Der Gilden-Dienst Nr. 25-2020

Die Stimme des Regenwaldes
Von Niklaus Hilber
(Camino, Kinostart 22, Oktober 2020)
Das wahre Leben des Schweizers Bruno Manser, der von der heutigen „zivilisierten „ Welt die Nase voll hatte und deshalb nach einem „vorindustriellen“ Leben suchte. Er reiste in den malaysischen Teil Borneos, traf dort auf das Nomadenvolk der Penan und wurde von diesen Menschen nach kurzer Zeit als einer der ihren aufgenommen.
Die junge Ubung zeigt lebhafte Zuneigung zu Bruno.
Etwa zwei Jahre später machen die Penan eine schlimme Entdeckung: Der malaysische Staat will bald zur „Ersten Welt“ gehören und gibt deshalb die Rodung riesiger Gebiete von Regenwald und Tropenholz frei. Kapitalismus ohne Ende. Gegen ihre Natur will Malaysia die Nomaden ansiedeln.
Viele Penan-Stämme werden ihren Urwald verlieren, kein Wild mehr jagen können. Manser kämpft mit ihnen, sperrt Straßen damit die Lkw das Holz nicht abtransportieren können, kann die Waldvernichter eine Zeit lang stoppen.
Der Staat ändert die entsprechenden Gesetze, scheint auch nichts dagegen zu haben, wenn die „Meuterer“ erschossen werden. Manser wird verhaftet, kann fliehen, kehrt in die Schweiz zurück und kämpft jahrelang für sein politisches Ziel, den indigenen Völkern auf Borneo zu helfen. Selbst der UNO-Generalsekretär empfängt ihn.
Die Nomadenvölker besitzen, weil sie ständig wandern, kein „Landrecht“. Manser muss den Penan diese schlechte Nachricht überbringen. Der Kampf muss also weiter gehen – zum Beispiel anhand einer genauen Kartographierung des Landes.
Bruno Manser macht sich Ende der 90er Jahre – weil Ubung zu seinem Leidwesen längst verheiratet und Mutter ist – im Urwald auf den Weg.
Seither ist er verschollen.
Kein Dokumentar-, sondern ein Spielfilm, gut gestaltet, manchmal ein wenig ausufernd. Aber natürlich mit herrlichen Naturaufnahmen und einem überzeugend spielenden Sven Schelker als Bruno Manser.
Ein wichtiges Thema, ein Kampffilm, eine Demonstration dessen, was die Menschheit jahrzehntelang falsch gemacht hat. Ein Beispiel, wie man es besser macht.
Ein Film, den viele sehen sollten.

Futur Drei
Von Faraz Shariat
(Salzgeber, Kinostart 24. September 2020)
In diesem Film sind Eltern- und Geschwisterliebe, homoerotische Leidenschaft, Angst vor Abschiebung aus Deutschland, ungewisse Zukunft, „coming of age“, und trotz allem starke Lebenszuversicht in einer eindrucksvollen Dramaturgie und (auch iranisch gefärbter) Ästhetik miteinander verknüpft.
Parvis ist ein in Deutschland geborener junger Perser, dessen Eltern in mühsamen 30 Jahren ein Geschäft – für ihren Sohn, wie sie sagen – aufgebaut haben. Sie wollen jedoch zurück in den Iran.
Parvis, Haare blond gefärbt, hat eine etwas lockerere Lebensauffassung. Als er in einem Laden unbezahlt etwas mitgehen lässt und erwischt wird, muss er, da er Farsi (die im Iran verwendete Sprache) und deutsch spricht, in einem Flüchtlingsheim als Dolmetscher Sozialstunden ableisten.
Immerhin übersetzt er manches zugunsten der Flüchtlinge.
Die jungen Männer in dem Heim, die, wie sie sagen, auch gerne einmal „eine deutsche Frau abschleppen“ würden, wollen eigentlich mit dem „Blonden“ nichts zu tun haben. Aber da sind auch Amon und seine Schwester Banafshe. Nach einem Partyabend stellt sich heraus: Parvis und Amon lassen nicht mehr voneinander. Leidenschaftliche Szenen! Im Grunde genommen ist Amons Familie dieserhalb – wohl aus national-gesellschaftlichen wie religiösen Gründen – ebenso erstaunt wie empört.
Ein tragisches, traumatisierendes, „modernes“ Problem: Banafshe droht die Abschiebung. Der Widerspruch dagegen wurde abgelehnt. Parvis wird helfen. Aber der Ausgang ist ungewiss. Und doch ruft die junge Frau in die Welt: „Wir bleiben bis zum Ende des Lebens zusammen. Uns gehört die Zukunft.“
Ein von Benjamin Radjaipour (Parvis), Banafshe Arezu (Banafshe) und Eidin Jalali (Amon) gut interpretierter Spielfilmerstling, der von Regisseur Faraz Shariat noch einiges verspricht.

