Der Gilden-Dienst Nr. 34-2020

Kabul, City In The Wind

Von Aboozar Amini
(Jip Film & Verleih, Kinostart 21. Januar 2021)
Afghanistan. Seit Jahrzehnten herrscht dort kein Friede. Der IS und die Taliban greifen das Land immer wieder an. Zwischen 2009 und 2018 sind 30 000 Zivilisten getötet worden. Über 60 000 wurden verletzt. „Friedensgespräche“ werden immer wieder abgehalten, haben bis jetzt jedoch zu keinem endgültigen Ergebnis geführt. „10 Prozent Friede“.
Kabul, die Hauptstadt. Wie lebt es sich dort unter solchen Umständen? Dieser Dokumentarfilm versucht eine Antwort darauf zu geben. Er erzählt von den beiden Buben Afshin und Benjamin, die oberhalb der Stadt wohnen. Afshin muss nun als „Mann“ die Verantwortung über den Haushalt übernehmen, denn der Vater, ein Polizist, hat offenbar eine Morddrohung erhalten. Deshalb muss er das „geliebte Land“ verlassen, nachdem er mit den Buben den Friedhof besucht hat, auf dem Dutzende Opfer von Selbstmordanschlägen begraben sind. „5 von 80 überlebten.“
Afshin und Benjamin müssen im tiefer gelegenen Stadtzentrum einkaufen, müssen den Bäumen vor dem Haus Wasser geben, müssen im Winter Schnee räumen. Ab und zu spielen sie auch – wenn sie von der Arbeit für die Gemeinde nach Hause kommen.
Ein eher schmerzliches Leben, und eher schmerzlich auch die realistische, aussichtslose, fast tragische Weise, in der der Regisseur dies alles schildert, schildern muss.
Auch Abas lebt da, der Busfahrer. Sein Fahrzeug ist kaputt. Geld hat er keines. Woher die Ersatzteile? Wer gibt ihm etwas? Vielleicht ein kleiner Betrug. „Bus und Arbeit verloren“. Immerhin hat er eine Familie, in der er mit Frau und Kindern glücklich ist. Und ab und zu gibt’s Haschisch oder einen Song über „gewissenlose Leute.“
Ein erschreckender, fast unwirklich scheinender und doch auch poetischer Film, der sehr bedenkenswerten Eindruck hinterlässt und der am Thema Interessierten nur empfohlen werden kann.

Das perfekte Schwarz

Von Tom Fröhlich
(FilmKinoText, Kinostart wird rechtzeitig bekannt gegeben)
Ist schwarz eine Farbe? Oder nur eine fehlende Lichtwelle? Oder eine „unbunte“ Sinnesempfindung? Und wie steht es mit dem Schwarzgeld, dem Schwarzmarkt, dem Schwarzfahren, der Schwarzen Magie? Oder mit der Trauer“farbe“ im Zusammenhang mit dem Tod?
Dieser Film befasst sich mit der Frage und fördert immerhin Erstaunliches zutage.
Zum Beispiel das sternenlose Universum und andererseits der im Film lange spielerisch gezeigte Sternenhimmel. Gäbe es das Licht nicht, wäre nur alles „schwarz“ – wir könnten nicht leben.
Eine Dame verbindet die Farbe schwarz nur mit Klängen.
Eine Malerin malt nur noch mit Kohlepulver, also mit der Farbe der Trauer, weil sie offenbar ein Kind verloren hat. „Ich schaue auf das, was war“ – „Ich höre auf zu denken, vertraue der Hand“ – Und wie zum eigenen Trost: „Schwarz muss nicht Trauer sein, Trauer ist bunt.“
Ein Tätowierer, der übergroße schwarze Körperflächen schafft, philosophiert drauflos: Kreise, Kreuze, Tattoos könne man nicht mehr gänzlich auslöschen, sie seien so etwas wie ein Endpunkt. Millionen Möglichkeiten. Der dabei erlittene Schmerz sei ein Ausnahmezustand – „er verschiebt den Geist“.
Dann eine Meeresbiologin im Tauchboot. Einige hundert Meter unter der Meeresoberfläche: dunkel. Das totale Schwarz. Dann immer tiefer: vielfältige Tiere, die eigenes Licht erzeugen. Unvorstellbar. Phänomenal.
Zuletzt im Film der Bild- und Buchdrucker. Welch armes Leben, wenn wir den Buchdruck, die Bücher nicht hätten! Hier sind die Drucker erst zufrieden, wenn sie –sorgfältig gemessen – das „perfekte Schwarz“ erreicht haben. 0,0 Prozent „Farbe“.
Ein Film mit außergewöhnlichen Themen. Philosophisch immerhin nicht ganz ohne.
Für Interessierte.

