Der Gilden-Dienst Nr. 33-2020

Die Wand der Schatten

Von Eliza Kubarska
(Rise and Shine, Kinostart 19. November 2020)
Dawa Tenzin ist Himalaya-Bergführer und dies schon seit 28 Jahren. Arm geht es zu bei ihm, seiner Frau und dem jugendlichen Sohn. Einfache Hütte, Holz beschaffen, Dung einsammeln.
Gottlob erhält er jetzt einen Auftrag als Sherpa. Das Problem: Es soll auf einen Berg gehen, der geheiligt ist und der von den Gläubigen der Gegend nicht bestiegen werden darf.
Also heftiges Streitgespräch zwischen Tenzin und seiner Frau. Er nimmt den Auftrag trotzdem an, weil er Geld verdienen muss.
Eine im Film vorgetragene Legende besagt, wie der heilige Berg, der Kumbhakarna, „Haus Gottes“ oder sogar „Gottes Leib“ genannt, entstand. Zwei Brüder wollten einen dritten Bruder ermorden; der flüchtete, wurde gerettet und in den Heiligen Berg verwandelt, der jetzt die Menschen und das Tal schützt. In der Legende geht es auch viel um buddhistische Werte wie Harmonie, Frieden und Erleuchtung.
Das Wetter ist nicht gut, die Akklimatisierung zu kurz. Tenzin will ab dem Basislager kein Risiko mehr eingehen, sowieso hat er Gewissensbisse. Auch einer der drei Bergsteiger gibt auf.
Die beiden andern ziehen los, dann: strengste Kälte, Nebel und an manchen Orten knietiefer Schnee, Lawine, Gletscher, Eiswände auch und sogar Steinschlag. Die Risikobereitschaft ist zwar groß, aber letztlich müssen die beiden aufgeben. Die Ostflanke des 7710 Meter hohen Kumbhakarna ist unbezwungen.
Filmisch gut miteinander vernetzt ist das Aufzeigen der mächtigen Natur, des Lebens der Familie Tenzin, des mörderischen Wetters, des riskanten Versuchs eines Aufstiegs, des verzweifelten Scheiterns – und einer sehr gehaltvollen Legende.
Sicherlich gibt es viele, die den Film höchst interessant finden werden.

Die Unbeugsamen

von Torsten Körner
(Majestic, geplanter Kinostart 19. November 2020 verschoben)
Frauen machen an vielen Orten der Welt mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus, sind jedoch in so gut wie allen wichtigen Gremien untervertreten und haben im Grunde weniger zu sagen. Auf einem ganz bestimmten Sektor, nämlich dem der deutschen Nachkriegspolitik, beleuchtet der Film dies historisch, politisch und menschlich.
Eine gute Idee beherrscht den unmittelbaren Filmanfang sowie den Schluss. Zu Beginn dirigiert ein Mann einen kurzen Ausschnitt aus Beethovens dritter Leonoren-Ouverture – am Schluss ist es eine Dirigentin.
Die Frau gehört an den Herd und erzieht die Kinder hieß es auch gegen Ende des Zweiten Weltkrieges noch. Frauen in der Politik zu finden war eher eine Seltenheit. Nur langsam kam die Umkehr.
Die ersten Versuche, die ersten Reden, die ersten Forderungen; dann im Kabinett Adenauer die erste Ministerin (Gesundheit); Frauen im Bundestag, die „angebaggert“ wurden und sich dagegen wehrten; die erfrischende Rede von Waltraud Schoppe im Zusammenhang mit dem Recht der Frauen, eine Schwangerschaft abbrechen zu können; die Haltung der grünen Frauen zum damaligen NATO-Doppelbeschluss sowie die Rede von Christa Nickels zur Bewertung der Haltung der Wehrmachtsangehörigen im Zweiten Nazi-Weltkrieg (Wehrmachtsausstellung); Petra Kelly als „Star“ der Grünen; der 1.10. 1982, als Hildegard Hamm-Brücher den politischen Wechsel der FDP verwarf und Helmut Kohl Helmut Schmidt als Kanzler ablöste; 1984, als die Grünen ihren Fraktionsvorsitz im Bundestag ausschließlich mit Frauen besetzten: 1988 als Rita Süssmuth (Ministerin für Jugend, Familie und Gesundheit) nach dreijähriger Amtszeit die wohl beliebteste Politikerin im Lande war, Konflikte mit Bundeskanzler Kohl hatte und zur Bundestagspräsidentin „weggelobt“ werden musste; 2005: jetzt ist eine Frau Bundeskanzlerin.
Eine gute Idee, so viel Historisches zu erzählen, die ständig größer werdenden Erfolge der Frauen zu dokumentieren, dafür bekannte Protagonistinnen zu gewinnen, wichtiges Archivmaterial sichtbar zu machen.
Allerdings ist Wachsamkeit angesagt, denn erstmals nach 20 Jahren ist der Frauenanteil im Bundestag wieder zurückgegangen und beträgt nur noch 31 Prozent. Was sagte einst die SPD-Politikerin Käte Strobel: „Politik ist eine viel zu ernste Sache, als dass man sie allein den Männern überlassen könnte.“
Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Ein bisschen bleiben wir noch

