Der Gilden-Dienst Nr. 09-2020

Die perfekte Kandidatin
von Haifaa Al Mansour
(Neue Visionen, Kinostart 12. März 2020)

Abdulaziz, der Vater, lebt mit seinen drei Töchtern Maryam, Selma und Sara in einer kleinen Stadt in Saudi-Arabien. Die Mutter ist leider verstorben.

Abdulaziz, ein guter Musiker, geht zuweilen auf Tournee, Selma arbeitet als Fotografin auf Hochzeitsfesten, Maryam ist Ärztin. Sie ist in einer Klinik angestellt, hat dort aber nicht gerade ein leichtes Leben. Das fängt schon mit dem miserablen Zustand der Zufahrtsstraße an. Und das geht weiter, wenn zum Beispiel ein kranker Mann unter großem Geschrei unter keinen Umständen von einer Frau angefasst werden will, auch nicht von einer Ärztin.

Maryam macht das nicht mehr mit. Sie will sich an anderer Stelle bewerben, nach Dubai fliegen und zwar ohne männliche Begleitung (was in Saudi-Arabien immer noch ungewöhnlich zu sein scheint), will als „perfekte Kandidatin“ in eine Art Gemeinderat gewählt werden.

Schon die Schwestern haben Angst, dass dies alles schlecht aufgenommen werden wird. „Was werden die Leute sagen?“ Und wie soll das gehen, wenn Frauen sich nicht einmal im gleichen Raum wie Männer aufhalten dürfen, wenn sie immer verschleiert sein müssen, wenn sie im Islam gesellschaftlich ganz einfach eine Stufe tiefer stehen.

„Gleichheit und Politik sind nicht voneinander zu trennen.“

Das für alle Betroffenen Entscheidende und auch für Maryam persönlich Wichtige: Die Ärztin überwindet die offenbar starren saudischen Rechts- und Lebensregeln, sie trotzt der „Sitte“, sie zeigt sich ohne Schleier, sie geht in ein Zelt mit Männern, sie organisiert eine großartige sogar partyähnliche Wahlveranstaltung, nimmt dann an der Wahl teil. Die Schwestern helfen.
Das Aufzeigen eines solchen Auf- und Ausbruchs – vor allem für die Frauen des Landes – ist wohl in erster Linie Sinn und Zweck dieses Films. Und dieses Aufzeigen ist gelungen.

Dass es filmisch, inszenatorisch und darstellerisch noch dazu in ruhiger, sachlicher, überzeugender und sehr ästhetischer Form glückte, ist ein großer Vorteil.

 

Uferfrauen – Lesbisches L(i)eben in der DDR
von Barbara Wallbraun
(Déjà-vu, Kinostart 2. April 2020)

Homophobie war für die Homosexuellen Jahrhunderte lang ein großes Problem. Da wurde von Krankheit oder Straftat gesprochen. Das ging bis zur Existenzfrage.

Solche Zeiten sind bei uns gottlob vorbei. In diesem Film berichten ein halbes Dutzend Frauen, die Pat und die Christine, die Carola und die Elke, die Sabine und die Gisela,wie es in dieser Beziehung noch vor wenigen Jahrzehnten in der DDR zuging.

Sie wussten in ihrer frühesten Jugend nicht was lesbisch sein bedeutet; sie wurden sich nur langsam „mit Herzklopfen“ ihrer Gefühle bewusst; sie befreundeten sich schließlich mit jungen Mädchen (oder beispielsweise einer Lehrerin); sie erlebten „Gefühlsverwirrung“; sie wurden, sogar von Elternteilen (!), als „Schlampe“ oder „Hure“ bezeichnet; ihnen wurde Angst vor der Syphilis oder anderen Infektionen gemacht; sie landeten zum Teil in einer Nervenanstalt, oder es kam zum Selbstmordversuch; sie „wurden geheiratet“, bekamen sogar Kinder, hatten „nichts anderes gekannt“; sie trafen sich im Geheimen – auch mit homosexuellen Männern; sie wurden überwacht und von der Stasi verfolgt; ihnen wurde der Prozess gemacht – „Ein Genosse darf nicht vor Gericht stehen“.

Sie gehörten schließlich in der Berliner Gethsemane-Kirche zu denen, die anfingen, sich gegen das Regime zu wenden und zu demonstrieren – „Mehr Demokratie in der DDR!“. Sie konnten jetzt, nach der Wende, endlich lesbische Frauengruppen gründen, sich feministisch betätigen und eine Radiostation gründen. Und, nachdem sie zuvor immer nur „verpartnert“ gewesen waren, sogar heiraten.

Ein sehr menschlicher Film, einer der tiefe Nöte und hohes Glück schildert. Einer, der die Gesellschaft noch mehr öffnen kann. Einer, der das individuelle Schicksal der sechs (DDR-)Frauen aus Berlin, Dresden, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt auf sehr lebendige Weise erzählt. Einer, der den Unterschied vor und nach dem November 1989 skizziert. Einer, der professionell gestaltet ist. Einer, der viel Sympathie für die geschilderten Frauen bewirkt.

Und einer, der empfohlen werden kann.

