Axolotl Overkill

Zwischen Dahintreiben und Aufbegehren, zwischen Kindheit und Erwachsensein … Mehr Zustandsbeschreibung als Geschichte ist der Film von Helene Hegemann nach ihrem Roman AXOLOTL ROADKILL. Jasna Fritzi Bauer spielt absolut hinreißend die Hauptrolle der Mifti: ein außergewöhnliches Mädchen, das lieber die Berliner Party- und Drogenszene unsicher macht, als zur Schule zu gehen.
In gelegentlich rauschhaften Bildern zeigt Helene Hegemann ein konfuses Kind in einer zerstörten und zerstörerischen Gesellschaft. Vorrangig geht es um Verweigerung, aber eigentlich um Selbstfindung. Miftis Verwirrung überträgt sich auf das Publikum, es gibt keine Lösungen. Aber vielleicht ist der ganze Film so etwas wie ein Hilfeschrei nach den großen W-Fragen des Lebens.

Webseite: axolotl-film.de

Deutschland 2017
Regie und Drehbuch: Helene Hegemann
Darsteller: Jasna Fritzi Bauer, Arly Jover, Mavie Hörbiger, Laura Tonke, Julius Feldmeier, Hans Löw, Christopher Roth, Bernhard Schütz
Kamera: Manuel Dacosse
Länge: 94 Minuten
Verleih: Constantin
Kinostart: 29. Juni 2017

FESTIVALS/PREISE:

Sundance Festival 2017: Preis für die Beste Kamera

FILMKRITIK:

Helene Hegemann sorgte mit ihrem Romanerstling AXOLOTL ROADKILL gleich in mehrfacher Hinsicht für Furore: Mit 18 wurde sie zur Bestseller-Autorin, dann ging es um Plagiatsvorwürfe, und schließlich wurde darüber spekuliert, ob die junge Berlinerin vielleicht die Marionette ihres ehrgeizigen Vaters wäre. Tatsache bleibt: Ihr Buch ist rotzig, zornig und dreckig – und ob man es mag oder nicht, war und ist es doch Ausdruck einer neuen Generation von im Überfluss aufgewachsenen Mädchen auf Sinnsuche. Früher gab es den „angry young man“, und Erinnerungen werden wach an Marlon Brando, James Dean … aber wo sind die zornigen, jungen Frauen? So wie sich das Frauenbild in den letzten Jahrzehnten geändert hat, ist es erstaunlich, dass in Literatur und Film doch eher selten die Teenie-Mädchen durchdrehen oder zumindest mal so ausgiebig mit Sex and Drugs and Rock’n’Roll experimentieren, wie es pubertierende Jungs ganz selbstverständlich seit 70 Jahren schaffen. Stattdessen scheinen junge Frauen – Ausnahmen bestätigen die Regel – weltweit vor allem mit ihrem Äußeren und mit der nimmermüden Suche nach der großen Liebe beschäftigt zu sein. Nur sehr langsam ändert sich hier die Sichtweise und damit die Bewertung von außen, auch im Film.
 
Und hier kommt Mifty, die 16-Jährige Berlinerin, die vor kurzem ihre Mutter verlor und nun mit ihren Geschwistern in einer sehr merkwürdigen WG lebt. Miftiy ist Schulschwänzerin, steht auf Drogen, Männer und Frauen, und besonders auf Alice, eine geheimnisvolle Schönheit, die kommt und geht, wie es ihr gefällt. Wäre Mifty keine Tochter aus gutem Hause – ihr Vater ist ein offenbar vormals linksalternativer Gewohnheitskapitalist aus der Hautevolee der Kulturszene – dann könnte man sie einfach verwahrlost nennen. Obwohl sie erst 16 ist, gibt es niemanden, außer gelegentlich ihre Schwester Anika (Laura Tonke), der sich um sie kümmert oder anders gesagt: den sie weit genug an sich ranlässt. Doch Mifti ist ein Wohlstandskind, und das bedeutet: Unter den genannten Umständen ist sie schlimmstenfalls eine kleine, einsame und vielleicht hilfesuchende Göre, die nicht weiß, wer sie ist, was sie will und wie sie das schaffen soll. Die rat- und rastlose Mifty nähert sich immer mehr ihrem Haustier an, einem Axolotl. Dieses Tier verbleibt sein Leben lang im Stadium einer Larve, ohne die übliche Metamorphose von Amphibientieren zu durchlaufen. Auch Mifty möchte nicht erwachsen werden. Und ihr langer Trip ins Ungewisse hält an.
 
