Der Gilden-Dienst Nr. 18-2020

Schwarze Milch

Von Uisenma Borchu
(Alpenrepublik, Kinostart 23. Juli 2020)
Zwei Mongolinnen, zwei Schwestern. Die eine lebte lange im Westen, deshalb „Wessi“ genannt, die andere, „Ossi“, in der Heimat.
Wessi verträgt sich nicht mehr mit ihrem Partner in Deutschland, deshalb fliegt sie wieder nach Hause.
Die beiden Schwestern haben es nicht leicht. Denn zwei Zivilisationen prallen aufeinander: in der Lebensauffassung, in den Gefühlen, im Aussehen, in der Arbeit, in der Sexualität, im Verhältnis zum männlichen Geschlecht, in der Frage der Ehe und Familie, in der Religion bzw. Nichtreligion, im Kulturempfinden, im Verhalten gegenüber den Tieren, in praktisch allem.
Die „neue Zeit“ beschleunigt bekanntlich überall die Wandlung. Diese geht so schnell vor sich, dass die beiden Schwestern, jede in ihrer Welt, quasi nicht folgen können. Vor allem deshalb ihre problematischen Situationen und Zustände.
Die Regisseurin – man merkt dies ihren Aussagen deutlich an – drehte „Schwarze Milch“ natürlich für das Publikum – aber sehr stark auch für sich selbst (nämlich als im Westen lebende Mongolin).
Der gesamte Film spielt in der weiten trockenen einsamen Wüste, wohl auch eine für die gesamten aufgezeigten Problematiken ganz bewusst gewählte Form.
Glaubhaft wird alles auch deshalb, weil die beiden Hauptdarstellerinnen Uisenma Borchu („Wessi“, auch Drehbuch und Regie) sowie Gunsumaa Tsogzol („Ossi“) ihre Rollen derart überzeugend verkörpern.

Notre Dame – Die Liebe ist eine Baustelle

Von Valérie Donzelli
(W-Film, Kinostart 17. September 2020)
Die Pariserin Maude Crayon hat es nicht gerade leicht. Sie hat für zwei Kinder zu sorgen; ihr Mann Martial ist längst mit einer gewissen Sybille abgehauen; ihr Chef könnte auch netter zu ihr sein; das Konto ist überzogen; Martial kommt immer wieder zurück, weil Sybille ihn offenbar verlassen will; zudem ist sie schwanger (von wem?).
Immerhin bekundet der Journalist Bacchus stärkstes Interessen an ihr; und dann gewinnt sie, die Architektin, sogar einen sehr umworbenen Wettbewerb: Vor der Kathedrale Notre Dame hat sie das Modell für einen Spielplatz entworfen.
Allerdings sind längst nicht alle einverstanden. Die Kirche will eine „Entschuldigung“. Manche sprechen von obszön oder Porno. Dies alles entwickelt sich zu einem Ausnahmezustand.
(Sehr schön in diesem Zusammenhang der Passus, in dem vorgetragen wird, wie 1887 die bekanntesten damaligen französischen Literaten gegen den Bau bzw. die Erhaltung des Eiffelturms waren.)
Stilistisch pur ist das alles nicht. Die Autorin und Regisseurin Valérie Donzelli nimmt filmisch alles zu Hilfe, was sie braucht: Liebesgeschichten, Fantasie („virtuelle Realität“ genannt), Traumsequenzen, Musicalähnliches, Dramatisches, alles durchsetzt mit passenden Dialogen.
Das alles ergibt eine durchaus unterhaltsame, gefällige Komödie, von Frau Donzelli nicht nur dramatisiert sondern auch gespielt (Rolle Maud Crayon). Pierre Deladonchamps als Bacchus Renard sowie Thomas Scimeca als Martial stehen ihr schauspielerisch bestens zur Seite.

