Der Gilden-Dienst Nr. 14-2020

Helmut Newton – The Bad and the Beautiful

von Gero von Boehm
(Filmwelt, Kinostart 9. Juli 2020)
Ein Film über einen der berühmtesten Fotografen der Welt. Ein Mann, gleichzeitig genial und verrückt, gleichzeitig geistreich und provokativ.
1920 ist er in Berlin geboren. Sein Interesse für die Fotografie war bald spürbar. Doch weil er jüdischer Abstammung war, musste er bereits 1938 das von ihm geliebte Berlin verlassen und kam über Singapur nach Australien, wo er immerhin seine Frau June kennen und lieben lernte, mit der bis an sein Lebensende zusammen war. 2004 starb er mit 84 Jahren nach einem Autounfall.
In Australien hatte er zunächst als gewöhnlicher Arbeiter sein Brot verdienen müssen – offenbar bis ein Fotoauftrag von der dortigen „Vogue“ kam.
Später arbeitete er neben vielen anderen Mode- und Werbeaufträgen für die „Vogue“-Ausgaben aller wichtigen Länder, brachte es damit zu hohem Ansehen und lebte deshalb auch in den wichtigsten Städten der Welt.
Berühmt wurde er durch unzählige Frauen- und Nacktfotos, eines origineller als das andere; wirklich viele dieser Fotos sind in dem Film zu sehen. Berühmte Fotomodelle: Charlotte Rampling, Grace Jones, Isabella Rossini, Claudia Schiffer oder Hanna Schygulla und andere mehr. Doch diese Damen ließen sich nicht nur ablichten sondern erzählen in dem Film auch, wie er war, wie er seine Kunst ersann und bewältigte, wie er Originalität und Witz hatte. Isabella Rosselini und Charlotte Rampling beispielsweise charakterisieren ihn besonders gut. Und das gilt zusätzlich für Anna Wintour, die Chefredakteurin der US-“Vogue“.
Nicht sehr viel ist in dem Film über Kritik an ihm wahrzunehmen – doch von der feministischen Seite her war das Urteil über ihn natürlich nicht immer besonders günstig.
Vieles erzählt in älteren Aufnahmen Newton selbst. Fotos, Biographisches und Archivmaterial gibt es in Hülle und Fülle. Und aus alledem ist letztlich ein lebendiger, informativer, sogar wissenswerter und auch bunter Dokumentarfilm geworden, der Interessierten sicherlich Vergnügen bereiten wird.

Dreissig

von Simona Kostova
(déjà-vu), Kinostart 23. Juli 2020)
Övünc Güvenisik ist Schriftsteller. Heute wird er 30 Jahre alt. Er wacht auf – bleibt minutenlang untätig in seinem Zimmer. Das scheint bereits ein Hinweis auf einen Teil des Filmthemas zu sein.
Am Abend soll eine Party steigen. Pascal, Raha, Kara, Henner und Anja werden mit dabei sein. Die jungen Frauen bereiten sich vor, schminken sich. Eine von ihnen hat sich gerade von ihrem Freund getrennt. Aber so ganz sicher ist das noch nicht.
Am Abend: „Happy Birthdy Tou You!“ Ein wenig Unterhaltung kommt zustande – ein „Denkanstoß“ dazu, dass man sein Leben nicht beeinflussen könne, und über die „Ablaufdaten“.
Dann geht es raus. Eine Kneipe – weiter mit dem Taxi, nächster Klub. Überall (in Neukölln) krachig und übervoll. Das wiederholt sich mehrere Male.
Sie unterhalten sich, trinken, tanzen, küssen sich, lachen, rauchen, kiffen, verstehen sich, verstehen sich nicht, feinden sich an, trösten sich, umarmen sich.
Sehr gut getroffenes Ambiente. Schöne Großaufnahmen von den Gesichtern der sechs. Immer wieder. Bis zum gemeinsamen Frühstück.
Sie sind alle um die 30. Was jeden genau charakterisiert wird nicht gesagt – doch man vermutet es, wenn man ihre Gesichter sieht.
Ist der Film kennzeichnend für eine andere Lebensauffassung im Vergleich zu früher, ist er es speziell für die heutige Zeit, ist er es für Berlin, für Neukölln, für die jetzigen jungen Menschen?
Explizit zu behaupten ist das nicht. Doch vielleicht hilft ein Wort von Anton Tschechow weiter, auf das die Autorin und Regisseurin in diesem Zusammenhang gestoßen zu sein scheint: „Wo ist sie, wo ist sie hin, die Zeit, als ich fröhlich war, wach, als ich noch träumte, leuchtende Ideen hatte, als mir Gegenwart und Zukunft als Hoffnung erstrahlten? Warum werden wir, kaum haben wir angefangen zu leben, langweilig, grau, uninteressant, träge, nutzlos, unglücklich?“
Ein offenbar charakteristisches, interessant gestaltetes heutiges Milieu- und Lebensbild, das zu denken gibt.