Mittlerweile ist Helene Hegemann 25 und legt – nach dem 45-Minuten-Film „Torpedo“ von 2008, für den sie als 16-Jährige den Max-Ophüls-Preis erhielt – ihr Kinodebüt vor, und das ist eigentlich fast noch überzeugender als das Buch. Der Film verbreitet eine intensive Berliner Endzeitstimmung als sehr eigene, wilde Mischung aus Pippi Langstrumpfs Abenteuern, „Linie 1“ und einer schwerintellektuellen Variante von „Christiane F. – wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Aber hier ist es weniger die Stadt, weniger die Atmosphäre der Metropole als vielmehr das persönliche Schicksal eines Kindes, das an den falschen Orten um Hilfe ruft und nirgendwo zu Hause ist. Vielleicht sucht sie jemanden oder etwas – man hofft es eigentlich. Sie ist umgeben von anderen Menschen, die genauso verwirrt und kaputt sind wie sie, nur dass sie schon erwachsen sind. Vieles wird angesprochen und ausgesprochen, nur wenig wird klar, außer dass Mifty immer weiter auf dem falschen Dampfer mitfährt.
 
All das zeigt Helene Hegemann in kleinen Szenen, die oft intensiv, gelegentlich beinahe schmerzhaft schön gefilmt sind – Miftis Rauschzustände und die Partyszenen sind echte psychedelische Kinotrips. Zwischendurch gibt es auch mal ein paar hübsche, witzige Irritationen. Mal läuft ein Pinguin durchs Bild oder es steht auch mal ein Einhorn rum. Manches, besonders wenn es um Drogen und Sex geht, ist eine Spur zu sauber und zu gefällig geraten, und der Film hält nicht immer die Spannung, was natürlich ohnehin problematisch ist, wenn wenig erzählt wird. Die Sprache ist deutlich gemäßigter als die des selbsternannten „Arschkindes“ aus dem Buch – vermutlich möchte man produktionsseitig das Publikum doch nicht allzu sehr erschüttern. Doch was Helene Hegemann aus ihrer eigenen Vorlage macht, wie sie dank der Bildgestaltung von Manuel Dacosse mit ihrem Stoff spielt, das ist schon sehr beachtlich und zeugt von souveräner Beherrschung des Handwerks. Unter ihrer Regie spielen Mavie Hörbiger als Ophelia und Laura Tonke als Miftis Schwester Anika zwei Frauen, die, obwohl erwachsen, ständig an sich selbst scheitern und ihr Unglücklichsein pflegen, so wie die gesamte Welt um Mifti herum, die im Grunde genommen in Wohlstand verrottet. Kein Wunder also, dass Mifti nicht dazugehören will. Arly Jover spielt Miftis ebenso sprachgewandte wie geheimnisvolle Liebespartnerin Alice. Doch vor allen anderen steigert sich Jasna Fritzi Bauer als Mifti zu unglaublicher schauspielerischer Präsenz. Innerhalb von Sekunden wechselt sie Stimmungen und Erscheinungen. Ihr weiches, aufmerksames Kindergesicht wird plötzlich zur starren Maske, dann lässt sie sich fallen, sieht aus wie ein ganz normaler Teenie und scheint sich urplötzlich in eine reife Frau zu verwandeln. Sie ist rotzig, zärtlich und ironisch – wenn es sein muss, alles auf einmal. Dabei ist sie alles andere als ein kleines Dummchen, sondern Jasna Fritzi Bauer bleibt intelligent, oft witzig und ironisch. Ihr unschuldiges, junges Gesicht, dazu die coolen Sprüche und alles zusammen mit der Melancholie dieses konfusen Kindes … das ist dann tatsächlich sehenswert.
 
Gaby Sikorski