Der Gilden-Dienst Nr. 11-2020

Berlin Alexanderplatz
von Burhan Qurbani
(Entertainment One, Kinostart 16. April 2020)

Franz Biberkopf kommt in dem klassischen Döblin-Roman „Berlin Alexanderplatz“ aus dem Gefängnis in eine nicht ungefährliche Welt. Im gleichnamigen Film stammt der Farbige Francis aus Westafrika. Er hat auf der Flucht seine Partnerin verloren, kommt immerhin bis Berlin. Er will, das ist sein absoluter Vorsatz, ein guter, ein besserer Mensch werden.

Aber was kann man in einem Asylantenheim in Berlin ohne Pass und ohne Aufenthaltserlaubnis anfangen, wenn man noch dazu wegen eines Streits in der Firma den Arbeitsplatz verliert?

Man schließt sich dem psychisch höchst gestörten Drogendealer Reinhold an und verkauft in einem Park zuerst Essen – und später Drogen.

In diesem Milieu ein besserer Mensch zu werden, was Francis – inzwischen Franz – ja vorhatte, ist gewiss nicht leicht. Denn unentwegt geht es hin und her zwischen Freundschaft und Gegnerschaft, zwischen Vertrauen und Misstrauen, zwischen echter Liebe und Prostitution, zwischen einer absichtlich schweren Verwundung des „Freundes“ und reuiger Rückkehr, zwischen dramatischer Flüchtlingskrise und großer, schwer zu erfüllender Sehnsucht nach Heimat.

Zwei Charakterisierungen des Films: Erstens, eher indirekt aber hoch gesellschaftskritisch, die Schilderung der Migration und des Rassismus, die sich immer stärker und immer dringender zu einem weltweiten Drama auswachsen – das Multi-Kulti-Thema also auch, das immerhin in Berlin besser bewältigt zu sein scheint als anderswo.

Zweitens: Das Team um Regisseur Burhan Qurbani hat für den gut dreistündigen Film alles aufgeboten, was aufzubieten war: einen farbigen Stil, einen überreichen Sound, wichtige Themenschwerpunkte, eine überzeugende „moderne“ berlintypische Milieuschilderung, eine professionelle Inszenierung mit guter Montage und mit Welket Bungué als Franz, Albrecht Schuch (!) als Reinhold, Jella Haase als Mieze sowie Joachim Krol als Drogenboss, Darsteller, die wirklich nicht besser hätten agieren können.

Einen Preis gab es zwar bei der diesjährigen Berlinale nicht, doch nach der Erstpräsentation immerhin Standing Ovations.

 

Der Fall Richard Jewell
von Clint Eastwood
(Warner, Kinostart 19. März 2020)

Der Film beruht auf wahren Begebenheiten.

1996, Atlanta, Olympische Spiele. Richard Jewell ist im Centennial Parc als Ordnungshüter eingesetzt. Er ist von der Statur her eher klein und rundlich, nicht gerade eine Schönheit. Vielleicht will er dies durch sein Gehabe ein wenig ausgleichen.

Es könnte sein, dass er mit einem schwarzhaarigen Kerl, der mit einem Rucksack durch die Musik hörende, tanzende und trinkende Menge schleicht, etwas zu tun hat. Aber es sieht vielleicht auch nur so aus. Genaues weiß man nicht.

Richard Jewell, der Wichtigtuer, verkündet plötzlich, dass eine Bombe in der Nähe sei, die nach 30 Sekunden explodiere. Tatsächlich kommt es in der vorgesehenen Zeit zur Explosion, zwei Menschen sterben, sehr viele werden verletzt. Richard Jewell wird als Held gefeiert, denn hätte er die Menge nicht gewarnt, hätte es viel mehr Opfer gegeben.

Eine Zeit lang geht das gut. Dann werden, vor allem durch die Recherchen und Artikel einer örtlichen Journalistin, Zweifel laut. Hat Jewell das Ganze inszeniert, um wie gesagt als Held dazustehen?

Jetzt ist er verdächtig. Die örtliche Polizei, das FBI – alle untersuchen den Fall. Richards Haus wird durchsucht, seine Mutter befragt, seine vielen Waffen werden beschlagnahmt, ein Verhör folgt auf das andere. Die Bevölkerung giert nach der Sensation.

Doch Jewell und sein Anwalt schlagen sich gut. Zu beweisen ist absolut nichts. Jewell bekommt seine Habe, vor allem seine Waffen zurück. Friedlich stirbt er 2007.

Der Regisseur heißt Clint Eastwood. Der hat schon sehr viele gute Filme gedreht. Und das gilt auch für den Fall Jewell. Das wegen der fehlenden Beweise besonders spannende Thema, die Dialoge, die Dramatisierung des Stoffes, die Montage, all das sitzt gut.

Die Rolle des Richard Jewell hat Paul Walter Hauser übernommen. Wie er durchgehend diesen eher mickrigen Wachmann mimt, das ist schon eine Glanzleistung!

