Der Gilden-Dienst Nr. 36-2020

Curveball – Wir machen die Wahrheit

Von Johannes Naber
(Filmwelt, Kinostart neu: Frühjahr 2021)

2003. Der amerikanische Präsident George W. Bush lässt Bagdad bombardieren. Der Irak-Krieg beginnt. Seither ging der Flächenbrand in der Region nie zu Ende.
Saddam Hussein wurde verdächtigt, verbotenerweise chemische Waffen herstellen zu lassen. Ganz so unbegründet war der Verdacht nicht, denn er hatte im eigenen Land gegen einen bestimmten Volksteil schon einmal Chemie-Bomben mit verheerenden Folgen angewandt.
Wie aber mit Sicherheit herausfinden, was Saddam jetzt Verbotenes tat? Es ist eine Story, von der man glaubt, sie stamme aus einem Kriminalroman – doch sie ist wahr. Leider.
Es geht um den irakischen Agenten Rafid Alwan, der behauptet, als Ingenieur an Saddam Husseins Anthrax-Waffenherstellung (z.B. Milzbrandbakterien) beteiligt gewesen zu sein. Der Bundesnachrichtendienst beauftragt seinen Mitarbeiter Dr. Wolf, alles genau zu eruieren. Man will eine Weltsensation erreichen – vor allem ein Beamter verspricht sich davon einen rasanten beruflichen Aufstieg.
Alwan erzählt eine abenteuerliche Story, die von den Deutschen geglaubt wird – nur, sie ist nicht wahr.
Die CIA scheint schlauer zu sein. Jedenfalls sieht es zunächst so aus. Doch dann verkündet der US-Außenminister Powell auf der Münchner Sicherheitskonferenz, dass Saddam die Sicherheit der Welt gefährde, vor allem auch die amerikanische. Dr. Wolf versucht mit allen Mitteln, eine Tragödie zu verhindern. Vergebens. Bush erteilt den Angriffsbefehl. Seither hat wie gesagt das Unglück nie aufgehört.
Politisch wie filmisch ist das ein Kracher! Man erfährt viel, man ist über das inszenatorische Geschick, die Dialoge sowie die gute Montage erstaunt, es graut einem vor den politischen Spielchen, man ist noch immer betroffen von den jahrzehntelangen tragischen Folgen des Irak-Krieges, man nimmt wahr, mit welcher Intensität die beteiligten ihre Rollen spielen.
Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Himmel über dem Camino

Von Noel Smyth und Fergus Grady
(Ascot, Kinostart 7. Januar 2021)

Ein äußeres wie inneres Erlebnis ist der Jakobsweg auf jeden Fall. Hunderte von Kilometern, auf und ab, abenteuerliche Wege, Sonne und Regen.
Wunden an den Füßen, Lust aufzugeben, schlechter Schlaf, 40 Tage wandern. Manche gehen den langen Weg weil sie fromm sind, andere suchen ganz einfach ein Abenteuer. Viele gehen auch allein.
In diesem Dokumentarfilm macht den Camino eine Gruppe von Neuseeländern, Männlein und Weiblein. Ganz jung sind sie nicht mehr, fast bis 80 reicht das Alter.
Bekanntschaften, Kameradschaften, Freundschaften werden geschlossen. Bei einer solchen körperlichen wie mentalen Unternehmung sind die Menschen aufeinander angewiesen, müssen sich helfen. Und das geschieht auch!
Vielen dient diese harte Prüfung der inneren Selbstwahrnehmung („Wer bin ich?“); manche versuchen eine persönliche Krise zu überwinden; andere wollen „Kraft schöpfen“; eine Frau ist verzweifelt weil sie innerhalb kurzer Zeit ihren Mann und einen Sohn verlor; einer trauert über den Tod seiner Nichte, die in ganz jungen Jahren an Muskoviszidose sterben musste („Du wirst allein geboren, und du stirbst allein“).
Doch immer wieder gewinnt das Positive die Oberhand.
Natürlich gibt es auch viele absolut herrliche Momente: die wunderbare Landschaft, die üppige Sonne, die Abende nach getaner „Arbeit“, die vielen meist religiösen Sehenswürdigkeiten, der Triumph bei der Ankunft in Santiago de Compostela, das Gefühl, etwas nicht Alltägliches geschafft zu heben. „Der Camino ist Leben“, sagt einer.
Man kommt, wenn man dies alles sieht und im Kino miterlebt, selbst zur Besinnung. Filmisch ist alles sehr gut bewältigt, und die ganze Besinnung und Schönheit tut dem Zuschauer auf jeden Fall gut.

