Der Gilden-Dienst Nr. 08-2020

La Vérité – Leben und lügen lassen
von Kore-Eda Hirokazu
(Studiocanal, Kinostart 5. März 2020)

Fabienne ist eine schon etwas betagte Schauspielerin, die zwar etwas konnte und noch kann, die jedoch auch überaus von sich eingenommen ist. Soeben hat sie ihre Autobiographie veröffentlicht, die offenbar mehr dem Eigenlob dienen sollte als der Wirklichkeit und Wahrheit.

Aus diesem Anlass reist aus New York Tochter Lumir mit Töchterchen Charlotte und Lebensgefährten Hank an. Dass es wegen mancher Passagen in Fabiennes Lebensbeschreibung Konfrontationen geben muss, ist unvermeidlich.

Liebevolle Mutter? Fehlanzeige. Treue Ehefrau? Wahrscheinlich ebenfalls Fehlanzeige. Immerhin taucht Ehemann Pierre irgendwann wieder auf.

Die Handlung spielt sich vorwiegend in den Innenräumen von Fabiennes „Schloss“ ab. Hübsche und poetische Ideen hat Hirokazu ausreichend erfunden: die Sache mit Fabienne als Hexe, die ihren Mann in eine Schildkröte verwandelte, oder die (allerdings übernommene) Sci-Fi-Geschichte mit der nicht alternden Großmutter im All.

Fabienne ist dabei, mit Hilfe ihrer Tochter einen Film zu drehen – wohl ihren letzten. Bezeichnenderweise spielt sich denn auch alles im Herbst ab. Und ebenfalls eine Tendenz, die in diese Richtung geht: Fabiennes „Residenz“ ist zwar vom Feinsten, doch gleich daneben befindet sich ein Gefängnis.

Interessant auch: die Set-Besuche – jedes Mal mit der ganzen Familie; für Laien dürfte es ganz interessant sein zu sehen, wie es beim Filmdreharbeiten so zugeht.

Die Höhepunkte: das Spiel von Catherine Deneuve als Fabienne und Juliette Binoche als Lumir. Wie die beiden jede – aber wirklich jede – durch die Filmhandlung indizierte Nuance und Gefühlsregung zum Ausdruck bringen: Überheblichkeit, Verwunderung, Misstrauen, aber auch Zuwendung, Herzensgüte und Versöhnung, ist ganz einfach durchgehend großartig. (Schade, dass Ethan Hawke und die kleine Clémentine Grenier (Charlotte) sich mit kurzen Rollen zufriedengeben mussten.

Eine weitgehend fantasievolle und feinsinnige, letztlich humane Geschichte „zwischen Wahrheit und erfundener Wahrheit“ (Björn Becher).

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Der Junge und die Wildgänse
von Nicolas Vanier
(Capelight, Kinostart 9. April 2020)

Thomas ist ein 14jähriger französischer Junge, der sich wie viele seiner Artgenossen gerne mit Spielen am Computer beschäftigt. Die Eltern leben getrennt, die Mutter hat einen Neuen, den Julien, der Vater ist nun in dem schönen Sumpfgebiet Camargue zu Hause.

Die Mutter will mit ihrem Julien Urlaub machen, Thomas soll so lange beim Vater wohnen. Das passt dem Jungen ganz und gar nicht.

Der Vater, sozusagen ein Amateur-Naturforscher, hat sich in den Kopf gesetzt, eine vom Aussterben bedrohte Gänseart zu retten, vor allem den Küken, die gerade geschlüpft sind, nach einer gewissen Zeit mit einem Leichtflugzeug den Weg zu ihrem eigentlichen Nistplatz in Lappland zu zeigen und sie dorthin zu führen.

Thomas, der zuvor alles andere als begeistert war, fängt an, an den Vögeln Gefallen zu finden, und nicht nur das: Mit einem Schwarm der jungen Gänse fliegt trotz seines jungen Alters er zum Entsetzen der Mutter schließlich selbst nach Norwegen.

Er wird tagelang gesucht: sowohl von den Eltern als auch von den Behörden. Er muss landen, um zu übernachten und zu tanken. Er gerät in Gewitter und einen schweren Sturm, der den Himmel verdunkelt. Er muss ständig darauf achten, dass der Gänseschwarm ihm folgt. Und er muss den gesamten Weg zurückverfolgen.

Unter großem Jubel der Bevölkerung bringt er alles zu einem guten Ende.

Selbst die Eltern sind nach diesem Schrecken wieder zusammen.

Die unbedingten Vorzüge dieses Films: Er beruht auf dem Lebenswerk eines Mannes, der sich den Schutz dieser Vogelarten zum Ziel gesetzt hat; in Teilen liegt also eine wahre Begebenheit zugrunde.

Dann macht der Film vor allem junge Menschen indirekt auf das Artensterben aufmerksam, auf eine katastrophale Entwicklung also, der wir uns mit allen Mitteln immer mehr entgegenstellen müssen. Er weist zudem viele wunderschöne Naturaufnahmen auf. Und die Darsteller Jean-Paul Rouve als Vater, Mélanie Doutey als Mutter sowie Louis Vazquez als Junge Thomas agieren hervorragend.

Ein Film, der vor allem Kindern und Jugendlichen empfohlen werden kann.

Germans and Jews – Eine neue Perspektive
von Janina Quint
(wfilm, Kinostart 14. Mai 2020)

Das Verhältnis Deutsche-Juden oder Juden-Deutsche wird uns insbesondere wegen der nazistischen Judenverfolgung, eines der schlimmsten Verbrechen der Geschichte der Menschheit, noch lange beschäftigen. Dieser Film bietet einen aufschlussreichen Überblick über den heutigen Stand.

