DER GILDEN-DIENST Nr. 28-2020

Unser Boden, unser Erbe

Von Marc Uhlig
(W-Film, Kinostart 8. Oktober 2020)
Die Erde ist ein Feuerball, der von einer relativ dünnen Bodenschicht umhüllt ist. Wenn wir diesen Boden nicht schützen, ist in der Ferne ein Verhängnis absehbar. Dies so zu behaupten scheint zunächst reichlich übertrieben, doch die Realitäten und Daten beweisen, dass wir vorsichtig sein müssen.
Viele Erkenntnisse weisen darauf hin, dass die Menschheit während der letzten 50 Jahre alles andere als vernünftig gelebt hat. Es gibt dafür unendlich viele Beispiele und Beweise – dieser Film wendet sich der Landwirtschaft und dem Boden zu.
Daten: Wissenschaftler stellen fest, dass wir noch etwa für 100 Jahre „Boden“ haben werden, einige sagen sogar nur 60 Jahre. Zehn Millionen Hektar Boden verschwinden jedes Jahr, eine Million für Bebauung. Dadurch wird zum Beispiel viel zu wenig CO2 vom Boden aufgenommen.
1978 wurden über 30 Prozent des verfügbaren Geldes für Lebensmittel ausgegeben, heute noch zehn Prozent. In der Landwirtschaft arbeiten noch drei Prozent der Bevölkerung.
Inzwischen wird sogar Torf aus China importiert.
Die Klimalage: Die Trockenperioden sind länger. Starkregen schwemmen den Humus fort, Starkwinde verwehen ihn. Die Wasserhaltekraft nimmt damit ab.
Gottlob kann der Boden – beispielsweise bei einer richtigen Fruchtfolge – auch „heilen“.
Konventionelle Landwirtschaft oder biologische? Warum steht der Erlös für landwirtschaftliche Erzeugnisse in einem derart schlechten Verhältnis zum Aufwand? Wird die Mühe für Biodiversität, für die Bodenpflege, für das Tierwohl usw. belohnt?
Unzählige in diesem Zusammenhang wichtige Gedanken und Ergebnisse werden in diesem rein ästhetisch gesehen etwas sparsamen Dokumentarfilm geboten. Man kann ihn jedoch uneingeschränkt empfehlen, weil jeder sich über die behandelten Themen ernsthaft Gedanken machen müsste.

Morgen gehört uns

von Gilles de Maistre
(Neue Visionen, Kinostart 3. Dezember 2020)
Es ist leider eine traurige Wahrheit: Auf der Welt gibt es Millionen Kinder, die arbeiten müssen; die gezwungen werden, als Soldaten zu kämpfen; die in Bergwerken ihre Gesundheit riskieren; die ewig Hunger leiden; die Zwangsehen eingehen müssen; die kein Zuhause haben; die wie Sklaven gehalten werden; die keine Schule besuchen dürfen und deshalb weder lesen noch schreiben können; die auf der Straße leben; oder die ganz einfach sterben müssen.
Aber es gibt auch Kinder, die gegen diese Ungerechtigkeiten kämpfen; die zu ihrem Schutz und zur Verbesserung ihrer Lebenssituation Organisationen oder sogar eine Bank gründen; die gegen die Unterdrückung der Frauen in der Welt und gegen Zwangsehen revolutionieren; die Obdachlosen helfen; die durch Müllsammlung Geld für die Verwirklichung ihrer Ziele bereitstellen können; die sogar Gewerkschaften ins Leben rufen.
Wie José Adolfo, 13 Jahre, in Peru; wie Arthur, 10 Jahre, in Frankreich; wie Ayissaton, 12 Jahre in Guinea; wie Heena, 11 Jahre, in Indien; oder wie Kevin, Jocelyn und Peter, 10, 12 und 13 Jahre, in Bolivien.
Regissur Gilles de Mestre bereiste jahrelang die Welt, und sein eindrucksvoller Dokumentarfilm dient weiß Gott einem noblen Ziel. Kinder, so hat es den Anschein, sehen klarer, wehren sich gegen Gewalt durch Erwachsene, greifen an, gründen sogar entsprechende Zeitungen. Es wird ihnen bewusst, dass wir, wenn sich unter Verhalten nicht ändert, unter Umständen – absichtlich überspitzt gesagt – auf eine Umwelt- oder gar Erdzerstörungskatastrophe zugehen.
Es gibt viel Aufschlussreiches, Interessantes, Wichtiges und Rührendes zu sehen. Natürlich fehlen auch eine gewisse Sentimentalität, der erhobene Zeigefinger oder eine kinoabhängige, möglichst werbewirksame Aufbereitung nicht.
Aber die Grundidee, die ernsthafte Information, die damit verbundene Aufforderung, die Bedingungen, unter denen Millionen Kinder in der Welt leben müssen, endlich zu verbessern, sind von hohen Graden.
Der Regisseur: „Wir können ALLE etwas tun.“
Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Die Adern der Welt

