Der Gilden-Dienst Nr. 12a-2020

Eine größere Welt

von Fabienne Berthaud
(MFA, Kinostart 9. Juli 2020)
Corine und ihr Mann waren zehn Jahre glücklich. Dann wurde er krank. Schließlich starb er. Corine war dermaßen traurig und unglücklich, dass sich psychiatrisch wahrscheinlich etwas in ihr veränderte.
Sie arbeitete als Tontechnikerin. Man brauchte für eine gesangliche Dokumentation eine fremdartige Begleitung. Also begab sich Corine in die Mongolei, wo Derartiges leicht zu finden war: Trommeln, Gesang, „Schreien“, Maultrommel, Geistergeheul.
Während dieses Aufenthalts fand eine Schamanin bei einem Tranceanfall Corines heraus, dass diese selbst die Voraussetzungen einer Schamanin in sich trage. Sie müsse nur ausgebildet werden.
Nun folgt eine lange Ausbildungszeit: mit Warten, mit Zweifeln, mit Üben, mit erfolglosen Versuchen. Corines Geduld wird monatelang auf eine harte Probe gestellt.
Man trifft auf Mongolen, die eine völlig andere Lebens- und Geistesauffassung haben, die in unseren Augen mysteriöse Rituale pflegen, die bedingungslos tun, was die Schamanen, ihre Priester, sagen, die an zahlreiche Geister glauben, die glücklicherweise total mit der Natur verbunden sind.
Corine durchlebt dies alles. Doch welchen Einfluss hat es auf eine Person aus dem Westen?
In sehr einfachen (Natur-)Szenen kann man in diesem Film alles erfahren und betrachten. Der Trumpf: Cécile de France spielt ihre Rolle als Corine wunderbar.
Diese Exotik und unser Westen: Eine gewisse Corine Sombrun, um deren tatsächliche Erlebnisse es hier geht, schrieb nach diesen Vorfällen mehrere Bücher darüber – und lässt weiter forschen: Was ist Trance? Wie kann man mit Hypnose, Meditation, autogenem Training oder Substanzeinnahme Trance herstellen? Welche psychischen Gewinne könnten sich aus schamanischen Trance- und Bewusstseinszuständen ergeben? Wie sind die Verhältnisse bei kranken, wie bei gesunden Menschen? Welches individuelle und allgemeine Potential lässt sich in absehbarer Zeit nutzen?
Es ist eine spezielle Forschung, die noch in ihren Anfängen zu sein scheint. Immerhin weist „Eine größere Welt“ darauf hin.
Der Film dürfte vor allem geistig in dieser Richtung Interessierten willkommen sein.

Monos – Zwischen Himmel und Hölle

von Alejandro Landes
(DCM, Kinostart 4. Juni 2020)
Kolumbien. Jahre- wenn nicht Jahrzehnte lang tobte dort der Krieg zwischen der Guerilla und der Regierung bzw. dem Militär. Indirekt, nur indirekt, schildert der Film diese Lage und diese Zustände.
Eine wilde verlorene Bergregion. Eine paramilitärische Gruppe von Jugendlichen beiderlei Geschlechts ist von der „Organisation“ dorthin befohlen. Es geht in erster Linie darum, eine amerikanische Geisel, die „Doctora“, zu bewachen. Die Jugendlichen haben Namen wie Rambo, Bigfoot, Perro, Laura, „Schwedin“ usw. Sie werden zeitweise von einer Art Offizier hart kommandiert.
Sie müssen sich natürlich die Zeit vertreiben. Sie trainieren, sie schlagen sich, sie feiern, sie küssen sich, sie sind schwerbewaffnet, schießen mit ihren Maschinengewehren herum.
Die Kuh Shakira, die sie bewachen sollen, wird dabei erschossen. Ist es der Todesschütze, der Selbstmord begeht?
Es kommen „Feindmeldungen“, offenbar ein Überfall. Die Gruppe muss sich in dem undurchdringlichen, nassen, sumpfigen Regenwald absetzen. Vor allem hierdurch kommt es zu Auflösungserscheinungen. „Jeder für sich“ gilt nun offenbar mehr als die bisherige verschworene erschienene Gemeinschaft.
Der Film ist wohl ein Abbild dessen, was Krieg, was Bürgerkrieg bedeutet. Er zeigt als Folge Verwilderung und Albträume, Grausamkeit und Anarchie. Jahrzehntelang herrschten in Kolumbien solche Zustände. In einer überdeutlichen filmischen Form macht Regisseur Alejandro Landes all dies klar: mit wilden Naturaufnahmen, mit Bildern strenger Gesichter, mit überaus brutalen Handlungselementen, mit zum Teil schier absurden Verhaltensweisen – aber auch mit inszenatorischer Professionalität.
Aufgenommen wurde „Monos“ im Allgemeinen gut. Es gab eine ganze Reihe von Festival-Nominierungen. Die Kritik, die ebenfalls nicht fehlte, sprach von „Klischees“ und „Unvollständigkeit“.
Eine physisch wie psychisch überaus harte, szenisch ziemlich ausgefallene, gut dramatisierte Verurteilung von Krieg und Bürgerkrieg.