Von Arash T. Riahi
(FilmKinoText, Kinostart 3. Dezember 2020)
Sie kommen aus Tschetschenien, Die Mutter, die Tochter Lilli und der kleine kluge Oskar. Ob sie aus politischen Gründen oder aus Armut nach Österreich geflohen sind, weiß man nicht genau. Der Vater ist schon früher verhaftet worden.
Jetzt sollen sie rückgeführt oder besser gesagt abgeschoben werden. Die Polizei ist da. Aus Verzweiflung schneidet sich die Mutter die Pulsadern auf, die Kinder konnten sich zunächst aufs Dach retten. Doch müssen sie schließlich zu Pflegeeltern. Sie haben es gut dort. Oskar ist nunmehr bei einem Paar, die offenbar Vegetarier und von Beruf Lehrer sind. „Zwei Lehrer ohne Fleisch“ schreibt er an seine Mutter. Und: „Alle sind nett.“
Lilli hat es ebenfalls gut, findet eine Freundin, obwohl es in der Schule auch Mobbing gibt.
Manchmal können Oskar und Lilli ausreißen und sich treffen. Sie finden auch das richtige Krankenhaus, aber die Mutter ist so schwer erkrankt, dass sie ihre Kinder nicht erkennt.
Mit der bei den Pflegeeltern wohnenden Oma, die an Parkinson leidet, versteht sich Oskar besonders gut. Doch sie wird nicht mehr lange leben.
Lilli tut sich schwerer. Einmal scheint sie nahe daran zu sein, sich das Leben nehmen zu wollen.
Am Schluss ist die Mutter doch wieder mit ihren Kindern zusammen. Sie erleben in einem Hotelzimmer zu dritt so etwas wie eine Henkersmahlzeit.
Denn wieder steht die Polizei vor der Tür.
Mit Naturaufnahmen, zum Teil originellen Alltagsszenen und meist melancholischer Musik durchsetzt wird diese eher traurige aber äußerst wichtige Geschichte erzählt. Ein- oder zweimal sieht man die drei in ihrer Heimat. Da kann man wahrlich verstehen, dass sie nach einem besseren Leben strebten.
Der Regisseur ist dem Namen nach selbst kein Europäer. Er weiß also wovon er spricht und warum er diesen Film gedreht hat. Formal ist alles professionell und gut gelungen, doch geht es natürlich in erster Linie um die Botschaft: Dass im Rahmen des Möglichen den echten (nicht den falschen) Flüchtlingen geholfen werden muss.

Der nackte König

Von Andreas Hoessli
(Wfilm, Kinostart 11. Februar 2021)
In diesem Film geht es um zwei Diktaturen – und die Revolutionen, durch die diese gestürzt werden sollen. Und es geht um zwei Berichterstatter, die Zeugen dieser Ereignisse waren, die im Einzelnen darüber berichten, die darum in die Fänge der jeweiligen Geheimdienste kamen und auf jeden Fall ihr Leben riskierten. Denn Diktaturen ohne gewalttägige Geheimdienste gibt es nicht.
Der Iran in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Der Schah – er hat den Titel „König der Könige“ – regiert noch, praktiziert seine Zeremonien, sieht sich jedoch einem gewaltigen Aufstand der persischen Bevölkerung gegenüber, lässt gefangen nehmen und töten, setzt eine Militärregierung ein und verlässt das Land, angeblich für einen Urlaub. „Fäulnis der zerfallenden Macht“. Seine Zeit ist abgelaufen.
Der Imam Khomeini kommt zurück aus seinem Exil in Frankreich. Von unvorstellbaren Menschenmengen wird die „Freiheit“ bejubelt. „Ich schlage dieser Regierung ins Gesicht“, ruft er. Doch bald stellt sich heraus dass im Iran ein nächstes diktatorisches Regime folgt, das muslimische. Wieder müssen viele sterben.
Aus Rache an den USA (die am Sturz der früheren, demokratisch gewählten Regierung Mossadegh beteiligt waren) besetzen die iranischen Revolutionäre die US-Botschaft in Teheran und halten weit über ein Jahr lang 66 Geiseln fest.
Polen, 80er Jahre. Die Werftarbeiter in Danzig haben genug von der kommunistischen Diktatur. Sie streiken, fordern freie Gewerkschaften – und die Solidarnosc kann unter Lech Walesa auch gebildet werden. Der Jubel und die Genugtuung sind groß.
Aber schon gegen Ende 1981 ruft die polnische Regierung unter dem Druck der Sowjetunion das Kriegsrecht aus. Streikverbot, Militärgerichte, Gefangennahmen ohne Anklage und auch Hinrichtungen.
Die Geheimdienste haben überall ganze Arbeit geleistet.
Präzise und ausführlich, mit vielen entscheidenden Zitaten und reichlichem Bildmaterial, mit wahrlich überzeugenden filmischen Passagen sowie endlich aufgedecktem Geheimmaterial wird alles präsentiert. Ein erstklassiges Dokument dieser Film. Wer die Zeit nicht miterlebt hat und geschichtlich interessiert ist, sollte ihn auf keinen Fall verpassen.