Bis dann, meinSohn

Über einen Zeitraum von 30 Jahren erstreckt sich das Filmepos des chinesischen Independent-Regisseurs Wang Xiaoshuai, ein Familiendrama mit viel politischem Hintersinn – eines der cineastischen Highlights der Berlinale 2019, und das nicht nur wegen der herausragenden Darstellerleistungen, sondern auch aufgrund einer ausgefuchsten Dramaturgie.

Webseite: www.bis-dann-mein-sohn.de

Originaltitel:Di jiu tian chang
China 2019
Regie: Wang Xiaoshuai
Drehbuch: Ah Mei, Wang Xiaoshuai
Darsteller: Wang Jingchun, Yong Mei, Qi Xi, Wang Juan, Du Jiang, Ai Liya, Xu Cheng, Li Jingjing, Zhao Yanguozhang
185 Minuten
Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 31. Oktober 2019

FESTIVAL/PREISE:

Berlinale 2019 – Silberner Bär für die Beste Darstellerin: Yong Mei
Berlinale 2019 – Silberner Bär für den Besten Darsteller: Wang Jingchun

FILMKRITIK:

Kinder, die am Ufer spielen – eine trügerische Idylle. Denn plötzlich liegt ein lebloser Körper am Wasser, und ein zitternder, kleiner Junge blickt von oben herab auf die Szenerie, während eine Gruppe von Erwachsenen schreiend zu Hilfe kommt. So beginnt Wang Xiaoshuais Film, der trotz seiner drei Stunden Dauer alles andere als langatmig ist. Dies gelingt dem Regisseur („Beijing Bycicle“, „In Love we Trust“) vor allem durch seine Art des Erzählens. Er springt hin und her zwischen den Zeiten und Epochen, wobei sich wie in einem Puzzlespiel aus einzelnen Teilen langsam ein Gesamtbild entwickelt. Es geht um zwei befreundete Ehepaare, die um 1985 herum in derselben Fabrik im Norden Chinas arbeiten. Ihre Söhne werden am selben Tag geboren – das verbindet. So wie die beiden Kinder bald unzertrennlich sind, so werden auch die Eltern immer vertrauter miteinander. Doch der Tod des Kindes ändert alles, er zerstört die Freundschaft und hinterlässt Wunden bei allen Beteiligten. Liu Yaojun und Wang Liyun sind die Eltern von Xingxing, dem Jungen, der ertrinken wird. Bald nach dem Tod ihres Kindes ziehen sie weg, sie gehen in den Süden und leben fortan in einer Hafenstadt, wo sie einen Jungen adoptieren, den sie ebenfalls Xingxing nennen. Wang Liyun betreibt einen kleinen Reparaturladen, Liu Yaojun flickt Fischernetze. Es gibt keine Kontakte mehr zu ihrem früheren Leben, bis eines fernen Tages in der Zukunft Li Haiyan und ShenYingming, das andere Ehepaar, den Kontakt mit ihnen suchen. Li Haiyan ist todkrank, und bevor sie stirbt, möchte sie die beiden noch einmal sehen.
 
Das große Thema des Films ist also die Freundschaft – auch durchaus im Sinne eines Rückzugs ins Private angesichts des Einflusses eines allgegenwärtigen, übermächtigen Staates auf den Einzelnen. Immer wieder gibt es Verweise und konkrete Bezüge: In den 80er Jahren, in der Folge der chinesischen Kulturrevolution, ist es die Ein-Kind-Politik, die dazu führt, dass Liu Yaojun ein Kind abtreiben lässt und dafür von ihrer besten Freundin Li Haiyan, der „Familienplanungsbeauftragten“, auch noch vor versammelter Mannschaft einen Preis erhält. Der wachsende Wohlstand, der sich über die Jahrzehnte einstellt, und der damit verbundene Manchesterkapitalismus machen Li Haiyan und Shen Yingming reich, während Liu Yaojun und Wang Liyun immer noch ein Leben am Existenzminimum fristen. Wenn ihre bescheidene Hütte, die direkt am Meer liegt, überschwemmt wird, waten die beiden ganz selbstverständlich durchs Wasser, sammeln umherschwimmenden Hausrat ein und machen sich ans Aufräumen. Die Zeiten sind lange vorbei, als sie gemeinsam mit ihren Freunden im Arbeiterwohnheim lebten. Doch es geht auch um Schuld, um Reue und um unausgesprochene Worte der Trauer und des Mitgefühls, um gemeinsam verbrachte schöne Tage und Feste, um kleine und große Krisen und nicht zuletzt ums Weitermachen und Weiterleben – um das Trotzdem. Bei allem ragen Yong Mei als Liu Yaojun und Wang Jing-chun als Wang Liyun darstellerisch heraus, sie geben ihren Rollen sehr viel Würde und Tragik, ohne auch nur ansatzweise rührselig zu wirken. Eine Leistung, für die sie bei der Berlinale 2019 jeweils mit einem Silbernen Bären bedacht wurden.
 
Der Regisseur Wang Xiaoshuai hat gemeinsam mit der Drehbuchautorin Ah Mei eine komplizierte Geschichte komponiert, die auf den ersten Blick kaum Höhepunkte kennt. Dennoch bleibt aufgrund der ungewöhnlichen Struktur eine gewisse Dauerspannung erhalten, die nur selten abflacht. Die teilweise homöopathisch dosierten Informationen machen den Film zu einem intellektuellen Vergnügen, doch kaum weniger stark ist der visuelle Eindruck mit sorgfältig kadrierten Einstellungen und beeindruckend detailreichen Bildern in sanften Farben. Auch wenn die Zeitsprünge manchmal, vor allem im ersten Drittel, etwas unübersichtlich wirken: Es lohnt sich dranzubleiben, denn die einzelnen Ebenen werden im Verlauf klarer. Die Informationenwerden zu einem feinen Netz verwebt, mit dem das Publikum eingefangen wird. Und letztendlich findet sich sogar ein versöhnlicher Schluss für den eher leisen und eher melancholischen Film, den man auch als dezente Abrechnung mit 30 Jahren Diktatur verstehen könnte. Da steht dann eine fast verloren wirkende Maostatue vor einer Shopping Mall mit dem Namen „Victory“ – fragt sich nur, wer hier gesiegt hat.
 
Gaby Sikorski