1986

Von Lothar Herzog
(déjà-vu, Kinostart 21. Januar 2021)
Tschernobyl. 1986 war es. Daher der Titel des Films.
Er erzählt von der jungen Weißrussin Lena, Studentin und Photographin, die Victor liebt. Doch das Verhältnis zwischen den beiden könnte schwieriger nicht sein. Sie hat innerlich ständig mit ihrer mangelnden Selbstzufriedenheit zu kämpfen, er betrügt sie auf einer Auslandsreise mit einer Anna. Sie kämpfen lange um ihre Liebe – doch letztlich trennen sie sich.
Ein Moskauer Freund wäre da noch – doch der ist längst verheiratet.
Tschernobyl. Die damalige Explosion hat in der Ukraine riesige Gebiete unbewohnbar gemacht. Natürlich ist jedoch in der verbotenen Zone eine Menge wertvollen Materials wie Metall oder Holz verblieben, mit dem illegal Handel getrieben wird. Lenas Vater war beteiligt; allerdings sitzt er jetzt im Gefängnis. Deshalb will sie das Geschäft weiterführen. Mit einem riesigen Lkw beteiligt sie sich, durch unwegsamstes Waldgelände fahrend, am Schmuggel. Die „Partner“ sind nicht gerade feine Leute, eher geldgierig. Was Lena macht ist lebensgefährlich.
Inzwischen ist die Liebe zwischen ihr und Viktor völlig erkaltet. „Menschen ändern sich nicht“, sagt sie.
Von einer verlassenen Baustelle in ihrer Stadt verschafft sie sich ihren Lkw voll Holz und versucht eine eigene Schmuggeltour in die gesperrte Zone. Es gelingt ihr nicht, sie muss aufgeben. Verlassen macht sie sich auf den Weg – irgendwohin.
Man könnte sagen, dass das menschliche Leben dieser jungen Frau geistig (und in diesem Falle auch filmisch) auf das katastrophale Unglück übertragen ist, das politisch-materiell sich in Tschernobyl ereignete. Mit zum Teil schönen Naturaufnahmen ist ein rührender Film entstanden, dessen Melancholie durch die Bach-Arie („Bereite dir Jesu noch itzo die Bahn“) am Schluss bestätigt wird und in dem die Hauptrolle der Lena durch Daria Mureeva wundervoll gespielt wird.

Parfum des Lebens

Von Grégory Magne
(Happy Entertainment, Kinostart 17. Dezember 2020)
Wie unterschiedlich Menschen sind, in diesem Film wird es wieder einmal deutlich. Und wenn sie dann zusammentreffen oder miteinander zu tun haben – dann kann es krachen.
Auf der einen Seite Guillaume Favre, der Chauffeur, der seine Fahrerlaubnis riskiert, weil er zu schnell fuhr – um jemandes Leben zu retten. Aber das ist nicht alles. Er lebt auch in Scheidung, kann seine 10jährige Tochter Léa nur ab und zu sehen. Eine neue Wohnung muss er ebenfalls suchen, und das Schlimmste: Er, der gute Charakter – was ihm mehrere Male bescheinigt wird – trifft auf eine missgelaunte, verbitterte Auftraggeberin, „die weder bitte noch danke sagt“.
Es ist – auf der anderen Seite – Anne Walberg, eine Parfumeuse, die einst berühmt war und für Dior einen bekannten Duft erfand, die dann ihren Geruchsinn verlor, von ihrer Agentin deshalb nur noch Aufträge für billige Düfte bekam und bei einem Selbstmordversuch endete.
Einen anderen Chauffeur als Guillaume will sie allerdings nicht, auch wenn sie, als er sie vor einem Räuber rettet, nichts anderes tut als ihn zu schelten.
Wenn der Geruchsinn ab und zu zurückkommt, riecht sie wieder alles: Kopra-Öl, Iriswurzel, Moos, Klebstoff, faule Eier oder Schwefel.
Vielleicht wird doch noch alles gut.
Nuanciert werden die beiden so unterschiedlichen und sich fremden Charaktere einander gegenüber gestellt. Manches ist bedenkenswert, manches komisch, manches menschlich so was von daneben. Geschrieben (der Regisseur ist auch der Autor der guten Dialoge) und inszeniert oder montiert ist das professionell, von Emmanuelle Devos als Anne Walberg, Grégory Montel als Guillaume Favre sowie Zélie Rixhon als Léa gespielt ist es wunderbar.