Der Gilden-Dienst Nr. 07-2020

Anders essen – Das Experiment
von Kurt Langbein und Andrea Ernst
(Filmagentinnen, Kinostart 27. Februar 2020)

Wir essen verkehrt. Diese Erkenntnis hat sich bereits bei vielen Menschen und an vielen Orten langsam durchgesetzt. Sieht man jedoch diesen Dokumentarfilm, kommt man zwangsläufig zu der Einsicht, dass es mit dieser Erkenntnis noch sehr viel schneller wird gehen müssen – Betonung auf müssen.

Der Film, hauptsächlich von Österreich und Frankreich handelnd, zeigt Zustände, Situationen und Daten, die erschreckender nicht sein könnten.

Beispiele: Einer Schulklasse wird an verschiedenen Pflanzensorten und -feldern vorexerziert, dass bei Beibehaltung der derzeitigen Bedingungen ein Mensch in unseren Regionen 4 400 Quadratmeter Boden benötigt, um sich zu ernähren. Wäre der Bedarf überall so – z.B. 60 kg Fleisch pro Person und Jahr -, bräuchten wir einen zweiten Planeten von der Größe unserer Erde. Weltweit stehen einem Menschen jedoch lediglich 2 200 Quadratmeter zur Verfügung.

Wir importieren zu viel, statt uns auf heimische Produkte zu konzentrieren. Wir nehmen dafür bei manchen Produkten einen Weg von 13 000 Kilometer in Kauf. Bei Waren unserer Großhandelsketten zählt nur Aussehen und Haltbarkeit. In Südspanien („Mare de Plastic“) – Tomaten, Paprika, Erdbeeren, Pfirsiche – werden Pflanzengifte nicht ausreichend kontrolliert, ganz abgesehen davon, dass die meist afrikanischen Arbeiter schlecht bezahlt werden und noch schlechter leben müssen..

Wir züchten zu viele Tiere; zwei Drittel der Pflanzen wie Mais oder Soja werden für die Fütterung verbraucht. Wir konsumieren massenweise Palmöl. In Ländern wie Indonesien oder Malaysia wird dafür der Regenwald abgeholzt (150 000 ha pro Jahr), und alle zehn Jahre verdoppelt sich die Menge. Eine einzige der Avocados, die wir aus Südamerika importieren, benötigt für ihr Wachstum 400 Liter Wasser.

Wir kaufen nicht genug regional und saisonal ein. Wir wissen nicht genau, wie es mit den Kontrollen in Großküchen steht. Wir kaufen nicht genug direkt beim Bauern. Wir überfischen die Meere. Es gibt noch viel mehr negative Beispiele.

Zwei österreichische Familien, die Richters und die Kovacs’, erklärten sich bereit, ihre Essensgewohnheiten zu verbessern, ihren Verbrauch messen zu lassen und eventuell ihre Einstellung zu ändern. Gesagt, getan.

Und siehe da: Es geht. Nach Ablauf der Versuchs- und Kontrollzeit hatten alle Familienmitglieder erheblich bessere Werte.

Es gibt inzwischen Mahner genug. Und immer mehr bedenkenswerte Film dieser Art. Nur nützt das alles nichts, wenn wir uns nicht bald ändern. Wir müssen „Anders essen“!

Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint
von Halina Dyrschka
(Mindjazz, Kinostart 5. März 2020)

Schweden, 1860-1940. Dort lebte eine Frau, eine Künstlerin, der Jahrzehnte lang die Anerkennung vorenthalten wurde, die sie verdient hätte: Hilma af Klint.

Schon in ihren jüngsten Jahren begann sie zu zeichnen. Und wie! Besser geht’ s nicht. Ein absolut ungewöhnliches Talent.

Sie war adeliger Herkunft, studierte an der zuständigen Akademie Zeichnen und Malen. Noch einmal sei es gesagt: eine in dieser Beziehung sensationelle Begabung.

In den frühesten Jahren (ab 1906) fand sie zeichnerisch zur Abstraktion. Inder offiziellen Kunstgeschichte gilt Kandinsky als der „Erfinder“ der abstrakten Malerei. Das liegt vor allem auch daran, dass in Hilmas Lebenszeit Frauen in der Kunst noch keine große Bedeutung hatten oder nicht einmal haben durften. Frau af Klint aber gehört zu den allerersten Schöpfern der abstrakten Malerei. „Die Kunstgeschichte muss umgeschrieben werden“, hieß es denn auch dazu in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Zum Teil ist sie allerdings daran selbst schuld. Denn sie isolierte sich, verlangte, dass erst 20 Jahre nach ihrem Tod ihr Archiv geöffnet werden dürfe. Jetzt kam alles zum Vorschein. Sie malte in ihrem Leben weit über 1000 Bilder. Und 26 000 Seiten Geschriebenes wurden entdeckt.

Und noch etwas ist höchst bemerkenswert und wichtig: Hilma af Klint war eine Spiritistin ersten Ranges. Sie erforschte die Dinge „Jenseits des Sichtbaren“, sie baute philo- und theosophische Gedankengebäude auf, sie lebte in dieser Beziehung kaum mehr in der realen Welt. (Kein Wunder, dass in dem Film ein Brief an den Anthroposophen Rudolf Steiner in Dornach bei Basel zitiert wird.)
Die meisten der Bilder aus ihrer geistig dermaßen fixierten Zeit sind denn auch thematisch entsprechend geschaffen.

Lange Zeit waren sie nicht bekannt, unzugänglich. Jetzt, ungefähr seit 2012, sind sie bekannt, werden versteigert, werden verkauft – werden bewundert.

Eigentlich unverzeihlich, dass der „offizielle“ Kunstmarkt und die Museen sich so lange passiv verhielten. Schweden jedenfalls kann eine bedeutende Künstlerin sein eigen nennen.