Atomkraft Forever

Von Carsten Rau
(Camino, Kinostart 18. März 2021)

Die Atomkraft ist Fluch und Segen zugleich. Nach Fukushima hat die Merkel-Regierung beschlossen, aus der Kernkraft auszusteigen. Nun kommt der Ausstieg aus der Kohle dazu. Wird die Bundesrepublik Deutschland in soundso viel Jahren noch über genügend Elektrizität verfügen?
Das Für und Wider steht hier zur Debatte. Mit Ab- und Rückbau etwa der Kernkraftwerke Greifswald und (bald) Gundremmingen beginnt der Film. Es wird Jahrzehnte dauern, bis die radioaktiven Verschmutzungen dekontaminiert und wieder grüne Wiesen zu sehen sein werden. Bis zur Bestimmung eines Endlagers wird fast das ganze Jahrhundert vergehen.
Als Greifswald damals in der DDR in den 70er Jahren gebaut wurde und man „aus wenig Uran viel Strom“ erzeugen wollte, sprach man von der „Sonne in Menschenhand“. Und: „Das Atom sei Arbeiter und nicht Soldat.“
Aber: Die einen bauen ab, die anderen rüsten auf. In Frankreich gibt es nahezu 50 Kernkraftwerke, in der ganzen Welt über 430.
Ist also der deutsche Weg der richtige? Aus der wiedererneuerbaren Energie, sagt ein Spezialist, können an einem Tag beinahe 90 Prozent des nötigen Stroms gewonnen werden, an einem anderen Tag bloß 1 Prozent.
Wie also alles absichern? Deutschland habe, so ein hochgestellter französischer Fachmann, damals „aus Wahlgründen“ falsch entschieden. Frankreich geht denn auch ganz anders vor als die Bundesrepublik. Dort arbeitet vor allem auch ein Kernforschungszentrum mit 5000 Beschäftigten. Eines der Hauptziele: die Reduzierung der Gefährdung.
Japan, das Land, in dem Fukushima liegt, reanimiert stillgelegte AKWs.
Eine Million Jahre soll das zu findende Endlager die schädlichen radioaktiven Elemente aufbewahren. Eine Geologin sagt in dem Film, dass es in dieser Zeit etwa 10 Eiszeiten geben werde. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung kümmert sich um die Suche. Was wird dazu gesagt? „Kein Land hat bis jetzt ein Endlager.“
Ein hochinteressanter Dokumentarfilm, der uns alle angeht. Sehr gut erforscht, sehr gut montiert
und sehr zu empfehlen.

Notre Dame – Die Liebe ist eine Baustelle

Von Valérie Donzelli
(W-Film, Kinostart wird rechtzeitig bekanntgegeben)

Die Pariserin Maud Crayon ist getrennt von einem Mann, der jedoch immer wieder vor der Türe steht – und ins Bett will. Sie hat einen Buben und ein Mädchen im Alter von 14 und 10 Jahren.
Für die Promenade Notre Dame, also den Platz vor der Kathedrale, ist der Wettbewerb für einen Kinderspielplatz ausgeschrieben, den sie auf fantatsievolle Weise gewinnt. Das Vorhaben wird sie enorme Mühe kosten, obwohl sie jetzt schon nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht. Denn sie ist schwanger. Von ihrem Ehemann Martial? Von ihrem Arbeitskollegen Didier? Von ihrem Jugendfreund Bacchus Renard, einem Journalisten?
Doch damit nicht genug. Pariser Frömmler veranstalten auf der Promenade Protest“gebete“ , denn sie wollen den Platz vor dem Gotteshaus auf keinen Fall verunstaltet haben. Es ist sogar die Rede von der „Obszönität“ des Jahrhunderts“. Wenigstens hat Maud ihre Freundin Coco, doch jetzt beginnt auch noch ein Gerichtsverfahren gegen sie.
Letztlich aber wird ihre Jugendliebe Bacchus der Sieger sein, denn er ist es, den Maud liebt und der für sie sogar einmal ins Gefängnis ging.
Es gibt eine vollgefüllte Handlung, originelle Szenen, eine ausgesuchte, manchmal liebliche Musik, eine professionelle Inszenierung, viele gut geschnittene Passagen sowie Darsteller, vor allem Valérie Donzelli als
Maud Crayon, Piere Deladonchamps als Bacchus Renard, Thomas Scimeca als Ehemann Martial und Bouli Canners als Didier, denen man sehr gerne zusieht.