Der Gilden-Dienst Nr. 10-2020

Marie Curie – Elemente des Lebens
von Marjane Satrapi
(Studiocanal, Kinostart 9. April 2020)

Auch wenn man in diesem Film nicht allzu viel Neues erfährt, lohnt es sich doch ihn anzusehen. Denn er ist hervorragend gestaltet, berücksichtigt sehr gut das Wesen dieser Frau, ihre historische Arbeit und ihr Durchhaltevermögen. Er vergisst auch nicht, die Auswirkungen der Radioaktivität – von Marie und Pierre Curie gefunden und so benannt – auf die heutige Zeit zu zeigen, die beispielsweise die menschliche Gesundheit betreffen.

Die junge Polin, Physikerin und Chemikerin, muss, um in der Wissenschaft vorwärts zu kommen, in Paris arbeiten. Doch leicht hat sie es da nicht. Es herrscht zu ihrer Zeit noch totaler Patriarchismus, und eine Ausländerin hat sowieso keine Unterstützung zu erwarten.

Da sie sehr selbstbewusst ist, schafft sie es trotzdem. Und nach einiger Zeit „akzeptiert“ sie Pierre Curie als ihren Mann. In einem Schuppen schuften sie Tag und Nacht, zerstampfen tonnenweise Pechblende, verbrauchen Wasser, viel Wasser.

Schließlich lohnt es sich. Sie finden neue Elemente – Radium, Polonium –, Voraussetzungen für gewaltige naturwissenschaftliche Fortschritte im 20. Jahrhundert – gute und schlechte.

Dann das größte Unglück ihres Lebens. Sie verliert ihren geliebten Mann, der von einer Pferdekutsche totgefahren wird.

Zwei Töchter hat Marie Curie – und langsam wird sie auch von den französischen Wissenschaftsoberen anerkannt. Schließlich ist sie inzwischen zweifache Nobelpreisträgerin.

Im Ersten Weltkrieg kann sie vor allem mit ihren Strahlungsmethoden viele Soldaten vor dem Tod retten. 1934 stirbt sie 67jährig.

Der Film ist besonders gut montiert. Dramaturgisch und inszenatorisch ist mit vielen Facetten die Existenz einer außergewöhnlichen Frau zu erleben, die die Menschheit bereichert hat. Und sicherlich wäre die Qualität des Films nicht so sehenswert geworden, hätten nicht zwei Darsteller so glänzend agiert: Rosamund Pike als Marie und Sam Riley als ihr Ehemann.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Über die Unendlichkeit
von Roy Anderson
(Neue Visionen, Kinostart 19. März 2020)

Einen speziellen Platz in der Geschichte des Films hat sich Regisseur Roy Anderson schon gesichert, denn wie kein anderer öffnet er mit ganz banalen, unkommentierten Kurzszenen eine ganze Zeit-, Lebens- und Schicksals-Philosophie.

Denn wer sonst würde sekundenlang ein Paar vorstellen, das lediglich in den Himmel schaut und feststellt, dass September ist; wer sonst würde ein Mädchen zeigen, das einen Blumenstock gießt, der längst hinüber ist; wer sonst würde darstellen, wie Jesus dreimal unter dem Kreuz fällt und von einer johlenden Menge ausgepeitscht wird; wer sonst würde filmisch bei einem Mann verweilen, der – vielleicht zu Recht – den Banken misstraut und deshalb Hab und Gut unter seiner Matratze verstaut; wer sonst würde einen katholischen Pfarrer vorstellen, der seinen Glauben verloren hat, einen Psychiater um Hilfe ersucht, der diese jedoch verweigert, weil er seinen Bus nicht verpassen will; wer sonst würde eine Frau vorstellen, die ganz einfach nichts anderes von sich gibt als dass sie Champagner liebt; wer sonst würde ein Paar ein Modell des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Köln überfliegen lassen; wer sonst möchte einen Vater und eine Tochter zeigen, die von ihm im strömenden Regen das Schuhband zugeknöpft haben will; wer sonst würde diesen trostlosen Gefangenenzug durch die Gegend marschieren lassen; wer sonst würde auch vor einer Erschießung nicht halt machen; wer sonst würde eine Frau zeigen, die nichts anderes tut als auf einem Bahnsteig zu warten; wer sonst würde einen älteren Kellner vorstellen, der ausgiebig Wein verschüttet. Usw.

Es ist eine Sammlung von grotesken und amüsanten, von pessimistischen und trostlosen, von verletzlichen und grausamen, von metaphorisch und inspirierend intendierten Kurzszenen.
Man ist zunächst irritiert, wird dann aber sehr nachdenklich. Denn es geht ja um das tägliche Leben jedes einzelnen, um das persönliche Geschick, um Zufälle, um Schmerzhaftes und Banales, um Unsinniges – um Positives und Schönes ebenso.