Der Geburtstag

Von Carlos A. Morelli
(W-Film, Kinostart 25. Juni 2020)
Matthias Altmann und seine Frau Anna leben in Scheidung. Den Geburtstag ihres 7jährigen Sohnes Lukas wollen sie immerhin geneinsam feiern. Eine gute Stimmung allerdings sieht anders aus. Matthias, der sich längst eine Geliebte angeschafft hat, schiebt ständig Ausflüchte vor: Arbeit, Termine, das Geschenk für Lukas erst später, der versprochene Tiergartenbesuch zu den Elefanten ebenfalls erst ein Wochenende später.
Zuerst versaut ein starker, anhaltender Gewitterregen die schön vorbereitete Feier, dann glaubt die Mutter des ebenfalls teilnehmenden Julius es handle sich um eine Übernachtungspartie – und holt ihren Sohn einfach nicht ab.
Dies verschafft Matthias eine furchtbare Nacht. Er will, nachdem Julius‘ Adresse endlich gefunden ist, das Kind heimbringen. Doch der Junge will absolut nicht nach Hause, Matthias wird überfallen und bestohlen, Julius stürzt und ist eine Weile bewusstlos, und einer Streifen-Polizistin gefällt das alles überhaupt nicht.
Entweder gilt „es wird immer irgendwas sein“ oder „Matthias hat alles falsch gemacht“. Dieser scheint sich auf Letzteres zu besinnen, repariert plötzlich wieder eines von Lukas‘ beliebten Spielzeugen, das Matthias als „irreparabel“ bereits in den Müll geworfen hatte – und der Zoobesuch mit Lukas wird ebenfalls sofort durchgeführt.
Ein s/w-Film, von dem man sagen könnte, dass er sich, vor allem was die verkorkste Ehe betrifft, durch einen „heutigen Realismus“ charakterisieren lässt. Matthias ist schon dabei sich zu wandeln – und Anna, die sich ebenfalls bereits mit einem neuen Begleiter zeigt, ist sicherlich nicht abgeneigt. Kleine Gesten von beiden verraten das.
Auf jeden Fall glaubhaft dramatisiert. Übrigens mit auffallend guter Musik unterlegt – und von Anne Ratte-Polle (Anna) sowie Mark Waschke (Matthias) hervorragend gespielt. Das lässt sich übrigens auch von den beiden Buben Lukas (Kasimir Brause) und Julius (Jean Finnlay Berger) sagen.
Ein überzeugender Film, der die jetzige Zeit realistisch ablichtet.

World Taxi

Von Phillipp Majer
(Jip, Kinostart 4. Juni 2020)
Keine schlechte Idee, filmisch die Arbeit von Taxis in Pristina (Kosovo), Bangkok (Thailand), Berlin (Bundesrepublik), Dakar (Senegal) oder El Paso (Mexiko) zu beobachten und zu schildern, dabei die Taxifahrer ebenso wie die Fahrgäste ein wenig unter die Lupe nehmend.
Taxis sind ja so etwas wie praktische Auskunftsstellen, die über das Leben und die allgemeinen Zustände eines Landes vielfältige Auskunft geben können – sowohl seitens der Chauffeure als auch seitens der Gäste.
Da wird über einen Diktator geschimpft; da ist von einer Magenverkleinerung die Rede; da fallen in El Paso, wo es früher 700 Morde pro Jahr gegeben haben soll, auch Bemerkungen über die Mauer zwischen den USA und Mexiko; da wird über die Schwierigkeit bei der Beschaffung behördlicher Papiere geklagt; da wird gezeigt, wie in Dakar Geschäfte vor sich gehen – und es beten sowohl Muslime als auch Buddhisten; da wird geoffenbart, wo die Prostitution legal ist und blüht; da hat ein Chauffeur für die Fahrgäste Mittel gegen eine Augenkrankheit und Übergewicht dabei; da wird in Pristina gegen eine alles zerstörende Korruption geklagt; da spekuliert Mamdou aus Dakar über Zweit- und Drittfrauen; da erhält die Berliner Taxifahrerin „Bambi la Furiosa“ Angebote, die nichts taugen.
Dem Geschilderten ist zu entnehmen, dass nicht nur Unterhaltsames sondern auch eine Menge Bedenkenswertes geboten wird. Manches ist wichtig, anderes eben nur banal. Der Film ist zudem gut geschnitten und wartet mit sehr sympathischen Menschen auf.
Durchaus sehenswert!