 

Wir Eltern

Von Eric Bergkraut und Ruth Schweikert
(W-Film, Kinostart 16. Juli 2020)
„Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend“ oder „Heute ist der Mangel der Jugend, dass sie keinen Mangel hat“ oder „Die Erziehung eines Kindes nützt nur, bis es vier Jahre alt ist“ oder „Früher war Kinder haben Eheglück, heute bestimmen die Kinder alles“.

Das sind Aussagen, die in diesem Film vorkommen, und in dem, was gesagt und gezeigt wird, bestätigen sie sich auch. Es geht um eine Schweizer Familie: der Vater „Michi, die Mutter Vero(nika), beide Aklademiker, dann die Zwillinge Anton und Romeo, knapp 20, sowie der noch kleine Nachzügler Benji.
Es wird das Alltagsleben gezeigt: Der Vater, der eine gewisse Erschöpfung signalisiert und sich eine „Auszeit“ wünscht, die Mutter, Physiklehrerin, die an politischen Wahlen teilnimmt, die Zwillinge, die lieber schlafen und „gamen“ als in die Schule zu gehen, die ihre Zimmer nicht aufräumen, von denen einer seine Freundin ins Haus holt – „Sex, dass die Balken krachen“ -, die offenbar an „Wohlstandsverwahrlosung“ leiden, von denen der zweite wegen der Unterhaltspflicht Anwälte gegen die Eltern in Anspruch nehmen will, die in ihrer Verunsicherung und Verblendung diese Eltern sogar einmal als „Affeneltern“ oder „feiges Pack“ titulieren.
Sogar der kleine Benji spricht einmal von der „schlimmsten Familie“.
Doch es gibt auch Liebe und Zusammenhalt, gemeinsame Ausflüge und „Es tut mir leid!“ oder „Ohne die Alten ist alles halb so lustig.“
Zwar heißt es am Schluss, dass die Personen erfunden seien – aber vieles hört und sieht sich doch sehr realistisch an: der Alltag, das Gewöhnliche, das trotz allem bestehende Zusammengehörigkeitsgefühl, das Aufeinanderprallen der einzelnen Familienmitglieder, die unter allem Problematischen versteckte Liebe zueinander.
Man kann sich bei solcher Authentizität auch bewusst werden, wie die Dinge im eigenen Leben beschaffen sind, was man ändern könnte und sollte, wie weit jeweils die Rücksicht auf andere zu gehen hat.
Der Film ist bei aller Problematik unterhaltsam gestaltet, das Milieu durchgehend gut getroffen. Agiert wird sowohl von den Eltern (Vater Eric Bergkraut auch Drehbuchautor) als auch von den Kindern erstaunlich gut.
Als Familienmuster gut brauchbar.

 

Sarita – Sag mir wer ich bin

Von Sergio Basso
(Missing Films, Kinostart 20. Juni 2020)
Flucht, Vertreibung, Aussiedlung, Ausweisung, Exil –wohin man schaut. Auch dieser Film widmet sich der Frage. Doch es geht hier nicht um ein weltbekanntes Thema wie etwa Tibet – von dem jedermann weiß –, sondern um das Himalaya-Land Bhutan, aus dem 1990 an die 100 000 Menschen nach Nepal vertrieben wurden, weil sie Hindus waren und keine Buddhisten, weil sie nepalesischer Abstammung waren, weil sie zum Teil Christen waren und weil sie für sich Rechte forderten.
An die zehn Jahre hat der Regisseur diese Menschen filmisch begleitet. Es ging politisch bei weitem nicht alles korrekt zu; wer sich wehrte, konnte gefoltert werden.
20 Jahre lebten die Flüchtlinge in einem nepalesischen Lager unter nicht gerade leichten Bedingungen. Von der UNO wurden diese „Staatenlosen“ zwar mit Nahrung versorgt, doch Strom gab es nicht und Wasser nur an öffentlichen Stellen.
Welche psychologischen Folgen dies hatte, kann man sich denken.
Die 13jährige Sarita, die zeitweise an Amnesie litt (oder dies zumindest vorgab), die im Tempel zu Shiva betete, die ihre kranke Großmutter nach Kathmandu begleitet und die schließlich nach Norwegen auswandert, führt durch den Film.
In stilistisch vielfältiger Weise wechseln Szenen des Lagerlebens mit auflockernden, hübschen Musical-Passagen ab, die Behandlung der politischen Problematik gilt vor allem der erzwungenen Umsiedlung und den damit verbundenen faktischen und psychischen Folgen.
Sehr gut spielt die kleine Sasha Biswas die wichtige Rolle der Sarita.
Wichtig ist der gut inszenierte Film allemal: nicht zuletzt weil die Flüchtlingskrise zu den derzeit schlimmsten Katastrophen der Welt zählt!