Alles was kommt (L’Avenir)

Auch in ihrem fünften, auf der Berlinale vielbeachtetem Spielfilm "L'Avenir" bleibt die französische Regisseurin Mia Hansen-Love ihrem Stil treu: Sie zeigt das Leben in genau beobachteten Szenen, ohne künstliche Höhe- oder Tiefpunkte, die die Komplexität ihrer Figuren nur behutsam offenbaren. Hier ist das eine von Isabelle Huppert gespielte Philosophie-Dozentin, deren Leben vor gravierenden Umwälzungen steht.

Webseite: www.weltkino.de

Frankreich 2015
Regie & Buch: Mia Hansen-Love
Darsteller: Isabelle Huppert, André Marcon, Roman Kolinka, Edith Scob, Sarah Le Picard, Solal Forte
Länge: 100 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 18. August 2016
 

FILMKRITIK:

Nathalie (Isabelle Huppert), Ende 50, unterrichtet in Paris Philosophie, publiziert Aufsätze und lebt mit ihrem Mann Heinz (André Marcon) in gepflegten bürgerlichen Verhältnissen. Die beiden Kinder sind aus dem Haus, ihre Mutter Yvette (Edith Scob) neigt zur Hypochondrie (und besitzt eine Katze, die ausgerechnet Pandora heißt!), doch das scheint das einzige Problem in Nathalies Leben zu sein.

Doch dann beginnt alles zu zerfallen: Heinz offenbart ihr, dass er eine andere Frau hat und sich trennen will, ihr Verlag will sich einem jüngeren Publikum zuwenden, denen die intellektuellen Texte Nathalies zu kompliziert sind, und ihre Mutter muss widerwillig zustimmen, endlich in ein Pflegeheim zu ziehen. Allein Nathalies ehemaliger Student Fabien (Roman Kolinka) sorgt für einen Lichtblick, scheint mit seiner selbstbewussten, von der Richtigkeit seiner Vorstellung überzeugten Art all das zu verkörpern, was Nathalie vermisst: Sicherheit, Souveränität, einen positiven Ausblick in eine ungewisse Zukunft.

In zehn Jahren hat Mia Hansen-Love fünf Filme gedreht, darunter "Eine Jugendliebe" und zuletzt "Eden", die geradezu urtypisch französisch sind. Stets wird ausgiebig geredet, über das Leben, die Liebe, Kunst, Musik, Philosophie, die Dinge des Lebens also, um einen Titel des großen Claude Sautet zu zitieren. Ebenso wie Sautet es tat, aber auch ihr langjähriger Mann Olivier Assayas, inszeniert Hansen-Love ihre Geschichten als langen Fluss, ohne offensichtliche emotionalen Ausschläge. In oft langen Einstellungen beobachtet sie ihre Figuren, ihre Unterhaltungen, das Leben und lässt dabei kaum merklich die Zeit verstreichen, mal Monate, mal Jahre.

Dass sie dabei fast nie die Dinge auf den Punkt bringt, den Zuschauer Verbindungen herstellen lässt, Bezüge nur andeutet, in den Raum stellt, birgt die Gefahr, dass ihre Filme wirken, als würden sie ein wenig dahinplätschern. In "L'Avenir" kommt hinzu, dass sich Hansen-Love mit der Philosophie in einen Bereich begibt, der sich nicht zwingend für eine so beiläufige Herangehensweise eignet, wie sie sie bevorzugt. Waren es in früheren Film noch Teenager oder junge Erwachsene, die sie beobachtete, die mit der ersten Liebe, der Euphorie der ersten Berufsjahre, des Erwachsenenlebens zu kämpfen hatten, beschreibt sie hier zum ersten Mal deutlich reifere Menschen.

Lose basiert das Paar Nathalie/ Heinz auf ihren Eltern, ebenfalls Philosophie-Professoren, doch so authentisch, wie die Lebenswelten, die sie bislang beschrieben hat, gelingt ihr die Darstellung diesmal nicht. Was aber auch daran liegt, dass sie gerade mit dem überragenden "Eden" die Messlatte enorm hoch gelegt hat. Auch wenn sie diese Qualität diesmal nicht erreicht ist "L'Avenir" ein weiterer reicher, vielschichtiger, genau beobachteter Film von einer der interessantesten Regisseurinnen unserer Zeit.
 
Michael Meyns