Balkan Dreams – Ein Leben im 9/16 Takt

Ein ungewöhnliches Projekt ist „Balkan Dreams – Ein Leben im 9/16 Takt“, eine Langzeitdokumentation, für die Gianluca Vallero über einen Zeitraum von fünf Jahren immer wieder mit Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien zusammentraf, die seit Jahren in Berlin leben, fast alle einen deutlichen Bezug zur Musik ihrer Heimat haben, vor allem aber ganz gewöhnliche Menschen mit ganz gewöhnlichen Träumen sind.

Webseite: finimondoproductions.com

Dokumentation
Deutschland 2017
Regie: Gianluca Vallero
Länge: 93 Minuten
Verleih: Finimondo Productions
Kinostart: 27. September 2018

FILMKRITIK:

Kommt ein Großteil der aktuellen Migranten aus Syrien, Afghanistan, den Maghreb-Staaten, waren es vor gut 30 Jahren Menschen aus Ex-Jugoslawien, die nach dem Zerfall des Vielvölkerstaates und der folgenden Kriege ihre Heimat verließen und auch in Deutschland Asyl fanden. Viele sind inzwischen zurückgekehrt, viele auch geblieben, sind in Deutschland heimisch geworden, haben sich hier ein Leben aufgebaut und doch die Verbindung zu ihrer Heimat nicht verloren.
 
Neben Verwandten in der alten Heimat, die auf langen Sommerreisen besucht werden, ist es besonders die Musik, die eine Verbindung zum Balkan erzeugt. So überrascht es dann auch nicht, dass fast alle Protagonisten von Gianluca Valleros Langzeitdokumentation „Balkan Dreams – Ein Leben im 9/16 Takt“ einen mehr oder weniger großen Bezug zur Musik haben.
 
Mirca etwa spielt am Keyboard Rhythmen aus dem Balkan und versucht, als Musiker Erfolg zu haben. Am liebsten wäre ihm zwar eine Kapelle, die Balkan-Beats spielt, zur Not und um seine Karriere zu beginnen, spielt er aber auch westliche Musik. Ganz im Gegensatz dazu Zoran, der nichts anderes spielen will als die Musik seiner Heimat.
 
Robert wiederum träumt davon, als Stand Up Comedian Erfolg zu haben, probiert vor dem heimischen Spiegel sein Programm und schafft es sogar recht weit in einer Auswahlsendung des Quatsch Comedy Club. Am Ende jedoch scheitert er ebenso wie seine Landsmännern, die statt einer künstlerischen Karriere nachzugehen, am Ende in einem Imbiss arbeiten oder Musikinstrumente verkaufen.
 
Betont unspektakulär sind die Typen, die Vallero über Jahre immer wieder begleitete und beobachtete. Jahre, in denen Beziehungen begannen und endeten, Kinder geboren wurden, Träume am Leben erhalten wurden und schließlich platzten. Und über allem: Die Erinnerungen an die alte Heimat, die die meisten der Protagonisten in einem der vielen Kriege verließen, die durch die Zersplitterung der Balkan-Staaten und der mit ihr einhergehenden ethnischen Trennung der Völker ausgelöst wurde.
 
In Berlin ist es kein Thema, ob jemand Serbe oder Kroate, Muslim oder Christ ist, so wie es auch in Jugoslawien kein Thema war, auch durch den Druck der Zentralregierung kein Thema sein durfte. Gerade für die ältere Generation, besonders die Verwandten, die in der Heimat geblieben sind, ist das Thema dennoch immer noch präsent.
 
Die hier im Mittelpunkt stehende jüngere Generation ist zwar nicht mehr unmittelbar von den Traditionen des Balkan geprägt, doch gerade in ihrem Verhältnis zu den Frauen zeigt sich eine deutliche Prägung. Wenn da etwa Mirca davon berichtet, was er von einer Frau erwartet, wie er es für selbstverständlich hält, dass diese für ihn kocht und die Wohnung in Stand hält, scheint ein überaus altmodisches Verständnis von Geschlechterrollen durch.
 
Von Rassismus oder Integrationsschwierigkeiten ist zwar kaum die Rede, doch unweigerlich erzählt Valleros Film auch viel über die Fragen, die im Zuge der neuen Welle von Migranten aus kulturell ganz anders geprägten Regionen aufkommen. Angenehm unaufgeregt ist „Balkan Dreams – Ein Leben im 9/16 Takt“ alledem, ganz anders also als es die öffentliche Debatte des Themas meist ist.
 
Michael Meyns