Der Gilden-Dienst Nr. 50-2019

Holy Spirit

von Mike Baran

(Filmperlen, Kinostart 19. Dezember 2019)

Die heutige Gesellschaft zeichnet sich nicht gerade durch besondere Tugend aus. An der Politik, dem totalen Profistreben, der Werbung, den Medien, der Zerstörung der Erde gibt es bei Gott eine Menge zu kritisieren.

Das macht sich der Autor und Regisseur dieses Films, Mike Baran, zunutze und zwar auf satirische Weise. Die Satire geht dabei so weit wie selten irgendwann und irgendwo zuvor.

Der Werbeagent Sandmann braucht für einen bayerischen Whisky Verkaufsideen. In dem niederbayerischen Dorf Radlkofen findet er einen jungen Mann, den Gustl Wanninger, der Jesus-Darstellungen ähnlich sieht. Er heuert ihn an.

Und nun beginnt eine Werbeorgie, wie man sie noch nie gesehen hat. Mit Jesus-Darstellungen der Lazarus-Auferweckung, des Abendmahls, der Kreuzigung – Jesus zündet sich am Kreuz eine Zigarette an!! – oder der Auferstehung wird er „Holy Spirit“-Whisky mit Slogans wie „Vom Weihwasser zum Whisky“ oder „Heilig, bayerisch, gut“ angeboten, dass es nur so kracht. Der Verkaufs- und Verbrauchserfolg ist überwältigend.

Satire oder Blasphemie, das ist hier die Frage.

So schnell wie der Aufstieg, so schnell erfolgt der Abstieg. Denn ein Serienmörder geht um, dem die Sandmann-Freundin Barbara zum Opfer fällt.

Der Gustl-Jesus wird verdächtigt und lange verhört.

Die Satire hat natürlich einen gewissen Freiraum – muss allerdings nicht selten mit rechtlichen Folgen rechnen – und deshalb geht sie weit, sehr weit, zu weit.

Dieser Mike-Baran-Film nimmt alle heftig dran: die Geschäftemacher, die Politiker, die Wahlkämpfer, die Medien, die Kirche, die Medien vor allem. . .

. . . in Musical-Form, in Ballett-Form, in Komödien-Form, in Party-Form, in Sex-Form, in Fantasy-Form, in filmisch teilweise (zu) rasanter Form. Das ist – bei guter Musik – durchgehend derart schrill und skurril, ironisch und schwarzhumorig, hysterisch und dekadent, dass man von dem Film nur begeistert sein kann oder ihn ablehnen muss.

The Farewell

von Lulu Wang

(DCM, Kinostart 19. Dezember 2019)

Üblicherweise wird zu Beginn eines Films oft gesagt, dieser beruhe auf wahren Begebenheiten. Dieses Mal ist es umgekehrt, hier wird nämlich berichtet, zugrunde liege eine Lüge.

Die junge Chinesin Billi, die sich als Schriftstellerin versucht, lebt in New York. Ihre Eltern verbringen ihr Leben in China. Von ihnen erfährt Billi, ihre Großmutter, die geliebte Nai Nai, leide an Krebs im letzten Stadium. Die lebensbedrohliche Krankheit soll Nai Nai jedoch verheimlicht werden. Denn sie war, wie man im Film sieht, immer eine quicklebendige Oma, und ihre Lebensfreude soll ihr auch jetzt nicht genommen werden. Ihr wird im Gegensatz zum ärztlichen Befund weisgemacht, alles sei in Ordnung.

Wie gesagt eine handfeste Lüge.

Natürlich müssen alle Familienmitglieder, Verwandten und Freunde noch einmal zusammenkommen, und dazu bietet sich die Hochzeit eines Cousins an. Ein Riesenfest wird gefeiert mit allem Drum und Dran.

Der Clou: Sechs Jahre später lebt die totgesagte Großmutter immer noch.

Verarbeitet sind autobiographische Elemente aus dem Leben der Regisseurin. Thematisch geht es indirekt darum, wie Billis inneres und äußeres Dasein sich ändert; um die Gegensätze zwischen der westlichen und der östlichen Welt; um die Sterblichkeit; um Probleme der Migration; um die Komplexität familiärer Beziehungen; um das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen; um Auswanderererfahrung; um die Bindung zwischen den Generationen; um, wie ein Kommentator meint, den „transkulturellen – auch konfuzianischen – Humanismus“.

Das ist durchaus menschlich, authentisch und auch unterhaltsam gemacht, weder Humor noch Pathos, weder Frische noch Melancholie fehlen.

Schauspielerisch schießt Shuzhen Zhao als Großmutter Nai Nai eindeutig den Vogel ab.

