Der Gilden-Dienst Nr. 30-2020

Bohnenstange

Von Kantemir Balagow
(Eksystent, Kinostart 22. Oktober 2020)
Leningrad 1945. Die Stadt leidet noch immer. Jahrelang war sie von der deutschen Wehrmacht eingeschlossen und beschossen worden. Dem Hunger und dem Beschuss fielen Hunderte von Menschen zum Opfer; teilweise lagen die Leichen auf der Straße. Und nicht nur die Belagerung kostete Menschenleben, nein, auch das Vorgehen der kommunistischen Aufpasser.
Der Krieg ist vorbei. Ein Krankenhaus. Es ist im gleichen Zustand wie darin gepflegten Frontsoldaten, die ebenso körperlich wie seelisch in Not sind.
Iya arbeitet dort. Auch sie ist psychisch sehr angeschlagen. Sie passt auf den kleinen Buben ihrer Freundin Masha auf, doch der kommt bei einem ihrer Anfälle – „Immer leer“, „Niemand in mir“ – zu Tode.
Nur weil Masha einen starken Charakter hat, nimmt sie den Tod ihres Söhnchens hin. Mit diesem gibt es übrigens eine ebenso leidvolle wie schönen Szene. Als er beim Spiel mit den Soldaten gebeten wird, das Bellen eines Hundes nachzuahmen, kann er es nicht. Er sah ganz einfach noch nie einen Hund; diese wurden während der Hungersnot von den Menschen verzehrt.
Masha will jedoch wieder ein Kind. Da sie selbst nicht mehr gebären kann, soll Iya – wegen ihrer Größe „Bohnenstange“ genannt – das Kind zur Welt bringen. Ein Vater muss her; der oberste Offizier übernimmt die Sache.
Sasha ist dabei, sich in Masha zu verlieben. Er will sie heiraten. Als sie bei der ersten Begegnung den materiell aufgeplusterten Eltern erzählt, wie es während der Krieges in der Armee, auch sexuell, zuging und sie ebenso betroffen war, wird sie entlassen.
Die beiden Frauen werden die überaus schwere Zeit nur bestehen, wenn sie zusammenhalten. Und das tun sie schließlich. Denn sie lieben sich!
Selten sieht man einen Film von dieser Intensität. Die Farben, beispielsweise die der winterlichen Stadt, die seelischen Leiden der Soldaten, die Todesnähe einiger, die geistig-körperlichen Anfälle der Iya, die vielen Enttäuschungen, das immer neue Mut fassen, die langsam aufkeimende Liebe zwischen Iya und Masha …
…all das wird mit einer gedanklichen und bilderreichen Souveränität geboten, dass man nur beeindruckt sein kann.
Dazu tragen vor allem auch Viktoria Miroshnischenko als Iya sowie Vasilisa Perelygina als Masha mit ihrem durchgehend überzeugenden Spiel bei.
Noch lange, nach dem man das Kino verlassen hat, hallt der Film nach. Man kann ihn wirklich nur empfehlen.

Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit

Von Yulia Lokshina
(jip Film, Kinostart 22. Oktober 2020)
Das Fleischgeschäft ist in Verruf geraten – schon länger aber jetzt endgültig.
Dieser Dokumentarfilm macht es noch einmal offenbar: dass die rumänischen, bulgarischen oder polnischen Leiharbeiter hier unter katastrophalen Bedingungen arbeiten und leben müssen; dass die Subunternehmen den Arbeitern erwiesenermaßen oft keine Überstunden oder Nachtschichten vergüten; dass bei einem Vorfall an der Maschine einem türkischen Arbeiter der Kopf abgerissen wurde; dass der Befehl „schneller, schneller!“ heißt; dass eine verzweifelte Frau ein Kind in einer Garage gebar und – halb unbewusst – in einem Gebüsch ablegte; dass die Ausbeutung der Arbeiter seit Jahren anhält; dass auf diese Weise eine richtige Parallelgesellschaft entstanden ist; dass viele Wohngelegenheiten einem Slum gleichen und dass auf einem Briefkasten 27 Namen stehen!
Da nützt auch die Predigt eines Pfarrers nicht sehr viel, der von Gerechtigkeit und Solidarität predigt und dass jeder Mensch Anspruch auf das Lebensnotwenige habe. Vielleicht könnte die reiche Kirche weniger predigen und mehr helfen.
Eingeflochten ist ein Schultheater, das Brechts „Die heilige Johanna von den Schlachthöfen“ gibt. Der Lehrer versucht mehrmals, seine Schüler sozialpolitisch zu animieren, doch von ihnen kommt nicht viel.
Leiharbeiter sollen vom kommenden Jahr an nicht mehr von Subunternehmen angestellt werden dürfen – die Politik reagiert endlich. Hoffentlich verbessert sich dadurch die Lage wesentlich. Die betreffenden Menschen müssen unter normalen, guten, für sie absolut zufriedenstellenden Bedingungen leben und arbeiten können.
Dies immer und immer wieder zu fördern, dazu sind Filme wie dieser wichtig.

