Der Gilden-Dienst Nr. 26-2020

Résistance – Widerstand

Von Jonathan Jakubowicz
(Warner, Kinostart 24. September 2020)
Straßburg, Ende der 30er Jahre. Der jüdische Metzger Charles Mangel (später in Auschwitz umgebracht) hätte gerne, dass sein Sohn Marcel denselben Beruf ausübt wie er. Doch der hat anderes vor. Er spürt in sich das Talent zum Schauspieler, zum Pantomimen, zum Clown. Chaplin ist sein Vorbild. Heimlich übt der begabte junge Mann diesen Beruf auch schon aus. Manchmal imitiert er Hitler.
In Deutschland ist ein Schwerstverbrecher an der Macht. Sein krankhafter Judenhass gefährdet auch die Mangels, überhaupt alle Juden im Elsass und anderswo.
Jüdische Kinder treffen ein, deren Eltern verschleppt oder ermordet wurden. Marcel bekommt langsam ein Gespür für das politische Drama, das sich in Europa abspielt. Mit seinem Bruder sowie mit einem Cousin und mit Emma, die er lieben wird, widmet er sich den Kindern, spielt und zaubert ihnen vor, um sie aufzuheitern, flieht schließlich mit ihnen, als die Truppen der Nazis Nordfrankreich besetzen, nach Lyon, das noch frei ist.
Allerdings nicht mehr lange. Vor allem der Massenmörder Barbie und seine Gestapo setzen alles daran, die inzwischen gebildete Résistance, der sich Marcel und Emma längst angeschlossen haben, zu verfolgen, die Widerständler zu verhören, zu foltern, zu erschießen.
Die Kinder sind in Lyon nicht mehr sicher. Es bleibt nur die Möglichkeit, über das Gebirge in die Schweiz zu fliehen. Mit einer kleineren Gruppe – später werden insgesamt viel mehr gerettet – geht es in der winterlichen Landschaft voran. Die Fliehenden werden von Barbies Männern gefunden, können jedoch entkommen und die Schweiz erreichen.
Emma aber wird dabei getötet.
Ein thematisch wie dramatisch eindrucksvoller Film. Die Jugend und die menschliche wie politische Wandlung des späteren Ausnahmekünstlers Marcel Marceau wird dabei ebenso fühlbar wie der Versuch der Ausrottung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten, eines der schwersten Verbrechen der Geschichte.
Die Inszenierung ist vielseitig und spannend – auch wenn ein paar Mal reichlich überdramatisiert wird (z.B. Feuerschlucker). Letzteres ändert jedoch nicht viel am moralischen wie künstlerischen Wert des Films.
Wie Jesse Eisenberg als Marcel Marceau, Clémence Poésy als Emma oder Mattias Schweighöfer als SS-Mann Klaus Barbie das spielen, ist ebenfalls sehenswert.
Da das damalige Unheil nie vergessen werden darf, sollten viele vor allem junge Menschen diesen Film sehen.

Das Arvo Pärt–Gefühl

Von Paul Hegeman
(Film Kino Text, Kinostart 10. September 2020)
Moderne E-Musik ist nicht immer leicht anzuhören. Doch es gibt da den estnischen Komponisten Arvo Pärt, für dessen Musik man nicht lange braucht, um sie schön zu finden.
Der Film befasst sich weniger mit den auch sehr bewegten Lebenssituationen dieses Mannes, da ja zum Beispiel Estland zur damaligen Sowjetunion gehörte und die kommunistischen russischen Bewacher auf alles, auf absolut alles, ein Auge hatten.
Allerdings lebte Pärt auch lange in Wien und Berlin
Wie ist sie nun, diese Musik? Es gibt (4) Symphonien, Sinfoniettas, weltliche und religiöse Chöre, Ballettmusik, überwiegend von (niederländischen) Streichern (Geigen und Celli) gespielt. Arvo Pärt ist nicht selten dabei – und kann auch streng sein. Insgesamt jedoch gilt er als sensibel, sich nicht in den Vordergrund spielend, scherzhaft – und religiös.
Alles Kompositorische von ihm, mit dem er nicht zufrieden war, wollte er einmal vernichten. Gottlob ist es dazu nicht gekommen.
Er will, dass die Orchestermusiker keine Individualisten sind sondern eine Gemeinschaft. Seine symphonischen Orchesterwerke sind effektvoll und dramatisch („Tabula rasa“), poetisch-emotional und spirituell („Te Deum“), zuweilen auch sehr modernistisch und atonal.
Vor allem sind sie wunderschön anzuhören – ein Genuss.
Bis nach Afrika ist Pärts Ruhm gedrungen. Es ist eine Freude, ein Orchester in Kinshasa seine Werke spielen zu hören. Nicht umsonst schrieb die „Los Angeles Times“: „Die wunderbaren Aufnahmen des Films werden Sie zum Fan machen.“
Musikinteressierten sehr zu empfehlen.

