Der Gilden-Dienst Nr. 19-2020

Pandemie

Von Sung-Su Kim
(Busch Media Group, Kinostart 6. August 2020)
Bundang, eine koreanische Stadt nicht weit von Seoul. Dort lebt und arbeitet die Virologin Kim In-hye. Sie hat eine kleine Tochter, ein sehr aufgewecktes Mädchen. Unverschuldet gerät sie in einen Unfall, bei dem ihr Auto mit ihr in einen Schacht stürzt. Sie muss schnell gerettet werden – Jigu ist der Retter; das ist sein Beruf.
In Kims Handtasche, die bei dem Unfall verloren geht, befinden sich wichtige medizinische Studien, die wenig später dringend gebraucht würden.
Jigus Mannschaft findet etwas Grausiges: einen Container mit Leichen und einem Überlebenden. Der aber ist mit der Vogelgrippe infiziert – und kann fliehen. Wenn er nicht rasch gefunden und isoliert wird, ist die gesamte Bevölkerung in Gefahr. Denn das Virus wird durch die Luft übertragen und ist tödlich. Ein Gegenmittel existiert nicht.
Und tatsächlich wird der Flüchtige nicht entdeckt. Die ersten Infektionen, dann massenhafte Ansteckungen. Gegenseitiges Misstrauen, Tumult, Panik, Aufstand, erste Ohnmachten, Blutstürze. Nun müssen die Infizierten in ein Isolationscamp. Immer mehr sterben, weil die Inkubationszeit derart gering ist.
Die Politiker sind sich nicht einig. Einer will, dass man die Kranken ruhig erschießen, sogar bombardieren soll, andere wehren sich strikt dagegen. Ein Streit auf Leben und Tod.
Die gefangenen Infizierten planen einen Aufstand, die Situation wird gefährlich. Schon werden die ersten Toten mit einem Kran auf Leichenberge geworfen und angezündet.
Kim In-hye muss als Ärztin natürlich arbeiten, verliert deshalb ihr Töchterchen. Jigu findet das Mädchen infiziert, halbtot, verliert es wieder, findet es erneut. Es wird immer schlimmer.
Immerhin stellt sich heraus, dass Kims Tochter Antikörper in sich trägt – das muss nicht nur für Bundang sondern für ganz Korea die Rettung sein.
Dass Kim und Jigu sich je wieder trennen werden ist nicht anzunehmen.
Aktueller kann ein Film eigentlich nicht sein (obwohl er schon einige Jahre auf dem Buckel hat). Er ist thematisch hervorragend getroffen und ebenso dramatisiert – außerdem von den drei Hauptdarstellern wirklich toll gespielt.
Man muss allerdings wissen, dass die Asiaten in Filmdingen keine halben Sachen machen. Also wird vor allem im zweiten Teil inszenatorisch tüchtig, sehr tüchtig, übers Ziel hinausgeschossen. Und doch kann es in unseren Corona-Zeiten, in denen leider viele die Gefahren unterschätzen, nicht schaden, wenn einmal vorgeführt wird, was eine totale Epidemie wirklich anrichten kann.

Die Rüden

von Connie Walther
(Déjà-vu, Kinostart 20. August2020)
Szene: Ein tiefer dunkler Betonbunker, auf dem Boden ein großer weißer Kreis. Die Hundetrainerin (und Psychologin) Lu Feuerbach arbeitet dort mit den Hunden Diego (ein Pitbull), Georgie (Straßenhund) und Face (Schäferhund). Die Tiere müssen eine gewalttätige Vergangenheit haben, sonst wären sie nicht so aggressiv. Sie tragen metallene Maulkörbe, andernfalls könnten diese Rüden Menschen tot beißen.
Lu Feuerbach macht ein mehrtägiges Seminar mit den teils provokanten Strafgefangenen Alihan, Volker, Adam und Lukas. Alle vier wurden wegen schwerer Körperverletzung (teils mit Todesfolge), Waffenbesitzes oder Ähnlichem zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt.
Der psychologische Versuch der Trainerin besteht nun darin herauszufinden, welche Ursache die beiderseitige Gewalttätigkeit hat – ob durch geduldige Übungen das Verhalten der Männer wie der Hunde geändert werden kann; ob eine gegenseitige „Versöhnung“ möglich ist; wer Täter, wer Opfer ist; ob der Kreislauf der Gewalt schließlich durchbrochen wird; ob gar ein „Spiel“ daraus wird; ob die überaus bissigen Tiere gefahrlos wieder mit Menschen zusammen sein werden.
Die Versuche sind mühsam, müssen tagelang wiederholt werden, die Fragen, die Trainerin den Gefangenen stellt, schwer zu beantworten.
Sie muss selbst die Lösungen erst suchen und finden. Sicher ist hier nur, dass auf der einen Seite nicht nur das Gute steht und auf der anderen nicht nur das Böse. Die richtige Erkenntnis zu finden, darum geht es in diesem Film.
Das ist auch deshalb nötig, weil diejenigen, die den Strafvollzug hier kontrollieren, eine Unterscheidung nicht vornehmen und glauben, in erster Linie strafen zu müssen.
Ein diffiziles aber interessantes psychologisches Experiment.

Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien

von Bettina Böhler
(Weltkino, Kinostart 20. August 2020)
Christoph Schlingensief, ein Ausnahmemensch und Ausnahmekünstler im Guten wie im Schlechten.
Er lebte von Kindheit an in guten Familienverhältnissen, der Vater Apotheker, die Mutter Kinderkrankenschwester. Schon als Jugendlicher begann er Filme zu drehen. Bald trat seine überdurchschnittliche Intelligenz zutage. Studium und Lehraufträge.
Viele politische, gesellschaftliche und soziale Ideen und Ansätze sprudelten etwa ab den 90er Jahren aus ihm heraus. Er wurde damit auch zum Revoluzzer, zum Protestler. Seine Filme „100 Jahre Adolf Hitler“ oder „Das deutsche Kettensägemassaker“ wurden legendär. Berühmt auch seine „künstlerischen“ Angriffe gegen Helmut Kohl („Baden im Wolfgangsee“), Jürgen Möllemann oder gegen Österreich.
Interviews mit zahlreichen Persönlichkeiten, die Bekanntheitsgrad erlangten, etwa Hildegard Knef oder Konrad Kujau (Hitler-Tagebücher), Harald Schmidt oder Carl Alexander, Prinz von Hohenzollern.
Bemerkenswert sein Eintreten für Schwache und Arbeitslose, Kranke und Ausgegrenzte, Behinderte und Asylsuchende.
Immer wieder abwechselnd zweifelhafte Aktionen und geistig Hochstehendes. Er gründete eine Partei, die total floppte, erhielt jedoch gleichzeitig Berufungen als Regisseur (Parsifal in Bayreuth) oder Jurymitglied (Berlinale).
Auf jeden Fall gleichzeitig ebenso genial und lehrreich wie narzistisch und „abgefahren“.
Dann wurde er krank: Lungenkrebs. Noch vom Krankenbett aus blieb er künstlerisch tätig. Doch der Krebs war stärker. Christoph Schlingensief starb 2010.
Der Regisseurin Bettina Böhler ist etwas Außerordentliches gelungen: Aus reinem Archivmaterial ließ sie in zwei Stunden mit erstklassigen Montagen den Anreger, Revoluzzer, Autor, Provokateur, Intelligenzler und Clown wiederauferstehen. Wie gleichzeitig fruchtbar und furchtbar wäre es, wenn Schlingensief weiterwirken könnte.
Interessierten sehr zu empfehlen.

The Vigil – Die Totenwache

Von Keith Thomas
(Wild Bunch, Kinostart 23. Juli 2020)
Yakov gehörte einst in den USA einer chassidischen, also streng jüdisch-orthodoxen Gemeinde an. Aber er trat aus. Jetzt muss er zum Unterhalt seines Lebens sich um Geld kümmern. Sein früherer Rabbi, der ihn zum Glauben zurückholen möchte, bietet ihm 400 Dollar für eine Totenwache an.
Der Holocaust-Überlebende Litvak ist verstorben. Jetzt muss einer, so will es die chassidische Religion, bis am Morgen die Bestatter kommen, in der Nacht die Totenwache halten. Dies muss deshalb sein, dass der parasitäre Dämon Mazzik, der keine Seele und keine Form besitzt, in der Nacht keinen Schaden anrichten kann.
Mrs. Litvak ist dazu nicht imstande, weil sie an Alzheimer leidet. Nicht nur war damals Mr. Litvak im KZ Buchenwald inhaftiert, auch die jüdischen Großeltern waren schon davor in Kiew ermordet worden.
Yakov hätte die Totenwache wirklich besser übernehmen können, wenn er selbst gesünder wäre. Doch das ist nicht der Fall. Auch er lebt schon von Tabletten.
Er tritt die Nachtwache trotzdem an.
Es wird eine schaurige Nacht: mit Albträumen; in einem dunklen Raum, weil das Licht kaputt geht; mit der Erinnerung an seinen kleinen Bruder Burech, der von Antisemiten auch deshalb getötet wurde, weil Yakov nicht rechtzeitig eingriff; mit einem Sound, der Angst macht; mit einem Smartphon, das missverständliche Daten bringt; mit für die Zukunft gefährlichen Erklärungen von Mrs. Litvak; mit furchterregenden Visionen.
Beinahe verliert Yakov den Verstand. Immerhin kann er am Schluss den Dämonen dem Feuer übergeben.
Es bedurfte für diesen technisch makellosen Erstling des Regisseurs eine ganze Menge an Horror-Ideen; die sind vorhanden – mehr nicht. Und es bedurfte ebenso eines Schauspielers, der in dieser immerhin schwierigen Rolle überzeugt. Und das tut Dave Davis als Yakov. Dies gilt zudem für Lynn Cohen als Mrs. Litvak.
Für Liebhaber des beschriebenen Genres.