Der Gilden-Dienst Nr. 13-2020

Die schönsten Jahre eines Lebens

Von Claude Lelouch
(Wild Bunch, Kinostart 2. Juli 2020)
Cineasten erinnern sich sicherlich an Claude Lelouchs prämierten Film „Ein Mann du eine Frau“ (1966), in dem Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant das Liebespaar spielten. Er hat die beiden über ein halbes Jahrhundert später wieder vor die Kamera geholt und mit ihnen einen beachtlichen Film gedreht.
Jean-Louis Duroc war einst als Rennfahrer (und Schürzenjäger) Sieger in Monza. Nun ist er alt und müde geworden, muss seine letzte Zeit im Altersheim verbringen. Sein Problem: Das Gedächtnis hat ihn im Stich gelassen; nur manchmal hat er noch lichte Momente.
Seine große Liebe war einst Anne. Weil er untreu war, musste sie ihn verlassen. Sie wurde Skriptgirl, später Filmproduzentin, nunmehr betreibt sie in der Normandie ein kleines Geschäft.
Antoine, Jean-Louis‘ Sohn, treibt nach langer Suche Anne auf und bittet sie, seinen geistig lädierten Vater zu besuchen. Anne taucht bei Jean-Louis auf, doch er erkennt sie nicht, erklärt allerdings, dass er mit ihr aus dem Altersheim ausbrechen wolle. Auch Anne sagt nicht, wer sie ist.
Annes Besuche wiederholen sich. Die beiden unternehmen kleine Touren. Manchmal blitzt im Gedächtnis (und in Szenen des früheren Films) Vergangenes und Schönes auf. Wie weit zwischen den beiden eine neue, jetzige Gefühlsrealität sich formen kann, bleibt in der Schwebe.
Ausgesuchte Dialoge gibt es, Dichterisches kommt hinzu, und das französische Chanson feiert eine Art Auferstehung. Wirklich bewundernswert, wie die beiden ihre Rollen spielen; bei Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant ist das allerdings kein Wunder.
Ein Rezensent schrieb sinngemäß, Lelouchs Film sei für „niedrige Ansprüche“, „der Mantel des gnädigen Vergessens“ sollte über den Film gebreitet werden.
Eine solche Aussage ist, auch wenn nicht alle Teile des Films gleich gut sind, mit Verlaub, dummes Zeug.
Für Lelouch-Fans ein Gefühlsvergnügen.

Jean Seberg – Against All Enemies

von Benedict Andrews
(Prokino, Kinostart 17. September 2020)
Vor allem durch Godards „Außer Atem“ (A bout de souffle) war die amerikanische Filmschauspielerin Jean Seberg in Frankreich bekannt geworden. Doch schon mit 40 Jahren starb sie in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Man fand die Vermisste nach Tagen in ihrem Auto; ihr Körper war bereits stark angegriffen.
Verheiratet gewesen war sie mit dem französischen Schriftsteller Roman Gary, mit dem sie einen Sohn hatte.
Das Ende der 60er Jahre war nach dem „Ende der Nachkriegszeit“ eine Zeit des Aufbruchs, des Aufbegehrens, der Revolution. In den USA nahmen die Afro-Amerikaner die jahrhundertealte Unterdrückung nicht mehr hin. Und was tat Jean Seberg? Sie unterstützte die Bewegung der Schwarzen, spendete Organisationen wie den Black Panthers Geld. Und nicht nur das. Sie hatte mit einem der (verheirateten) Hauptaktivisten, Hakim Javal, ein außereheliches Verhältnis, was natürlich den betroffenen Familien alles andere als gut tat.
Das FBI schaute nicht lange tatenlos zu. Jean Seberg wurde ununterbrochen verfolgt, abgehört, es wurde behauptet, dass das Kind, das sie nach einem One Night Stand in Mexiko erwartete, von Javal sei.
Der FBI-Agent Jack Solomon, der sie zunächst speziell zu überwachen hatte, schien ihr am Ende helfen zu wollen – aber es war zu spät.
Zu sehr hatte Jean unter der ständigen Verfolgung, der Trennung von Hakim, dem andauernden Konsum von Alkohol und Pillen gelitten. Die Paranoia war nicht weit, und die leiblichen wie seelischen Kräfte gingen zu Ende. Sehr wahrscheinlich – genau weiß man es nicht – setzte all dies ihrem Leben ein Ende.
Die Zeit, die politischen Unruhen oder die schwierigen Familienverhältnisse werden authentisch geschildert – vor allem aber glänzt Kristen Stewart als Jean Seberg darstellerisch mit der menschlich überzeugenden Offenlegung ihres Seins und ihrer Nöte.
Inszenatorisch hat der Film bewährte US-Filmqualität.
Ein künstlerisch interessantes aber bis zur Tragik reichendes Frauenschicksal.
Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

