Der Gilden-Dienst Nr. 31-2020

Tonsüchtig

Von Iva Svarcova und Malte Ludin
(Rise and Shine, Kinostart 5. November 2020)
Die Wiener Symphoniker sind ohne jeden Zweifel eines der besten Orchester der Welt. Man hört sie im Konzertsaal oder im Fernseher spielen – aber wie sieht es innen aus? Dieser Dokumentarfilm erzählt eine ganze Menge darüber:
wie unterschiedlich die Dirigenten arbeiten und von den Musikern empfunden werden; wie der Konzertmeister (erste Geige) manchmal eingreifen muss; dass hier Perfektionismus herrscht; dass zuweilen zwischen den Orchestermitgliedern Konkurrenz besteht; dass es aber auch vorkommt, dass eine Geigerin und ein Geiger, die im Orchester nebeneinander spielen, sich verlieben; dass viele, ob Cellisten oder Hornisten, bereits mit 5 oder 6 Jahren angefangen haben zu üben und zu spielen; dass Musiker sein „kein Job ist sondern eine Lebenseinstellung“; dass Musik eine schöne wenn auch vergängliche Kunst ist; das oft, sehr oft, bei Orchestermitgliedern Versagensängste bestehen – vor allem wenn neue Bewerber vor einer gnadenlosen Jury zeigen müssen, was sie können.
Es ist ein hochinteressantes menschliches und berufliches Bild, das hier gezeigt wird. Man bewundert ein Symphonieorchester dieses Ranges umso mehr.
Und natürlich eine Menge im berühmten „Wiener Klang“ dargebotener Musik: Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Brahms und Strauß, aber auch Tschaikowski, Rimski-Korsakow oder Schostakowitsch.
Ein schöner Film. Wer die echte Musik liebt, sollte ihn unbedingt sehen.

Falling

Von Viggo Mortensen
(Prokino, Kinostart 26. November 2020)
Eine abgelegene Farm im Norden der Vereinigten Staaten. Willis und Gwen leben dort mit den zwei Kindern John und Sarah. Die Ehe scheint zunächst glücklich zu sein – wenn nur Willis nicht ständig derart grob wäre.
Nach etwa einem halben Dutzend Jahren trennen sich Gwen und Willis. Die Kinder leiden enorm darunter. Bald hat Willis eine Neue. Gwen kommt bei einem Autounfall ums Leben.
Wann immer Familientreffen anstehen, enden sie im Streit, im Chaos. Willis spricht in einer Sprache, wie sie primitiver und verletzender nicht sein könnte. Für die Homosexualität seines Sohnes, der mit Eric und der Adoptivtochter Monica zusammenlebt, hat er nur Verachtung übrig.
Willis ist alt geworden. Sein völlig unkontrolliertes Verhalten kann eigentlich nur noch einer Demenz zuzuschreiben sein. John versucht ihn vom Norden des Landes nach Kalifornien zu holen. Doch der Alte bleibt unerträglich. Zuletzt ist er wieder auf seine Farm.
Wessen Schuld ist es, dass er schließlich in Eis und Schnee allein stirbt?
Ob ein Vater sich ein Leben lang derart familienfeindlich verhalten kann, ist die Frage. Vielleicht gibt es das. Doch von diesem Thema einmal abgesehen, ist die künstlerische Machart des Films so gelungen, dass man nur sagen kann: So muss Kino sein. Das gilt für die die einzelnen Lebensabschnitte der Beteiligten schildernde Erzählweise, den Schnitt, die Kameraarbeit, für die Regie und vor allem auch für die Schauspieler.
Viggo Mortensen als John und Lance Henriksen als Willis spielen ihre Parts, das man nur staunen kann. Vor allem Henriksen liefert eine Leistung ab, wie man sie sich besser ganz einfach nicht vorstellen kann.
Ein künstlerisch sehr gelungener Familienfilm.

