Der Gilden-Dienst Nr. 23-2020

The Climb

Von Michael Angelo Covino
(Prokino, Kinostart 20. August 2020)
Kyle und Mike sind seit Kindestagen beste Freunde. Das Problem: Charakterlich könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Für Kyle steht die Menschlichkeit an erster Stelle, er will allen nützlich und gut zu ihnen sein. Mike ist aufbrausend, schroff, egoistisch, eher dem Alkohol zugeneigt, leicht verharmlost.
Derzeit machen die beiden in Frankreich mit dem Fahrrad eine Bergtour. Kyle möchte sich für seine Hochzeit mit Ava in Form bringen. Da ruft Mike: „Ich habe mit Ava geschlafen!“ Die erste Katastrophe.
Treueste Freundschaft und hasserfüllte Gegnerschaft lösen sich zwischen den beiden immer wieder ab: beim Begräbnis der viel zu früh verstorbenen Ava; beim Thanksgiving in Kyles großer Familie; bei der dortigen Weihnachtsfeier – oder an einem Silvesterabend, den Kyle und Marissa gerne allein feiern würden, jedoch von Mike auf das gröbste und unsittlichste gestört werden.
Denn Marissa und Kyle stehen kurz vor ihrer Hochzeit. Doch selbst die Trauung in der vollbesetzten Kirche macht Mike zunichte.
Marissa bekommt den kleinen Otis. Nach einigen Jahren trennt sie sich von Kyle. „Sie erhält die Gläser, er die Teller!“
In der für das Hauptthema dieses Films symptomatischen Schlussszene sitzen die beiden Freunde wieder auf dem Fahrrad. Mit dabei ist der etwa 5jährige Otis, ebenfalls auf seinem Rad. Als der Junge leicht stürzt, gilt wie für Kyle und Mike ein einziges: „fallen und weiterfahren“.
Die inszenatorisch professionelle Schilderung eines oft lebenslangen menschlichen Dilemmas. Die Milieuzeichnungen, etwa bei den Familienfeiern, sind sehenswert. Besondere musikalische Einlagen fehlen nicht. Die Dialoge stimmen. Dies gilt auch für die exzellente Arbeit der Darsteller: Michael Angelo Covino (auch Regie) als Mike, Gayle Rankin als Marissa sowie Kyle Marvin als Kyle.
Insgesamt eine runde, durchaus sehenswerte Sache.

Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde

von Nicola Alice Hens
(Missing Films, Kinostart 17. September 2020)
Dies ist die Geschichte der Marthe Hoffnung-Cohn, einer nunmehr alten Dame (weit über 90), die sich jedoch nicht ausruht sondern von Los Angeles aus die Welt bereist, um, nachdem sie jahrzehntelang geschwiegen hatte, vor allem jungen Menschen über ihr Leben insbesondere während des Zweiten Weltkrieges zu berichten. Die Idee ist natürlich, ihnen nahezulegen, politisch und moralisch dafür zu sorgen, dass es nie mehr zu Judenverfolgungen und zu einem solchen Krieg kommt.
Marthe stammt aus Lothringen. Das jüdische Leben der Familie war gut, die berufliche Ausbildung (Krankenschwester) lief, alle Angehörigen schienen vor einem schönen Leben zu stehen – bis die Deutschen Anfang der 40er Jahre in Frankreich einmarschierten; bis es eine besetzte und eine „freie“ Zone gab; bis die ersten „Juden raus!“-Schreie zu hören waren; bis Marthes Schwester Stéphanie verhaftet wurde; bis es zu Enteignungen kam; bis der Widerstand (Réstistance) aufgebaut werden musste; bis französische Kollaborateure Widerständler für 25 000 Francs verrieten; bis die Deportationen begannen; bis Geiseln erschossen wurden.
Zuerst zeigt der Film die früheren Stationen: Metz, Poitiers, Paris usw.
Dann ab Mitte 1944 die entscheidende Spionage-Zeit. Marthe trat der französischen Armee bei, wurde, weil sie fließend deutsch sprach, mit falscher Identität für wichtige Erkundungen eingesetzt: in Freiburg, im Schwarzwald. Sie konnte melden, wo noch deutsche Truppen standen, die dann umgangen wurden, wie sich zu jener Zeit die deutsche Bevölkerung zum beinahe verlorenen Krieg verhielt, dass der von deutscher Seite für unüberwindbar gehaltene Westwall zusammengebrochen war.
Zuvor hatte sie die nötige Ausbildung machen müssen: morsen, deutsche Uniformen erkennen, Waffen bedienen.
Nach dem Krieg ging sie nach Vietnam (damals unter französischer Oberhoheit), heiratete ihren Major L. Cohn, bekam Kinder.
Sie wurde inzwischen mit vielen Auszeichnungen geehrt, ist überall willkommen, berichtet über ihr Leben aber eben auch über die notwendigerweise daraus resultierenden Konsequenzen.
Ein historisch, politisch, menschlich und moralisch bedeutsamer Film, den vor allem junge Menschen sehen sollten.

