Der Gilden-Dienst Nr. 27-2020

Oeconomia

Von Carmen Losmann
(Neue Visionen, Kinostart 15. Oktober 2020)

Der Marxsche Kommunismus, wie er im 20. Jahrhundert vor allem in der Sowjetunion praktiziert wurde, hat sich als politische, geistige und moralische Pleite herausgestellt. Sieht man den Film „Oeconomia“ von Carmen Losmann, hat es den Anschein, als ginge es dem im Westen geltenden Kapitalismus nicht sehr viel besser.
Frau Losman wollte vor allem nach der Finanzkrise von 2008/2009 herausfinden, warum es zur Krise kam; wie ganz allgemein die staatlichen und privaten Geldgeschäfte funktionieren; was es mit der gesamtgeschäftlichen Funktion der Kredite und Schulden, der Anleihen oder sonstigen Operationen genau auf sich hat; warum das Kredit-Schulden-System funktionieren muss, weil anders unter Umständen alles zusammenbrechen könnte (und wir alle – auch das muss natürlich gesagt werden – darunter schwer leiden würden); warum die Differenz zwischen reich und arm immer größer wird; warum versprochene Interviews von den Banken abgesagt wurden; warum manche Banker Frau Losmanns Fragen „nicht verstanden haben“.
All dies hat die Regisseurin dieses nicht gerade leicht verständlichen Dokumentarfilms schematisch und ausführlich darzustellen versucht.
Da die Banker zurückhaltend waren, stellte sie in einer Fußgängerzone einen Diskussionstisch mit Fachleuten auf, die einiges klar zu definieren versuchten.
Die in vielstöckigen glitzernden Palästen amtierende Finanzwelt ist ein problematischer Kosmos, dem es am liebsten zu sein scheint, wenn keine Fragen gestellt werden.
Dann kann der Gewinn – und darum geht es in erster Linie – am besten weiterwachsen.
Das Volk, die Masse, die Bedürftigen, die Unwissenden, die Zahlenden, sie spielen nur eine geringe Rolle.
Ein Lob für Carmen Losmanns Film. Viele sollten ihn sehen.

 

David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

Von Armando Iannucci
Entertainment One, Kinostart 24. September 2020)

Charles Dickens‘ Romane spiegeln im Allgemeinen die sozialen Bedingungen des Englands von Victoria I. wider. Das ist in diesem halbautobiographischen Film „David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück“ nicht in erster Linie der Fall. Der Satiriker Armando Iannucci hat sich einer eher lockeren, verspielten, skurrilen, „britischen“ Form der Schilderung verschrieben, in der beispielsweise auch eine „Eselsplage“, die Enthauptung König Karls I. oder die lateinische Grammatik eine Rolle spielen.
David hat eine liebevolle Kindheit – bis die verwitwete Mutter den gewalttätigen Mr. Murdstone heiratet. Der quält David und treibt ihn schließlich aus dem Haus. In einer Londoner Flaschenfirma muss er hart als Verkorker arbeiten.
Glücklicherweise findet das Kind – nach dem Tod der Mutter – Aufnahme bei „Tante“ Betsey und ihrem leicht spinnigen Partner.
Halb erwachsen, trifft David immer wieder auf die überraschendsten und merkwürdigsten Figuren, die sein Leben zum Teil lebendig und froh machen, die ihm jedoch auch Widrigkeiten nicht ersparen. Einen Vorteil ergibt sich daraus für David: Er kann bei seinem „Staunen über die Welt“ daraus Geschichten machen und schreiben – und zwar gute, denn schließlich war Charles Dickens einer der bedeutendsten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts.
Eine kuriose, exzentrische, dialogreiche und formal äusserst dekorative, alles andere als langweilige Sache.
Ein großes Plus auch, dass renommierte Darsteller wie Dev Patel (Copperfield) oder Tilda Swinton (Tante Betsey) verpflichtet wurden. Dass sie – und alle anderen auch – herrlich spielen, macht den Film nur umso sehenswerter.
Um Zuschauer braucht ihm wahrlich nicht bange zu sein.

