Aus dem Abseits

Im Mittelpunkt von Simon Brückners Dokumentation „Aus dem Abseits“ steht sein Vater Peter, der in den 70er Jahren zur Ikone der Linken wurde, als er als erster deutscher Hochschuldozent Lehrverbot bekam. Anhand von Interviews mit Freunden und Wegbegleitern zeichnet der Sohn das Leben des Vaters nach, den er selbst nur wenige Jahre kannte.

Webseite: www.missingfilms.de

Deutschland 2015 – Dokumentation
Regie, Buch: Simon Brückner
Länge: 112 Minuten
Verleih: missingFILMs
Kinostart: 3. Dezember 2015
 

FILMKRITIK:

Als Peter Brückner 1982 stirbt ist sein Sohn Simon gerade einmal vier Jahre alt. Das Bild, dass der Sohn somit vom Vater hat, ist weniger durch eigene Erinnerungen geprägt, als durch Aussagen Dritter, der Mutter, den Halbgeschwistern aus Peters früherer Ehe, den zahlreichen Zeitungsartikeln, die über Peter Brückner geschrieben wurden und, ganz der Zeit entsprechend, radikal unterschiedliche Ansichten liefern.

Denn Peter Brückner war ein umstrittener Mann, der als Sozialpsychologe an der Hochschule Karriere machte, jedoch weniger auf Grund seiner Forschungsergebnisse bekannt war, sondern wegen seiner Sympathie für den aufkommenden Linksradikalismus der Roten Armee Fraktion. Dass war zwar damals als Linker keine besonders ungewöhnliche Haltung, doch Peter Brückner wurde auch dann noch Sympathie für die RAF unterstellt, als die mit zunehmend brutaleren Methoden mehr und mehr die Sympathie der Linken verspielten. 1972 wurde Peter Brückner dadurch als erstem deutschen Hochschullehrer Berufsverbot erteilt, was ihn endgültig zur Ikone der Linken machte. Fünf Jahre später war er zudem an der so genannten Mescalero-Affäre beteiligt, einem offenen, anonym verfassten Brief, in dem reichlich hämisch die Ermordung Siegfried Bubacks kommentiert wurde.

Tief in die 70er Jahre taucht Simon Brückner mit seiner Dokumentation also ein, in Diskussionen und Debatten über die APO, Kommunen und freie Liebe. Ein persönlicher Ansatz trieb seine Arbeit zwar an, doch über weite Strecken wirkt „Aus dem Abseits“ wie eine ganz normale Dokumentation: Viel Archivmaterial hat er zusammengetragen, dazu Interviews mit Wegbegleitern und Freunden geführt. Dass es ihm eigentlich auch darum ging, vom eigenen Verhältnis zum Vater zu erzählen, den eigenen Blick auf eine Person zu bestätigen oder zu verändern, die mehr durch Erzählungen Anderer, als durch eigene Erfahrungen entstand, gerät leider etwas ins Hintertreffen.

Dabei wäre gerade dies ein spannender Ansatz gewesen, der aus einer Dokumentation über eine Randfigur der deutschen Geschichte einen wirklich persönlichen Film hätte machen können. Dass Simon Brückner als Sohn seines Vaters möglicherweise besonderen Zugang zu dessen Freunden hatte, kann man in wenigen Momenten ahnen, doch meist bleiben die Gespräche abstrakt.

Vor allem aber, wenn er mit seiner Mutter, seinen Halbgeschwistern und deren Mutter, Peters früherer Frau, spricht, entwickelt „Aus dem Abseits“ seine wirklichen Qualitäten: Unterschiedliche Sichtweisen auf ein und dieselbe Person prallen hier aufeinander, Erinnerungen und Ansichten werden abgeglichen, bestätigen sich bisweilen oder kollidieren. In dieser Unschärfe des Blicks schwebt viel mit: Die Erinnerung an einen lange verstorbenen Mann, aber auch die deutsche Geschichte der 70er Jahre, die auf so unterschiedliche Weise geschrieben werden kann.
 
Michael Meyns