Der Gilden-Dienst Nr. 32-2020

Das Haus der guten Geister

Von Marcus Richardt und Lillian Rosa
(Mindjazz, Kinostart 5. November 2020)

Schon mehrere Male wurde die Stuttgarter Staatsoper mit dem Preis „Opernhaus des Jahres“ ausgezeichnet. Man staunt – besonders als Opernliebhaber – wenn man dies hört. Da muss doch etwas Besonderes dran sein!
Sieht man diesen Film, begreift man es. Eine völlig neue Aufführung wird vorbereitet, die Oper „Pique Dame“ von Tschaikowski nach Texten von Puschkin. Sechs Wochen Arbeit liegen vor allen.
Sehr wichtig ist schon die vorausgehende psychologische Einstimmung etwa durch den Theaterleiter oder den Generalmusikdirektor. Man soll angstfrei sein, soll zuhören können, soll Ensemblegeist zeigen. „Alles muss ineinandergreifen“ wird da etwa gesagt. Daraus entspringt dann der im Filmtitel angesprochene „gute Geist des Hauses“.
Der Probenprozess. Jetzt müssen alle ran: Das Orchester, der Dirigent, die Solisten, der Männerchor, der Kinderchor, die Schauspieler. Sorgfältig und ohne Nachlässigkeit geschieht das.
Doch das ist noch längst nicht alles. Nun sind die Bühnenbildner dran, die Tischler, die Maler, die Schlosser, die Mechaniker – und natürlich die für die Kostüme und das Schminken Verantwortlichen.
Die Pressekonferenzen, die Plakate und die Programmhefte nicht vergessen!
All dies wird mit großer Seriosität und der Mitarbeit von Dutzenden Künstlern, Sängern, Musikern und Helfern geplant, ausgearbeitet, vollendet und schließlich zur Aufführung gebracht.
Der Premierenapplaus ist entsprechend.
Wer immer eine enge Beziehung zur klassischen Musik – vor allem zur Oper – hat, wird den Film aufschlussreich und interessant finden.

Now

Von Jim Rakete
(W-Fim, Kinostart 12. November 2020)

Die Corona-Pandemie hat das Bewusstsein um den Kampf gegen die Erderwärmung ein wenig in den Hintergrund gedrängt, doch hier liegt ein Dokumentarfilm vor, der die Schwerpunkte dieses Themas sehr gut zusammenfasst.
Die Jungen sind es, die Dampf machen, die die Argumente aufschlüsseln, die eine gesicherte und lebenswerte Zukunft beanspruchen, die die Regierungen, die Wirtschaft und die Medien anklagen, auch wenn es, wie sie sagen, zunächst nur um den Kampf David gegen Goliath geht.
„Fridays for Future“, „Ende Gelände“, „Plant for The Planet”, “Pacific Garbage Screening” oder “Exstincion Rebellion” heißen einige ihrer weltweiten Bewegungen.
Sie demonstrieren; sie verlangen das Ende des Verbrauchs von fossilen Brennstoffen; sie wissen, dass die geeignete Technologie für einen Stopp des Klimawandels längst vorhanden ist, dass aber im kapitalistischen System der Gewinn ganz oben steht; sie verurteilen, dass Millionen unnötiger Einweg-Produkte hergestellt werden, die nur um des Profits willen erzeugt werden; sie wollen eine ökologische und soziale Wirtschaft und keine, die zur Selbstzerstörung führt; sie verurteilen den „Erfolg der Wenigen“ und halten beispielsweise nichts davon, dass „Ölkonzerne Museen Geld spenden“; sie machen darauf aufmerksam, dass die Lkw, die Schiffe oder die industrielle Landwirtschaft die größten CO2-Sünder sind.
Aber sie haben auch Hoffnung, sie haben erfragt und erfahren, dass 70 bis 80 Prozent der Befragten der Umweltschutz wichtiger ist als das Wachstum. Die an der Spitze zum Teil etwas zu selbstgefällig auftretenden Aktivisten werden weiterhin zu zivilem Ungehorsam auffordern. Und sie haben keine Geduld mehr. Sie sagen, sie könnten nicht warten, bis „Greta“ alt genug für einen Sitz im Parlament ist. Greta in Ihrer UN-Rede: „Wenn Sie uns enttäuschen, werden wir Ihnen nie vergeben.“
Ein höchst aktueller Film, der Eindruck hinterlässt und den man sehen sollte – auch wenn man unter Umständen und nicht zu Unrecht auch ganz andere Überlegungen dazu hat.

