Der Gilden-Dienst Nr. 17-2020

Der Gilden-Dienst Nr. 17 – 2020

Marie Curie – Elemente des Lebens

Von Marjanne Satrapi
(Studiocanal, Kinostart 16. Juli 2020)
Marie Curie, eine Name, der historisch ist und es bleiben wird.
Schon als Kind verliert das intelligente Mädchen die Mutter. In Paris will die junge, wissenschaftlich begabte Polin studieren und forschen. Sie wird jedoch von der dortigen überheblichen Männergesellschaft als Frau und als Ausländerin geschnitten und abgewiesen.
Schüchtern und zurückhaltend ist sie nicht gerade – im Gegenteil. Das erschwert zunächst auch das Verhältnis zu ihrem späteren Mann Pierre Curie, der ihr eigentlich nur helfen will.
Dann Heirat – und gemeinsame Forschung. Vier Jahre härtester Arbeit mit Tonnen von Pechblende in einem billigen Schuppen.
Der Lohn: Entdeckung der Elemente Radium und Polonium.
Doch die folgenden Jahre werden nicht einfacher. Marie verliert ihren Mann durch einen Pferdekutschenunfall, sie wird nicht gebührend anerkannt, ja gar angefeindet – offenbar auch weil sie einen neuen Partner hat -, sie hatte schon früher den ihr zustehenden Nobelpreis (1903) nicht in Empfang nehmen können.
Zwei Nobelpreise. Einmalig. Und sie ist es auch, die im Ersten Weltkrieg Hunderten von Soldaten hilft, nicht verstümmelt zu werden oder zu sterben
Natürlich ist diese Vita bekannt und schon mehrfach verfilmt worden. Die Frage ist, wie das geschehen ist oder geschieht.
Regisseurin Marjanne Satrapi kam es darauf an, Marie Curies Leben umfassend, szenisch vielfältig, nicht in einem hypermodernen sondern eher in einem klassischen Stil zu zeigen und dabei Nöte und Glück, Scheitern und Erfolg, Epoche und Menschen intensiv darzustellen.
Gut, dass auch das Verheerende der damaligen Entdeckungen kurz filmisch eingeflochten wurde: Hiroshima, Tschernobyl oder die Explosion einer Wasserstoffbombe beweisen es.
Nicht zu vergessen ist, dass die Schauspielerin Rosamund Pike diese Marie Curie auf eine geradezu sensationelle Weise verkörpert.
Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Die Rückkehr der Wölfe

Von Thomas Horat
(Filmagentinnen, Kinostart 17. Juli 2020)
In Europa waren in den vergangenen 150 Jahren viele Wildtiere ausgerottet worden. Man jagte und schoss sie – teilweise wegen einer Hungersnot – ja, sie wurden sogar vergiftet.
Jetzt wollen Wolf, Luchs und Bär zu den Rehen Hirschen, Füchsen oder Steinböcken zurückkehren. Wie reagieren die Menschen? Wie ist es in der Schweiz, in Österreich, in Deutschland, in Bulgarien oder in den USA?
Dieser Film kümmert sich auf eine natürliche und auch auf eine wissenschaftliche Weise darum. Wie steht es mit dem Schafherdenschutz wegen der Wölfe in den Schweizer Alpen? Was meinen die Hirten? Wie steht es mit der Rentabilität der Schafzucht? Wie mit der „Verbuschung“, wenn die Herden fehlen? Wie mit der gesamten Bergpflanzenwelt?
Wildtierbiologen, „Wolfswanderer“, Verhaltensforscher nehmen sich der Sache an. Wir Menschen meinen, das Gleichgewicht der Natur müsse dasselbe sein, das wir uns vorstellen. Irrtum.
Es ist ein langer Prozess zu erwarten. Viele Menschen haben Angst vor dem Wolf. Dabei ist es genau umgekehrt. Die Wölfe fürchten die Autobahnen, die Lichter, den Lärm. „Es muss Wölfe geben, es ist ihr Lebensrecht.“
Ein Beispiel: Huftiere im Wald werden nicht von Wölfen gerissen. Sie werden zu zahlreich. Zu viele von ihnen fressen die Jungpflanzen. Resultat: Der Wald wächst nicht nach.
Gegen Schluss des Films tritt ein (amerikanisches) Ehepaar auf, das in der Wildnis wohnt und das die richtige Einstellung zu Tier und Mensch hat. Man sollte ihm zuhören und beherzigen, was die beiden sagen.
Interesse vorausgesetzt, kann man nicht so sehr über die Menschen sondern dieses Mal über die Tiere eine Menge lernen.
Viele herrliche Naturaufnahmen gibt es gratis dazu.

