Der Gilden-Dienst Nr. 24-2020

972 Breakdowns

Von Leavinghomefuntion und Daniel von Rüdiger
(Die Filmagentinnen, Kinostart 3. September 2020)
Fünf junge Menschen, Johannes, Kaupo (aus Estland), Elisabeth, Anne und Efy haben etwas Einmaliges vor. Sie wollen von Halle aus mit vier russischen Beiwagen-Motorrädern der Marke Ural in etwa zwei Jahren über den Balkan und Georgien, dann über die Mongolei und Sibirien bis zur Beringstraße fahren, übersetzen und weiter über Kanada und Atlanta in den USA bis New York kommen.
Und sie planen es nicht nur, sie tun es auch.
Mit Essensvorräten, Ersatzteilen wie Kupplungen, Kolben und Kurbelwellen, medizinischem Material und gutem Mut geht es los. Da die Maschinen alt sind und sich zum Teil „in ihre Bestandteile auflösen“, gibt es Hunderte von Pannen, einen schweren Unfall, tagelange Verzögerungen, meist ungeteerte Straßen, zahllose Bodenwellen und Schlaglöcher und viele Flüsse ohne Brücken.
Über die sogenannte „Knochenstraße“, neben der unzählige Leichen von Arbeitern (wahrscheinlich auch aus Gulags) begraben liegen sollen, wollen sie „abkürzen“. Doch der Weg ist schlechthin unpassierbar, was sie nicht Tage kostet sondern Wochen. 1700 Kilometer werden sie mit ihren Motorrädern auf genial zusammengeschusterten Booten auf einem Fluss unterwegs sein. Dazu rationiertes Essen und immer wieder Regen, Regen, Regen – aber kein Zelt.
Sie verlieren selten den Mut – nach Pannen gibt es Schokolade.
Zum Teil müssen sie eine Arbeit annehmen, um Geld zu verdienen. Das größte Problem: die Visa laufen bald ab; wenn dies geschieht, war alles umsonst.
Von unzähligen Menschen wird ihnen immer wieder geholfen, wofür sie sich unendlich dankbar erweisen.
Zweieinhalb Jahre nimmt das Ganze in Anspruch. Weit über 40 000 Kilometer haben sie zurückgelegt. Und in New York sind sie angekommen.
Ein einmaliger Dokumentarfilm mit unzähligen interessanten Situationen und Aufnahmen. Aber auch lernen kann man daraus: etwas Ungewöhnliches wagen, niemals aufgeben, helfen und sich helfen lassen, vielleicht sogar Vorbild sein.
Ein höchst interessantes und im Kino erlebenswertes Unternehmen.

Nackte Tiere

Von Melanie Waelde
(déjà-vu, Kinostart 17. September 2020)
Sie sind so zwischen 16 und 18, heißen Katja, Sascha, Laila, Schöller und Benni. Ihre Schulzeit geht schon zu Ende, sie schreiben bereits Abschlussklausuren.
Sie leben irgendwo auf dem tristen winterlichen Land, was nach der Schulzeit kommen wird, weiß keiner. Von elterlicher Unterstützung ist nicht viel zu spüren, deshalb halten sie freundschaftlich unverbrüchlich zusammen. Doch es gibt ebenso viele Schläge wie Küsse. Immerhin sind Katja und Sascha Kampfsportler.
In ihre Seelen kann man nicht blicken, doch es scheint darin nicht gerade sehr positiv auszuschauen. Die Fünf irren umher, haben kein richtiges Zuhause, schlafen mal da, mal dort. Oder die Tür bleibt für Katja verschlossen, weil Sascha gerade mit einer anderen beschäftigt ist. In welcher Wohnung? Keine Ahnung. Wer hat die Schlüssel? Keine Ahnung. Obdachlos. Rausgeschmissen.
Und: Ein tristeres Weihnachten kann man sich nicht vorstellen.
Aber sie helfen einander, wenn die Polizei auftaucht oder einer zum Arzt muss. Sie lieben sich. „Danke für den schönen Abend“, heißt es dazu.
Mit einfachsten Mitteln wurde das gestaltet, doch die Autorin und Regisseurin ist höchst begabt, das spürt man. Und die jungen Darsteller, die sie wählte, machen ihre Sache wirklich gut – zum Beispiel Marie Tragousti als Katja.
Sie werden auseinander gerissen werden. Jeder muss durchkommen. „Sie werden sich verwundbar machen und gleichzeitig versuchen, es keinesfalls zu sein“, sagt dazu die Autorin und Regisseurin sinngemäß.
Bemerkenswertes Zeit- und Lebensbild einer gewissen Jugend.

