Abrir puer­tas y ventanas

In ihrem Spielfilmdebüt „Abrir puertas y ventanas – Offene Türen, Offene Fenster“ beobachtet die argentinische Regisseurin Milagros Mumenthaler drei Schwestern, die auf unterschiedliche Weise mit dem Tod der Großmutter umgehen. Höchst subtil, manchmal auch rätselhaft ist das, öffnet aber durch die präzise Beobachtungsgabe der Regisseurin vielfältige Interpretationsspielräume.

Webseite: www.one-filmverleih.de

Argentinien/ Schweiz 2011
Regie, Buch: Milagros Mumenthaler
Darsteller: Maria Canale, Martina Juncadella, Ailin Salas, Julian Tello
Länge: 98 Minuten
Verleih: One Filmverleih
Kinostart: 25. September

FILMKRITIK:

Ganz entspannt räkeln sich die drei Schwestern Marina (Maria Canale), Sofia (Martina Juncadella) und Violeta (Ailin Salas) auf Sofa und Sessel und lassen den heißen Sommertag vorbeistreichen. Doch der Friede ist trügerisch. Schon wenn sich um den Platz auf dem Sofa gestritten wird werden kleine Unstimmigkeiten deutlich, zeigt sich der vollkommen unterschiedliche Charakter der drei Schwestern, die auch äußerlich kaum verwandt zu sein scheinen.

Wie man bald ahnt (deutlich gesagt wird in diesem höchst zurückhaltenden Film so gut wie gar nichts), ist die Großmutter des Trios gestorben, dass nun allein in einem großen Haus lebt. Marina, die älteste, versucht das gemeinsame Leben zu organisieren, verwaltet das Geld, das offenbar ausreichend vorhanden ist, Violeta, die jüngste, tut kaum mehr als in ihrer Unterwäsche auf verschiedenen Betten und Stühlen herumzuliegen, während Sofia viel ausgeht, auf nicht ganz nachvollziehbare Weise Geld verdient, mit dem sie Kleidung und anderes kauft.

Nach und nach werden die Konflikte zwischen den Mädchen größer, ohne je wirklich deutlich verbalisiert zu werden; man zankt sich um dies oder das, lässt mal hier eine schnippische Bemerkung fallen, macht mal dort einen Vorwurf, und irgendwann ist Violeta einfach verschwunden. Mit ihrem Freund hat sie das Land verlassen teilt sie ihren Schwestern telefonisch und dann per Brief mit, und taucht nicht mehr auf. Sofia wiederum fragt sich zunehmend, ob Marina nicht vielleicht adoptiert ist und die Eltern der Schwestern, die Eltern sind nicht existent, man könnte auch sagen verschwunden.

„Verschwunden“. Das ist womöglich der Schlüssel zum Verständnis von Milagros Mumenthalers ebenso atmosphärischem wie enigmatischem Debütfilm, der 2011 beim Festival in Locarno mit dem Goldenen Leopard ausgezeichnet wurde und erst jetzt in die deutschen Kinos kommt. Als Verschwundene wurden in Argentinien die Menschen bezeichnet, die während der Militärdiktatur entführt und gefoltert wurden und oft Tod oder auch noch Lebendig ins Meer geworfen wurden. Diese Leerstelle plagt die argentinische Gesellschaft bis heute, mit vielfältigen Folgen: Viele Kinder sind bei ihren Großeltern aufgewachsen, viele Babys, die von Frauen im Gefängnis geboren wurden, wurden von Familien adoptiert, die oft nichts über das Schicksal der Waisen wussten.

Beide Aspekte deutet Mumenthaler in ihrem Film an, weist allein durch die Unterschiedlichkeit der Mädchen auf die Möglichkeit hin, dass Marina adoptiert ist und lässt die Frage nach dem Schicksal der abwesenden Eltern offen. Manchmal würde man sich zwar ein klein wenig mehr Information wünschen, übertreibt es die Autorin und Regisseurin mit dem Enigmatischen. Andererseits gelingt es durch die genaue Beobachtung, das subtile Andeuten von Bezügen auch einen großen Interpretationsspielraum zu öffnen, der durch ganz nebenbei eingestreute Dialogfetzen oder auch nur einem Gegenstand im Zimmer eines der Mädchen erweitert wird. In diesem Sinne ist „Abrir puertas y ventanas – Offene Türen, Offene Fenster“ Kino, das hohe Aufmerksamkeit vom Zuschauer verlangt, das seine Antworten nicht auf dem Silbertablett serviert, sondern seine Geheimnisse nur bei genauen zu sehen und hören offenbart.

Michael Meyns