Milla meets Moses

Von Shannon Murphy
( X Verleih, Kinostart 8. Oktober 2020)

Film über ein Theaterstück. Vier Personen: Milla, Moses, Mutter, Vater.
Milla ist ein hübsches Mädchen, geht noch zur Schule. Das Unglück: Sie leidet an einem Krebs. Sicherlich hat dies Einfluss auf ihr seelisches und praktisches Verhalten.
Moses. 27 Jahre alt, Herumtreiber, von zuhause fortgejagt, Drogendealer, schräg tätowiert – und doch sensibel und kooperativ, wenn es sein muss.
Der Vater, Henry, Psychiater. Von den Medikamenten, die er seinen Patienten geben müsste, scheint er selbst eine ganze Menge zu nehmen.
Die Mutter, Anna, Pianistin. Liebevoll um die kranke Milla besorgt, doch voller Arzneien, die sie von ihrem Mann verschrieben bekommt.
Milla ist von Moses, als sie ihn kennenlernt, fasziniert – so sehr, dass sie ihn sofort mit nach Hause nimmt. Die Eltern sind alles andere als begeistert von diesem Kerl, der, wie sich rasch herausstellen wird, kommen und gehen wird, wann er will. Doch als sie sehen, wie sehr Milla an ihm hängt, sind sie einverstanden.
Psychisch ist keiner der vier gänzlich frei und ausgeglichen. Das kommt in den nun folgenden Handlungsteilen zum Ausdruck, in denen es um „erste Liebe“ ebenso geht wie um Todesangst und sogar Todesverlangen, um Fremdgehen ebenso wie um Versöhnung, um Suchtprobleme ebenso wie um zeitweiliges höchstes Glück.
Die Drehbuchautorin Rita Kalnejais und die Regisseurin Shannon Murphy haben sich eine ganze Menge solcher Situationen einfallen lassen. Eine durchgehend lebendig inszenierte Mischung ist dabei herausgekommen.
Nicht zu vergessen die Tragik. Zum Abschied eine ergreifende Strandszene.
Herrlich wie die vier spielen, vor allem Eliza Scanlen als Milla und Toby Wallace als Moses.
Beileibe keine nur freudige und ausschließlich erstklassige Angelegenheit. Doch wer im Kino in vielfach Menschlich-Allzumenschliches sowie in Psychisch-Psychiatrisches eindringen will, der ist hier auf jeden Fall goldrichtig.

Brave Mädchen tun das nicht

Von Chris und Nick Riedell
(Capelight, Kinostart 24. September 2020)

Lucy Neal wohnt im Außenbezirk einer amerikanischen Stadt und ist eine junge hübsche Frau. Nur mit dem Sex scheint sie nicht ganz auf der Höhe der Zeit zu sein. Denn ihr Jeff, der sich Pornos anschaut, will von ihr Leidenschaft, Phantasie, Porno. Lucy jedoch zieht beim Sex nicht einmal ihr Pyjama aus. Oder sie unterbricht mehrmals und macht irgendwelche Notizen. Jeff hält sie für „pornophob“ und verlässt se.
Lucy spielt Geige und gehört einem Streichquartett an. Die vier treten auch auf Hochzeiten oder anderen Veranstaltungen auf. Wenn Lucy ein Solo spielt, staunt man. Ihre Kolleginnen und Kollegen von Quartett sind gleichzeitig ihre Freunde.
Jeffs Fortgang bringt die junge Frau zum Nachdenken. Sie muss in der Richtung etwas tun. Die nötigen Sex-to-do-Schritte schreibt sie auf. Sie wird Pornofilme anschauen, entsprechende Literatur lesen, in Sexgeschäfte gehen, sich Sexspielzeug kaufen, Sexclubtänzerinnen anschauen, sich in einschlägigen Seminaren informieren, eine Pornomesse besuchen, das Thema oft mit ihren Freunden besprechen, sich von einer Kartenleserin weissagen lassen, in Las Vegas ein Bordell besuchen, usw.
Aber da ist natürlich längst ein anderer Mann aufgetaucht. Kennenlernen. Sex. Pause. Beide sind noch unsicher, unentschlossen, wohl auch von früheren Enttäuschungen verletzt. Aber dann siegt doch die Liebe. Vielleicht – jedenfalls wird das angedeutet – sogar ein Baby.
Es gibt sicher sehr viele Frauen, denen es nicht anders geht als Lucy. Das kann – natürlich in unzähligen Formen – ein großes Problem sein. Die beiden Brüder Chris und Nick Riedell, die Regisseure dieses Films, haben es in einer Komödie verpackt, deren Hauptrolle Lucy Hale (als Lucy) ganz wunderbar verkörpert.