von Marco Bellocchio
(Pandora, Kinostart 13. August 2020)
Die sizilianische Mafia war – und ist? – mächtig und offenbar unausrottbar. Sie präsentierte sich immer als humane wirtschaftliche und soziale Organisation, und doch ist niemandem unbekannt, dass unter diesem Deckmantel viel Furchtbares geschah: Drogenhandel, Geldwäsche, illegales Bauen, Anschläge gegen den Staat, Wirtschaftsverbrechen und die vielfache gnadenlose Ermordung von Gegnern und Konkurrenten, Frauen und Kinder nicht ausgenommen.
Dieses Milieu im späten 20. Jahrhundert zeichnet der Film, speziell am Beispiel eines gewissen Tommaso Buscetto, Dieser war selbst lange Jahre ein führender Mafioso – bis sich in seinem Bewusstsein die Erkenntnis bildete, dass große Teile der sizilianischen Mafia, vor allem die sogenannten Corleonesi unter Salvatore Riina, gegen jede „Würde“ der Mafia handelten, jede Konkurrenz vernichten wollten und für einige Dutzend Morde verantwortlich waren.
Buscetto, der nicht zuletzt deshalb ein neuer Mensch werden wollte, wurde zum Gegner der Riina-Gruppe – und zum Helfer des Staates, vor allem auch, weil zwei seiner Söhne von diesen Riina-Leuten getötet worden waren.
Er setzte sich mit seiner dritten Frau Cristina und den übrigen Kindern nach Brasilien ab, wurde jedoch nach längerer Zeit an Italien ausgeliefert.
Jetzt deckte er, von den Mafiosi „Verräter“ genannt, vor allem im sogenannten „Maxi“-Prozess in Palermo, der mit 360 Schuldsprüchen endete, Abgründe auf, insbesondere nachdem er mit dem Richter Giovanni Falcone viele Gespräche geführt hatte, die nur dem Namen nach Verhöre waren.
Sogar Politiker wie Andreotti brachte er vor den Richter.
Zuvor waren Falcone und seine Begleiter von der Mafia mit einer riesigen Sprengladung in die Luft gejagt worden.
Im Jahre 2000 starb Buscetto, der unter einem Zeugenschutzprogramm hatte leben müssen, in den USA.
Ausführlich und minutiös berichtet Regisseur Bellocchio über die Geschehnisse. Doch nicht nur das, denn er tut dies auf eine typisch italienische, intensive Art. Das Milieu, die Familien, die Mafia oder die Justiz betreffend, stimmt, die Dialoge sind echt, die Montage ist gelungen, und die Darsteller, allen voran Pierfranco Favino als Tommaso Buscetto geben ihr Bestes.
Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Undine

von Christian Petzold
(Piffl, Kinostart 6. Juni 2020)
Die Legende vom jungfräulichen halbgöttlichen Wassergeist Undine gibt es schon mindestens seit dem 14. Jahrhundert. Viele Künstler, Dichter, Schriftsteller oder Komponisten haben sich in ihren Werken des Stoffes angenommen. Nun tat dies auch Regisseur Christian Petzold, der jedoch einen ganz eigenen Weg ging.
Undine lebt in Berlin. Sie arbeitet als Fremdenführerin, erklärt im Auftrag des Senats den Besuchern anhand von riesigen Stadtmodellen das über einem Sumpf entstandene Berlin – und spart dabei auch nicht mit (Petzolds) Kritik an den Gestaltern des jetzigen „modernen“ Stadtbildes.
Wer hinter der jungen Frau steckt, wird dann jedoch rasch klar. Undine wird von ihrem Liebhaber Johannes Knall auf Fall verlassen. „Wenn du mich verlässt, werde ich, muss ich dich töten“, sagt sie. Warum spricht sie so? Weil sie Undine ist und nach getaner „Arbeit“ ins Wasser zurückkehren müsste.
Doch sie stellt sich gegen die sie beschreibende Sage. Sie will in Petzolds Film weder töten noch zurück ins Wasser gehen. Glücklicherweise trifft sie auf Christoph – der sie innig lieben wird. Er ist Industrietaucher, schweißt unter Wasser Rohre. Er würde, wenn es nottäte, Undine im Wasser finden.
Muss oder wird sie Johannes töten? Muss sie zurück ins Wasser? Würde sie, wenn sie sich beispielsweise mit Christoph vermählen würde, ihre Unsterblichkeit verlieren? Es gilt als Merkmal einer Legende, dass nicht alles offenbar wird.
Es ist ein schöner, manchmal erzählerisch und in der Montage etwas komplizierter Liebesfilm geworden. Es gibt wunderbare Szenen und Aufnahmen – zum Beispiel der Welt unter Wasser mit ihren Pflanzen und Fischen, in der Undine und Christoph sich suchen, finden, berühren. Immer wieder begleitet von einem lieblichen musikalischen Motiv von Johann Sebastian Bach.
Und auch über die Schauspieler ist zu berichten. Paula Beer und Franz Rogowski bilden ein Liebespaar, dem man seine Liebe glaubt. Ihre gemeinsamen Auftritte überzeugen absolut. Nicht umsonst erhielt Frau Beer auf der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären als beste Schauspielerin.
Wie gesagt ein schöner, manchmal erzählerisch etwas kompliziert dramatisierter Liebesfilm.