Ästhetik und Philosophie – mit Vorsicht zu genießen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Wagenknecht
von Sandra Kaudelka
(Salzgeber, Kinostart 12. März 2020)

Sahra Wagenknecht: Sie ist eine der wichtigsten, bekanntesten (86 Prozent) und beliebtesten Politikerinnen Deutschlands. Dass sie dazu noch gut aussieht, weiß sie sicherlich selbst. Über sie diesen Dokumentarfilm zu drehen war wirklich keine schlechte Idee, zumal sie sich offenbar aus der alltäglichen Politik etwas zurückziehen will.

Sie gehört der Linken an, verlangt in ihren Wahlkampf- und Bundestagsreden, in den Pressekonferenzen und Interviews , die sie gibt, mehr soziale Gerechtigkeit in unserem Land; sie nennt den Mindestlohn einen „Hungerlohn“; sie greift die Kanzlerin an (schloss sich, als diese das letzte Mal vereidigt wurde, dem allgemeinen Beifall nicht an); sie lässt an der AfD kein gutes Haar; sie wendet sich gegen einen übertriebenen Sparkurs der regierenden Parteien („Die Politik kann finanzieren was sie will“); sie hat „Sehnsucht nach einer anderen Politik“; sie ist entsetzt darüber, dass die Linke bei der letzten Bundestagswahl (vor allem im Osten) 430 000 Stimmen an die AfD verlor; sie ist am Grab von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu sehen; sie ist auf jeden Fall eine kämpferische Frau.

Bekannt sind in der eigenen Partei die Differenzen zwischen dem Bundestags-Fraktionsvorsitz (bisher Wagenknecht sowie Bartsch) und der Parteiführung („Man muss sich in einer Partei nicht lieben“). Diese „Verwerfungen“ hängen nicht zuletzt mit der gescheiterten Flüchtlingspolitik zusammen. Wird Sahra „gemobbt“? Was ist mit dem Angriff auf ihren Ehemann Oskar Lafontaine? Will man Sahra „wegloben“? Da kann sie nur fordern: „Wir müssen als Linke geschlossen auftreten.“

Ein leichtes Leben hatte sie bisher jedenfalls nicht: Termine, Termine, Termine. Jetzt muss, lässt sie wissen, mehr auf die Gesundheit geachtet werden.

Im Büro hängen Bilder von Marx und Goethe. Wahrlich keine schlechte Wahl! Vielleicht helfen die beiden ihr bei der neuen politischen Initiative „Aufstehen“, die sie wesentlich mitinitiiert hat.

Ein politisch wie menschlich höchst interessanter Film über eine der wichtigsten Politikerinnen unseres Landes. Er verschafft einen guten Überblick, ihn anzusehen lohnt sich.

 

Berlin Berlin
von Franziska Meyer Price
(Constantin, Kinostart 19. März 2020)

Die Serie „Berlin Berlin“ gab es zwischen 2002 und 2005 im Fernsehen. Da sie sehr erfolgreich war, wundert es nicht, dass nunmehr ein Kinofilm entstanden ist.

Lolle ist an die 14, 15 Jahre älter geworden, jetzt Mitte 30. Ihr Gefühlszustand aber, zwischen hoch und tief, zwischen Glück und Problemen, zwischen beruflichem Erfolg und Familienplanung hat sich nicht grundlegend geändert. Gerade steht ihr ein neues Abenteuer bevor. Sie ist nämlich dabei, ihren Freund Hart zu heiraten. Mitten in die Trauung platzt jedoch Sven hinein, ein früherer Freund, den sie sehr liebte. Sven fällt auf die Knie und bittet Lolle, statt Hart ihn zu heiraten. Eine für Lolles Leben typische Situation.

Sie muss übrigens auch noch vor Gericht und bekommt Sozialstunden in einer Schule aufgebrummt. Dort lernt sie Dana kennen – das genaue charakterliche Gegenteil von Lolle. Danas Freund war nach einem Unfall querschnittgelähmt, für die junge Frau eine schwere Last, die sich natürlich auf ihr tägliches Verhalten auswirkt. Im Grunde stecken sowohl Lolle als auch Dana in einem Leben fest, das sie nicht wollen. „Extremsituation“ sagt Lolle mehrfach.

Irgendwann finden sich die beiden Frauen nicht mehr in Berlin sondern in den Wäldern des Harz wieder. Sollen sie da bleiben oder weiterziehen?

Warum hat übrigens Lolle Danas Tablet geklaut? Kann sie die Animationsproduktionen ihrer Firma nach Hollywood verkaufen? Es sieht so aus. Auf jeden Fall führt Lolles und Danas Zusammensein dazu, dass aus den Gegnerinnen Freundinnen werden. Vor allem für Lolles Entwicklung war das wichtig.

Die frühere Freundschaft ereilt schließlich auch Hart und Sven wieder. Die Sache mit der geplatzten Hochzeit hatte sie natürlich schon getrennt.

All das ist temporeich zusammengemixt, ist lustig und (sehr) laut zugleich, zeigt die Stärke von Freundschaft und Liebe, bringt zum lachen, ist von den Hauptdarstellern gut gespielt, hätte auch nicht so vollgestopft und zu ein wenig Besinnung Zeit lassend sein können, dürfte jedoch insbesondere jungen Kinogängern und Liebhabern der früheren Serie gefallen.

THOMAS ENGEL