Freies Land

von Christian Alvart

(Telepool, Kinostart 9. Januar 2020)

1992. Ehemalige DDR. Ein einsam gelegenes Dorf. Drei Jahre nach der Wiedervereinigung. Dass es nach 1989 eine Flucht vom Osten in den Westen gab, ist im Stil dieses Films absichtlich spürbar: eisige Flusslandschaften, verlassene Häuser, Wracks, Schrott, Menschenleere.

Es fällt (natürlich außer den Eltern) nicht einmal groß auf, dass zwei jugendliche Schwestern verschwunden sind. Es wird einfach angenommen, sie seien trotz ihres Schulalters nach Berlin abgehauen, um sich eine Arbeit zu suchen.

Lange suchen die beiden Kriminalkommissare Patrick Stein und Markus Bach nach den Schwestern – bis ihre beiden übel zugerichteten Leichen gefunden werden. Erst jetzt stellt sich heraus, dass bereits früher Mädchen verschwanden.

Verdachtsmomente gibt es zuhauf, Verdächtige ebenfalls. Der „schöne“ Charlie käme in Frage, dann ein Herumtreiber (der allerdings einige gute Tipps geben kann), ein Jäger, die Bewohner eines Jagdhauses und andere.

Daneben viel Nacht und Nebel, verdächtige Autos, die verfolgt werden müssen, Kneipen, in denen ziemlich dunkle Gestalten sitzen, Hausdurchsuchungen, die nichts bringen. Keine leichte Aufgabe in dieser wilden Landschaft.

Und doch geben Stein und Bach nicht auf, bis die Morde aufgeklärt sind.

Dann erfährt Patrick Stein, dass er nicht mehr der Freund von Markus Bach sein kann. Letzterer gehörte nämlich, wie sich herausstellt, der Stasi an – und hat mindestens einen Menschen erschossen.

Dem Regisseur ging es neben dem reinen Kriminalfall darum, den in den Nachwendejahren herrschenden großen Stimmungsunterschied zwischen Ost und West (zum Teil heute noch anhaltend) zu dokumentieren. Und das ist ihm 100prozentig gelungen. Milieu- und Stimmungszeichnung gehören in dem Film zum Besten!

Inszeniert und dramatisiert ist das alles fehlerlos, routiniert. Zum Teil tolle Bilder. Felix Kramer (Markus Bach – aus dem Osten) und Trystan Pütter (Patrick Stein – aus dem Westen) spielen hervorragend.

Alles in allem ein sehenswertes Stück.

Little Joe – Glück ist ein Geschäft

von Jessica Hausner

(X Verleih, Kinostart xxxx Januar 2020)

Ein Film, der kein oberflächliches Anschauen verträgt, weil offenbar mehr dahinter steckt, als man zunächst annimmt. Es geht um Gentechnik und Genmanipulation – ein in unserer Zeit überaus aktuelles und ernstes Thema -, um Psychologie und Psychiatrie, um ein von Weiblichkeit bestimmtes Verhalten aber auch um die männliche Reaktion darauf.

Alice Woodard ist Genforscherin. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Chris hat sie eine neue rote Blume entwickelt, die, wenn man sie richtig pflegt und nährt, wenn man mit ihr spricht, einen Duft ausströmt, der glücklich macht. Die Blumenmesse steht bevor, bis dahin sollte alles geregelt sein. Unglücklicherweise sind die auch vom Chef der Firma geforderten Tests noch gar nicht abgeschlossen. Kann man also der Züchtung wirklich trauen?

Die Genmanipulation hat beispielsweise dazu geführt, dass die Pflanze sich nicht selbständig fortpflanzen kann. Könnten damit etwa Gefahren verbunden sein? Hat die Blume auf die Menschen eine andere Auswirkung als den süßen Duft, der glücklich macht?

Tatsächlich gibt es deutliche Anzeichen dafür. Alice nimmt nämlich eine Pflanze mit nach Hause, schenkt sie ihrem Sohn Joe, nennt die Blume Little Joe. Und siehe da: Joe ist nach kurzer Zeit nicht mehr der gleiche. Er stellt sich jetzt oft gegen seine Mutter.

Auch Alices Kollegin Bella bricht nach kurzer Zeit psychisch zusammen (übrigens auch ihr Hund). Welches Unheil könnte also von den neu gezüchteten und in einer speziellen hellen Halle sorgfältig gepflegten Blumen ausgehen?

Alice selbst muss sich von einer Psychologin beraten lassen. Auf einer unteren Ebene sind also durchaus diskutable, ernstzunehmende Themen wie beispielsweise auch Depression oder Paranoia angesprochen.

Aber darüber dominieren Sci-Fi, Fantasy und ein bisschen Horror.

Formal und ästhetisch macht die geordnete, lineare, subtile, helle von sehr guten Darstellern (Preis für Emily Beecham als Alice Woodard) getragene Inszenierung Eindruck.

Den überaus originellen Sound (eines Japaners) nicht zu vergessen!

 

zum Download
Datum: 09.12.2019