Berlin spielt dabei eine Rolle. Denn dort ist die jüdische Zuwanderung am größten. Da leben Juden, die gerne in Deutschland sind, die sich als Deutsche fühlen. Und da gibt es Juden, die zwar bei uns leben, die sich, eben wegen des Vergangenen, niemals „deutsch“ nennen würden.

Gruppen tun sich zusammen und diskutieren, diskutieren, diskutieren. Es geht hoch her.

Wie war das, als am Bayerischen Platz in Berlin Juden nur auf gelb markierten Bänken Platz nehmen durften; als deutsche Kinder nicht mit jüdischen spielen durften; als Postbeamte kaltgestellt wurden, weil sie mit Jüdinnen verheiratet waren; als Juden nur zwischen 16.00 und 18.00 Uhr einkaufen durften; und als sie beispielsweise aus Gesangsvereinen ausgeschlossen wurden.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit waren noch zu viele präsent, die mit dem elenden Hitler-Regime gemeinsame Sache gemacht hatten. Doch dann, ab den 60er bis 80er Jahren, stand die damalige Jugend auf: Das Bewusstsein, mit dem nationalsozialistischen Gedankengut endlich total zu brechen wurde stärker; die politische, moralische und finanzielle Unterstützung des Staates Israel durch die Bundesrepublik Deutschland setzte ein; 20 Millionen Deutsche sahen den amerikanischen Film “Holocaust“; allen, absolut allen musste klar werden, was geschehen war.

Mahnmale wurden errichtet, die „Stolpersteine“ – heute viele Tausend – tauchten auf, die „Topographie des Terrors“ ist für alle sichtbar, der Platz der Bücherverbrennung in Berlin für alle Zeiten markiert.

„Deutschland ist nunmehr eines der demokratischsten Länder“, wird gesagt. An anderer Stelle: „In Berlin blüht das jüdische Leben.“

Bestimmte Passagen sind dem Verhältnis Juden-DDR gewidmet. Rabbiner gab es nicht. Wahrscheinlich wollte man die jüdische Religion niedrig halten oder langsam aussterben lassen. Einen möglichen Antisemitismus suchte man mit dem Antizionismus zu überspielen.

Gravierend und offen – auch das wird in dem Film natürlich kurz angesprochen – bleibt die Streitfrage Israel-Palästinenserstaat. Wann wird es eine Lösung geben?

„Deutschland ist humaner, toleranter, demokratisch geworden“, sagt ein älterer jüdischer Mann, der das ganze jüdisch-deutsche Drama der letzten 80 Jahre erlebte. „Diese Errungenschaften müssen verteidigt werden.“

Zweifellos ein wichtiger Film (unter mehreren), der sich informativ, detailliert, lebendig, historisch aufschlussreich und auch auf die Aktualität bezogen mit dem Thema auseinandersetzt.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

New York – Die Welt vor deinen Füßen
von Jeremy Workman
(Happy Entertainment, Kinostart 12. März 2020)

In New York lebt ein Mann, der Matt Green heißt, 39 Jahre alt und Ingenieur ist. Von ihm war zunächst bekannt, dass er die Vereinigten Staaten von Ost nach West zu Fuß durchwanderte.

Doch dabei blieb es keineswegs. Dasselbe macht er mit seiner Heimatstadt New York. Genauer gesagt: In ein paar tausend Kilometern durchwandert er jede Straße der Stadt. 2018 hatte er bereits 8 000 Meilen zurückgelegt; allzu viel fehlt nicht mehr.

Matt Green will kein Fremdenführer sein oder Spenden sammeln, er will kein Buch schreiben, wie viele andere Reisende dies tun. Er will ganz einfach die Stadt erleben, schauen, hören, suchen.

Eine Wohnung hat er nicht, von ca. 15 Dollar am Tag lebt er. Meist übernachtet er bei Freunden, hütet beispielsweise deren Tiere oder bewacht das Haus.

Verblüffend, was Matt Green alles erlebt. Er marschiert und marschiert, trifft unzählige Menschen, meistens sogar völlig fremde.

Er entdeckt Kurioses, geht am Stadtrand einsame Wege. Er sieht Parks, Gärten und Blumen oder auch seltene Straßenschilder. Alles kommt an die Reihe, wird beobachtet und erforscht. Er macht davon wunderbare Aufnahmen, schreibt Blogs dazu. Dies alles hat ihn inzwischen bekannt gemacht.

Der Regen macht ihm nichts aus, schwierig wird es eher, wenn der Schnee beinahe kniehoch liegt. Doch auch da gibt er nicht auf.

Er findet den ältesten Baum New Yorks, an die 400 Jahre alt, er geht über viele Friedhöfe und verweilt bei bekannten Toten oder bei im amerikanischen Bürgerkrieg Gefallenen.

Fünf große Stadtbezirke weist New York auf, keiner ist vor ihm sicher.

Es kommt auch vor, dass er nach Hause in die Provinz fährt, um die Eltern und Geschwister zu besuchen. Sie haben längst begriffen, dass Matts Wanderungen kein Spleen sind sondern eine Lebensauffassung.

Und was für eine!

Man merkt es den Hunderten von Bildern und den sehr intelligenten Kommentaren Greens an, dass er berechtigterweise ein anderes Leben führen will und führt als Millionen anderer. Man kommt sogar ins Grübeln über das eigene Leben.

Aus alledem ist ein einzigartiger Dokumentarfilm entstanden, den anzusehen sich lohnt. Aus ein paar hundert Stunden Material hat ein Freund Matts ihn zusammengestellt.

Interessierten wird er Vergnügen bereiten.

 

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