Away -Vom Finden des Glücks

Es muss nicht immer Disney sein. Ganz in Eigenarbeit und alleine hat der Lette Gints Zilbalodis dieses minimalistische Animations-Märchen zum Leben erweckt. Die schlichte Story erzählt von einem Jungen, der mit seinem Fallschirm in der Wildnis landet. Dort wird er von einem schwarzen Riesen verfolgt. Freundet sich mit einem kleinen Vogel an. Sucht mit einem gefundenen Moped den Weg zurück in die Zivilisation. Der Held ohne Namen kommt ohne Mund und Mimik aus, hat nur seine Kulleraugen. Auf Dialoge wird völlig verzichtet. Die ungeschmeidige Animation mag an Videospiel-Ästhetik erinnern. Gleichwohl besitzt gerade jenes Fehlen von polierter Perfektion durchaus ihren Reiz. Bisweilen schimmern fast magische Momente durch dieses stilisierte Trickfilmabenteuer, das als eigenwillige One-Man-Show entstand. Sogar Bambi taucht kurz kurz auf – allerdings nicht à la Disney.

Webseite: www.der-filmverleih.de

Lettland 2019
Regie: Gints Zilbalodis
Filmlänge: 75 Minuten
Verleih: Der Filmverleih GmbH
Kinostart: 5.3.2020

FILMKRITIK:

Da hängt er nun am Baume, der namenlose Knabe. Mit einem Fallschirm fiel er vom Himmel, nun steckt er mutterseelenallein in der Wildnis. Die Einsamkeit findet schnell ein jähes Ende. Ein schwarzer Riese taucht am Horizont auf, droht den Jungen zu verschlingen. Der kleine Held kann in letzter Minute entkommen. der große Verfolger holt ihn fast ein. Zum Glück passt der Gigant nicht durch jenen Steinbogen, der sich mitten in der Wüste auftut. Das Schicksal meint es noch besser und hält ein herrenloses Moped samt Rucksack am Wegesrand bereit, mit dem der Junge seine Flucht fortsetzt.
 
Wem so viel Gutes wird beschert, der revanchiert sich gern. Ein hilfloser kleiner Vogel findet im Rucksack sein neue Nest. Gemeinsam mit dem neuen, gefiederten Freund geht die abenteuerliche Reise weiter durch die grünen Wälder. Eine gigantische Holzbrücke gerät zum nächsten Wagnis. Kaum ist das wackelige Bauwerk mit viel Vorsicht überquert, erscheint in der Ferne erneut der schwarze Koloss. Ein unvorsichtiges weißes Reh dient ihm als kleine Zwischenmahlzeit. Doch der Riese hat Menschenfleisch gerochen. Als er die Brücke der Schlucht erreicht, hat der Knirps die rettende Idee. In größter Not erlernt der Piepmatz sogar spontan das Fliegen. Die Reise führt weiter, vorbei an friedlichen Elefanten und Schildkröten. Eine Armada schwarzer Katzen bringt keine Pech, sondern zeigt den sehr labyrinthischen Weg in eine tiefe Höhle zum dringend benötigten Trinkwasser. Durch einen mutigen Sprung in die Fluten gelingt später schließlich die Rückkehr in die Zivilisation.
 
Dreieinhalb Jahre lang hat der lettische Regisseur Gints Zilbalodis an seinem Herzensprojekt getüftelt. Völlig allein, ganz so wie sein Held, hat er diese One-Man-Show auf die Beine gestellt. Als Belohnung für sein eigenwilliges Langfilm-Debüt folgte die Einladung zum renommierten Annecy Animationsfestival. Nicht nur auf Dialoge wird völlig verzichtet, dem kleinen Helden fehlt (meist zumindest) auch der Mund. Statt Mimik müssen große Kulleraugen die Gefühle vermitteln. Mit dieser Methode wird auch sein gefiederter Freund zum Leben erweckt – der immerhin noch ein bisschen Piepsen darf. Minimalismus bestimmt insgesamt das visuelle Konzept. Viele Details haben die Landschaften kaum zu bieten. Die Tiere wirken fast zweidimensional, die Bewegungen geraten eher holprig als elegant. Die ungeschmeidige Animation mag an Videospiel-Ästhetik erinnern, gleichwohl besitzt gerade jenes Fehlen von polierter Perfektion durchaus ihren Reiz. Nach anfänglicher Irritation sind die neuen Sehgewohnheiten schnell justiert. Die stilisierten Bildern vermitteln fast meditative Stimmung. Der Weg ist das Ziel, lautet das dramaturgische Motto der naiven Handlung, die sich wenig um klassische Erzählform oder Entwicklung schert und lieber auf eine sorglose Traumlogik aus Kinderperspektive setzt. Bisweilen schimmern sogar fast magische Momente durch dieses hyperreale Trickfilmabenteuer der hausgemachten Art.
 
Dieter Oßwald