Schwesterlein

Von Stephanie Chuat und Véronique Reymond
(Weltkino, Kinostart 29.Oktober 2020)
Lisa und Sven sind Zwillinge. Sie leben in Berlin. Sie ist Autorin, er Schauspieler. Hunderte Male hat er den Hamlet gespielt. Doch er hat Blutkrebs. Er und Lisa wollen alles daran setzen, dass er bald wieder auftreten kann.
Aber zunächst wird daraus nichts; er ist zu schwach. Der befreundete Regisseur sagt nein. Und Sven hat auch schon längst die spürbare Angst, dass er sterben muss.
Lisas Mann Martin leitet derzeit in der Schweiz eine Eliteschule. Dorthin werden jetzt zur Erholung alle verfrachtet: Sven, Lisa sowie ihrer beiden Kinder, der junge Noah und die ebenfalls kleine Linn-Lu. Noch immer hoffen alle, dass Sven wieder gesund wird.
In dem Schweizer Nobelort gibt es jedoch bald ein Problem: Martin hat ohne Lisas Wissen seinen Vertrag mit der Schule um fünf Jahre verlängert. Lisa aber will zurück nach Berlin. Und das wird sie schließlich auch tun – mit den Kindern und Sven.
Der wird nicht mehr auftreten können, auch nicht in einem kurzen Stück – bezeichnenderweise handelt es sich um das Thema Hänsel und Gretel – das Lisa für ihn schreibt. Sie gibt sich quasi jetzt auf für Sven: was ihre eigene Karriere, ihre Arbeit, ihr Selbstgefühl ja sogar ihre Ehe betrifft.
Die Zeit ist gekommen. Sven lebt nicht mehr.
Der Film vermag den Leidensweg der beiden glaubhaft darzustellen: Svens Schmerzen, Therapien und Ängste, Lisas Pflege, Verzweiflung und Hoffnung, Svens lebensgefährlicher Gleitflug mit Martin, sein missratener sexueller Versuch, die gedanklichen und sprachlichen Bemühungen Lisas und Svens – symptomatischerweise alles in eine (schöne) winterliche Landschaft eingetaucht.
Ein Film vom Leben und vom Tod.
Von Nina Hoss als Lisa und Lars Eidinger als Sven darstellerisch phantastisch wiedergegeben.

The Booksellers

Von D.W. Young
(Mindjazz/Kern des Ganzen, Kinostart 29. Oktober 2020)
Das Buch, eine der besten Erfindungen der Menschheit. Mit der Gutenberg-Bibel fing es wohl an.
Dieser Film – in erster Linie auf New York bezogen! – widmet sich dem Buch – und den weißen wie farbigen Buchhändlerinnen und Buchhändlern (368 gab es einmal in N.Y.), den Antiquariaten, den Sammlerinnen und Sammlern, den Liebhabern, den Exzentrikern, den Esoterikern, den Individualisten, den Historikern, den Erstausgaben-Erwerbern, den Suchern von Widmungen, u.sw.
Millionen Themen werden behandelt, seien es die römischen Katakomben, die fossilen Fische oder die Tagebücher Leonardo da Vincis (für 28 Millionen Dollar ersteigert).
Sogar Bücher mit Menschenhaut-Einband gibt es.
Interviews und Zitate aus dem Film: „Die Beziehung zum Buch ist wie eine Liebesbeziehung“ – „Menschen, die seltene Bücher lesen, sind so selten wie die Bücher selbst“ – „In Büchern sind alle Zeugnisse des menschlichen Geistes“ – „Bücher sind eine Art DNA dessen, was uns aus Gesellschaft ausmacht und was wir wissen“ – „An einem Buch ist so viel mehr als nur das Lesen“ – „Die Bibliothek wird überdauern, sie ist das Universum“.
Aber es gibt auch große Sorgen. Die Bücherkultur ist gefährdet. Das Interesse hat nachgelassen. Das gedruckte Wort verschwindet. Die elektronischen Bücher verdrängen das Gedruckte. Der Ausverkauf droht. Die Buchhändler-Erben fehlen.
Wer Interesse an seriöser Literatur hat, sollte sich diesen von vielen Fachleuten und Liebhabern sehr lehrreich, lebendig und bilderreich gestalteten Film nicht entgehen lassen.