Der Gilden-Dienst Nr. 29-2020

The Great Green Wall

Von Jared P. Scott
(Weltkino, Kinostart 24. Oktober 2020)
Afrika, Sahelzone. Es ist das Gebiet südlich der Sahara. Um eine weitere Wüstenbildung zu verhindern, wird zur Renaturierung die „grüne Mauer“ errichtet, d.h. durch alle anliegenden Länder die Pflanzung von 2,5 Millionen Bäumen pro Jahr. 2008 begann man mit den 7000 Kilometern, doch bis zur Fertigstellung könnte es noch Jahre dauern.
Die Sängerin und Aktivistin Inna Modja begibt sich auf eine Reise durch das Gebiet. Ihre Songs sind menschlich wie politische bedeutungsvoll. Was sie alles antrifft und erlebt, wird in diesem Dokumentarfilm aufgezeigt.
Es ist immer wieder viel Hoffnung und Mut dabei, viel Entwicklungshilfe auch oder das Beispiel Äthiopiens, das sich nach der schlimmen Hungersnot von 1984, die 400 000 Menschen das Leben kostete wieder ziemlich erholt hat.
Aber eben auch noch sehr viel Elend:
Die Armut; die Kinderheirat; die Kindersoldaten; die zu große Sterblichkeit der Kinder; die Verwundbarkeit der Frauen; oder in Mali die Grausamkeit und das Morden durch die Boko Haram; die Bevölkerungsexplosion, die sich beispielsweise daraus ergibt, dass in einem der betroffenen Länder 50 Prozent der Menschen unter 15 Jahre alt sind; die Migration, bei der so viele Menschen sterben und von der gesagt wird, dass bis 2045 nicht weniger als 60 Millionen Menschen betroffen sein könnten; oder die Verhängnisvolle Austrocknung des Tschadsees. Vom Klimawandel gar nicht zu sprechen.
Gut, dass den Afrikanern in diesem „Wettlauf mit der Zeit“ der „Mut, die Zukunft zu erfinden“ nicht fehlt. „Wenn man daran glaubt, ist alles möglich.“
Dass die übrige Welt da nicht abseits bleiben kann, ist klar. Bei allen Unregelmäßigkeiten, die bei der Hilfe vorkommen, muss diese doch unter allen Umständen weitergehen!
Deshalb sind Dokumente wie dieses notwendig. Jeder sollte diesen Film sehen.

Bruno

Von Karl Golden
(Filmperlen, Kinostart 15. Oktober 2020)
London. Nicht gerade eines der empfehlenswertesten Stadtviertel. Daniel lebt dort mit seinem Hund Bruno. Er ist obdachlos, verliert sogar seine letzte provisorische Bleibe.
Er macht einen traurigen Eindruck. Warum? Weil er vor einiger Zeit seinen kleinen Sohn verloren hat? „Mein Fehler“, sagt er. Oder war etwas mit der blonden Frau, der er einige Male folgt – und vor der er auch einmal flieht? Er sagt weiter, dass es ihm leid tue, was passiert sei. Doch Genaueres erfährt man nicht. Sein Handy zerstört er, nachdem er ein paarmal angerufen wurde.
Wenigstens hat er seinen Freund Malik, der ihm einige Male hilft.
Er trifft auf Izzy (Ismael), einen kleinen Buben, der von zuhause ausgerissen ist. Izzy folgt Daniel immer wieder, lässt sich nicht abwimmeln. Mit der Zeit entsteht sogar eine gewisse emotionale Bindung – auch wenn ein Obdachloser natürlich nicht für ein Kind sorgen kann.
Daniel wird von jungen Kerlen zusammengeschlagen. Jetzt ist der Hund weg. Beide suchen lange und überall. Das Londoner Wetter meint es nicht gut mit ihnen.
Das Kind wird aufgespürt, auch mit Hilfe der Polizei. Auf Daniel fällt ein Verdacht, der nie und nimmer begründet ist.
Ismael ist nun wieder bei seiner Mutter. Daniel zieht weiter. Er trifft erneut auf die blonde Frau. Vielleicht sogar für immer.
Ein oft bei Nacht spielender melancholischer Film, der jedoch auf ziemlich überzeugende Weise die zumindest momentan sehr harte Situation eines Menschen wiedergibt. Schmerz über Vergangenes, Obdach verloren, Alleinsein, überfallen werden, den getreuen Hund einbüßen.
Aber auch Kraft zum Weitermachen, Freundschaft mit einem Kind, vage Hoffnung – jedenfalls angedeutet – auf ein Besseres, vielleicht sogar auf eine Liebe.
Psychologisch ist das durchgehend ausgezeichnet sogar mit einiger Spannung wiedergegeben und inszeniert. Und von Diarmaid Murtagh als Daniel und auch von Woody Norman als Izzy bewegend gespielt.

Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution

Von Philippa Lowthorpe
(Entertainment-One, Kinostart 1. Oktober 2020)
Der Film beruht auf wahren Begebenheiten.
London 1970. Die Wahlen der Miss World stehen an. Zuerst an die 50 Mädchen, dann 15 und zum Schluss noch 7.
Sally Alexander ist eine junge Mutter, die jedoch noch studiert. Sie folgt noch immer der „patriarchalischen“ Ordnung, ist zurückhaltend, anpassungsfähig, fleißig. Ihre Mutter, ebenfalls vom alten Schlage, freut das.
Doch da gibt es bereits andere junge Frauen, die genug haben von der Herrschaft der Männer: die genug haben vom Sexismus; davon, dass die Frauen den Männern dienen sollen; davon, dass sie ständig unterbewertet, ausgebeutet und „abgerichtet“ werden.
Sie bilden eine „Frauenbefreiungsbewegung“. Und siehe da: Sally schließt sich ihnen an.
Als spektakuläre Aktion wollen sie die Miss-World-Wahlveranstaltung stören, in der, wie sie meinen, junge Mädchen wie auf einem Rindermarkt ausgestellt werden.
Sie fertigen Plakate und Flugblätter an, verschaffen sich Zugang zu der Wahlveranstaltung. Die Störung gelingt: Krach, Trubel, Anarchismus, Unterbrechung – dann Fortsetzung. Miss Grenada wird die Siegerin sein, die farbige Miss Südafrika ist sensationellerweise zum ersten Male dabei.
Die Aktivistinnen werden gerichtlich belangt.
Ein Film, in dem die nötige Durchsetzung der damaligen – und bis heute geltenden – Forderungen deutlich und anschaulich filmisch präsentiert wird: gute Gespräche, durchgehend hervorragende Milieuzeichnung, professionelle Dramatisierung sowie exzellente Darstellerinnen und Darsteller.
Anschauen lohnt sich.

Enfant Terrible

Von Oskar Roehler
(Weltkino, Kinostart 1. Oktober 2020)
Rainer Werner Faßbinder, Genie und Sadist in einem? Schon mit nicht einmal 20 Jahren macht er im Münchner Action-Theater Terror, reißt alles an sich, lässt Tomaten besorgen. „Wenn die Zuschauer unzufrieden sind, sollen sie sie werfen, andernfalls sollen sie sie essen.“
Er entfernt sich vom Theater (und vor allem vom Fernsehen) und will Filme machen. Filme, Filme, Filme – mehrere in einem Jahr. „Liebe ist kälter als der Tod“, „Katzelmacher“, „Angst essen Seele auf“, „In einem Jahr mit 13 Monden“, usw.
Er ist von einer unbändigen Schaffenskraft. Filmzitate: „Ich provoziere ganz gerne, sonst rührt sich nämlich nichts.“ – „Ich gehöre niemandem.“
Die „Nouvelle Vague“ in Paris (z.B. Godard) inspiriert ihn. Wenn er kein Geld und keinen Verleih hat, soll „in Parks, Spielhallen oder Toiletten“ gedreht werden.
Auf den Filmfestspielen z.B. in Berlin oder Cannes wird er genauso gefeiert wie angepöbelt. Es ist ihm gleichgültig.
Politisch erlebt er in Deutschland die RAF, den Tod der israelischen Geiseln auf der Münchner Olympiade, das Drama von Mogadischu, die „Springer-Hetze“.
Seine Schauspieler behandelt „der Rattenfänger“ wie Sklaven, den Männern gibt er weibliche Namen.
Mit seinen homoerotischen Geliebten wie etwa dem Tunesier El Hedi ben Salem oder dem Münchner Barkeeper Armin Meier erlebt er ebenso zärtliche Höhepunkte wie exzessive Tragödien. Zum Teil nehmen sie sich das Leben.
So stellt sich Regisseur Oskar Roehler Faßbinders Leben vor: Ausschließlich abwechselnd Schöpferisches, Faszinierendes, Masochistisches, Geschmackloses, Tobsüchtiges, Großartiges, Provokantes.
Ganz so kann es nicht gewesen sein!
Doch interessant ist Roehlers filmischer Ansatz schon: In der Radikalität, im Tempo, im Szenischen, im Sound, in der Vorstellung damals beteiligter und sehr fähiger Schauspieler – sowie in der bemerkenswerten schauspielerischen Leistung von Oliver Masucci als Faßbinder, der wegen seines selbstzerstörerischen Ichs, seines übermäßigen Alkohol- und Zigarettenkonsums sowie seiner Drogensucht bereits mit 37 Jahren starb.
Ein Urteil muss sich hier jeder Kinozuschauer selbst bilden.