Master Cheng in Pohjanjoki

Von Mika Kaurismäki
(MFA, Kinostart 30. Juli 2020)
Kaurismäki. In Filmdingen ein guter Name. Und das beweist sich auch hier wieder. Menschlich, naturverbunden, kulturübergreifend, stimmungsvoll, melancholisch ist dieser in Lappland spielende Film, zu dem man sich Zeit nehmen und die richtige Einstellung finden muss.
Cheng war in Shanghai Koch. Alles war gut, bis seine geliebte Frau durch einen Fahrradunfall ums Leben kam. Dann aber stürzte er ab: Schulden, Alkohol, schlechte Gesellschaft.
Ein Freund von ihm, finnischer Spitzsportler, lieh ihm Geld. Das will er jetzt zurückgeben, und deshalb reist er mit seinem kleinen Sohn in die lappländische Heimat des Freundes. Doch der ist tot.
Sirrka, gut erhaltene Betreiberin eines kleinen abgelegenen Restaurants, weist dem zunächst eher scheuen Cheng eine vorübergehende Wohngelegenheit zu.
Einige Zeit später. Was wäre, wenn der Spitzenkoch dafür sorgen würde, dass in dem kleinen Restaurant etwas mehr los ist! Gesagt, getan. Schon blüht das Geschäft. Und Chengs chinesische Kochkunst soll sogar Krankheiten heilen.
Sirkka war verheiratet, konnte jedoch keine Kinder bekommen. Deshalb wurde sie verlassen.
Sie ist so allein, wie Cheng allein ist.
Behutsam nähern sie sich einander an. Die Verschiedenheit der beiden könnte größer nicht sein: die Charaktere, die Umgangsformen, die Verarbeitung des persönlichen Schicksals, die kulturelle Herkunft, der Wesensunterschied zwischen Mann und Frau, zwischen dem chinesischen Großstadtmenschen und der finnischen Frau vom Lande.
Nach langer, langer Zeit spüren die beiden, dass ein gemeinsames Leben sinnvoll sein könnte.
Eine Art Film, die gut tun kann; man muss nur Ruhe und Empfangsbereitschaft mit ins Kino bringen. Dann wird man neben schönen Naturaufnahmen echtes Leben erkennen.
Dazu trägt vor allem auch das gute Spiel von Anna-Maja Tuokko als Sirkka und Chu Pak-Hong als Cheng bei.
Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Semper Fi

Von Henry Alex Rubin
(Kinostar, Kinostart 9. Juli 2020)
Ein halbes Dutzend junger Männer in der US-Provinz. Sie sind mehrheitlich Polizisten oder Anwärter und außerdem Reservisten des Marine Corps. Daher auch ihr (und der Marines) Lebensmotto „Semper fidelis“ (Immer treu).
Ihr Anführer ist Cal. Zur Gruppe gehört auch dessen Halbbruder Oyster. Gut ist das Verhältnis zwischen den beiden keinesfalls. Cal ist auf Pflicht und Ordnung bedacht, Oyster eher auf das Gegenteil.
Bei einem Streit stürzt ein Gegner Oysters derart unglücklich, dass er kurz darauf stirbt. Oyster wird wegen einer Falschaussage beschuldigt, verurteilt in Pennsylvania ins Gefängnis gesteckt. In der Haft: Folter.
Die Reservistentruppe muss für eine bestimmte Zeit in den Krieg im Irak. Bei einem terroristischen Angriff, bei dem auch ein unbewaffneter Iraker erschossen wird, verliert einer der jungen Männer ein Bein.
Cal bereut längst, was sein Halbbruder ertragen muss. Er überzeugt seine Freunde, dass Oyster bei einer Gefangenenverlegung befreit werden sollte. Der Coup gelingt. Cal allerdings verliert dabei seine Position und seine Freiheit.
Ein amerikanischer Film, amerikanischer geht’s nicht – und doch von einem Briten gedreht. Themen werden genug behandelt: die Männerfreundschaft, der Irak-Krieg, die anfechtbare Justiz, die Folter in den Gefängnissen, das kaputte Verhältnis zwischen den beiden Brüder, das (halbe) Happy End.
Man hätte sich gewünscht, dass die vielen Themen inhaltlich und kritisch vertieft worden wären; dass dies nicht geschah, ist auf jeden Fall ein Mangel.
Aber dramatisiert, inszeniert und montiert ist das mit Verve und filmischer Kraft. Und auch das Spiel der Darsteller lässt nichts zu wünschen übrig.
Für Liebhaber typischer US-Filme.