatorin. Was sie mit ihrer Sendung auslöste, konnte niemand ahnen. Auf Trumps Angriffe durfte sie nicht reagieren, sogar beurlaubt wurde sie.

Nun reagiert auch die Leiterin des Nachmittagsmagazins „The Real Story“ Gretchen Carlson. Sie war „Miss Amerika“, ist sehr schön und wird von den Machos in der Reaktion entsprechend angemacht. Aus Trotz geht sie ungeschminkt auf Sendung, und prompt wird sie vom Senderboss Roger Ailes entlassen. „Keiner will eine ungeschminkte Frau in der Menopause sehen.“

Diese kritische personelle Situation könnte sich eigentlich die ehrgeizige junge Redakteurin Kayla Pospisil zunutze machen. Zwar wird sie von ihrer Freundin, einer Anhängerin der Demokraten, gewarnt, doch sie erfährt auch viel Nützliches. Sie wird sogar beim obersten Boss Roger Ailes vorgelassen, der ihr viel verspricht – wenn, ja wenn sie sich gefügig zeigt.

Inzwischen hat Gretchen Carlson gegen Ailes Klage wegen sexueller Belästigung eingereicht. Doch ihre Gegner sind extrem stark. Frau Carlson braucht Verbündete, ansonsten sind ihre Aussichten gleich null.

Megyn Kelly könnte helfen. Wie wird sie sich entscheiden?

Im Großen und Ganzen eine wahre Geschichte!“

Inszeniert wurde sie außerordentlich gut. Die Me-too-Stimmung, die vielen Argumentationen, die geschäftigen Redaktionsszenen – erstklassige Dramaturgie -, die persönlichen Probleme der Handelnden, das Aufzeigen der Risiken, der schmähliche Fall des zuvor allmächtigen Bosses – das alles wirkt überzeugend, Oscar-verdächtig.

Dazu kommen als Darstellerinnen drei Damen, die bestens aussehen und dazu noch toll spielen: Charlize Theron als Megyn Kelly, Nicole Kidman als Gretchen Carlson und Margot Robbie als Kayla Pospisil. John Lithgow als Roger Ailes nicht zu vergessen.

Filmkunsttheater und Programmkinos zu empfehlen.

Cronofobia
von Francesco Rizzi
(Filmperlen, Kinostart 20. Februar 2020)

Michael Suter ist ein ruheloser Mann. In seinem weißen Combi fährt er durch die Schweiz, tagsüber genau so wie nachts. Ein festes Zuhause hat er nicht, nur Hotelzimmer, Büros oder leere Wohnungen. Er arbeitet als eine Art Kontrolleur an Tankstellen, in Geschäften. Ein Mann wird seinetwegen entlassen, deshalb wird Suter einmal zusammengeschlagen. Sein Leben scheint zeitlos zu sein (Chronophobie), wahrscheinlich wurde sein Verhalten durch ein früheres Drama in seinem Leben ausgelöst.

Straßen, Regionen, Regen. „Ich warte auf den Schnee.“

Anna hat offenbar ihren Mann verloren. Seitdem ist sie orientierungslos. Sie lebt allein, joggt regelmäßig. Oft wird sie dabei von einer Bahnschranke aufgehalten. Dann schreit sie in die Nacht. Die Kleider ihres Mannes hat sie alle aufgehoben. Der Tisch ist jeweils für zwei gedeckt. Als ihre Eltern sie besuchen wollen, rennt sie davon.

Suter beobachtet sie eines nachts, nähert sich ihr. Nach mehreren Versuchen seinerseits steigt sie in seinen Wagen. Sie fahren lediglich herum. „Ich will nicht wissen, wer du bist.“ Ein anderes Mal: „Mehr Abstand!“

Er: „Du solltest jemanden finden.“ Sie: „Ich will nichts von Dir.“ Weiterer Dialog von ihm: „Fühle mich gerne wie ein Fremder“ – Fühle mich immer fehl am Platze, als würde ich jemandem den Platz wegnehmen.“

Werden die beiden von ihrer schweren Vergangenheit loskommen?

Diese muss für das Verhalten der beiden ursprünglich sein: einerseits für die Annäherung, andererseits für die immer wieder geübte Distanz; für die selbst auferlegte Einsamkeit; für die insgesamt melancholische Stimmung; für die verletzte Psychologie der beiden; für ihre kaputte Intimität.

Formal – Dialoge, Kamera, Ton – ist das alles dem Thema angepasst und entsprechend psychologisiert, nahezu einsilbig, meistens kühl.

Da bedurfte es sehr feinfühliger Darsteller, und die wurden mit Vinicio Marchioni (Michael Suter) und Sabine Timoteo (Anna Martisi) auch gefunden!

Für psychologisch Interessierte.

Besser Welt als Nie
von Dennis Kailing
(24 Bilder, Kinostart 13. Februar 2020)

Der junge Dennis Kailing, 24, hatte sich vorgenommen, mit dem Fahrrad den Erdball zu umrunden. Und er nahm es sich nicht nur vor, er tat es auch.

761 Tage, 41 Länder, 43.600 Kilometer, 2.353 Stunden auf dem Fahrrad.

Vom hessischen Gelnhausen ging es über die Türkei nach Armenien und über den Kaukasus. Dann Iran, Nepal, Indien, Myanmar (Burma).

Weiter Thailand, Malaysia, in Australien tagelang durch den einsamen heißen Outback. Jetzt Kanada und die US-Westküste. Am Schluss die gesamten südamerikanischen Länder.

Was hat er nicht alles erlebt: Freundliche Menschen, kaputte Straßen und Brücken, gefährliche Tiere, dünne Anden-Luft (in fast 5000 Meter Höhe), Regentage, Reifenpannen, einen schweren Unfall, eine Krankheitsperiode. Zeichensprache als Verständigung, Lebensgefahr durch Banden und Gangster in mehreren Staaten Südamerikas.

Was er erlebt hat? „Das Schönste und das Schlimmste“ – „In der Ungewissheit stecken die größten Abenteuer“, sagt er dazu.

An 477 Tagen war er am Fahren, durchschnittlich 89,9 Kilometer weit pro Tag ist er gekommen, 295 000 Höhenmeter musste er überwinden.

Dennis Kailing wollte die Welt sehen, etwas erleben, Schönes wahrnehmen, Negatives überstehen, Menschen kennen lernen, Freundschaften schließen – sich selbst prüfen, sehen, wie es mit seinen Kräften steht.

Er zieht insgesamt eine positive Bilanz. Die Menschen sind entschieden besser, als es oft den Anschein hat.

Einfach aber anschaulich mit unzähligen Situationen und Bildern – zum Beispiel die Gastfreundschaft im Iran oder christliche Weihnachten im früheren Burma – ist das in diesem Dokumentarfilm dargestellt.

Dazu, sich selbst einmal in die Mangel zu nehmen und herauszufinden, wie es mit den eigenen Interessen und leiblichen wie seelischen Kräften steht, ist dieser Film sehr geeignet.

 

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