Babyteeth

Krebs gilt als zweihäufigste Todesursache. Wohl niemand, der keine Betroffenen kennt. Entsprechend populär sind Bücher und Filme zu diesem Thema. Nach einem Theaterstück erzählt dieses tragikomische Drama von der 16jährigen Milla, die sofort begeistert ist, als sie den Freak Moses trifft. Die Eltern reagieren skeptisch. Doch dieser Moses tut ihrer krebskranken Tochter sichtlich gut. Für eine paar Drogen mehr, die Millas Vater besorgt, spielt der Junkie den fürsorglichen Freund. Ganz so unecht sind seine Gefühle freilich nicht. Der schwierige Balanceakt zwischen Tragik und Komik gelingt souverän. Mehr noch: Gönnt dieses Debütwerk seinen Figuren vielfältige Ecken und Kanten, die für Glaubwürdigkeit sorgen. Mit ruppigem Charme samt jener großen Lässigkeit, die Australier so perfekt beherrschen, entsteht ein höchst bewegendes Drama. Die letzte Sequenz am Strand entwickelt eine solch emotionale Wucht, dass wohl jeder bis zum Ende des Abspanns sitzen bleibt – und dem Meeresrauschen lauscht.

Webseite: www.x-verleih.de

Australien 2019
Regie: Shannon Murphy
Darsteller: Eliza Scanlen, Toby Wallace, Emily Barclay, Eugene Gilfedder, Essie Davis, Ben Mendelsohn
Filmlänge: 118 Minuten
Verleih: X-Verleih AG
Kinostart: Frühjahr 2020

FESTIVALS/AUSZEICHNUNGEN:

Marcello Mastroianni Preis als Bester Nachwuchsdarsteller in Venedig 2019 für Toby Wallache


FILMKRITIK:

Die erste Begegnung ist ein Schock: Der junge Moses (Toby Wallace) springt auf dem Bahnsteig in Richtung des einfahrenden Zuges. Er rempelt die überraschte Milla (Eliza Scanlen) an und hält dann gerade noch rechtzeitig. Doch der Freak mit abgeraspelter Vokuhila-Frisur und reichlich Tätowierungen gibt sich schnell fürsorglicher als gedacht. Spontan kümmert er sich um das plötzliche Nasenbluten von Milla. Das Schnorren danach gehört für den mittellosen Junkie zur Routine. Die 16-Jährige stört das wenig, schließlich hat sie als Dank für die Spende einen Wunsch frei: Moses begleitet sie zum heimischen Abendessen, um die fürsorglichen Eltern zu schockieren.

Der Plan gelingt. Die Mutter ist vom neuen Freund der rebellischen Tochter wenig begeistert, nicht nur weil Moses die Tischmanieren eher locker nimmt, sondern mit seinen 23 Jahren um einiges zu alt erscheint. Andererseits hat Mutti wieder so reichlich Psychopharmaka eingeworfen, dass ihr Ärger schnell verfliegt. Die Pillen bekommt die labile Pianistin vom Gatten, einem Psychiater. Der wiederum greift selbst schon mal gerne zum Morphium seiner Patienten oder flirtet heftig mit der hochschwangeren Nachbarin. Gleichwohl sind Henry und Anna fürsorgliche Eltern für ihre einzige Tochter, die schwer an Krebs erkrankt ist.

Als frischer Wirbelwind mischt Moses die verkrusteten Strukturen der schrecklich netten Familie gehörig auf. Wobei der Held durchaus als Hallodri durchgeht: Ob er am Medikamentenschrank des Psychiaters seine Vorräte als Drogenhändler auffrischt. Oder Milla nachts völlig alleine auf einer Parkbank zurücklässt. „Liebst du mich?“ fragt der Teenager einmal. „Es ist kompliziert“, bekommt sie als Antwort. Ähnliche Fragen werden sich auch die Eltern bald stellen. Derweil die Krankheit für Milla zunehmen schwerer zu ertragen ist.

„Milla trifft Moses auf Bahnsteig 4“, „Ein bisschen high“, „Romanze (Teil 2“) – mit solch hübschen Überschriften werden die kleinen Kapitel der Geschichte vorgestellt. Damit wird ein heiterer Grundton gesetzt, der sich in reichlich Situationskomik fortsetzt. Von der vielfach verpeilten Mutter über die liebestolle Nachbarin bis zum titelgebenden Milchzahn, den Milla auf zauberhafte Weise endlich verlieren wird. Diese Leichtigkeit ist freilich nur der Zuckerguss für ernste Themen. Verlustängste. Suchtprobleme, Vertrauenskrisen und natürlich, auf welche Weise sich Krebskranke und Angehörige diesem Schicksal stellen.

Shannon Murphy gelingt in ihrem Debüt nicht nur souverän die Balance zwischen Tragik und Komik, sie umgeht geschickt die Kitsch-Klippen und setzt auf Gefühle statt Sentimentalität. Das herausragende Ensemble sorgt für die notwendige Glaubhaftigkeit. Essie Davis („Assassin’s Creed“) und Ben Mendelsohn („Star Wars: Rogue One“) überzeugen als verzweifelnde Eltern.

Eliza Scanlen („Little Woman“) und Toby Wallace („Romper Stomper“) bieten als charismatisches Pärchen unaufdringliches Empathie-Potenzial. Ziemlich ungerecht, dass lediglich Wallace beim Filmfestival Venedig als Bester Darsteller auf das Siegertreppchen durfte.

Als Höhepunkt mit Klassiker-Qualitäten erweist sich die letzte Sequenz am Strand, die eine emotionale Wucht entwickelt ohne jenes schale Gefühl, manipuliert zu werden: „Tempo“-Alarm bis zum Ende des Abspanns.

Dieter Oßwald