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien
von Bettina Böhler
(Weltkino, Kinostart 2. April 2020)

Christoph Schlingensief, ein Ausnahmemensch und Ausnahmekünstler im Guten wie im Schlechten.

Er lebte von Kindheit an in guten Familienverhältnissen, der Vater Apotheker, die Mutter Kinderkrankenschwester. Schon als Jugendlicher begann er Filme zu drehen. Bald trat seine überdurchschnittliche Intelligenz zutage. Studium und Lehraufträge.

Viele politische, gesellschaftliche und soziale Ideen und Ansätze sprudelten etwa ab den 90er Jahren aus ihm heraus. Er wurde damit auch zum Revoluzzer, zum Protestler. Seine Filme „100 Jahre Adolf Hitler“ oder „Das deutsche Kettensägemassaker“ wurden legendär. Berühmt auch seine „künstlerischen“ Angriffe gegen Helmut Kohl („Baden im Wolfgangsee“), Jürgen Möllemann oder gegen Österreich.

Interviews mit zahlreichen Persönlichkeiten, die Bekanntheitsgrad erlangten, etwa Hildegard Knef oder Konrad Kujau (Hitler-Tagebücher), Harald Schmidt oder Carl Alexander, Prinz von Hohenzollern.

Bemerkenswert sein Eintreten für Schwache und Arbeitslose, Kranke und Ausgegrenzte, Behinderte und Asylsuchende.

Immer wieder abwechselnd zweifelhafte Aktionen und geistig Hochstehendes. Er gründete eine Partei, die total floppte, erhielt jedoch gleichzeitig Berufungen als Regisseur (Parsifal in Bayreuth) oder Jurymitglied (Berlinale).

Auf jeden Fall gleichzeitig ebenso genial und lehrreich wie narzistisch und „abgefahren“.

Dann wurde er krank: Lungenkrebs. Noch vom Krankenbett aus blieb er künstlerisch tätig. Doch der Krebs war stärker. Christoph Schlingensief starb 2010.

Der Regisseurin Bettina Böhler ist etwas Außerordentliches gelungen: Aus reinem Archivmaterial ließ sie in zwei Stunden mit erstklassigen Montagen den Anreger, Revoluzzer, Autor, Provokateur, Intelligenzler und Clown wiederauferstehen. Wie gleichzeitig fruchtbar und furchtbar wäre es, wenn Schlingensief weiterwirken könnte.

Interessierten sehr zu empfehlen.

 

Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde
von Nicola Alice Hens
(Missing Films, Kinostart 19. März 2020)

Dies ist ist die Geschichte der Marthe Hoffnung-Cohn, einer nunmehr alten Dame (weit über 90), die sich jedoch nicht ausruht sondern von Los Angeles aus die Welt bereist, um, nachdem sie jahrzehntelang geschwiegen hatte, vor allem jungen Menschen über ihr Leben insbesondere während des Zweiten Weltkrieges zu berichten. Die Idee ist natürlich, ihnen nahezulegen, politisch und moralisch dafür zu sorgen, dass es nie mehr zu Judenverfolgungen und zu einem solchen Krieg kommt.

Marthe stammt aus Lothringen. Das jüdische Leben der Familie war gut, die berufliche Ausbildung (Krankenschwester) lief, alle Angehörigen schienen vor einem schönen Leben zu stehen – bis die Deutschen Anfang der 40er Jahre in Frankreich einmarschierten; bis es eine besetzte und eine „freie“ Zone gab; bis die ersten „Juden raus!“-Schreie zu hören waren; bis Marthes Schwester Stéphanie verhaftet wurde; bis es zu Enteignungen kam; bis der Widerstand (Réstistance) aufgebaut werden musste; bis französische Kollaborateure Widerständler für 25 000 Francs verrieten; bis die Deportationen begannen; bis Geiseln erschossen wurden.

Zuerst zeigt der Film die früheren Stationen: Metz, Poitiers, Paris usw.

Dann ab Mitte 1944 die entscheidende Spionage-Zeit. Marthe trat der französischen Armee bei, wurde, weil sie fließend deutsch sprach, mit falscher Identität für wichtige Erkundungen eingesetzt: in Freiburg, im Schwarzwald. Sie konnte melden, wo noch deutsche Truppen standen, die dann umgangen werden konnten, wie sich zu jener Zeit die deutsche Bevölkerung zum beinahe verlorenen Krieg verhielt, wie der von deutscher Seite für unüberwindbar gehaltene „Westwall“ zusammengebrochen war.
Zuvor hatte sie die nötige Ausbildung machen müssen: morsen, deutsche Uniformen erkennen, Waffen bedienen, usw .

Nach dem Krieg ging sie nach Vietnam (damals unter französischer Oberhoheit), heiratete ihren Major L. Cohn, bekam Kinder.

Sie wurde inzwischen mit vielen Auszeichnungen geehrt, ist überall willkommen, berichtet über ihr Leben – aber eben auch über die notwendigerweise daraus resultierenden Konsequenzen.

Ein historisch, politisch, menschlich und moralisch bedeutsamer Film, den vor allem junge Menschen sehen sollten.