Der Gilden-Dienst Nr. 16-2020

Nina Wu

Von Midi Z.
Real Fiction, Kinostart 3. September 2020)
Nina hatte bis jetzt als Schauspielerin nur kleine Rollen. Jetzt könnte dies bei einem Casting in Taipeh anders werden. Tatsächlich erhält sie eine Hauptrolle in einem Liebesfilm. Einfach ist diese Aufgabe allerdings nicht, sie muss ständig Szenen wiederholen, sie muss im Meer tauchen, sie muss die Explosion eines Bootes miterleben.
Immerhin wird sie für ihre Arbeit gelobt.
Doch das sind eher äußerliche Dinge. Was geht innerlich vor? Sie muss für eine Dreiersex-Szene sich nackt filmen lassen, was ihr enorme seelische Probleme bereitet – „Ihr nehmt mir nicht nur meinen Körper sondern auch meine Seele.“ Sie, bisexuell veranlagt, hat für ihre Rolle ihre frühere Freundin Kiki verlassen, was sie bitter bereut. Sie muss auf Geheiß ihres Regisseurs auf Anhieb „Wahnsinn, Verzweiflung, enttäuschte Liebe, Erwachen und Suche nach Freiheit“ darstellen können. Sie wird von einer Konkurrentin, die die Rolle für sich haben wollte, verfolgt, erschreckt, gewürgt. Die Familienverhältnisse sind ebenfalls nicht in Ordnung. Sie bekommt bei einem Interview läppische Fragen gestellt. Sie muss vor ihrem Produzenten – eine unmissverständliche Anspielung auf die „MeToo“-Bewegung – einen Hund darstellen, kriechen, bellen. Sie muss, befiehlt er ihr, in 10 Sekunden weinen können.
Auf alle dies reagiert Nina auf der reinen Gefühlsebene und dies sehr heftig. Liegt eine Persönlichkeitsstörung vor? Nicht anzunehmen.
Es fallen bedenkenswerte Dialogsätze wie: „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar, man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Oder (der Regisseur): „Manche Menschen leiden endlos während ihres ganzen Lebens, gegen zahllose Hindernisse haben sie viel weniger die Wahl als andere.“
Ein hauptsächlich psychologischer doch deshalb nicht weniger interessanter Film.
Sehr bemerkenswert, wie Wu Ke-Xi als Nina Wu ihre Rolle spielt!

Der flüssige Spiegel

Von Stéphan Batut
(Film Kino Text, Kinostart 9. Juli 2020)
Lebt der junge Just noch oder ist er tot? Ja, er lebt, aber in einer Zwischenwelt, in der er Reales und Irreales gleichzeitig erfährt. Er fährt in Paris mit der Metro herum oder schlendert durch die Straßen. Es sieht so aus als wohne er in einem alten Verschlag, einer „Höhle“.
Und womit beschäftigt er sich? Er trifft Menschen, die nach kurzer Zeit sterben müssen, die ihm jedoch zuvor noch ihre Erinnerungen erzählen. Sehr anschaulich wird dies in einer Szene, in der eine Großmutter bereits tot auf dem Sterbebett liegt, doch Juste ist es, der sie dann ins Totenreich führt.
Gleich doppeldeutig ist ein Gespräch zwischen Juste und seinem Vater.
Mit Realität haben der Regisseur und sein Film nichts zu tun. Er spielt mit der Phantasie, mit Vermutungen, mit der Unwissenheit, mit der wir es nach dem Sterben zu tun haben, mit dem Wunsch nach Normalität, mit dem Verlangen nach Unsterblichkeit, mit Rätselhaftem, mit dem Kampf zwischen der Dunkelheit und dem Hellen (Kamera), mit dem Ringen zwischen dem Tod und dem Leben, der Liebe.
Denn die Liebe begegnet ihm. Als er die Stadt durchläuft, folgt ihm ein junges Mädchen, Agathe. Sie stutzt. Ist das nicht der gutaussehende Guillaume, in den sie sich vor zehn Jahren während eines Türkei-Urlaubs verliebte? Juste kann es gewesen sein, doch er weiß nichts mehr davon.
Die beiden treffen sich erneut – und die Liebe, die Zweisamkeit, das Tanzen, die Musik (während des gesamten Films beachtlich) gewinnen die Oberhand. Aber wird die Liebe überdauern? Ist Juste überhaupt immer gegenwärtig, sichtbar, lebendig?
Der Film ist ein hochgradiges Phantasieprodukt, oft rätselhaft, oft schwierig, oft eindrucksvoll, oft Neugier erweckend, oft die Bewunderung des künstlerischen, erfinderischen, inszenatorischen und dialogischen Mutes des Autors und Regisseurs erwartend.
Eines ist sicher: Bewunderung für ihr Spiel verdienen vor allem auch Thimotée Robart als Juste (Guillaume) und Judith Chemla als Agathe.