Neubau

Von Johannes M. Schmit
(Salzgeber, Kinostart 12. November 2020)

Ein Dorf im Brandenburgischen. Dort lebt der queere Markus – heftige Sexszene am Anfang des Films – dort betreibt er eine Straußenfarm und dort betreut er seine Oma. Sie ist nur noch halb von dieser Welt („der Körper ist im Eimer“ wird dazu einmal gesagt), umso mehr kümmert er sich um sie – mit Hilfe einer Freundin der Oma.
Der Vater floh vor vielen Jahren in den Westen, die Mutter lebt nicht mehr. Markus liest einmal einen rührenden, nie abgeschickten Brief von ihr an ihren Mann: ein erschütterndes Zeugnis einer zerstörten Gemeinschaft.
In der stillen Landschaft joggt und joggt und joggt er, zuweilen verbringt er sogar die Nacht draußen. Sein Dilemma: Er wäre gerne in Berlin, in seinen Kreisen beim Tanzen und Trinken. Der Wunsch ist so stark, dass er solche Szenen immer wieder visionär vor sich hat.
Aber da ist eben die Liebe zur Oma, die ihn schließlich aufgezogen hat.
Seine Situation verbittert ihn nicht, doch er ist suchend, nachdenklich, allein.
Gibt es da nicht etwa den jungen asiatischen Fernsehtechniker Duc? Doch den gibt es, und er wird Markus‘ Leben verschönern.
Langsam und leise die Annäherung. Sie treffen sich im Wald an einem kleinen See, baden gemeinsam. Kein überstürztes Handeln. Markus erzählt, dass die Tümpel und kleinen Seen auf die Eiszeit vor 15 000 Jahren zurückgehen, die Augen des Eises und der Eiszeit seien – oder dass sein Name auf den römischen Kriegsgott Mars zurückzuführen ist.
Dann Duc: „Küss mich!“
Das Eis, auch das sexuelle, ist gebrochen, Markus‘ innere und äußere Suche geht nun wohl zu Ende. Jetzt wird er befreiter sein.
Ein in Bezug auf die Sexualität thematisch spezifischer,
mit äußerst kargen Bildern formal ungewöhnlicher, und doch eindrucksvoller, nachhallender Independent-Film, vor allem vom Hauptdarsteller (und Autor) Tucké Royale einprägsam gespielt.

Rosas Hochzeit

Von Iciar Bollain
(Piffl, Kinostart 12. November 2020)

Rosa, die Spanierin aus Valencia, ist zwar schon ein paar Jahrzehnte alt aber noch nicht verheiratet. Sie arbeitet in der Kostümabteilung einer Filmproduktion – jeder will etwas von ihr. Es geht drunter und drüber.
Und alle rufen sie an: der Vater, der Bruder Armando, die Schwester Viola, die Tochter Lidia. Die gute Seele weiß nicht mehr, wo ihr der Kopf steht.
Was wäre, wenn sie alledem entfliehen könnte, an einem anderen Ort die Schneiderei ihrer verstorbenen Mutter neu eröffnen würde? Gesagt, getan.
Doch so einfach geht das nicht. Der Vater will bei ihr wohnen, die Tochter mit den Zwillingen sieht ihren Mann John so gut wie nicht mehr, die Schwester hat Alkoholprobleme und Armando wird von seiner Frau Marga verlassen.
Rosa ist an einem Wendepunkt angelangt. Sie kommt auf die verrückte Idee, sich selbst zu heiraten. Sofort formuliert sie eine Art Gelübde: sich nicht mehr von allen und allem abhängig machen, nicht mehr gehorsam sein, von nun an sich selbst achten, sich selbst zuhören, selbst entscheiden.
Rosa hatte einmal kurz auf „ihre“ Heirat hingewiesen, doch da keiner richtig zuhörte, entstand ein Missverständnis nach dem anderen. Der Bruder bestellt also schon alles: die Verwandten, die Musikkapelle, das Essen.
Und tatsächlich kommt es zu „Rosas Hochzeit“. Sie macht dabei – ganz allein – den Zuhörern klar, wie sie in Zukunft leben will. Allgemeiner Jubel
Natürlich ist auch ihr Freund Rafa in der Nähe – und es wird wohl nicht lange dauern, bis er sie richtig heiratet.
Eine verrückte aber nette Filmidee. Und sie wurde gekonnt umgesetzt. Glaubhafte Familienmitglieder, die alle einen Buckel voller Sorgen haben, sehr passende Dialoge, eine professionelle Montage – und Schauspieler, wie man sie mit Vergnügen sieht, allen voran Candela Pena in der Rolle der Rosa. Doch auch die übrigen (Frauen)Figuren sind wahrlich nicht von schlechten Eltern.
Ein Film, der Liebhabern von Komödien schmecken dürfte.