Berlin Alexanderplatz

von Burhan Qurbani
(Entertainment One, Kinostart 16. Juli 2020)
Franz Biberkopf kommt in dem klassischen Döblin-Roman „Berlin Alexanderplatz“ aus dem Gefängnis in eine nicht ungefährliche Welt. Im gleichnamigen Film stammt der Farbige Francis aus Westafrika. Er hat auf der Flucht seine Partnerin verloren, kommt immerhin bis Berlin. Er will, das ist sein absoluter Vorsatz, ein guter, ein besserer Mensch werden.
Aber was kann man in einem Asylantenheim in Berlin ohne Pass und ohne Aufenthaltserlaubnis anfangen, wenn man noch dazu wegen eines Streits in der Firma den Arbeitsplatz verliert?
Man schließt sich dem psychisch höchst gestörten Drogendealer Reinhold an und verkauft in einem Park zuerst Essen – und später Drogen.
In diesem Milieu ein besserer Mensch zu werden, was Francis – inzwischen Franz – ja vorhatte, ist gewiss nicht leicht. Denn unentwegt geht es hin und her zwischen Freundschaft und Gegnerschaft, zwischen Vertrauen und Misstrauen, zwischen echter Liebe und Prostitution, zwischen einer absichtlich schweren Verwundung des „Freundes“ und reuiger Rückkehr, zwischen dramatischer Flüchtlingskrise und großer, schwer zu erfüllender Sehnsucht nach Heimat.
Zwei Charakterisierungen des Films: Erstens, eher indirekt aber hoch gesellschaftskritisch, die Schilderung der Migration und des Rassismus, die sich immer stärker und immer dringender zu einem weltweiten Drama auswachsen – das Multi-Kulti-Thema also auch, das immerhin in Berlin besser bewältigt zu sein scheint als anderswo.
Zweitens: Das Team um Regisseur Burhan Qurbani hat für den gut dreistündigen Film alles aufgeboten, was aufzubieten war: einen farbigen Stil, einen überreichen Sound, wichtige Themenschwerpunkte, eine überzeugende „moderne“ berlintypische Milieuschilderung, eine professionelle Inszenierung mit guter Montage und mit Welket Bungué als Franz, Albrecht Schuch (!) als Reinhold, Jella Haase als Mieze sowie Joachim Krol als Drogenboss – Darsteller, die wirklich nicht besser hätten agieren können.
Einen Hauptpreis gab es zwar bei der diesjährigen Berlinale nicht, doch nach der Erstpräsentation Standing Ovations.

Anton Bruckner – Das verkannte Genie

Von Reiner E. Moritz
(Arsenal, Kinostart 23. Juli 2020)
Der Filmtitel sagt etwas Wahres aus. Anton Bruckner war wahrlich ein verkanntes Genie. Dabei war er zwischen der mir Franz Schubert oder spätestens Felix Mendelssohn-Bartholdi zu Ende gegangenen Hochklassik und der damaligen „Moderne“ etwa Richard Wagners einer der absolut bedeutendsten Komponisten.
Langsam arbeitete er sich musikalisch wie gesellschaftlich hoch. Sängerknabe im österreichischen St. Florian war er als Kind, später Schulgehilfe bzw. „Unterlehrer“ – bis er nach langer Zeit und vielen Mühen einer der bekanntesten Organisten und Orgelimprovisatoren seiner Zeit mit Ehrendoktorwürde und Professorentitel geworden war.
Was ihn beeinflusste in seinen Leistungen in St. Florian, in Linz, in Wien: sein musisches Talent, sein Glaube („Dienst an Gott“), die katholische Liturgie, die Kirchenmusik, sein lebenslanger Ehrgeiz ebenfalls.
Mit seiner persönlichen Gefühlswelt scheint es nicht so einfach gewesen zu sein. Ein abgelehnter Heiratsantrag machte den lebenslang Ehelosen krank.
Umso gewaltiger war seine Musik: die Symphonien, die Messen, die Orgelwerke, die Chorsätze („Ave Maria“, „Locus iste“, „Te Deum“), die Lieder wie etwa Heinrich Heines „Du bist wie eine Blume“.
Neun Symphonien komponierte der der Wagner-Musik verfallene „Tondichter“: aus „gewaltigen Musikströmen“ bestehen diese Kompositionen, wird gesagt. In dieser Musik, so wird weiter interpretiert, steht ein Einzelner gegen die Macht, die Schwäche gegen die Stärke, die Einsamkeit gegen das Laute.
Geschickt sind in diesem Film alle Symphonien angespielt; jeweils dazwischen werden in zahlreichen Interviews von erstklassigen Fachleuten Kommentare zu Bruckners Kunst und seinem Leben abgegeben.
Bei weitem nicht alle Kritiker begriffen Bruckners Kunst. Die Urteile reichen von „das übersteigt den menschlichen Geist“ bis „“Katzenjammermusik“.
Ein kulturell höchst verdienstvoller Film. Wer klassisch-musikalisch interessiert ist, muss ihn sehen!