Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln

Der Erfolg von Tim Burtons Fantasy-Spektakel „Alice im Wunderland“ ließ die Disney-Studios seinerzeit recht schnell an eine Fortsetzung denken. Bei dieser übernahm Burton aber nur noch die Rolle des Produzenten. Dafür konnte die komplette Besetzung des Vorgängers verpflichtet werden. Auch wenn Johnny Depp als Verrückter Hutmacher sein Overacting einmal mehr perfektioniert, so stiehlt ihm am Ende Sacha Baron Cohen doch fast die Show. Ansonsten liegen die Stärken von „Hinter den Spiegeln“ erwartungsgemäß in der äußerst farben- und fantasiereichen Bebilderung einer von vielen bekannten Figuren bevölkerten Märchenwelt.

Webseite: www.filme.disney.de

USA 2016
Regie: James Bobin
Drehbuch: Linda Woolverton
Produktion: Tim Burton, Joe Roth, Suzanne Todd, Jennifer Todd
Darsteller: Mia Wasikowska, Johnny Depp, Sacha Baron Cohen, Anne Hathaway, Helena Bonham Carter
Laufzeit: 108 Minuten
Verleih: Disney
Kinostart: 26.5.2016
 

FILMKRITIK:

Als wir Alice (Mia Wasikowska) wieder treffen, ist sie kein Kind mehr, sondern eine selbstbewusste junge Frau, die als Kapitän auf dem Schiff ihres verstorbenen Vaters die Weltmeere besegelt. Zurück in ihrer Heimat London erkennt sie schnell, dass die Gesellschaft weiterhin von Männern bestimmt wird, die wenig mit mutigen Freidenkern wie ihr – oder ganz generell mit Frauen – anfangen können. Auf einem für sie wenig erfreulichen Empfang in adeliger Runde ergreift sie schließlich die Flucht. Angelockt von einem bunten Falter, der sich als die Verwandlung der Raupe Absolem „entpuppt“, betritt sie durch einen magischen Spiegel erneut das fantastische Reich von Unterwelt – dem Land hinter den Spiegeln.
 
Dort warten schon ihre alten Freunde wie das Weiße Kaninchen, die Zwillinge Diedeldum und Diedeldei, die Weiße Königin (Anne Hathaway) und die Grinsekatze auf sie. Nur der Verrückte Hutmacher (Johnny Depp) fehlt bei Alices Rückkehr. Wie sich herausstellt, quälen ihn der Verlust seines Mehrseins und seiner Familie. Seine Freunde befürchten, er könne als Folge seiner Trauer und Einsamkeit allen Lebensmut verlieren.
 
Die Rettung des Verrückten Hutmachers ist Alices Aufgabe und zugleich die Zelle, aus der sich die Handlung von „Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln“ entwickelt. So muss Alice mit Hilfe einer weißen Metallkugel, der Chronosphäre, in die Vergangenheit reisen und in zum Teil recht actionlastigen Episoden nach und nach das Geheimnis um den Verbleib der Hutmacherfamilie Hightopp lösen. Dabei trifft sie sogar auf die Zeit (Sacha Baron Cohen) selbst, die in einer ebenso eigenartigen wie faszinierenden Parallelwelt lebt. Sie ist zugleich die spannendste Figur im neuen Alice-Abenteuer. Nicht gut, nicht böse, ambivalent, undurchsichtig und – so wie Sacha Baron Cohen sie interpretiert – unglaublich komisch. Johnny Depps Hutmacher wirkt dagegen wortwörtlich etwas blass, wobei der Hollywood-Star erneut alle schauspielerischen Register zieht und so ganz hinter der Rolle und einem großartigen Makeup verschwindet.
 
Obwohl die von Tim Burton mitproduzierte „Alice im Wunderland“-Fortsetzung den Namen von Lewis Carrolls zweitem „Alice“-Buchs trägt, handelt es sich doch um eine komplett neu erdachte Geschichte. Das mag zunächst irritieren, erklärt sich aber mit den fragmentarischen und recht zusammenhangslosen Episoden der Carroll-Version. Das Drehbuch von Disney-Autorin Linda Woolverton („Die Schöne und das Biest“, „Der König der Löwen“) orientiert sich vielmehr am Geist der Vorlage und des Vorgängers, aus dem sie die bekannten Figuren nimmt, um diese auf eine andere, zumindest tricktechnisch nahezu perfekte Reise zu schicken. Vor allem die komplett virtuell generierten Sets wie das von der Zeit bewohnte Schloss der Ewigkeit setzen dank effektivem 3D-Einsatz durchaus visuelle Höhepunkte.
 
Mehr als von seiner nicht immer zielgenauen Story lebt auch dieser „Alice im Wunderland“-Film von Kulissen, Effekten und Ausstattung. Unter der Regie des Briten James Bobin („Muppets Most Wanted“) entstand eine farbenfrohe Fantasy-Parallelwelt vergleichbar mit „Die Chroniken von Narnia“. Die noch im Vorgänger präsenten absurden Zwischentöne, für die insbesondere Burton bekannt ist, wurden zugunsten des 3D-Spektakels weiter reduziert. Diese Annäherung an das Disney-Universum mag nicht jedem gefallen. Andererseits folgt „Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln“ damit nur der Logik der Traumfabrik.
 
Marcus Wessel