Blackbird – Eine Familiengeschichte

Von Roger Michell
(Leonine, Kinostart 24. September 2020)
Lily liebt ihren Mann Paul von Herzen. Doch sie ist alles andere als gesund und hat daher den Beschluss gefasst, aus dem Leben zu scheiden. Für die Familienmitglieder ist das eine äußerst fragwürdige Entscheidung.
Doch zuerst sollen noch einmal alle kommen: Lilys Tochter Jennifer mit ihrem Mann und den beiden Söhnen, Anna, ebenfalls eine Tochter, der psychische Schwierigkeiten nachgesagt werden, weiter Liz, eine Freundin Lilys und Pauls, die eine zunächst unbekannte Rolle spielt.
Alle sind eingeladen, fremden zuerst ein wenig, bis dann gespeist, Weihnachten gefeiert, gesungen, gespielt, am Meer spazieren gegangen und auch gealbert wird. Die Dialoge stimmen hier, das Familienmilieu ist ausgezeichnet wiedergegeben.
Langsam wird die Stimmung dann doch dramatischer. Die beiden Schwestern geraten aneinander, Jennifer entdeckt, dass Paul und Liz sich küssen, Anna wehrt sich mit Macht gegen den Plan ihrer Mutter, Jennifer verliert völlig ihre Fassung, auch ihrem Mann gegenüber.
Und wie ist die Sache mit Liz? – was die Töchter als Betrug an ihrer Mutter ansehen, stellt sich als ausgemachte Sache heraus; Lily weiß davon – und will es so.
Ein (Todes-) Thema, das viele für wichtig halten und das hier dezent wenn auch nicht wirklich tiefgehend behandelt wird.
Mit Susan Sarandon eine Hauptdarstellerin, die wie schon seit Jahrzehnten ihre Rolle als Lily superb darstellt. Und auch die übrigen Schauspieler (Kate Winslet als Jennifer, Sam Neill als Lilys Ehemann sowie Lindsay Duncan als Liz) überzeugen.
Ein Familienmilieu so hinzukriegen wie hier, das muss man schon können. Hier ist es geschehen!

Eine Frau mit berauschenden Talenten

Von Jean-Paul Salomé
(Neue Visionen, Kinostart 8. Oktober 2020)
Paris. Patience Portefeux hat ihren arabischen Mann früh verloren. Übrig sind nur noch sein Grab und die Tatsache, dass sie arabisch sprechen kann. Deshalb arbeitet sie bei der Polizei im Drogendezernat. Sie hört dort auch die telefonischen Verbindungen der Drogendealer ab; gerade ist eine Sendung auf dem Weg nach Europa. Die Polizisten glauben, nur noch zugreifen zu müssen.
Patiences Mutter ist dement und im Pflegeheim. Sie wird dort von der liebevoll erscheinenden Khadidja bestens gepflegt. Das Problem: Der Sohn der Pflegerin ist gerade dabei, die riesige Hasch-Ladung den Drogenbossen zuzuführen.
Patience will diesen Jungen bzw. dessen Mutter nicht in Gefahr bringen. Sie braucht Letztere für ihre eigene Mutter – und außerdem hat sie eine Menge Schulden.
Also muss sie jetzt umdisponieren. Sie verwendet ihre Abhörtätigkeit und ihre arabischen Sprachkenntnisse zu ihren Gunsten. Damit gelingt es ihr, die Drogenladung in ihren Besitz zu bringen. Jetzt kann sie damit schalten und walten – als arabische Muslimin verkleidet die Händler finanziell aufs Kreuz legen; ihre Schulden begleichen; bei einer in ihrem Haus wohnenden Chinesin Geld wäschen; Finanzen für ihre Töchter aufbringen; Khadidja aus der Schusslinie bringen; den Anwalt für deren Sohn bezahlen…
…nur eines ist traurig, was sie ebenfalls machen muss: Sie muss den Polizeikommandanten Philip, der sie liebt und sie am liebsten heiraten würde, übers Ohr hauen, täuschen, was letztlich dazu führt, dass seine Arbeit vollkommen erfolglos bleibt.
Die Idee ist originell, die künstlerische und handwerkliche Machart des Films perfekt. Die Schauspieler – Isabelle Huppert als Patience Portefeux, Hyppolyte Girardot als Philip sowie Farida Ouchani als Pflegerin Khadidja – glänzen absolut!