Der Gilden-Dienst Nr. 20-2020

Corpus Christi

Von Jan Komasa
(Arsenal, Kinostart 6. August 2020)
Erin besonderer Titel, aber auch ein besonderer Film. Daniel ist um die 19, 20. Er sitzt in der Jugendstrafanstalt, weil er bereits bewegte Erlebnisse hinter sich hat, von denen eines gar tödlich ausging.
Inzwischen genießt er Bewährung, sagt er. Er wird in ein Sägewerk geschickt, um dort zu arbeiten. Doch offenbar ist die Lust dazu nicht groß.
Er landet in einem Pfarrhaus, dessen alter Pfarrer so viel trinkt, dass er gesundheitlich versorgt werden muss.
Daniel gilt nun, ohne dass er es beabsichtigt hätte, als der neue junge Pfarrer. Zögernd spielt er die wirklich heikle Rolle.
In dem Dorf stimmt gesellschaftlich und auch religiös einiges nicht mehr, seit es einen schweren Autounfall mit sieben Toten gab. Vor allem einer gilt bei allen als schuldig – „Hure“ ist das mindeste, was seiner Ehefrau nachgesagt wird.
Und wie ist Daniel als Pfarrer? Er bricht in seinen „Predigten“ religiöse und formale Strukturen auf; er verkündet, dass Gott nicht nur in der Kirche und im Gebet gegenwärtig ist sondern überall; dass die Menschen verzeihen lernen müssen; dass Gottesgegenwart und Gottesliebe fließend und „modern“ geworden ist; dass der angeblich für den Unfall Verantwortliche ehrenhaft begraben werden soll, was die Dorfbewohner zunächst verhindern wollten.
Langsam, nur sehr langsam, scheinen die Kirchgänger und Gemeindemitglieder aufzuwachen, zu begreifen.
Filmisch gezeigt ist das äußerst anschaulich und thematisch keinesfalls unwichtig. Es handelt sich um einen polnischen Film, und wahrscheinlich ist er bis zu einem gewissen Grade gegen die althergebrachte unbewegliche katholische Kirchen- und Glaubenssituation des Landes gerichtet. Die Macher wollten sicherlich sagen, dass auch Polen in dieser Hinsicht Fortschritte machen müsse.
Nach einer gewissen Zeit ist die Pfarrerrolle ausgespielt. Daniel wird verraten, entdeckt und landet wieder in der Jugendstrafanstalt.
Der Clou: Der Film stützt sich auf wahre Begebenheiten.
Eines muss noch gesagt werden: Wie Bartosz Bilenia seine Rolle als (Pfarrer) Daniel spielt, ist nicht weit von einer Sensation entfernt.

Song of Names

Von Francois Girard
(Kinostar, Kinostart 6. August 2020)
Ende der 30er Jahre. Der junge Pole Dovidl, ein Geigentalent, wird von einer Londoner Familie aufgenommen, denn seine eigene hat nicht die Mittel, die Ausbildung des jungen Geigers zu finanzieren. Es ist eine schwere Trennung, denn es ist eine schwere Zeit. Die Deutschen haben damit begonnen, London zu bombardieren.
Martin, der Sohn der Pflegefamilie, ist zunächst nicht gerade begeistert davon, „Dov“ aufzunehmen. Und doch werden die beiden mit der Zeit dicke Freunde.
Jahre später. Dov steht vor seinem ersten Konzert. Der Saal ist voll, das Publikum gespannt. Doch dann: Dov erscheint nicht. Und nicht nur das. Er ist für immer verschwunden.
Weshalb? Ist es die Sorge um seine jüdische Familie in Polen, die unter Umständen von den Nazi-Mördern verfolgt wird?
Martin wird sich jahrelang auf die Suche nach Dov machen, in Deutschland, in Polen, in den USA. Nach vielen Jahren findet er Dov in New York. Wird der noch einmal vor der Öffentlichkeit auftreten? Ja, noch ein einziges Mal wird der Ausnahmegeiger seine Kunst vorführen – auch mit melancholischen jüdischen Weisen -, um sich dann für immer zurückzuziehen.
Diejenigen Rezensenten – und es gibt eine ganze Reihe davon -, die den Film nicht gut genug finden, gehen vielleicht von der nicht immer ganz glücklichen Dramatisierung des Stoffes, von der Überfülle an Dialogen oder von den nicht präzise genug verwendeten Rückblenden aus.
Sie missachten Dovs gefährdete Jugend und seine Reaktion darauf; die Vernichtung seiner Familie; die glänzende Gestaltung des jüdischen Milieus oder des Verhältnisses zwischen den beiden Jungen – was sie als nicht „modern“ genug ansehen; das unermessliche jüdische Leid und die Erinnerung daran, zusammengefasst in der erschütternden Filmszene, in der ein Rabbi in schmerzvollem liturgischem Gesang die Namen der Toten aufruft.