Der See der wilden Gänse

Von Diao Yinan
((Eksystent, Kinostart 27. August 2020)
China. Wuhan. Junge Gangster sind am Werk. Die Tätigkeitsgebiete in der Stadt sollen neu aufgeilt werden. Wer die meisten Motorräder zu stehlen vermag, dem werden später die besten Straßen zugeteilt.
Ein heruntergekommener Ort in einem Außenbezirk der Stadt, in dem dies alles verhandelt wird. Es ist Nacht. Es regnet ohne Unterlass.
Der Friede dauert nicht lange. Ein Polizist wird getötet. Jetzt stehen sich zwei Lager gegenüber. Es wird ein harter Kampf werden.
Vor allem Zenong Zhou wird gejagt. Helfen wird ihm Aiai Liu, eine Prostituierte. Er will durch sie auch seine Frau kontaktieren, die er fünf Jahre nicht gesehen hat.
Die Polizei setzt eine hohe Belohnung für die Ergreifung von Zenong Zhou aus – da könnten schon einige etwas anderes unternehmen als das, was man von ihnen erwartet, auch wenn sie einen anderen Anschein erwecken.
Zhou übersteht seine Verfolgung nicht lebend. Aiais Gewinn sieht da schon wesentlich besser aus.
Doch um die Handlung geht es in Diao Yinans Film gar nicht so sehr, sondern eher um die Form: die ständige Nacht, der ewige Regen, der Nebel, das schwache Licht, die heruntergekommenen Häuser und Räume, die engen Straßen und Sackgassen, die ständigen ohrenbetäubenden Motorradfahrten, die vielen kurzen, abgehackten Szenen, dann wieder eine gänzlich moderne Neonoptik, eine tödliche Situation in einem Zoo, die von wilden Tieren beäugt wird, die zum Teil grotesken Arrangements der Massenszenen, eine schreckliche Vergewaltigung, der jeweils passende Sound, die Kämpfe, die Schüsse, die Verwundeten, die Toten – alles, wenn auch oft unzusammenhängend und undurchsichtig, höchst eindrucksvoll choreographiert und auch so gespielt.
Wer derlei mag, der wird von dieser wuchtigen Show auf keinen Fall enttäuscht.

Sebastian springt über Geländer

Von Ceylan Ataman-Checa
(Déjà-vu, Kinostart 20. August 2020)
Hannover. Sebastian als Grundschüler. Ein hübscher Junge, der eher etwas verträumt wirkt als laut oder aufgeschlossen. Er hört beim Abendessen einer alten Türkin beim Erzählen zu. Das ist für den Film nicht unwichtig, denn um Erinnerung, erwachsen werden und Fragen in die Zukunft geht es in diesem Film.
Er lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter. Der Vater trifft viel später während Sebastians Pubertät seinen Sohn einmal auf der Straße. Doch Sebastian lässt sich nicht aufhalten, ist angeekelt, nennt den Vater einen „Hurensohn“.
Sebastian im Jugendalter. Er trifft auf Elisabeth („Betty“), verliebt sich, tritt in Bettys Familie ein. Alles scheint gut zu gehen, auch wenn Egon, der Vater des Mädchens, schwer zu ertragen ist.
Doch es geht eben nicht gut. Für Sebastian scheint die Pubertät wie der Ausbruch eines Vulkans zu sein. So sehr, dass er krank wird.
Wieder gesund. Wie wird es weitergehen? Wie fest sind die Grundlagen, die sein bisheriges Leben geschaffen hat? Wie erträgt er die Trennung von seiner Mutter? Hält die Liebe zu Betty stand? Wie vertragen sich Erinnerung und Zukunft?
Er wird fortgehen. Wohin weiß er noch nicht. Er muss zu sich selbst finden. Prüfend steht er in Hannover auf einer Straßenkreuzung. „Ist das Aufwachen das inkonkrete Produkt der Aneinanderreihung von Erfahrungen?“, fragt der Regisseur. „Was bleibt von der Kindheit übrig, wie ist die Spannung zwischen den beiden Welten?“
Eine realistische Kindheits-, Jugend- und Lebenssituation – von Josph Peschko als Sebastian (und Finn Freyer als Kind) glänzend dargestellt.