All das ist in diesem höchst interessanten Dokumentarfilm auf das Beste zusammengefasst und dargestellt.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

The Gentlemen
von Guy Ritchie
(Leonine, Kinostart 27. Februar 2020)

Mickey Pearson ist ein gebildeter Amerikaner, der mit seiner Frau Rosalind, einer tüchtigen Gattin, die mit teuren Autos Geschäfte macht, in London lebt. Was er treibt, hört sich allerdings nicht so gebildet an. Er hat nämlich britischen Großbürgern und Aristokraten, die knapp bei Kasse waren, Land abgekauft und – ohne dass diese davon Kenntnis hatten – riesige unterirdische Hanf-Plantagen aufgebaut, die Geld brachten, sehr viel Geld.

Jetzt will er diese für 400 Millionen Dollar verkaufen und ein anderes Leben führen: seiner Frau Zeit widmen, Kinder haben, in gehobene Kreise eintreten oder ganz einfach spazieren gehen.

Ray, sein treuer Gefolgsmann, soll alles organisieren.

So sehr Mickey sich darum bemüht haben mag, derlei bleibt nicht geheim. Und so tauchen langsam die Kandidaten auf, die mit Mickey das Geschäft machen wollen: der exzentrische Milliardär Matthew Berger, der Triaden-Boss Lord George oder der Gangster-Emporkömmling Dry Eye.

Und noch einer: der Privatermittler Fletscher, der eigentlich für ein Boulevard-Blatt alles aufdecken sollte, der jedoch zu der Auffassung kam, dass bei dem Geschäft auch für ihn etwas herausspringen könnte. Also gehört er zu den potentiellen „Käufern“. Seine Rolle zieht sich durch den ganzen Film. Hugh Grant spielt ihn einfach fabelhaft.

Dass alles glatt abgehen würde kann man bei Guy Ritchie nicht erwarten. Und das stellt sich dramaturgisch dann auch rasch heraus. Da wird gefeilscht, gelogen, betrogen, hinters Licht geführt. Da werden Tricks versucht, wird geliebt, geschossen, getötet – zwei Stunden lang.

In seiner Art ist das glänzend gemacht, sozusagen im Ritchie-Stil. Da gibt es Tempo, ganz originelle Handlungselemente, zum Teil gute Dialoge und einen alles niederschmetternden Sound. Da ist dramaturgisch Pfeffer drin, da sind mit Mathew McConaughey, Colin Farrell, Charlie Hunnam und wie gesagt Hugh Grant Akteure vertreten, die „künstlerisch“ einschlagen. Die Rolle der Rosalind wird von Michelle Dockery verkörpert.

Wer das Genre liebt, der wird bestens bedient. Ein Liebhaberstück ersten Ranges, nicht mehr und nicht weniger.

800 mal einsam – Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz
von Anna Hepp
(Déjà vu, Kinostart 5. März 2020)

Um Edgar Reitz mag es stiller geworden sein, doch er war immerhin ein namhafter Filmregisseur, einer, der in der unmittelbaren Nachkriegszeit nach dem Auslaufen der Pseudofolklore- und der „Aufklärungs“-Filme das „Oberhausener Manifest“ unterschrieb, mit dem die deutschen Jungregisseure eine neue geistige Ära einzuleiten versuchten.

In diesem Film von Anna Hepp berichtet er von seiner Kunstauffassung, seiner Biographie, seiner oft durchaus philosophischen Auffassung und nicht zuletzt vom Kampf mit dem deutschen Fernsehen.

Seine berühmtesten Schöpfungen sind natürlich die Filme „Heimat“, „Heimat 2“ und ein dritter „Heimat“-Film, der entgegen seinem Willen „Heimat 3“ genannt wurde.

„800 mal einsam“ – Der Titel erklärt sich aus seinem Empfinden, dass in einem Kino (hier die Essener Lichtburg) durch die betreffende Vorstellung 800 Einsame zu einer Gemeinschaft werden.

Man werde zweimal geboren, sagt er sinngemäß, einmal von der Mutter und das zweite Mal aus sich selbst. In seiner Kunst sei nicht die Person wichtig sondern das Produkt. Und er nennt ein Beispiel, das zwar im ersten Moment sachfremd erscheint, es aber keineswegs ist. Auf einem von ihm besuchten hohen Berg, erzählt er, hätten die Menschen, die sich dort befanden, nicht im mindesten die herrliche Fernsicht genossen sondern in allererster Linie Selfies gemacht.

Er berichtet von seinen Kindheitserlebnissen im Krieg (1939-45); von seinem Vater, der aus seinem Edgar einen Ingenieur machen wollte, weil ihm „Künstlerisches unheimlich“ war; von einem seiner ersten Filme – „Der Schneider von Ulm“ -, der von einer „Spiegel“-Kritik (gerechterweise?) verrissen wurde, deshalb keinen Erfolg hatte und Reitz in die finanzielle wie moralische Pleite stürzte; vom dritten „Heimat“-Film, zu dem er in mehreren Jahren 11 Drehbuchfassungen schreiben musste, weil das Fernsehen sich für klüger hielt als den Regisseur.

Eine Bemerkung der Fernsehverantwortlichen in diesem Zusammenhang: „Dieses Programm ist zu gut für die Leute.“

Eine besonders schöne Szene: Im Kino ein paar Dutzend Porträts aller Schauspieler, die in seinen Filmen mitwirkten; einige von ihnen muss er bereits betrauern, weil sie nicht mehr leben.

Alles in allem: ein experimentell gestaltetes Dokument für Film-, Biographien- und nicht zuletzt Philosophie-Liebhaber.

 

 

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