Berlin 4 Lovers

Joy Club, OKCupid oder Tinder: Dating Apps, die das Kennenlernen, das Verlieben, den Sex im neuen Jahrtausend verändert haben. In Leonie Loretta Scholls „Berlin 4 Lovers“ berichten meist junge Berliner über ihre Erfahrungen und Enttäuschungen mit der informellen, oft auch oberflächlichen Form des Online-Datings.

Webseite: www.dejavu-film.de

Deutschland 2018 – Dokumentation
Regie: Leonie Loretta Scholl
Dokumentation
Länge: 72 Minuten
Verleih: déjà-vu Film
Kinostart: 24. Oktober 2019

FILMKRITIK:

Sie arbeiten als Lichttechniker, Ausstatter, Fotografen, sind jung, meist zugezogen, leben typische, unbestimmte freiberufliche Existenzen und pflegen diese Freiheit oft auch in Beziehungsdingen. Zehn junge Berliner hat Leonie Loretta Scholl für ihren Debütfilm „Berlin 4 Lovers“ interviewt, befragt sie kurz nach ihrem Werdegang, dem Grund, weswegen sie nach Berlin gekommen sind, vor allem aber über ihr Dating-Verhalten.

Früher lernte man Menschen, also potentielle Partner, meist im öffentlichen Raum kennen, in einer Bar, bei einer Party, vielleicht tatsächlich wie das Klischee besagt an der Supermarktkasse. Doch in der Gegenwart, in der selbst in der Öffentlichkeit viele Menschen mehr auf ihr Smartphone starren, als ihre Umgebung oder gar ihre Mitmenschen wahrzunehmen, hat sich das kennenlernen gerade für die jüngere Generationen ins Internet und aufs Smartphone verlagert.

Eine der bekanntesten Apps ist Tinder, bei der anhand von ein, zwei Fotos und vielleicht noch einem flotten Spruch entschieden wird ob man das Gegenüber liked oder nicht. Und was dann passiert ist offen, der Umgang mit dieser oder anderen Apps ist unterschiedlich, scheint sich jedoch an den Geschlechterlinien entlang zu bewegen. Die meisten Männer, die von ihrem Dating-Verhalten berichten, können nur gutes über die Möglichkeit sagen, sich unkompliziert zu verabreden, schnell jemanden kennen zu lernen, ein oder zwei Bier zu trinken und dann zu schauen, ob es für mehr reicht. Die Oberflächlichkeit der App, die durch ihre scheinbar unbegrenzte Anzahl potentieller Partner den Hang zur Austauschbarkeit fördert, bemerken jedoch die meisten der Interviewten. Vom „Tinder durchspielen“ ist da sogar einmal die Rede, also vom ausreizen sämtlich Möglichkeiten, bis niemand mehr übrig ist. Die 25jährige Sarah macht diese Aussage und ist auch sonst eine der reflektiertesten Nutzer der App, die im Film auftauchen.

Sie beschreibt treffend die Gefahr der App, die dazu verleitet neue Matches, neue Menschen, die man kennenlernen kann, mit echter Anerkennung zu verwechseln, umgekehrt aber auch Zurückweisungen allzu dramatisch zu bewerten. Ähnliche Verhaltensmuster beschreibt auch der Philosophie-Student Dennis, der den schönen Satz sagt: „Es ist wie ein logischer Schritt: Ich bin verletzt, mein Herz tut weh. Nächster Schritt: Tinder runterladen.“ Wie wenig substantiell die kurzfristigen Bekanntschaften sind, die oft auch dann mit Sex enden, wenn beiden Partner eigentlich bewusst ist, das es bei einem Mal bleiben wird, ist Dennis offenbar sehr bewusst. Dennoch folgt er wie so viele Nutzer dieser und anderer Apps dem Drang, kurzfristige Bestätigung zu bekommen.

Eine ziemlich ernüchternde Erkenntnis, die am Ende von Leonie Loretta Scholls Dokumentation zurückbleibt, das Porträt einer Generation, die es gewohnt ist, sich die Rosinen rauszupicken, dabei aber gern übersieht, dass Hindernisse oft erst dazu beitragen, ein erreichtes Ziel wirklich zu schätzen.

Michael Meyns