 

Wir Eltern
von Eric Bergkraut und Ruth Schweikert
(W-Film, Kinostart 9. April 2020)

„Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend“ oder „Heute ist der Mangel der Jugend, dass sie keinen Mangel hat“ oder „Die Erziehung eines Kindes nützt nur, bis es vier Jahre alt ist“ oder „Früher war Kinder haben Eheglück, heute bestimmen die Kinder alles.“

Das sind Aussagen, die in diesem Film vorkommen, und in dem was gezeigt wird, bestätigen sie sich auch. Es geht um eine Schweizer Familie: der Vater „Michi“, die Mutter „Vero“(nika), beide Akademiker, dann die Zwillinge Anton und Romeo, knapp 20, sowie den noch kleinen Nachzügler Benji.

Es wird das Alltagsleben gezeigt: Der Vater, der eine gewisse Erschöpfung zeigt und sich eine „Auszeit“ wünscht, die Mutter, Physiklehrerin, die an politischen Wahlen teilnimmt, die Zwillinge, die lieber schlafen und „gamen“ als in die Schule zu gehen, die ihre Zimmer nicht aufräumen, von denen einer seine Freundin ins Haus holt – „Sex, dass die Balken krachen“ -, die offenbar an „Wohlstandsverwahrlosung“ leiden, von denen der zweite wegen der Unterhaltspflicht Anwälte in Anspruch nehmen will, die in ihrer Verunsicherung und Verblendung ihre Eltern sogar einmal als „Affeneltern“ oder „feiges Pack“ bezeichnen.

Sogar der kleine Benji spricht einmal von der „schlimmsten Familie“.

Doch es gibt auch Liebe und Zusammenhalt, gemeinsame Ausflüge und „es tut mir leid!“ oder „ohne die Alten ist alles halb so lustig“.

Zwar heißt es am Schluss, dass die Personen frei erfunden seien – aber vieles hört und sieht sich hier doch sehr realistisch an: der Alltag, das Gewöhnliche, das trotz allem bestehende Zusammengehörigkeitsgefühl, das Aufeinanderprallen der einzelnen Familienmitglieder, die unter allem Problematischen versteckte Liebe zueinander.

Man kann sich bei solcher Authentizität auch bewusst werden, wie die Dinge im eigenen Leben beschaffen sind, was man ändern könnte und sollte, wie weit jeweils die Rücksicht auf andere zu gehen hat.

Der Film ist bei aller Problematik unterhaltsam gestaltet, das Milieu ist durchgehend gut getroffen. Gespielt wird sowohl von den Eltern (Vater Eric Bergkraut auch Drehbuchautor) als auch von den Kindern erstaunlich gut.

Als Familienmuster gut brauchbar.

 

Deerskin
von Quentin Dupieux
(Koch, Kinostart 30. April 2020)

Bei diesem Film hilft zuvor ein Wort des Autors und Regisseurs: „Die Zuschauer wissen nicht, ob sie von dem, was sie sehen, entsetzt sein sollen, oder ob man von ihnen erwartet, dass sie lachen.“

Diese Bemerkung weist bereits darauf hin, dass etwas Spezielles zu erwarten ist. Und das ist dann auch so.

Georges trennt sich gerade von seiner Frau und den Kindern. Sie will nichts mehr mit ihm zu tun haben, sagt sie. Er steigt in sein Auto, landet in einem Hotel, das einsam in einer gebirgigen Landschaft steht. Geld hat er keines.

Kurz zuvor erstand er neben einer Kamera eine Hirschlederjacke (im Wildweststil). Er findet sie derart außergewöhnlich, dass er zu dem Schluss kommt, alle anderen Jacken müssten aus der Welt verschwinden. Seine alte Jacke versenkt er im Tankstellenklo und verursacht damit eine Überschwemmung. Er trifft auf junge Leute, die er bittet, ihm ihre Jacken zu verkaufen. Sie sind einverstanden, doch dann fährt er, ohne sie richtig zu bezahlen, davon, betrügt sie also.

In einer Bar trifft er auf die Kellnerin Denise, die sich als Hobby-Cutterin herausstellt und mit der er einen Film drehen will. Doch daraus wird nichts. Mehrfach lügt er sie an. Im Grunde will und bekommt er von ihr nur Geld.

Georges hat den Boden der Realität längst verloren. Jetzt ist er soweit, mit seiner Wildlederjacke (mit Fransen) zu sprechen.

Der Autor und Regisseur macht in einem Kommentar zu seinem Film deutlich, dass er den Wahnsinn darstellen wollte. Die Trennung, die Einsamkeit, die Geldnot, die Betrügereien, die Besessenheit, was die Fixierung auf seine Jacke betrifft, führen schließlich zum offenbar totalen Wahnsinn. Dazu noch die theoretische, ebenfalls von ihm gestellte Frage: Ist Georges wahnsinnig oder die Welt um ihn herum?

Ein Film, der zugleich fasziniert und den Eindruck erweckt, als wolle Quentin Dupieux sich über die Kinozuschauer lustig machen.

Eine Spielerei mit vermutetem Wahnsinn!

Gespielt – Jean Dujardin als Georges sowie Adèle Haenel als Denise – wird allerdings hervorragend. Und die Milieuzeichnung könnte gelungener nicht sein.