Uferfrauen

Von Barbara Wallbraun
(déjà-vu, Kinostart 3. September 2020
Homophobie war für Homosexuelle Jahrhunderte lang ein wirklich großes Problem. Da wurde von Krankheit oder Straftat gesprochen. Das ging bis zur Existenzfrage.
Solche Zeiten sind bei uns gottlob vorbei. In diesem Film berichten ein halbes Dutzend Frauen, die Pat und die Christine, die Carola und die Elke, die Sabine und die Gisela, wie es in dieser Beziehung noch vor wenigen Jahrzehnten in der DDR zuging.
Sie wussten in ihrer frühen Jugend nicht, was lesbisch sein bedeutet; sie wurden sich nur langsam „mit Herzklopfen“ ihrer Gefühle bewusst; sie freundeten sich schließlich mit jungen Mädchen (oder z.B. einer Lehrerin) an; sie erlebten „Gefühlsverwirrung“; sie wurden sogar von Elternteilen (!) als „Schlampe“ oder „Hure“ bezeichnet; sie landeten zum Teil in einer Nervenanstalt oder es kam zum Selbstmordversuch; sie „wurden geheiratet“, bekamen sogar Kinder, hatten „nichts anderes gekannt“; sie trafen sich im Geheimen – auch mit homosexuellen Männern; sie wurden überwacht und von der Stasi verfolgt; ihnen wurde der Prozess gemacht – „Ein Genosse darf nicht vor GHericht stehen.“
Sie gehörtern schließlich in der Berliner Gethsemane-Kirche zu denen, die anfingen, sich gegen das Regime zu wenden und zu demonstrieren – „Mehr Demokratie in der DDR“. Sie konnten nach der Wende endlich lesbische Frauengruppen gründen, sich feministisch betätigen und eine Radiostation gründen. Und, nachdem sie zuvor immer nur „verpartnert“ gewesen waren, sogar heiraten.
Ein sehr menschlicher Film. Einer der tiefe Nöte und hohes Glück schildert. Einer, der die Gesellschaft noch mehr öffnen könnte. Einer, der das individuelle Schicksal der sechs (DDR-)Frauen aus Berlin, Dresden, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt auf sehr lebendige Weise erzählt. Einer, der den Unterschied von vor und nach dem November 1989 skizziert. Einer, der professionell gestaltet ist. Einer, der viel Sympathie für die geschilderten Frauen bewirkt.
Und einer, der empfohlen werden kann.

Drei Tage und ein Leben

Von Nicolas Boukhrief
(Atlas Film, Kinostart 3. September 2020)
Ein kleines Dorf im Norden Frankreichs. Ein paar Häuser, Rathaus, Kirchplatz. Blanche wohnt dort mit ihrem Buben Antoine. Dessen Vater ist schon tot.
Befreundet ist der etwa 11jährige Antoine mit dem 6jährigen Nachbarjungen Rémis. Die beiden mögen sich, verbringen viel Zeit miteinander.
Es ist drei Tage vor Weihnachten 1999.
Weil der von einem Auto angefahrene Hund Odysseus erschossen werden muss, ist Antoine derart wütend, dass er, statt dass sie im Wald spielen, einen Ast nach Rémi wirft, der den Jungen so unglücklich trifft, dass er sofort tot ist.
Antoine versenkt die Leiche in einem Felsschacht.
25. Dezember. Die ganze Gemeinde sucht das Gelände ab. Umsonst. Rémis Vater wird ungerechterweise verdächtigt, Kowalski, Blanches Chef, ebenfalls.
Viele Jahre später. Antoine ist mit Hilfe des Dorfarztes ebenfalls Mediziner geworden. Er will zwei Jahre nach Kairo, kommt in sein Dorf, um sich zu verabschieden.
Rémis Schwester Emilie, inzwischen eine junge Frau, macht sich an Antoine heran, schläft mit ihm, wird schwanger.
Unausgesprochen stellt sich immer deutlicher heraus, dass einige über Rémis Tod und Antoines Schuld sehr wohl Bescheid wissen: der Dorfarzt zum Beispiel, Antoines Mutter Blanche oder Kowalski, der nur aus Liebe zu Blanche schwieg.
Antoine kann einiges nur dann gut machen, wen er auf seinen Ägypten-Plan verzichtet, Emilie heiratet und für immer Arzt im Dorf bleibt.
Ein psychologisches Spiel ist dieser Film um Schuld, um Unschuld, um Verschweigen, um Verzeihen, um Vergessen. Sowohl die Geschichte (Roman von Pierre Lemaitre) als auch die Spannung, die daher rührt, dass alles immer in der Schwebe bleibt, sind wirklich von Interesse.
Auch von den Darstellern ist Gutes zu berichten, was nicht erstaunt, wenn man zum Beispiel als Blanche über eine Schauspielerin wie Sandrine Bonnaire und als Antoine in der Kinderrolle einen Jungen wie Jeremy Senez verfügt.