Schlaf

Von Michael Venus
(Salzgeber, Kinostart 29. Oktober 2020)
Ein Film, in dem zahlreiche Elemente sich mischen, sich ergänzen, sich widersprechen: Traumwelten und Albträume, Psychiatrie und Fantasie, Gewalt und Selbstmord, Kriegsverbrechen und Verdrängung, Geheimnisse und Visionen, Realität und Horror, Gefahr und Schock.
Marlene, die Mutter, leidet unter Zwangsvorstellungen. Sie sieht in ihren Träumen neben düsteren Vorkommnissen immer wieder einen ganz bestimmten, ziemlich abgelegenen Ort. Ihre Tagebücher sind voll von wirren und dunklen Zeichnungen. Eines Tages entdeckt sie in einer Zeitschrift genau diesen Ort. Sofort macht sie sich auf den Weg danach.
Mona, die Tochter, findet sie in einem abgelegenen fast verlassenen Hotel. Was ist dort in der Vergangenheit geschehen, dass Marlene plötzlich zusammenbricht und in eine Schockstarre fällt?
Mona ist es, die herausfinden muss, was es mit den dortigen drei Selbstmoden, mit den geheimnisvollen alten Fotos, mit den damaligen polnischen Zwangsarbeiterinnen, mit Marlenes Satz „mich darf es nicht geben!“ oder mit dem nazistischen Hotelbesitzer auf sich hat, der von „Volk“, von „Schuldkult“ und von den „Schmarotzern an der Grenze“ spricht.
Ein Filmdebut, das in seiner Mischung aus Psychischem, aus Horror, aus Eindringen in eine mysteriöse Familienvergangenheit und aus Warnung vor einer falschen politischen Wiederkehr thematisch, filmisch und inszenatorisch sehr interessant ist und auf Künftiges des Regisseurs neugierig macht…
…auch wenn gegen Schluss die Dinge sich derart überschlagen und schwerer verständlich werden, dass man in Bezug darauf vielleicht von noch fehlender künstlerischer Reife sprechen könnte.
Gro Swantje Kohlhof als Tochter Mona und Sandra Hüller als Mutter Marlene kann man für ihr Spiel nur höchstes Lob zollen.

Mein Liebhaber , der Esel und ich

Von Caroline Vignal
(Capelight – Wild Bunch, Kinostart 22.Oktober 2020)
Antoinette ist eine bei ihren Schülern sehr beliebte Lehrerin. Und das beruht auf Gegenseitigkeit. Doch da ist in der Schule noch jemand, den sie liebt: Vladimir nämlich, aber – der ist verheiratet.
Der geplante gemeinsame Urlaub fällt ins Wasser, denn Vladimir muss mit seiner Frau und seinem Töchterchen eine mehrtägige Bergwanderung in den französischen Cevennen unternehmen.
Antoinettes Enttäuschung ist riesengroß.
Doch sie braucht nicht lange, bis sie sich wieder einkriegt. Hals über Kopf reist sie in die Cevennen, bucht die gleiche Bergtour und ist sogar vor Vladimir und seiner Familie an Ort und Stelle.
Was sie bei der Buchung nicht rechtzeitig beachtete: Es ist eine Tour mit einem Esel. Also ist sie jetzt nicht mehr allein sondern hat einen Begleiter: den irischen Esel Patrick. Ist der störrisch oder angenehm? Glücklicherweise letzteres. Zwischen den beiden entwickelt sich sogar eine rührende Sympathie.
Vladimir fällt aus allen Wolken, als er sieht, was Antoinette angestellt hat. Er muss natürlich gute Miene zum bösen Stil machen.
Dann der mentale Zusammenbruch. Vladimirs Frau weiß von dem Verhältnis zwischen ihrem Mann und Antoinette, und sie erzählt dieser, was er sexuell so treibt und was sie wirklich von ihm hält.
Antoinette kommt zur Besinnung. Sie geht in sich, findet auf der wunderschönen langen Bergwanderung zu sich selbst. Ein neues Leben beginnt.
Ein sensibles Thema, diskret und ohne explosive Szenen abgehandelt, in der überwältigenden Natur ein hier angemessenes gemächliches Handlungstempo, eine gelungene Inszenierung, ein wichtiges menschliches Weiterkommen und mit Laura Calamy eine Hauptdarstellerin, die überzeugender nicht hätte auftreten können.