Auf der Couch in Tunis

Von Manele Labidi
(Prokino, Kinostart 30. Juli 2020)
Tunesien ist eine Art Zwischenland: nicht mehr ganz afrikanisch und noch nicht europäisch. Und dieses Land wollte Autorin und Regisseurin Manele Labidi charakterisieren. 2011 wurde die Diktatur abgeschafft, und seither entwickelt sich das Land neu.
Was die jahrzehntelange französische „Besatzung“, die Befreiung davon, der Islam, der islamische Extremismus, die „Alten“ und die tunesische Jugend daraus gemacht haben, zeigt diese Komödie ganz gut auf.
Selma hat tunesische Eltern ist aber in Paris aufgewachsen. Nun, da ihre Studien abgeschlossen sind, will sie in Tunesien leben. Sie ist Psychoanalystin – und wie es aussieht gibt es psychologisch und psychiatrisch eine ganze Menge zu tun.
Einfach hat sie es allerdings nicht. Eine Couch auf dem, Dach eines alten Hauses ist ihre Praxis. Und da sind sie nun, die spinnige Beauty-Salon-Besitzerin, der Mann, in dessen Gehirn sich Sex und Politik mischen, der depressive Imam oder ihre Nichte, die einen Homosexuellen heiratet, allerdings nur für wenige Tage. Stoff genug, um über die Verrücktheiten der Menschen, der Menschheit überhaupt zu berichten.
Angst kann man offenbar auch vor der tunesischen Bürokratie (plus ein wenig Korruption) haben, hier vor der Beamtin, die weniger notleidenden Antragstellern hilft als dass sie Essen in sich hineinstopft, oder vor dem oberflächlich unbestechlich erscheinenden Polizisten
Das ergibt ein menschliches, soziales und politisches Bild. Das Gute daran ist, dass nicht schwere dramatische Geschütze aufgefahren werden sondern dass alles komödienhaft gefasst ist. Dabei fallen köstliche Dialoge und vor allem das überragende Spiel der Iranerin Golshifteh Farahani als Selma auf.
Beste komödienhafte, zum Teil gesellschaftlich-politische Unterhaltung.

Suicide Tourist

Von Jonas Alexander Arnby
(DCM, Kinostart 2. Juli 2020)
Der skandinavische Versicherungsagent Max hat ein Problem. Er liebt seine Frau Laerke, leidet jedoch an einem unheilbaren Gehirntumor. Soll er nur Schmerzen haben? Soll er seiner Frau das antun? Muss er unter Umständen mit einer geistigen Umnachtung rechnen? Soll er sich selbst nicht mehr ausstehen können?
Das will er nicht. Er beschließt, seinem Leben ein Ende zu machen. Bestärkt wird er noch durch seinen Freund Arthur, der soeben Selbstmord begangen hat. Max unternimmt ebenfalls zwei Versuche, die aber nicht von Erfolg gekrönt sind.
Da ist das hoch im Norden gelegene Hotel Aurora schon besser. Da kann man auf die gewünschte Weise umgebracht werden – mit ausgesuchtem Sarg oder gewünschter Urne, mit Abschiedszeremonie, mit allem Drum und Dran. „Letzter Abend“, „letzte Worte“, „so lange ich noch ich selbst bin“, „gute Reise!“
Das Problem: wenn man sich einmal endgültig entschlossen hat, gibt es kein Zurück mehr. Da kann man auf einer möglichen Flucht sogar verfolgt oder erschossen werden.
Und genau das passiert Max letzten Endes. Er will, totkrank oder nicht, doch lieber bei seiner Frau sein.
Mystery oder Psychologie? Beides. Autor Rasmus Birch und Regisseur Jonas Alexander Arnby legten den Film thematisch und inszenatorisch in diesem Zwischenbereich an. In fast ausschließlich kurzen und meist dunklen, entsprechend musikalisch untermalten Szenen lösen Realität und Traum, Bewusstlosigkeit und schockhaftes Erwachen, Suizidgedanken und Lebenslust, Liebe zur Ehefrau und Zukunftsangst beschlossene Todeserwartung und Flucht einander ab.
Nikolaj Coster-Waldau (Max) bringt diese Passivität und Unentschiedenheit in seinem Spiel ganz gut zum Ausdruck. Überzeugend auch Tuva Novotny als Ehefrau.
Mystery-Film, der aber auch zum Nachdenken über das gravierende Problem Selbstmord – aus welchem Grund auch immer – zwingt.