Astor Piazzolla – The Years of the Shark

Ungehorsam, mutig und voller Leidenschaft ging er durch sein Leben: der Argentinier Astor Piazzolla, der sich als einer der weltbesten Bandoneon-Spieler seinen Platz in der Musikgeschichte sicherte. Und der wie niemand zuvor die Grenzen und Variations-möglichkeiten des argentinischen Tangos auslotete. Mit seiner größten Schöpfung aber machte er sich nicht nur Freunde. Der biographische Dokumentarfilm „Astor Piazzolla – The Years of the Shark“ erzählt die Lebensgeschichte dieses Virtuosen anhand vieler nie zuvor gesehener Privataufnahmen und Konzertausschnitte, die aus den versteckten Archiven Piazzollas stammen.

Webseite: www.filmdisposition-kino.de

Argentinien, Frankreich 2019
Regie: Daniel Rosenfeld
Länge: 92 Minuten
Kinostart: 07.11.2019
Verleih: Filmdisposition Wessel

FILMKRITIK:

Neun Jahre war Astor Piazzolla alt als er sein erstes Bandoneon geschenkt bekam. Für den Jungen war es ein Erweckungserlebnis: Die Klänge des Bandoneons, eine Mischung aus Tasten- und Windinstrument, übten eine gewaltige Faszination auf ihn aus. 20 Jahre später galt Piazzolla bereits als einer der fähigsten Bandoneon-Spieler der Welt. Doch er wollte mehr: Piazzolla studierte außerhalb seiner Heimat Klavier und Komposition und fand einige Jahre später schließlich zum Tango zurück. Jedoch ließ er den traditionellen „Tango Argentino“ zeitgenössischer und moderner klingen, was ihm in seinem Heimatland zunächst Kritik einbrachte. In den USA und Europa aber wurde Piazzolla ein Star.

Für „The Years of the Shark“ öffnete Piazzollas Sohn Daniel erstmals das umfangreiche, aus unzähligen Ton- und Videodokumenten bestehende Privatarchiv des 1992 im Alter von 71 Jahren verstorbenen Vaters. Diese Aufnahmen von Auftritten und Proben sowie persönlichen Familienfilmen benutzt  Regisseur Daniel Rosenfeld, um das ereignisreiche und spannende Leben des rebellischen Künstlers nachzuerzählen.

Rosenfeld berücksichtigt dabei alle wesentlichen beruflichen wie privaten Stationen Piazzollas, die er dem Zuschauer in chronologischer Form präsentiert: von der (frühen) Kindheit in Argentinien sowie der Auswanderung der Familie nach New York über Piazzollas lehrreiche, intensive Zeit in Paris bis hin zur Rückkehr in die Heimat 1955 und der Etablierung seines berühmten „Octeto Electrónic“. In diesem, 1975 gegründeten Ensemble spielte auch sein Sohn Daniel mit. Ein Schwerpunkt legt „The Years of the Shark“ klar auf Piazzollas wohl größte künstlerische Leistung: die Neuinterpretation des Tango.

Sein mit mitreißenden Klassik- und Jazz-Elementen angereicherter „Tango Nuevo“ war nur noch schwer tanzbar – eine radikale Abkehr von der ursprünglichen Form. „Meine Musik ist Musik für Zuhörer nicht für Tänzer“, ließ er all jene Wissen, die sich deshalb von dem begnadeten Musiker abwandten. Ebenso wie viele andere prägnante Äußerungen ist dieses Zitat Piazzollas im Film zu hören. Überhaupt baut Rosenfeld in sein Werk etliche reine Audioaufnahmen ein – und zeigt, während das Tonband läuft, Piazzollas Sohn, der das Gesagte konzentriert aufnimmt und im Anschluss immer wieder kommentiert. Daniel Piazzolla ist der einzige, der hier einordnet und Kommentare abgibt. Darüber hinaus verzichtet Rosenfeld nämlich auf eine Off-Kommentierung sowie auf Interviews mit Zeitzeugen, persönlichen Weggefährten und Familienangehörigen.

Aufgrund der Fülle an packenden Originalaufnahmen, die den Mehrwert des – bewegten – Bildes wieder einmal nachhaltig vor Augen führen, vermisst man diese klassischen Elemente des Dokumentarfilms allerdings zu keinem Zeitpunkt. Zwar legt Rosenfeld durchaus ein gehöriges Tempo vor, wenn er innerhalb weniger Sekunden Familienbilder, Konzertfotografien und Live-Impressionen aus nahezu allen Lebensjahrzehnten des Meisters manchmal etwas stürmisch aneinanderreiht und damit unbedingte Konzentration vom Kinobesucher einfordert. Dennoch: Allein die Szenen, die Piazzolla voller Inbrunst und ekstatisch an seinem Instrument zeigen, ob als Solist oder Teil eines Ensembles, machen „The Years of the Shark“ zu einem empfehlens- und sehenswerten filmischen Erlebnis.

Björn Schneider