Der Gilden-Dienst Nr. 21/22-2020

Persischstunden

von Vadim Perelman
(Alamode, Kinostart 24. September 2020)
Die Nazi-Verbrechen, die zu den schwersten Verbrechen der Menschheitsgeschichte gehören, dürfen niemals vergessen werden. Deshalb sind Filme wie der vorliegende immer wieder wichtig.
Dieser hier beruht gar auf wahren Begebenheiten.
Von der SS an ein Seeufer geführte Juden werden gnadenlos erschossen. Gilles, ein junger Belgier, lebt noch. Ihm kommt ein Geistesblitz, denn sofort sagt er, er sei kein Jude sondern Perser.
Der SS-Lageroffizier Koch glaubt ihm. Da dieser nach dem Krieg in Teheran, wo offenbar sein Bruder lebt, ein Restaurant eröffnen will, fordert er Gilles auf, ihm persisch (Farsi) beizubringen. Der Junge ist perplex – woher soll er persisch können?
Doch da er neben seinen Arbeiten in der Küche, die von Koch geleitet wird, auch Namenslisten anfertigen muss, phantasiert er einfach aus Namensteilen angeblich persische Wörter und bringt diese dem Offizier bei. Der macht mit und lernt die Begriffe fleißig – jeden Tag mindestens ein Dutzend. Dabei gibt es auch mehr als eine kritische Szene, doch Gilles zieht sich jeweils clever aus der Affäre oder hat ganz einfach Glück.
Die Behandlung der Lagerinsassen durch die SS-Henker ist derart unmenschlich, dass man als Kinozuschauer mehr als einmal schlucken muss. Das hält die Wächter jedoch nicht davon ab, dann und wann „Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein“ zu grölen.
Zwischen den anwesenden Damen und dem Wachpersonal blühen die schönsten Intrigen.
Einmal versucht Gilles zu fliehen, sieht jedoch rasch ein, dass er nicht weit kommen würde. Er will am Leben bleiben.
Gegen 1944 wird den SSlern langsam klar, dass sie endgültig besiegt sind. Jetzt hilft nur noch, alles Verdächtige zu vernichten und zu fliehen.
Koch will nach Teheran. Da sein Persisch natürlich kein Persisch sondern nur Unsinn ist, wird er bereits an der Grenze geschnappt. Nun ist er der Gefangene.
Es ist aus den genannten Gründen kein unwichtiger Film. Er wird zudem von Lars Eidinger (SS-Offizier Koch) und Nahuel Perez Biscayart (Gilles) hervorragend gespielt. An der Dramatisierung des Stoffes ist ebenfalls nichts auszusetzen. Aber es gilt auch, dass er von Anfang bis Ende seine Düsternis beibehält. Kaum ein Lichtblick!

I Still Believe

Von Andrew und Jon Erwin
(Studiocanal, Kinostart 13. August 2020)
Jeremy muss seine geliebte Familie verlassen, er geht aufs Collge. Ohne seine Gitarre wäre das unmöglich, denn er schreibt Lieder – kein Rockgetöse sondern stimmungsvolle.
Er hat Glück, als er Jean-Luc trifft, der bereits vor Tausenden junger Menschen singt und bejubelt wird und der Jeremy Ratschläge gibt.
Als dieser auch einmal auftreten darf, erblickt er in der Menge ein sehr schönes Mädchen, Melissa. Rasch ist er Feuer und Flamme. Doch da besteht ein Problem: Melissa ist mit Jean-Luc befreundet,
Immerhin wird sie nach einer Zeit der Überlegung Jeremys Freundin. Die beiden sind glücklich.
Leider nicht lange – denn Melissa bekommt Krebs. Krankenhaus, Pflege, bangen, hoffen. Vergebens. Die Krankheit stellt sich als unheilbar heraus.
Jeremy will seine Melisse unbedingt noch heiraten und tut es auch. Doch bald ist sie tot.
Jeremy wird für seine Frau Lieder schreiben, daran denken, wie sie Sterne lebte, wie sie als eine der wenigen noch an Gott glaubte, wie sie sagte, dass ihr Opfer sich lohnen würde, wenn ein Mensch dadurch zum Besseren fände – was dann auch geschieht.
Eine tatsächliche Begebenheit liege zugrunde, sagen die beiden Regisseure.
Eine eigentlich bewegende Liebesgeschichte. Ein wenig Tiefgang fehlt keineswegs – mit Melissas Gottesglauben, mit Jeremys absoluter Treue über den Tod seiner Frau hinaus. Natürlich tropft hier auch eine Menge Sentimentalität herunter. Alles was das Kino so mit sich bringt, könnte man urteilen.
Die Songs hören sich sehr schön an. Und wie die beiden das spielen, alle Achtung. Britt Robertson als Melissa und K. J. Apa als Jeremy – vielen Dank.
Für „Liebhaber“ von Tragik.

Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter

von Katrin Gebbe
(DCM, Kinostart 24. September 2020)
Wiebke betreibt irgendwo in einer ländlichen Gegend eine Pferdefarm. Ihr Adoptivtöchterchen Nicolina (9 Jahre ) lebt mit ihr. Berittene Polizisten, darunter Benedikt, der ein Auge auf Wiebke geworfen hat, üben auf dem Gelände den Widerstand gegen gewalttätige Demonstranten. Die Pferde müssen Hindernisse durchbrechen, durchs Feuer gehen, Schreckschüsse aushalten, usw.
Es sieht so aus, als wünsche sich Nicolina eine Schwester, um nicht allein zu sein. Wiebke ist einverstanden und holt in Bulgarien die kleine Raya. Sie adoptiert sie ebenfalls.
Diese stellt sich dann allerdings bald als äußerst schwieriges Kind heraus. Sie hortet Essen, verdirbt es dann, zerstört das Spielzeug ihrer Schwester, zündet sogar das Kinderzimmer an. Außerdem schreit und schreit und schreit sie. Deshalb muss sie auch die Kita verlassen.
Der Psychiater vermutet, dass Rayas Krankheit nicht heilbar sei. Als ganz kleines Kind hatte sich das Mädchen allein und ungeschützt lange neben der toten Mutter aufhalten müssen. Möglicherweise rühren Rayas Störungen daher.
Wiebke entschließt sich, dies alles mit Mutterliebe zu überwinden. Sie macht unzählige Versuche, gibt der mindestens achtjährigen sogar noch die Brust. Der Erfolg ist sehr gering, oft null. Ihr eigenes Leben und bis zu einem gewissen Grade auch dasjenige Nicolinas vernachlässigt sie.
Dann nimmt sie Zuflucht zu einer Geisterbeschwörerin, doch mit diesem Hokuspokus sinkt der Film geistig qualitativ ab. Selbst Benedikt wehrt sich dagegen, hat kein Verständnis mehr.
Man kann nur hoffen, dass Wiebke zum Mittel der Liebe zurückkehrt. Am Schluss hat es jedenfalls den Anschein.
Und das ist letzten Endes auch die Lehre, die man aus diesem thematisch manchmal seltsam anmutenden, inszenatorisch korrekt gestalteten Film ziehen kann: Letzten Endes ist es nur die Liebe, die alles Schwere überwindet.
Nina Hoss als Mutter zuzuschauen ist wie immer ein Genuss. Und dass ein Kind wie Katerina Lipovska als kleine Raya eine Rolle so spielen kann, wie sie es tut, ist der absolute Hammer. Man glaubt es kaum.
Zum Titel „Pelikanblut“: Der Pelikan tropft eigenes Blut auf seine toten Kinder, um sie wieder zum Leben zu erwecken. Mit dabei sind Anklänge an die christliche Religion.
In übertragener Form will Wiebke Ähnliches.
Für Psychologie- und Psychiatrie-Interessierte.

Kokon

Von Leonie Krippendorff
(Salzgeber, Kinostart 13. August 2020)
Berlin. Jugendliche, Deutsche und Türken, Mädchen und Jungen. Sie gehen noch zur Schule, müssen in einer Schulpause gedanklich sogar etwas ziemlich Schwieriges zustande bringen: „abstrakt darstellen, wie ihr euch fühlt“.
In der Freizeit: chillen, Selfies, schwimmen, joints rauchen, Haare färben, bei einer Freundin übernachten, für oder gegen die Abtreibung diskutieren.
Nora ist 14. Klar, dass sie noch keinerlei Lebenserfahrung hat. Sie muss zuerst feststellen, dass sie und ihre Schwester Jule von ihrer beider Mutter nicht viel zu erwarten haben; was es mit der monatlichen Periode auf sich hat; dass sie „Mädchen schöner findet“ als Jungen; dass die Romy, in die sie sich verliebt hat – schöne delikate Liebesszenen – von ihrer Schwester und deren Freundinnen ganz und gar nicht gemocht wird; dass sie oft allein ist.
Aber sie wächst und gedeiht. Sie war gewissermaßen noch eine Raupe – in ihrem gemeinsamen Zimmer halten Jule und Nora Raupen -, die nun zum Schmetterling wird. Sie muss trotz einer kurzen Lebenslinie auf ihrer Hand das Erwachsenenleben schaffen: „Erinnerung ist alles, was dem Schmetterling von seinem Leben als Raupe bleibt“, wird dazu gesagt.
Es gibt feinfühlige und poetische Situationen hier. Den Vogel schießt jedoch eindeutig Lena Urzendowsky in ihrer Hauptrolle als Nora ab. Durchdringender Blick, schmerzliche Enttäuschung und Einsamkeit, Glück mit Romy – „Ich fand es schön mit dir“ -, aufstehen und entschlossen weitergehen.
Eine darstellerische Leistung!