Der Gilden-Dienst Nr. 51-52-2019

Pavarotti

von Ron Howard

(Wild Bunch, Kinostart 26. Dezember 2020)

Luciano Pavarotti. Es gibt sicherlich nicht allzu viele Kulturbegeisterte, die den Namen nicht kennen. Er war seit Enrico Caruso mit Bestimmtheit der größte Tenor. 2007 ist er gestorben.

Gut, dass es diesen Film gibt: zwei Stunden höchster Kultur und bester Unterhaltung.

Der Film ist gut aufgebaut: die Kindheit; der Vater, ein Bäcker und Amateursänger; die Mutter und die drei Töchter Lorenza, Cristina und Giuliana.

Der erste Erfolg in den 60er Jahren; die langsame aber sich immer stärker vermehrende Erkenntnis, dass hier eine Ausnahmestimme – bis zum hohen C – zu hören sei; die Konzerte in den berühmtesten Opernhäusern der Welt.

Sein Bedürfnis, mit den Menschen Freund zu sein; die Kochkünste und die üppigen Spaghetti-Mahlzeiten; die negativen Eigenheiten auch, die wohl seiner Berühmtheit zuzuschreiben sind.

Das Liebesleben – mit seiner Frau, später mit einer „Sekretärin“. Kurz nach der Jahrtausendwende ließ er sich scheiden und heiratete Nicoletta Mantovani, die heute das Pavarotti-Museum leitet. Die beiden bekamen eine kleine Alice. Dies alles führte naturgemäß zu einer Entfremdung zwischen dem Vater und den drei Töchtern.

Seine Berühmtheit trug dazu bei, dass Millionen Aufnahmen von ihm verkauft wurden – eine schöner als die andere.

Er wollte seine Musik nicht nur den Opernliebhabern weihen sondern der gesamten Allgemeinheit. Für ihn war es selbstverständlich, dass er auch mit berühmten Rockstars wie Sting, Elton John, Bob Geldof, Eric Clapton oder Stevie Wonder und anderen auftrat.

Er war reich, behielt jedoch seinen Reichtum nicht für sich. Pavarotti-Schenkungen und -Stiftungen gab es in der ganzen Welt.

Künstlerische Höhepunkte: Mit José Carreras und Placido Domingo schmetterte er gemeinsam beispielsweise die Puccini-Arie „Nesun dorma“. Ein Ereignis der Musikgeschichte.

Unzählige Freunde, Opernstars, Manager, Rockstars und Familienangehörige trugen zu dem Film bei. Archive, Talkshows, Interviews wurden ausgewertet und auf eine sehr intelligente Weise montiert.

Herausgekommen ist ein kulturelles Schmuckstück.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

von Caroline Link

(Warner, Kinostart 25. Dezember 2019)

1933. Die Zeit, in der die Nazi-Verbrecher nach der Machtübernahme durch Hitler die Judenverfolgung intensivieren.

In diesem Film geht es um die jüdische Familie des Literatur- und Theaterkritikers Alfred Kerr (Geburtsname Alfred Kempner), die in Berlin lebt und arbeitet. Die Kerrs sind glücklich: der Vater, die Mutter, die Kinder Anna und Max.

Die Schriften Alfred Kerrs werden von den Nazis angegriffen: weil sie nicht in die „Kultur“-Auffassung der herrschenden Nationalsozialisten passen und weil Kerr Jude ist.

Eines Morgens erfahren die Kinder, dass der – noch halb grippekranke – Vater habe verreisen müssen. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Flucht.

Die Familie wird folgen. Schmerzvoll ist der Abschied von der Haushälterin „Heimpi“ (Ursula Werner), die die Kinder sehr liebt. Anna muss ihr schönes rotes Kaninchen zurücklassen.

Es geht (noch) in die Schweiz. Doch die „neutralen“ Schweizer verweigern Kerr die Veröffentlichung seiner Texte und damit ein Existenzminimum, sie befürchten einen eventuellen Überfall durch die Deutschen. Deshalb nächste Station Paris. Die Kinder müssen die Schule und und ihre Freunde verlassen.

Auch in der französischen Hauptstadt gibt es für den Vater keine Arbeit. Das Geld wird sehr, sehr knapp. Erneut werden die Kinder ihre Gewohnheiten ändern müssen. Außerdem ist der Antisemitismus nicht weit. Ohnehin werden die Deutschen einige Jahre später Nordfrankreich besetzen.

Am Ende sieht man die Familie auf einem Schiff im Ärmelkanal. London ist die Endstation. Dort schrieb viel später Judith Kerr, die Tochter Alfreds, „Als Hitler das rote Kaninchen stahl“, eine in aller Welt erfolgreiche Geschichte, die, der Titel sagt es, natürlich auch die Vorlage für diesen Film hergab.