Die Rückkehr der Wölfe
Von Thomas Horat
(Die Filmagentinnen, Kinostart 17. September 2020)
In Europa waren in den vergangenen 150 Jahren viele Wildtiere ausgerottet worden. Man jagte und schoss sie – teilweise wegen einer Hungersnot – ja, sie wurden sogar vergiftet.
Jetzt wollen Wolf, Luchs und Bär zu den Rehen Hirschen, Füchsen oder Steinböcken zurückkehren. Wie reagieren die Menschen? Wie ist es in der Schweiz, in Österreich, in Deutschland, in Bulgarien oder in den USA?
Dieser Film kümmert sich auf eine natürliche und die wissenschaftliche Weise darum. Wie steht es mit dem Schafherdenschutz wegen der Wölfe in den Schweizer Alpen? Was meinen die Hirten? Wie steht es mit der Rentabilität der Schafzucht? Wie mit der „Verbuschung“, wenn die Herden fehlen? Wie mit der gesamten Pflanzenwelt?
Wildtierbiologen, „Wolfswanderer“, Verhaltensforscher nehmen sich der Sache an. Wir Menschen meinen, das Gleichgewicht der Natur müsse dasselbe sein, das wir uns vorstellen. Irrtum.
Es ist ein langer Prozess zu erwarten. Viele Menschen haben Angst vor dem Wolf. Dabei ist es genau umgekehrt. Die Wölfe fürchten die Autobahnen, die Lichter, den Lärm. „Es muss Wölfe geben, es ist ihr Lebensrecht.“
Ein Beispiel: Huftiere im Wald werden nicht von Wölfen gerissen. Sie werden zu zahlreich. Zu viele von ihnen fressen die Jungpflanzen. Resultat: Der Wald wächst nicht nach.
Gegen Schluss des Films tritt ein (amerikanisches) Ehepaar auf, das in der Wildnis wohnt und das die richtige Einstellung zu Tier und Mensch hat. Man sollte ihm zuhören und beherzigen, was die beiden sagen.
Interesse vorausgesetzt, kann man nicht so sehr über die Menschen sondern dieses Mal über die Tiere eine Menge lernen.
Viele herrliche Naturaufnahmen gibt es gratis dazu.

Astronaut
Von Shelagh McLeod
(Jets Filmverleih, Kinostart 15. Oktober 2020)
Alte Menschen gibt es immer mehr. Angus Stewart ist einer davon. Seine Frau lebt nicht mehr. Früher war er Bauingenieur.
Wird er von seiner Tochter Molly und dem Schwiegersohn Jim noch ernst genommen? Nicht so ganz. Sonst müsste er nicht ins Altersheim. Am liebsten ist ihm sein etwa zwölfjähriger Enkel Barney.
Angus beobachtet einen Kometen am Himmel. Schon immer lag ihm das Weltall nahe, wollte er gar dahin fliegen, mitgenommen werden. Da trifft es sich gut, dass ein gewisser Marcus Brown jahrelang einen Weltraumflug vorbereitete. Und der ist nun startklar.
Aus der Bevölkerung darf einer, den das entsprechende Los trifft, mitfliegen. Angus hat Glück.
Das Raketenflugzeug, das die Besatzung ins All bringen soll, weist ein überbordendes Gewicht auf. Angus, der Ingenieur, findet heraus, dass der Boden unter der Startbahn erodierte und das Gewicht der Maschine niemals aushalten würde. Natürlich glaubt man ihm zunächst nicht.
Was will denn der Alte noch?!
Und doch ist es am Schluss die Beobachtung seines Ratschlages, die ein schweres Unglück verhindert.
Filmisch bearbeitet ist das in einer Art, der manchmal ein wenig mehr Schwung gut getan hätte. Aber die Themen sind wichtig: der Zusammenhalt der Familie etwa oder der Gesichtspunkt, dass man den Rat alter Menschen, der oft kostbar sein kann, nicht immer von vornherein abtun sollte.
Der beste Wertanteil aber ist die Tatsache, dass Richard Dreyfuss diesen Angus Stewart darstellt. Jede Nuance seines Spiels sitzt – bei der ganzen Sache ein künstlerisch entscheidender und höchst angenehmer Vorteil.