Der Gilden-Dienst Nr. 15-2020

Weltreise mit Buddha

Von Jesco Puluj
(Happy Entertainment, Kinostart 30. Juli 2020)
Ist der Buddhismus eine Religion, lediglich eine Moralvorstellung, eine Philosophie?
Er fordert seine Anhänger auf, Gutes zu tun, niemandem Leid zuzufügen, nicht an Besitz zu hängen, zuweilen einsam zu sein, zu meditieren, in sich zu gehen, das Materielle zu vergessen.
Dann kann nach langer Zeit das Dunkel verschwinden, der Geist Frieden finden, der Schmerz leichter werden, der Zweifel keinen Platz mehr haben. So können Körper und Seele gereinigt werden. Dann ist die Erleuchtung, das Nirwana erreicht.
Eine gute Idee von Jesco Puluj, sich aufzumachen und die Länder zu bereisen, wo der Buddhismus zu Hause ist. Er will herausfinden, wie er gelebt wird, wie es mit seinem eigenen möglichen Buddhismus steht, ob er sich vorstellen könnte als Mönch zu leben.
Er kommt nach Thailand, wo er den Kanadier Julien trifft – von dem später noch die Rede sein wird -, nach Japan, wo der Buddhismus teilweise auf eine etwas zweifelhafte Weise praktiziert wird, nach Irland, wo in einem besonderen Skulpturenpark ein früherer Mönch ihm gescheite Dinge sagt, nach Indien und Nepal, dort an ganz besondere historische Orte, in die Mongolei, wo Stalin 1937 zahlreiche Mönche ermorden ließ, nach Peking, wo Mönche den Buddhismus durch einen Roboter verkünden lassen. Ständig Mantras singende Mönche wollen ihren Buddhismus auch nach Afrika (Botswana oder Südafrika) bringen.
Die schönste Begegnung hat Jesco mit dem Kanadier Julien, der schon jahrelang in Thailand als Mönch lebt, der zu ihm über die Beruhigung des Geistes, über Demut, über persönliche Gefahren, über Hilfe für Flüchtlinge, über Tierliebe, über Gartenarbeit oder auch über Sex spricht.
Was Jesco Puluj mit diesem Dokumentarfilm hier veranstaltet, ist menschlich wie geistig und nicht zuletzt auch historisch höchst interessant.

Wir beide

Von Filippe Meneghetti
(Weltkino, Kinostart 6. August 2020)
Es wird einmal kurz angedeutet, dass Madeleine Girard ihren inzwischen verstorbenen Mann überaus geliebt habe – doch ganz so scheint es nicht gewesen zu sein. Denn in Wirklichkeit liebt „Mado“ (Madeleine) heiß und innig die um etliche Jahre jüngere Nina. Mado ist bereit, ihre Wohnung aufzugeben und fortan mit Nina in Rom zu leben.
Allerdings müsste sie den Verkauf der Wohnung ihrem Sohn Frédéric und dessen Frau Anne nahebringen – und das traut sie sich nicht. Sie wird deshalb von Nina schwer beschimpft, und das übersteht sie nicht. Schlaganfall, Folgeschäden, Rollstuhl.
Jetzt muss sie gepflegt werden. Da die lesbische Liebe der beiden geheim ist, fallen nun beinahe unüberwindliche Schwierigkeiten an: mit der unverzichtbaren Pflegerin, mit der Schwiegertochter, mit dem Pflegeheim, mit der Flucht aus diesem, mit den unzähligen Versuchen der nunmehr alles bereuenden und sich jetzt verlassen fühlenden Nina, mit ihrer Mado wieder zusammen zu kommen.
Während Madeleines Genesung stellt sich heraus, dass allein ihre Geliebte ihr wirklich helfen kann – ihretwegen kann sie sich wieder regen, gehen, lernt zu verstehen, kann wieder umarmen.
Alle hatten sich gegen die beiden gestellt (zum Teil weil sie die wahren Verhältnisse erst sehr spät erkannten). Auch wenn wegen eine Diebstahls aus der Rom-Reise nichts mehr werden kann, stellt sich wieder einmal heraus, dass die Liebe mächtiger ist als alles andere.
Man kann von einer wirklich guten Inszenierung dieses Liebefilms sprechen. Am allerüberzeugendsten ist jedoch, wie die beiden Damen Barbara Sukowa und Martine Chevallier (von der Comédie Francaise) das Drama interpretieren. So etwas bleibt im Gedächtnis.