Love Sarah – Liebe ist die wichtigste Zutat

von Eliza Schroeder
(Weltkino, Kinostart 18. August 2020)
Schon immer hatte Sarah in London eine Bäckerei-Konditorei eröffnen wollen. Daraus wurde dann leider nichts, weil sie plötzlich starb. Ihre Tochter Larissa, eine Tanzschülerin, will nun aus Liebe zu ihrer Mutter diesen Traum unbedingt verwirklichen. Leicht wird das nicht, denn Larissa wurde soeben von ihrem Freund verlassen, Geld hat sie keines, und der Laden, in dem die Bäckerei florieren soll, ist in einem katastrophalen Zustand.
Immerhin gibt es noch die Großmutter Mimi, die zwar immer Geld hatte – aber keinen Kontakt zu ihrer Tochter Sarah. Kann Larissa da etwas erreichen?
Gottlob ist da auch noch Sarahs bisherige Freundin Isabella, die zwar ebenfalls von materiellen Sorgen geplagt ist, sich jedoch bereit erklärt mitzumachen. Und vielleicht kann für das Projekt auch Matthew gewonnen werden, ein Freund Sarahs, von dem zunächst angenommen wird, er sei sogar Larissas Vater (was sich jedoch als Irrtum herausstellt).
Erwartungsgemäß entsteht eine enge Bindung zwischen Isabella und Matthew, denn Liebe ist, wie es ja im Filmtitel heißt – und dies nicht nur bei Backwaren -, die wichtigste Zutat.
Mimi hat ihrerseits einen netten älteren Herrn aufgetan. Doch nicht nur das: Als nämlich anfangs die Geschäfte wirklich nur zäh laufen, kommt ihr die Idee, vor allem heimische Spezialitäten für in London lebende Ausländer herzustellen. Und siehe da: Der Laden läuft.
Kriminal-, Rock- und Problemfilme gibt es genug. Hier ist einmal einer, der nichts anderes will als nett unterhalten. Und das tut er auf eine fast liebliche, dahinplätschernde Art. Sehr große Ansprüche darf man auf keinen Fall stellen. Wer Extrem-, Untergangs- oder „Dammbruch“-Filme (der neueste Ausdruck) will, ist fehl am Platz.
Die Grundidee ist gut, die Inszenierung ebenfalls, und das gilt auch für das Spiel vor allem der weiblichen Darsteller.
Wer reine Unterhaltung will, ist hier richtig.

Die Epoche des Menschen

von Jennifer Baichwal, Nicholas De Pencier und Edward Burtynsky
(Happy Entertainment, Kinostart 10. September 2020)
Jeder, der diesen Film sieht, muss ein schlechtes Gewissen bekommen. Und: Jeder müsste ihn sehen.
Wir alle würden dann besser begreifen, was wir der Erde antun. Würde es immer so weitergehen wie bisher, wäre der Planet irgendwann einmal nahezu unbewohnbar.
Bisher konnte man davon ausgehen, dass die Natur veranlasst, was auf der Erde geschieht. Heute ist die Natur schon weitgehend außer Kraft gesetzt, der Mensch hat in diesem Prozess die Oberhand übernommen und gewonnen. Anthropozän (Anthropos, griechisch: Mensch) nennen die Wissenschaftler das.
Beispiel Braunkohleabbau: Dörfer verschwinden, eine Kirche wird zerstört. Norilsk, eine Stadt in Sibirien, 320 Kilometer nördlich des Polarkreises: ein Stahlwerk von unübersehbarer Größe, die schmutzigste Stadt Russlands. Kenia: Die Stoßzähne von 7000 Elefanten (von Wilderern getötet) werden verbrannt. Wert des Elfenbeins: 150 Millionen Dollar.
„Die Menschheit hat so viel Beton hergestellt, dass die gesamte Erde damit zwei Millimeter dick bedeckt werden könnte.“
Und: Plastik, Plastik, Plastik. Die Korallenbleiche geht weiter. In Nigeria existiert eine Müllkippe, deren Umfang man sich nicht vorstellen kann. 6000 Müllsammler suchen darauf nach Brauchbarem. Die Baumbestände nehmen in rasender Geschwindigkeit ab. Und so geht es weiter. In 20 Ländern drehten und montierten die Macher, an die drei Jahre lang.
CO2 wie seit 66 Millionen Jahren nicht mehr! Der Mensch verursacht auf dem Planeten größere geologische Veränderungen als alle Naturgewalten.
Man könnte die Liste endlos fortsetzen.
Noch einmal: Jeder Mensch müsste diesen Film sehen. Vielleicht würde das menschliche Verhalten dann etwas besser werden. Aber nur vielleicht.
Filmkunsttheatern und Programmkinos unbedingt zu empfehlen.