Die Geschichte ist sehr ruhig und insgesamt schön inszeniert und gespielt – vor allem von Riva Krymalowski als Anna, Carla Juri als Mutter und Oliver Masucci als Kerr -, bei Caroline Link kein Wunder. Thematisch geht es natürlich in erster Linie darum zu zeigen, wie ein glückliches Familien- und Arbeitsleben durch den völlig irrationalen Antisemitismus und eine kriminelle Politik zerstört werden.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Der geheime Roman des Monsieur Pick

von Remi Bezancon

(Neue Visionen, Kinostart 26. Dezember 2019)

Der Film beruht auf einem Roman. Und darin steckt die originelle Idee, dass es auf einer Insel der Bretagne eine Bibliothek gebe, in der nichts anderes vorzufinden sei als abgelehnte, also nicht veröffentlichte Manuskripte. Hunderte.

Das macht sich die junge Lektorin und Verlegerin Daphné zunutze. Sie findet einen offenbar den russischen Dichter Alexander Puschkin betreffenden Roman und veröffentlicht ihn unter dem Titel „Die letzten Stunden einer großen Liebe“. Das Buch wird ein Riesenerfolg.

Doch noch sensationeller erscheint die Sache mit dem Autor. Denn den Roman geschrieben habe der Pizzabäcker Henri Pick, heißt es, obwohl dessen Frau glaubhaft versichert, sie habe ihren Mann nie schreiben gesehen – höchstens ab und zu einen Einkaufszettel. Außerdem ist der Mann seit zwei Jahren tot.

Das kommt auch dem Literaturkritiker Jean-Michel, der sich als Verteidiger der Literatur versteht, äußerst seltsam vor. In einer Fernsehsendung empört er sich geradezu, wittert gar Betrug. Er will unbedingt auf Spurensuche gehen.

Die Tochter des Pizzabäckers ist damit zunächst absolut nicht einverstanden – arbeitet jedoch später mit dem Mann zusammen.

Und nun beginnt bis zum Filmende ein Such- und Ratespiel. Wer weiß was? Was genau hat Daphné damit zu tun? Wo befindet sich der Raum, in dem der Puschkin-Roman abgefasst worden sein soll? Welche Rolle spielt Daphnés Verlobter, ein junger Schriftsteller, dessen erster Roman ein Reinfall war?

Hatte der Pizza-Mann ein Zweitleben?

Das Wechselspiel ist einigermaßen munter – und verzwickt. Glänzende, zum Teil geistreiche Dialoge. Zum Erfolg führen könnte jedoch vor allem die Tatsache, dass Fabrice Luchini den Literaturkritiker Jean-Michel mimt. Er ist darstellerisch top und überzeugend – wie immer in seinen Rollen. (Erwähnenswert aber auch Camille Cottin, die die Tochter des Pizza-Mannes spielt.)

Milchkrieg in Dalsmynni

von Grimur Hakonarson

(Alamode, Kinostart 9. Januar 2020)

Eine karge isländische Winterlandschaft mit weit auseinander liegenden Bauernhöfen. Die trübe Stimmung weist da schon ein wenig auf das Drama hin, das im Nachhinein erzählt wird.

Reynir und Inga betreiben eine Milchfarm. Das Problem: Sie sind hoch verschuldet. Zudem sind sie dem Zwang ausgesetzt, ihre Kunden nicht selbst auswählen und ihnen ihre Milch verkaufen zu können. Finanziell sind sie total an die Bauerngenossenschaft des Landkreises gebunden, an diese müssen sie die Milch verkaufen.

Das macht ihnen Sorgen, die bis zu einer Depression führen können. Zumal sich später herausstellt, dass Reynir wegen der finanziellen Abhängigkeit vom mafiösen Genossenschaftsboss gezwungen wurde, unfolgsame Mitglieder zu verraten.

Reynir stirbt. Hat er seinen Wagen absichtlich in die Schlucht gelenkt, wollte er also Selbstmord begehen? Genau weiß man es nicht.

Inga wird gewaltig unter Druck gesetzt. Die Genossenschaftsbosse meinen sie zwingen zu können, zu parieren, die Milch nur ihnen zu verkaufen. Sie drohen, ihr den Hof wegzunehmen.

Doch da sind sie an die Falsche geraten. Inga zeigt, was man mit Social-Media-Pamphleten, mit Gülle und mit Milch alles machen kann. Sie umwirbt Nachbarn und Freunde, sie bangt, gibt jedoch nicht auf. Und es gelingt ihr zum Schluss, die Gründung einer Gegengenossenschaft zu erreichen.

Jetzt sind die Bauern wieder frei.

Zum ersten Mal sieht man endlich, der neuen Situation und Stimmung gemäß, wie der Frühling mit der Sonne, mit grünen Weiden und farbigen Blumen einzieht. Inga hat die Schlacht gewonnen – auch wenn sie letztlich ihre Farm aufgibt.

Überaus kühl und simpel aber gleichzeitig seriös und real ist die Geschichte professionell dramatisiert und inszeniert. Die Moral: Wer tapfer ist und es bleibt, kann die verwerflichsten Gegner schlagen.

Entscheidend für die Qualität des Films: wie Arndis Hrönn Eglisdottir diese Inga spielt!

 

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Datum: 16.12.2019