Als wir tanzten

von Levan Akin
(Salzgeber, Kinostart 23. Juli 2020)
Georgien. Ein Land, das des politischen Schutzes bedarf, denn viele Georgier fühlen sich von Russland bedroht.
Dort lebt Merab, ein begabter Tänzer. Der Vater und auch eine der Großmütter tanzten schon, doch das sind längst vergangene Zeiten, die Familie ist jetzt arm.
In der Ballettschule in der Hauptstadt Tiflis, in der der strenge Aleko das Sagen hat, geht es weniger um das klassische Ballett als vielmehr um die georgische Tanztradition. Es sind schnelle schwierige Figuren, die da absolviert werden müssen.
Immerhin hat Merab zusammen mit anderen die Chance, beim Nationalensemble, bei dem ein männliches Mitglied fehlt, vortanzen zu dürfen. Das gilt offenbar auch für Irakli, der als „Neuer“ zu Merabs Tanzgruppe gestoßen ist. Irakli ist ein besonders gutaussehender junger Mann.
Merab trainiert und trainiert. Die junge Mari hat auf jeden Fall ein Auge auf ihn geworfen. Das geht gut, bis – ja bis zwischen Merab und Irakli eine starke, unwiderstehliche Anziehungskraft entsteht, die zwischen beiden zu leidenschaftlichen Liebes- und Sexerlebnissen führt.
Später allerdings werden Merabs Alleinsein, Verlangen und Enttäuschung groß, als Irakli, weil sein Vater im Sterben liegt, die Stadt für immer verlassen muss.
Schwierigkeiten hat Merab mit seinem Bruder David, ebenfalls Tänzer. Aber auch ein Kerl, der es mit dem Gesetz nicht so ernst nimmt. Streitigkeiten sind deshalb unvermeidlich. Doch nachdem David wegen Merab eine ihn schwer verletzende Schlägerei hinnehmen musste, kommt es zum Schluss auch wieder zu einer liebevollen Versöhnung. Und als David Merab fragt, ob er homosexuell sei, antwortet dieser: „vielleicht“.
Ein schöner Film: in dem toll getanzt wird; der sehr authentisch das georgische Familienleben zeigt; wo in dem „von Gott gesegneten“ jedoch noch immer queer-feindlichen Land auch schöne Choräle gesungen werden; in dem Merab (mit verletztem Knöchel) einen furiosen Schlusstanz hinlegt.
Ein Film, der insgesamt kunstvoll wirkt und in dem vor allem Levan Gelbakhiani die menschlich dramatische Rolle des Merab derart eindringlich spielt, dass Gesicht und Tanz nach der Kinovorstellung noch bleiben.
Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Die Kordillere der Träume

Von Patricio Guzman
(Real Fiction, Kinostart 16. Juli 2020)
Man könnte sagen, dass der Film aus der Beschreibung dreier Teile besteht. Zuerst die Natur, die Wucht und die Schönheit der Kordillere in den chilenischen Anden, dann der Pinochet-Putsch und schließlich die Schilderung der Lage, wie sie heute ist.
Patricio Guzman spricht über das heimatliche Gebirge, seine Felswände, die Schluchten und Täler, das Alter der Berge, den Schutz, den sie bieten können, die Mysterien und die Spuren der Vorfahren, das Steinlabyrinth, die „Theaterkulisse“, den Wind und dessen Musik. „Über die Schönheit des Landes muss man wachen.“
Man will sich in diese Poesie und Philosophie vertiefen – doch dann kommt in Santiago gegen das Ende des 20. Jahrhunderts: der Pinochet-Putsch, der Tod Allendes, die Diktatur, die Polizei- und Militärgewalt, die Festnahmen, die Hausdurchsuchungen, die Panzer, die Folter, die Morde, Hunderte wenn nicht Tausende von Toten.
Guzman verließ das Land, doch sein Freund Pablo Salas blieb. Und dass er Kameramann ist und Filme drehte, ist ein Glück. Er dokumentierte die 13 Jahre anhaltende Pinochet-Zeit. „Terror nicht Error (Irrtum)“. Dutzende von Filmrollen und –kassetten beweisen alles. „Die Geschichte kann nicht geleugnet werden.“
Es gibt eine bewegende Szene: Auf Pflastersteinen aus der Kordillere sind die Namen Ermordeter eingemeißelt. Keiner ist älter als 30 Jahre.
Dann der dritte Teil, das soziologische und ökonomische Erbe der Pinochet-Epoche wird hier kommentiert: das übermächtige ausländische Kapital, der „Raub“ des Kupfers (einer der Reichtümer des Landes) und die immer noch bestehende Pinochet-Gemeinde.
Bei diesen ausführlichen Kommentaren verschwindet die Objektivität. Hier muss man – politisch gesehen – aufpassen.
Fällt ein Meteorit auf die Erde, hat man einen Wunsch frei. Als Guzman im Museum Meteoriten erblickt, äußert er seinen Wunsch: „Chile muss seine Kindheit zurück erhalten.“
Auf jeden Fall ein sehens- und bedenkenswerter Dokumentarfilm.