Von Byambasuren Davaa
(Pandora, Kinostart 19. November 2020)
Die Mongolei ist ein Riesenland – und relativ wenig besiedelt. Aber: Bodenschätze gibt es da zuhauf, und deshalb beantragen Konzerne aus der halben Welt immer wieder Schürfrechte. Das Ergebnis: Die Weidegebiete werden kleiner, die Nomaden vertrieben, ihrer ursprünglichen Lebensform beraubt. Davon handelt dieser Film.
Eine Familie: Erdene, der Vater, Zaya, die Mutter, Amra, der etwa 12jährige Sohn und noch ein kleines Mädchen.
Die Mutter kümmert sich um die Herde, der Vater um alles Technische, Amra geht zur Schule – und wünscht sich, in der Hauptstad an einem Gesangswettbewerb teilnehmen zu können.
Die ansässigen Nomaden lassen sich zum Teil durch Ausgleichszahlungen bestechen und treten Land ab, nicht so Zaya! Und einige wollen die Gewinnung der Bodenschätze, vor allem des Goldes, nicht ausländischen Firmen überlassen sondern selbst schürfen. An einer solchen illegalen Grube hat später der Vater einen tödlichen Unfall.
Amra ist es jetzt, der innerlich wie äußerlich-praktisch wächst und die Situation der Familie zu retten versucht. Am Gesangswettbewerb in Ulan Bator kann er glücklicherweise doch noch mit einem schönen Volkslied teilnehmen.
Am Beispiel einer Familie die modernen Bedingungen eines Landes. Durch den angeblichen Fortschritt wird auf riesigen Gebieten der Boden aufgerissen und entstellt, sinkt das Grundwasser für die Menschen auf gefährliche Weise immer tiefer, verlieren die seit Jahrhunderten ansässigen Nomaden ihre Weidegebiete, werden Gewässer umgeleitet, wird nach Profit gelechzt – ein Ende ist nicht abzusehen.
In einem trotz allem eindrucksvollen, mit schönen Landschaftsaufnahmen durchsetzten und sehr gut gespielten Film werden die – bei weitem nicht nur in der Mongolei auftretenden – Probleme aufgezeigt.
Wieder einer der Filme, die endlich zu größerer Vernunft anleiten könnten.

Sag Du es mir

Von Michael Fetter Nathansky
(Missing Films, Kinostart 15. Oktober 2020)
Potsdam. Plattenbausiedlung. Havel. Silke, um die 35 und in einem Schiffshebewerk beschäftigt, wohnt dort. Sie erhält den Besuch von ihrer eigentlich auf Mallorca lebenden älteren Schwester Monika. Sie will Silke helfen, denn diese ist von einem unbekannten Täter von der Havel-Brücke in den Fluss gestoßen worden.
Silke, weil nicht allzu schwer verletzt, möchte die Sache auf sich beruhen lassen. Doch „Moni“ lässt nicht nach. Sie will den Übeltäter finden und stellen. Was ihr mit einigen Tricks auch gelingt.
Es fällt auf, dass das Verhältnis zwischen den beiden Schwestern nicht besonders gut ist; zum Beispiel will Silke sich partout nicht helfen lassen. Hat sie etwas mit René zu tun?
Denn er ist der Täter. War er nur betrunken? Vor der Untat scheint er „normal“ gelebt zu haben, mit Familie, mit Freunden. Nun erscheint er psychisch stark gestört: Selbstzweifel, Lüge, Täuschung, „nicht gelungene Selbstliebe“, Verlorensein, Suche.
Doch dies alles nicht nur bei ihm. In drei Episoden ist „Sag Du es mir“ aufgeteilt (I. Monika, II. René, III. Silke), und jeder der drei ringt in seinem Verhältnis zu den beiden anderen mit seinem aktuell-praktischen und seinem seelischen Zustand, mit Fragen an sich selbst – mit der Suche nach Liebe auch.
Ein psychologisch sehr kompliziertes, immerhin talentiertes Langfilmdebut, das noch einiges erwarten lässt. Der psychische Zustand der Personen und ihre Handlungen kommen ebenso treffend zum Ausdruck wie das gewählte familiäre Milieu (!) oder beispielsweise der gelungene wenn auch sicherlich nicht einfache Schnitt.
Christina Große (Monika), Gisa Flake (Silke) und Mark Ben Puch (René) spielen zudem ihre Rollen fabelhaft.